Gesichter der TTIP-Proteste Künstler, Veganer, Informatiker - und ein Dalmatiner

In Deutschland und anderen europäischen Staaten haben Zehntausende Menschen gegen das geplante EU-Freihandelsabkommen mit den USA (TTIP) protestiert, auch in Berlin gingen viele auf die Straße. Wir haben Demonstranten nach ihren Gründen gefragt.
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Heiko Meesenburg und Sibylle Schulz zur Wiesch sind mit der ganzen Familie zum TTIP-Protest gekommen. "Entscheidungen, die Millionen Menschen betreffen, werden nach Brüssel verlagert. Ich will aber, dass unsere Kinder in einer echten Demokratie aufwachsen. Es kann nicht sein, dass wichtige Gesetze vor allem im Interesse von Konzernen gemacht werden", sagt Meesenburg. "Man bekommt von den Details der Verhandlungen nichts mit. Ich verstehe nicht, warum das so sein muss. Auch besorgen mich die Auswirkungen auf die Umwelt. In den USA sind zum Beispiel mehr Gifte in der Landwirtschaft zugelassen als hier. Dass Dinge, die dort erlaubt sind, auch hier erlaubt sein sollen – das will ich nicht", meint Schulz zur Wiesch.

Foto: HC Plambeck
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Friedemann Palm (in Begleitung von Henrike Huppertsberg): "Ich bin absolut gegen die privaten Schiedsgerichte. Da werden in Hinterzimmern irgendwelche Strafsummen ausgehandelt, die die Öffentlichkeit nicht nachvollziehen kann. Und wir als Steuerzahler finanzieren dann am Ende amerikanische Konzerne mit. Auch fällt mir auf, dass besonders in öffentlich-rechtlichen Medien erschreckend wenig über den Widerstand gegen TTIP berichtet wird."

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Evelin Förster, Sängerin und Schauspielerin (mit Enno Kaufhold, freier Kunsthistoriker): "Allein dass die Verhandlungen im Geheimen stattfinden, ist ein Unding. Und was die angeblichen Vorteile für die Wirtschaft und die Menschen betrifft – wenn ich das schon höre! Wer profitiert denn? Nicht das Volk, nicht die Bildung, nicht die Freiberufler. Auch könnte sich die Förderpolitik in der Kultur verändern, auf Kosten der Vielfalt. Überspitzt gesagt: Man will Konsumenten, aber keine Leute mit Ideen. Man will, dass die Leute einkaufen, aber nicht selbst denken. Das ist der Gedanke, der hinter TTIP steht."

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Jonas Ott: "Ich studiere in Stuttgart Erneuerbare Energien und habe mich schon früh in der Anti-Atom-Bewegung engagiert. Damals waren die Proteste reger, aber ich finde es wichtig, dass man auch gegen TTIP auf die Straße geht. Dieses und andere große geplante Abkommen sind eine Frechheit. Das Tor wird geöffnet für fragwürdige Produkte und Dienstleistungen. Zum Beispiel sind in den USA die Vorschriften bei Gentechnik viel schwächer. Und das wollen wir uns zum Vorbild nehmen? Für mich ist TTIP das Sinnbild für ungebremsten Kapitalismus, und zwar zu Lasten von Verbrauchern und Bürgern."

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Dagmar Melzer, Regisseurin aus Berlin: "Wir haben sehr gute Handelsabkommen, seit mehr als hundert Jahren. Wir brauchen kein neues, das Großkonzerne begünstigt. Hier soll Europa ein globales Wirtschaftssystem aufgebürdet werden. Mit TTIP verkaufen wir regionale Errungenschaften und Grundsätze. Es geht immer mehr in Richtung Privatisierung, von Wasser, Energie und Wohnraum. Ich habe mir die im Internet geleakten Dokumente sorgfältig durchgelesen. Keiner kann mir erklären, wozu ein neues Abkommen, das die Bürger nicht direkt selbst mitentscheiden, gut sein soll."

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Monika Matthis, Rentnerin: "Demokratie lebt von aktiven Bürgern, deshalb bin ich hier. Ich finde es ganz furchtbar, wenn der Mensch allein als Wirtschaftsfaktor gesehen wird. Und geht es mit TTIP wirklich allen besser? Nein, das glaube ich nicht. Es geht hier doch allein um Gewinn-Optimierung, um einen Verbraucher, der Produkte kaufen soll. Mich beunruhigt, in wie viele Bereiche dieses Abkommen hineinwirkt."

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Hans-Jürgen Leopold: "Ich habe Angst, dass wir hart erarbeitete Errungenschaften einfach wieder hergeben, nur um den Profit zu steigern. Dass die Parlamente an TTIP mitbeteiligt sind, reicht nicht. Es sind viele Lobbygruppen unterwegs, und nicht jeder Abgeordnete wird sich die Zeit nehmen, alles genau zu überprüfen, was da auf seinem Schreibtisch landet. Auch glaube ich nicht an das Wachstum, das im Zusammenhang mit TTIP versprochen wird. Es gibt kein unendliches Wachstum. Die Erde ist zu klein dafür."

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Karl-Heinz Prestel: "Ich protestiere vor allem gegen das kanadisch-europäische Handelsabkommen CETA, weil es die Existenz kanadischer Indianer gefährdet. Kanada baut Teersand ab, um daraus Öl zu gewinnen, das ist sehr umweltschädlich. Und es sind meist die kanadischen Ureinwohner, deren Gebiete durch den Teersandabbau bedroht sind. Kanada will den Abbau erweitern, um mehr Öl nach Europa zu exportieren. CETA wird diese Entwicklung also verschlimmern."

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Sebastian Nadorp (2.v.r.) von der Jugend des Deutschen Alpenvereins (mit Jens Larisch, Hannah Zillgen und Stephanie Buhl): "Die Grundidee von TTIP ist ja nicht schlecht. Aber durch die geplanten privaten Schiedsgerichte wird das Abkommen für mich absolut undemokratisch. Unternehmen können an der Entscheidungsmacht von Staaten vorbei klagen."

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Reto aus Berlin: "Ich arbeite in einem kleinen Bioladen, mich besorgt vor allem die Gefahr von niedrigeren sozialen und ökologischen Standards. Auch befürchte ich, dass es klimaschädliche Energien künftig leichter haben werden, ihren Weg nach Europa zu finden."

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Dalmatiner Djinni ist von seiner Besitzerin Joanne Saße mitgebracht worden. Sie studiert Landschaftsplanung und erfuhr das erste Mal über einen Dozenten von TTIP. "Da dachte ich: Das kann nicht sein, das ist doch ein Scherz. Zumindest in Deutschland sind mehr Menschen dagegen als dafür, trotzdem wird weiterverhandelt. Mich beunruhigt zum Beispiel, dass ökologische Landwirtschaft durch große Konzerne benachteiligt werden könnte. Das finde ich nicht richtig."

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Werner Hülsmann: "Ich bin hier für 'Cyberpeace', eine Kampagne kritischer Informatiker und Informatikerinnen. Über den Bereich Datenschutz soll zwar offiziell nicht bei TTIP verhandelt werden. Aber Ausklammern allein reicht nicht, wir brauchen einen starken europäischen Datenschutz. Sonst machen wir uns immer wieder angreifbar für laschere Regeln. Grundsätzlich ist es wichtig, dass auch an Datenschutz interessierte Leute im Zusammenhang mit TTIP nicht im Konferenzraum hocken, sondern raus auf die Straße gehen."

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Cindy Schmidt (Mitte) von der Deutschen Chorjugend (mit Jonas Wolff und Ilka Zinkel): "Die Verhandlungen werden hinter verschlossenen Türen geführt, als normaler Bürger hat man kein Mitspracherecht. Keiner kann die genauen Auswirkungen absehen, ob für die Wirtschaft oder die Kultur. Wir haben in Europa viel Kulturförderung, das ist auch gut so. Die USA könnten die Kulturförderung in ihrer Vielfalt, wie wir sie kennen, ausbremsen."

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Marianne Blankenfeld: "Große Konzerne verschaffen sich durch die Hintertür große Vorteile. Ich will nicht, dass Grundsätze, die uns als Verbraucher schützen sollen, leicht ausgehebelt werden können."

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Monica Diebel: "Für mich steht die Angst um den Tierschutz im Mittelpunkt. Die Gesetze zu Tierversuchen in den USA sind furchtbar. Durch Handelsabkommen wie TTIP kann das nur schlimmer werden."

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Herr Fritsch aus Pankow: "Ich bin gerade auf dem Weg zum Veganer und im Moment Bio-Vegetarier. Es geht nicht, dass uns andere Leute diktieren, was wir essen sollen. Ich blicke jetzt schon kaum durch, ob das, was ich mir auf den Teller lege, auch wirklich Bio ist. Mit TTIP wird es schwerer werden, gute Lebensmittel zu bekommen, auch könnten uns genmanipulierte Lebensmittel untergemogelt werden."

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Paul (links) und Stefan kennen sich eigentlich nicht, sie kommen am Rande der Proteste ins Gespräch. In Sachen TTIP sind sie sich einig. Stefan sagt: "Ich möchte nicht, dass ein paar Leute aufgrund von Gier den Rest des Planeten zerstören. TTIP und die anderen Abkommen sind für mich nur ein Symptom dafür. An die versprochenen Vorteile glaube ich nicht. Es geht am Ende nur um Konsum und die Ausbeutung der Menschheit."

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Und so sah der gesamte Protest in Berlin aus: Zunächst trafen sich einige Jugendorganisationen vor dem Kanzleramt...

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...später ging es dann mit einer Kundgebung und einer Menschenkette weiter.

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In der Menschenkette wurden symbolisch Päckchen mit einzelnen Forderungen der Demonstranten weitergereicht.

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Am Brandenburger Tor kam man wieder zusammen, dann verstreute sich der Protest. Kurz vor Schluss trafen wir auf Demonstrantin Melzer, die eine Coca-Cola-Flasche in der Hand hielt. Ist das nicht ein Widerspruch zur TTIP-Kritik? "Versuchen Sie mal, hier einen kleinen Laden mit regionalen Getränken zu finden!", erklärte sie. Das ist tatsächlich schwierig - rund um das Brandenburger Tor gibt es fast ausschließlich große US-Ketten wie Starbucks und Dunkin' Donuts.

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