Unsere Empfehlungen 20 Buchgeschenktipps

Langsam wird's Zeit, der Adventskranz leuchtet schon, aber die letzten Geschenke fehlen noch? Für Bücher reicht die Zeit noch, wenn man bloß das richtige findet. Wir hätten da ein paar Vorschläge.
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Für alle, deren Familie ein bisschen dysfunktional ist

Zu Weihnachten gibt es ja in allen Familien Rituale. Maruan, der Icherzähler in Maruan Paschens zweitem Roman, erzählt seinem Therapeuten, Herrn Dr. Gänsehaupt, von den Weihnachtsfesten mit seinen Onkeln Tarzan, Berti, Art und Otto und seiner Mutter. Da gibt es immer Fondue, Fleischfondue mit viel Fleisch, und es ist Ritual, das Essen in Handschellen zu sich zu nehmen. Was? Kann nicht sein? Tja, wer weiß das schon, denn die Unzuverlässigkeit des Erzählers Maruan wird von Kapitel zu Kapitel offenkundiger - und das Vergnügen an seinen Erzählungen größer, auch wenn die Familiengeheimnisse zunehmend düsterer werden. Ein Spiel um Identität, um Zugehörigkeit, darum, dass sie durch Erzählen, Erfinden entstehen kann. Das ist nicht nur zu Weihnachten wichtig, aber das Fest kann ja Anlass sein, darüber nachzudenken - und dieses Buch zu verschenken. Felix Bayer


Anzeige Maruan Paschen: Weihnachten
Matthes & Seitz; 196 Seiten; gebunden; 20,00 Euro
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Für trinkende Romantiker

Ein Buch über einen Alkoholentzug zu verschenken: Das muss man sich trauen. Es könnte falsch verstanden werden oder gerade richtig, je nachdem. In beiden Fällen dürfte der Haussegen am Heiligen Abend noch schiefer hängen als der Stern oben auf der Nordmanntanne. Was also tun, wenn man das Buch, um das es hier geht, völlig zu Recht für eines der besten Sachbücher des Jahres hält - und also auch andere am Lesegenuss teilhaben lassen möchte? Möglichkeit eins: eine Flasche Wein dazulegen. Möglichkeit zwei: in einer Begleitkarte darauf hinweisen, dass Leslie Jamisons "Die Klarheit" auch eine große Liebesgeschichte ist. Die US-Autorin schreibt nicht nur über den Mythos des trinkenden Schriftstellers, des dysfunktionalen, düsteren Genies, der der Gesundung einer alkoholkranken Schriftstellerin wie ihr im Wege steht. Sie schreibt parallel auch herzergreifend über sich und Dave, den Mann an ihrer Seite. Nun gut, die Liebe scheitert. Schenken Sie das Buch also vielleicht nicht unbedingt Ihrem Partner. Und wenn doch, legen Sie eine Flasche Wein dazu. Tobias Becker


Anzeige Leslie Jamison: Die Klarheit - Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung
übersetzt von Kirsten Riesselmann; Hanser Berlin; 638 Seiten; gebunden; 28,00 Euro
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Für Liebende und von der Liebe Versehrte

Die Stars des 19. Jahrhunderts sind in der Regel längst vergessen. Der Sängerin Pauline Viardot immerhin wurde ein literarisches Denkmal gesetzt, und zwar von Iwan Turgenjew in Gestalt einer Flut von Liebesbriefen. Mit deren Hilfe haben nun Ursula Keller und Natalja Sharandak eine wunderbare Doppelbiographie geschrieben, oder besser noch: das Porträt einer Ménage à trois, denn Paulines Gatte war mit von der Partie. Turgenjew hörte die Viardot erstmals 1843 in St. Petersburg - und verliebte sich sofort in sie. Der Mezzosopran der "schiefäugigen mongolischen Nachtigall", wie sie Alexander von Humboldt spöttisch genannt hatte, war einfach zum Sterben schön. Wie ein Stalker verfolgte Turgenjew sie quer durch Europa. "Für mich vergeht kein Tag, ohne dass mir Ihr teures Bild nicht hundert Mal ins Gedächtnis kommt", schrieb ihr der Schriftsteller. Irgendwann erhörte sie ihn, aber das große, ungestörte Glück blieb den Liebenden bis zuletzt verwehrt. Martin Doerry


Anzeige Ursula Keller, Natalja Sharandak: Iwan Turgenjew und Pauline Viardort - Eine außergewöhnliche Liebe
Insel; 278 Seiten; gebunden; 25,00 Euro
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Für Russlandversteher

Einer der schönsten Filme im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale schilderte die wilde Leningrader Jugend eines Schriftstellers, der in Russland von vielen Lesern geliebt wird und in Deutschland nahezu unbekannt ist. Der Film "Dowlatow" von Alexei German junior kommt hoffentlich 2019 in die deutschen Kinos. Der reale Schriftsteller Sergej Donatowitsch Dowlatow wuchs als Sohn einer armenischen Mutter und eines jüdischen Vaters in Leningrad auf, emigrierte im Alter von 37 Jahren 1978 in die USA und starb mit 49 Jahren in New York City. In dem elegant vergnüglichen Roman "Der Koffer" schildert ein Icherzähler, wie er Jahre nach der Ankunft in Amerika in dem einzigen Koffer kramt, den er aus Russland mitnehmen durfte - und dort beispielsweise die Schuhe findet, die er einst dem Leningrader Bürgermeister ("ein solcher Lackaffe") geklaut hat. Dowlatows Buch ist, mit einem hymnischen Vorwort von Waldimir Kaminer, bereits 2008 auf Deutsch erschienen und schildert die Abenteuer eines trinkfreudigen, anarchischen, wunderbar verrückten Helden: Eine Eulenspiegelei aus den Betonjahren der Sowjetunion, ein Schatz an Leichtigkeit und Witz. Wolfgang Höbel


Anzeige Sergej Dowlatow: Der Koffer
übersetzt von Dorothea Trottenberg; Dumont; 160 Seiten; 8,95 Euro
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Für Väter (zum Beispiel). Mütter auch.

Wolf Wondratschek hat sich das Klischee, das nun an ihm klebt wie eine geteerte Feder, mühsam erschrieben. Hurendichter. Boxerdichter. Arschlochdichter. Tja. Und dann das. Dann diese umfassende Sammlung seiner Gedichte jetzt beim Ullstein-Verlag. Und was da verdammt noch mal zusammenkommt, an Zärtlichkeit und Stille und Schönheit und kleinen Sätzen und Bildern, die das Herz plötzlich und für kurze Zeit aus dem Rhythmus bringen! So eine große Kunst, mit Andeutungssilben ein Gefühl in die Luft zu wirbeln, sodass wir es alle sehen und nachfühlen, mitempfinden können. Und es funktioniert immer wieder neu. Hier, für seinen kleinen Sohn Raoulito ("er ist sieben und kennt sich aus") zum Beispiel (und also für uns alle): "Mädchen mag er nicht. / Trotzdem denkt er manchmal an eines, / das im Maul eines Nilpferds wohnt / und Trompete spielt. / Das mit dem Nilpferd glaubt er nicht / aber abends, wenn er einschläft, / hört er sie spielen."

Und schließlich, für uns Online-Abhängige, weihnachtsgepeinigte, dies "kleine Weihnachtsgedicht": "Wer zur Ruhe kommt, / macht dem Leben aller / das schönste Geschenk!" Volker Weidermann


Anzeige Wolf Wondratschek: Gesammelte Gedichte
Ullstein; gebunden; 58,00 Euro
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Für Unberührbare und Schmiegsame

Fitnesscenter, Kosmetikkäufe, Massagetermine, Pornographie im Netz, Diäten und #MeToo: Was wir in und mit unserem Körper austragen, spüren wir jeden Tag (oder arbeiten daran, es eben nicht zu spüren). Wenn wir darüber reden, dann reden wir über uns, und es fühlt sich rein subjektiv an. In ihrem kurzen, klugen, höchst lebendigen Essay geht Elisabeth von Thadden den Fragen nach, von wem wir uns berühren lassen, wie körperliche Unverletzbarkeit (auch von Frauen und Kindern) ein politisches Thema wurde, wie Wohlstand und Einsamkeit zusammenhängen. Wie unsere Kultur der kontrollierten Berührung sich von anderen unterscheidet. Und warum der Tastsinn der einzige Sinn ist, ohne den wir nicht leben können. Achtung: Das Fingerspitzengefühl und die gedankliche Tätigkeit nehmen bei der Lektüre unaufhaltsam zu! Elke Schmitter


Anzeige Elisabeth von Thadden: Die berührungslose Gesellschaft
C.H. Beck; 205 Seiten; 16,95 Euro
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Für alle, die eine Schwäche für Dekadenz haben

Sie war 17 Jahre alt, als sie ihren Großvater 1978 zum ersten Mal traf. Sie wusste, dass er homosexuell war, ihre Mutter nicht viel von ihm hielt und er in einem riesigen, wunderschönen Haus wohnte. Das hatte er geerbt von seinem ehemaligen Liebhaber, der 30 Jahre älter war als er. So beginnt das Buch der Britin Sofka Zinovieff, die ihre komplizierte Familiengeschichte höchst unterhaltsam erzählt, viele Bilder aus ihrem Privatalbum zeigt und gleichzeitig ein Sittengemälde der englischen Upperclass in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeichnet. Die Beziehung ihres Großvaters Robert Heber-Percy, aus gutem Grund "Mad Boy" genannt, und Lord Gerald Berners, ein "scherz- und humorsüchtiger" Komponist, Autor, Maler, Mäzen und Ästhet, war ein offenes Geheimnis. Als ihre Großmutter Jennifer und Mad Boy 1942 heirateten, um zusammen mit dem Lord in Faringdon House zu leben, war der Skandal perfekt. Tauben in Regenbogenfarben, wilde Partys mit illustren Gästen wie Evelyn Waugh, Cecil Beaton, Elsa Schiaparelli - Lord Berners machte es möglich. Mit Sofka Zinovieff taucht man ein in diese exotische, dekadente Welt und lernt die Protagonisten von ihrer sehr menschlichen Seite kennen. Katharina Stegelmann


Anzeige Sofka Zinovieff: Mad Boy, Lord Berners, meine Großmutter und ich
übersetzt von Gregor Runge; dtv; 480 Seiten; gebunden; 28,00 Euro
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8 / 20

Für Hipster, die ahnen, dass ihre Zukunft schon längst Vergangenheit ist

Oh Brasilien! Mit welchen Hoffnungen haben wir Anfang des Jahrtausends auf dich geschaut, und was für ein Graus erfüllt uns nun bei deinem Anblick. Daniel Galeras furioses Gesellschaftspanorama "So enden wir" zeichnet den Weg des Landes von der Zukunftsfreudigkeit zur Demokratiedämmerung anhand junger Hipster nach. Galeras Millennials sind in den Nullerjahren inspiriert von den Möglichkeiten des Internet; neue Kunstformen, direkte Kommunikation, rigorose Teilhabe, das sind ihre Träume. Doch dann geraten sie in die Fänge des Digitalkapitalismus, der den Fortschritt in den Dienst eines entgrenzten Konsumismus und eines entfesselten Meinungskampfs stellt. Obwohl der Roman in Galeras Heimat schon vor zwei Jahren erschienen ist, wirft er ein Schlaglicht auf das Brasilien der Gegenwart. Ein lustvoller, poetischer, zuweilen beißend komischer Nekrolog auf die digitalen Bohemians Brasiliens, die ihre schöne neue Welt längst verloren geben mussten an die drei Geißeln des Internets: Porno, Hass und Bolsonaro. Christian Buß


Anzeige Daniel Galera: So enden wir
übersetzt von Nicolai von Schweder-Schreiner; Suhrkamp; 231 Seiten; gebunden; 22,00 Euro
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Für alle, die ihrer Familie an Weihnachten mit gemischten Gefühlen begegnen

Auf den letzten Seiten ihres Buchs macht sich Lisa Brennan-Jobs Gedanken darüber, wie die Genialität und die Gemeinheit ihres Vaters miteinander verknüpft waren. Sie muss Ende 30 gewesen sein, als sie zu diesen Zeilen kam. Eine fast vier Jahrzehnte währende Auseinandersetzung mit einem Vater, der sie verleugnete, als sie klein war; der sie später für Momente an sich heran ließ, doch dann wieder abweisend reagierte, der 14-Jährigen nicht "Gute Nacht" sagen wollte.

"Beifang" ist die Autobiografie von Steve Jobs' erstgeborener Tochter. (Er bekam später noch drei Kinder mit einer anderen Frau). Selbstverständlich spielt es eine Rolle, dass Jobs zufällig auch der Gründer von Apple war. Angehimmeltes Genie, Milliardär. Doch dieses ehrliche, hellsichtige Buch ist vor allem eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie man seinen Frieden mit Eltern machen kann, die fürs Elternsein ganz und gar nicht geeignet sind. Brennan-Jobs erzählt von Vernachlässigung, Kälte und Überforderung, und findet so einen Weg zu verzeihen. Ihr Vater habe mit seinen Gemeinheiten seine kreative Seite schützen wollen, vermutet die Tochter. Das mag stimmen. Doch aus dieser Erklärung lässt sich auch der Drang herauslesen, mit dem abwesenden, kranken, verstorbenen Steve Jobs endlich abzuschließen. Claudia Voigt


Anzeige Lisa Brennan-Jobs: Beifang - Eine Kindheit wie ein Roman
übersetzt von Bettina Abarbanell; Berlin; 384 Seiten; gebunden; 22,00 Euro
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Für alle, die kämpfen wollen

Das Ende der Demokratie hat Konjunktur, leider, und auch den Buchmarkt hat das Thema ergriffen - es erschienen 2018 viele tief gedachte und fundierte Analysen über die Verfallserscheinungen einer Regierungsform, die bis vor Kurzem noch als alternativlos angesehen wurde. Was das Buch der beiden Harvard-Professoren Steven Levitzky und Daniel Ziblatt dabei auszeichnet, ist die simple, klare, bittere Botschaft: Demokratien sterben im 21. Jahrhundert nicht mehr durch äußere Gewalt, Krieg oder Revolution sogar, Demokratien sterben von innen, sie gehen an den Widersprüchen zugrunde, die sie zum Teil selbst geschaffen haben, mit Mitteln, die sie selbst bereitgestellt haben, Wahlen zum Beispiel, siehe Ungarn, Polen, die USA. Das muss man erst mal begreifen, um zu verstehen, dass auch die Mittel zur Verteidigung der Demokratie andere sein müssen. Der Kampf ums Überleben wird damit eine tägliche Bürgerpflicht. Georg Diez


Anzeige Steven Levitsky, Daniel Ziblatt: Wie Demokratien sterben - Und was wir dagegen tun können
übersetzt von Klaus-Dieter Schmidt; DVA; 320 Seiten; gebunden; 22,00 Euro
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11 / 20

Für alle, die viel Sehnsucht und wenig Zeit haben

Traurigerweise hat die Kurzgeschichte als Form in Deutschland nie so richtig eingeschlagen. Glücklicherweise hat Benedict Wells in diesem Jahr trotzdem eine Kurzgeschichtensammlung rausgehauen. "Die Wahrheit über das Lügen" heißt das Buch. Wells zeigt darin genau das, was man als Wells-Leser von Wells erwartet: Wells. Er schreibt zarte, nachdenkliche, manchmal traurige Texte, die in ihrer knappen Form ihre Kraft entfalten. Das kleine Masterpiece des Büchleins ist die Geschichte "Die Muse". Sie handelt davon, wie zauberhaft es ist, das Glück zu haben, zum Schreiben inspiriert zu sein, und sie zeigt, welchen Preis Schriftsteller manchmal dafür zahlen. Takis Würger


Anzeige Benedict Wells: Die Wahrheit über das Lügen - Zehn Geschichten
Diogenes; 256 Seiten; gebunden; 22,00 Euro
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12 / 20

Für Kunstfetischisten und Comicfans

Kurios, dass bisher noch nie jemand auf die Idee kam, das Leben und Werk Andy Warhols in Comicform zu erzählen: die oft knallige sequentielle Kunst und die plakative Pop-Art des New Yorker Avantgardisten haben sich früh und beständig gegenseitig befruchtet. Der niederländische Texter und Zeichner Typex führt beides nun auf 570 opulent gestalteten Seiten zusammen: Akribisch und mit wechselnder Stilistik illustriert er Warhols Biografie als Sitten- und Popkultur-Gemälde des 20. Jahrhunderts. Gleich zu Beginn annonciert eine bunte Collage frühe Warhol-Fetische, von Comicfiguren wie Popeye und Dick Tracy bis zu Showstars wie Shirley Temple und Marlene Dietrich. Auch eine Tomatensuppendose von Campbell's fehlt nicht. Farbe und Fantastik verschwinden jedoch, sobald Typex in die monochrome Kindheit und Jugend des queeren osteuropäischen Migrantenkindes Andrew Warhola eintaucht - und kehren in markanten Tupfern, Schattierungen und Sättigungen zurück, wie es der wechselnde Zeitgeist sowie die Hoch- und Tiefpunkte von Warhols Leben kommandieren. Ein Comic, ein Kunstwerk, ein Pop-Kaleidoskop. Andreas Borcholte


Anzeige Typex: Andy - A Factual Fairytale - Leben und Werk von Andy Warhol
übersetzt von Cornelia Holfelder-von der Tann; Carlsen; 568 Seiten; gebunden; 48,00 Euro
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13 / 20

Für Blitzleser (oder: Schnelleser. Kurzleser. Sekundenleser)

Er musste eben schnell und kurz schreiben, er wusste ja, dass er nicht lang zu leben hatte. Seit dem sechzehnten Lebensjahr litt der Dichter Alfred Henschke (1890-1928), der sich Klabund nannte, unter Tuberkulose. "Der letzte Kaiser" erschien erstmals 1923. Es ist eine Erzählung aus China über den Untergang des deutschen Kaiserreichs. Klabund hatte während des Ersten Weltkriegs einen offenen Brief an Kaiser Wilhelm geschrieben, in dem er ihn zum Rücktritt aufforderte: "Seien Sie der erste Fürst, der freiwillig auf seine fiktiven Rechte verzichtet!" Der Kaiser trat nicht zurück, Klabund wurde des Vaterlandverrates beschuldigt. Volker Weidermann


Anzeige Klabund: Der letzte Kaiser
Elfenbein; 16 Seiten; 5,00 Euro
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14 / 20

Für romantische Pessimisten und London-Liebhaber

Ein desillusionierter Beschöniger im Dienste der britischen Regierung und eine vom Alkohol geschundene Ex-Wirtschaftsprüferin suchen im Moloch London ihren Platz im Leben. Einen Tag lang schickt A. L. Kennedy diese beiden Menschen, die am System und ihrem individuellen Schicksal zu zerbrechen drohen, durch die britische Hauptstadt. Der 59-jährige Jon hetzt Terminen und den Erwartungen anderer hinterher, die 45-jährige Meg sehnt das immer wieder verschobene Treffen mit dem ihr aus altmodischen Briefen bekannten Jon herbei. Episodenhaft, zwischen den Perspektiven und Zeiten springend und in inneren Monologen geht die Autorin mitten in den Schmerz ihrer Figuren. Und sie erzählt von den zarten Gefühlen zweier anständiger Menschen in einem zerrütteten Großbritannien. "Süßer Ernst" ist eine Bestandsaufnahme und Analyse der Gesellschaft, der London-Roman der Stunde - bitterböse und zartromantisch. Britta Schmeis


Anzeige A.L. Kennedy: Süßer Ernst
übersetzt von Ingo Herzke; Hanser; 400 Seiten; gebunden; 28,00 Euro
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Für alle Ästheten

Das "Verzeichnis einiger Verluste" von Judith Schalansky ist mein absolutes Lieblingsbuch aus dem Jahr 2017. Je mehr ich darin las, desto besser gefiel es mir, nach einem Drittel war ich ganz verliebt. Es ist nämlich nicht nur klug, überraschend und ungewöhnlich, es ist auch schön. Das "Verzeichnis" dreht sich um Dinge und Menschen, die es nicht mehr gibt, vielleicht sogar nie gab. Es geht um die Vergänglichkeit an sich - und damit ums Leben selbst. Intelligent und humorvoll widmet sich die Autorin der philosophischen Frage, was am Ende übrigbleibt. Voller Hingabe erzählt sie dafür von Kaspischen Tigern, Greta Garbo, dem Hafen von Greifswald. Und weil Schalansky nicht nur besonders gut schreiben kann - elegant, abwechslungsreich, witzig - , sondern auch ihr Können als Buchgestalterin einsetzt, ist ihr etwas ganz Besonderes gelungen. Der spezielle Einband und die Abbildungen, die gesamte Gestaltung, machen das Buch zu einem optischen Genuss, ein intellektuelles Erlebnis ist es ohnehin. Digital ist das alles nicht zu haben, daher eignet sich dieses Werk besonders gut als Gabe unterm Weihnachtsbaum. Es ist so schön, da wird die Verpackung fast überflüssig. Katharina Stegelmann


Anzeige Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste
Suhrkamp; 252 Seiten; gebunden; 24,00 Euro
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Für alle, die Amerika verstehen wollen

James Baldwin ist die Stimme des schwarzen Amerikas, in den Fünfziger-, den Sechzigerjahren und heute wieder, mehr denn je; aber mehr noch, er ist ein Prophet der wahren Humanität, in seinen Essays und Aufsätzen und genauso in seinen Romanen, die der Verlag dtv nun nach und nach herausbringt. Begonnen wurde diese besondere Editionsleistung mit Baldwins erstem Roman "Von dieser Welt", der 1953 erschien und den so eloquenten wie zornigen Intellektuellen als einen Meister der Zerrissenheit zeigte, als einen Schriftsteller, der in der Lage war, die eigenen Schmerzen, die eigenen Sehnsüchte in einer Geschichte zu erzählen, die literarische Größe mit gesellschaftlicher Relevanz verband. Zuerst einmal ist es die Schilderung des inneren Wütens des 14-jährigen John Grimes, das Baldwins Roman so bewegend macht, hin und her gerissen zwischen Gott und Vater, Schuld und Aufbegehren, Gehorsam und Wut; darüber hinaus aber ist dieses Buch das Dokument einer sehr speziellen schwarzen Erfahrung, die bis heute politische Brisanz hat. Denn die Wunden sind immer noch offen, das, unter anderem, zeigt diese Lektüre. Georg Diez


Anzeige James Baldwin: Von dieser Welt
übersetzt von Miriam Mandelkow; dtv; 320 Seiten; gebunden; 22,00 Euro
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17 / 20

Für Buchmenschen und Buchmenschenfans

Schröder erzählt, bis heute und immer wieder von neuem: Von seinen Abenteuern im Literaturbetrieb, den er als Werber und Grafiker für Kiepenheuer + Witsch in den Sechzigern kennenlernte, den er aber rund um 1968 mit seinem März-Verlag verschreckte und erneuerte. Jörg Schröder veröffentlichte Pornos und Revolutionäres, und manchmal, wie in Günter Amendts "Sexfront", kam beides zusammen. 1972 erzählte Schröder erstmals seine Lebensgeschichte unter dem Titel "Siegfried" - und ließ darin nichts aus, was ihm einstweilige Verfügungen einbrachte. Nun ist diese großartige Großmaulbeichte wiederveröffentlicht worden - ergänzt durch einen Teil "Das ganze Leben", mit dem Schröders Gefährtin Barbara Kalender die Lücken bis in die Gegenwart schließt. Wem der Literaturbetrieb von heute zu viel mit Zielgruppenmarketing und Renditeerwartung zu tun hat und zu wenig mit Wagnissen und Schlitzohrigkeit, dem sei dieses Buch auf den Gabentisch gelegt. Felix Bayer


Anzeige Jörg Schröder erzählt Ernst Herhaus: Siegfried
März bei Schöffling & Co; gebunden; 544 Seiten; 28,00 Euro
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Für Cinephile und andere Besserwisser*innen

Gehören Sie zu den Leuten, die nachts wachliegen, weil ihnen erst jetzt die perfekte Retourkutsche eingefallen ist? Die eine Antwort, die so geistreich und pointiert ist, dass danach nur zustimmendes Nicken möglich ist? Dann ist "The Earth Dies Streaming" leider nichts für Sie. Die Filmkritiken, die Hamrah für einige der besten unabhängigen Magazine der USA, vor allem n+1, in den Jahren 2002 bis 2018 verfasst hat und die dieser Band nun versammelt, sind nämlich wie die perfekte Antwort auf die Frage: Und, wie hat dir der Film gefallen? Ohne Umwege über Plot-Zusammenfassungen, vorherige Werke oder Verweise auf Auszeichnungen kommt Hamrah auf die Essenz eines Films zu sprechen, seine Idiosynkrasien, seine Abgeschmacktheiten - und das selten in mehr als zwei Absätzen. So liest sich der Band weniger wie die Leistungsschau eines Starkritikers als wie das Tagebuch eines leidenschaftlichen Kinogängers. Nur eben des geistreichsten und pointiertesten, den mensch gerade treffen könnte. Hannah Pilarczyk


Anzeige A.S. Hamrah: The Earth Dies Streaming - Film Writing, 2002-2018
n+1; Englisch; 452 Seiten; 13,21 Euro
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Für blutrünstige Leser

Die Macht der Medien und die Korruptheit der US-Politik sind das Thema dieses blutigen Thrillers, der mit dem Sturz eines offensichtlich bestechlichen demokratischen Senators beginnt. Viele deutsche Kriminalromanleser begeistern sich für die Neuausgabe der Bücher von Ross Thomas, der von 1926 bis 1995 lebte und Soldat und Politikberater war, bevor er Schriftsteller wurde. Die jüngste Wiederveröffentlichung "Dann sei wenigstens vorsichtig" ist im Original 1973 erschienen. In ihr lässt Thomas seinen Schnüfflerhelden Decatur Lukas mit kaltschnäuzigem Zorn in einem grandios verwickelten Fall ermitteln, in dem praktisch jede Frau und jeder Mann, denen er hinterherforscht, gewaltsam zum Schweigen gebracht wird. "Er wirkte, als hätte er immer noch Schmerzen", heißt es über ein Mordopfer. "Also zählte ich nochmal die Einschusslöcher in seiner Brust. Es waren immer noch zwei." Die Großmäuligkeit und Abgebrühtheit der Erzählstimme sind auf sympathische Weise altmodisch, die hier geschilderte Ruchlosigkeit im Orkus der politischen Verbrechen hingegen dürfte immer noch topaktuell sein. Wolfgang Höbel


Anzeige Ross Thomas: Dann sei wenigstens vorsichtig
übersetzt von Gisbert Haefs; Alexander; 288 Seiten; 16,00 Euro
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Für nervenstarke Weihnachtsopfer

Nein, es ist nicht so rührselig, wie der Titel klingt. Im Gegenteil. In den Weihnachtstexten Fontanes kann man die Abgründe im Werk des vor 199 Jahren geborenen Journalisten und Schriftstellers wie unter einem Brennglas beobachten. Schon in den autobiografischen Texten über seine Kindheit ist Weihnachten die Zeit größter Einsamkeit, Enttäuschungen, Erkenntnis der eigenen Jämmerlichkeit, Leiden unter dem schwachen Körper und diesem schrecklich scharfen Blick. Der Vater, der sonst dieser traumsichere Geschichtenerzähler ist, ist zu Weihnachten gelähmt von Routine und Pflichtgeschichten, die Mutter schenkt dem Sohn als derben Scherz eine Reitpeitsche. Zur Erschütterung des dünnhäutigen Knaben. Weihnachten ist Tränenzeit. Die Welt ist nicht, wie sie sein sollte und wird es niemals sein. Effi Briests Weihnachtsbrief aus der Eishölle ihrer Ehe nach Hause ist einer der traurigsten der deutschen Literatur. Weihnachten ist was für starke Nerven. Volker Weidermann


Anzeige Theodor Fontane: Und wir sehen schon den Stern - Weihnachten mit Fontane
Aufbau; 144 Seiten; gebunden; 12,00 Euro
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