Günter Wallraff "Ganz unten" Undercover bei Thyssen und McDonald's

Rassismus, Ausbeutung, Gesundheitsschäden: Als Türke Ali erlebte Günter Wallraff in den Achtzigern die finstersten Seiten der deutschen Arbeitswelt. Oft entging er nur knapp der Enttarnung.
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Undercover: Ab 1983 arbeitete Günter Wallraff zwei Jahre lang unter falscher Identität in deutschen Betrieben. Als türkischstämmiger Arbeiter Ali schuftete der Enthüllungsjournalist unter anderem bei McDonald's, Thyssen und auf Baustellen und erlebte Rassismus und Ausbeutung. 1985 erschien das Ergebnis seiner Recherchen im Buch "Ganz unten", allein in Deutschland über fünf Millionen Mal verkauft - Reportagen zu den finstersten Seiten der deutschen Arbeitswelt. mehr...

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Haarsträubende Arbeitsbedingungen: Die längste Zeit seiner Recherchephase verbrachte Wallraff als Ali bei Thyssen. Er berichtete von Niedriglöhnen, gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen und maßloser Ausbeutung von Leiharbeitern.

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Zusammenhalt ganz unten: Wallraff (rechts) mit Arbeitskollegen im Thyssen-Werk. Im Interview erinnert er sich: "Wir waren die Verdammten dieser Erde. Aber wir waren eine solidarische Gemeinschaft. Du erlebtest eine großes Gefühl der Zugehörigkeit und auch der Freundschaft. Das hat dich wieder aufgebaut und entschädigt."

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Zeugenaussagen: Nach seinen Erlebnissen bei der Fast-Food-Kette McDonald's berichtete Wallraff in "Ganz unten" von miserablen Arbeitsbedingungen. Das Unternehmen klagte gegen das Buch, zog jedoch laut Wallraff die Klage zurück, nachdem er bereits Busse für diverse weitere Zeugen organisiert hatte, damit diese vor Gericht in München gegen den Fast-Food-Konzern aussagen sollten.

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Umstrittenes Bild: Als türkischstämmiger Arbeiter Ali nahm Wallraff auch an Veranstaltungen außerhalb des Arbeitslebens teil - wie hier am Aschermittwoch in der Passauer Nibelungenhalle mitsamt einer Ansprache von Franz-Josef Strauß. Der Veröffentlichung dieses von Fotograf Günter Zint geschossenen Bildes in "Ganz unten" folgte ein langer Rechtsstreit mit verschiedenen Medien, die die Echtheit der Aufnahme angezweifelt hatten. Zint bekam in allen Instanzen Recht.

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Der Mann am Steuer: Unter anderem arbeitete Wallraff alias Ali als Chauffeur des Leiharbeiterchefs Hans Vogel (im Buch "Herr Adler" genannt). Vogel ging gegen den gleichzeitig zum Buch "Ganz unten" entstandenen gleichnamigen Videofilm vor Gericht, da die Aufnahmen ohne sein Wissen entstanden waren.

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Berühmt: Der Erfolg von "Ganz unten" machte Wallraff, hier 2007 beim Signieren seines Buches in Leipzig, weit über Deutschland hinaus bekannt. Übersetzungen in 38 Sprachen erschienen; im Schwedischen kennt man sogar das Verb "wallraffa". Allein in Deutschland wurden mehr als 5 Millionen Exemplare verkauft. In den USA erschien der Titel jedoch nie - laut Wallraff aus Angst des dortigen Verlagspartners vor Klagen durch McDonald's.

Foto: imago/STAR-MEDIA
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Massenpublikum: Nach dem Erfolg seines Bestsellers hielt Wallraff Lesungen und Vorträge vor Menschenmassen - hier am 23. November 1985 in einem Hörsaal der Universität Bielefeld. Über den rasenden Erfolg des Buches, das zeitweise nicht schnell genug nachgedruckt werden konnte, um der Nachfrage hinterherzukommen, sagt der Autor heute: "Solche Bestseller kann man nicht planen."

Foto: imago/teutopress
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Unappetitlich: In "Ganz unten" schrieb Wallraff darüber, wie verstopfte Toiletten in einer Fastfood-Filiale mit den gleichen Küchengeräten gesäubert worden seien, die auch beim Burgerbraten verwendet wurden.

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Momentaufnahme: Wallraff posierte gemeinsam mit seiner Ehefrau Barbara und "Satanische Verse"-Autor Salman Rushdie im August 1993 für den Fotografen. Die beiden Autoren verbindet eine enge Freundschaft - so hielt sich Rushdie etwa nach dem am 14. Februar 1989 durch den iranischen Staatschef Ruhollah Chomeini gegen ihn verhängten Todesurteil unter anderem bei Wallraff versteckt.

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Ganz nah am Feind: Der als Türke Ali verkleidete Wallraff mit Franz-Josef Strauß. Über die politische Stimmung im Deutschland der Achtzigerjahre sagt Wallraff heute, es habe damals einen "Rassismus" gegeben, der heute "nicht mehr mehrheitsfähig" sei: "Die Willkommensbekundungen für Flüchtlinge, die wir heute erleben, hätte ich so nicht erwartet, und sie beglücken mich."

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Nachgestellt: Auch nach den Recherchen zu "Ganz unten" nahm Wallraff (hier mit Schauspielerin Aslanhan Özay) die Rolle des Ali kurzzeitig wieder auf. So trat Wallraff etwa für einen Sketch in Thomas Freitags Fernsehserie "Freitag's Abend - Medienkunde für Anfänger" wieder in seiner alten Rolle auf.

Foto: SZ Photo
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Eintauchen in die Rolle: Schon zehn Jahre vor "Ganz unten" hatte Günter Wallraff die ersten Versuche unternommen, als türkischer Arbeiter getarnt zu recherchieren. Der erste Versuch war jedoch an seinen Schwierigkeiten mit der türkischen Sprache gescheitert. Letztlich verwuchs der Autor beim zweiten Anlauf an die radikale Recherchemethode mit seiner Rolle jedoch aufs Engste: "Ich habe nach ein paar Monaten sogar in der neuen Identität als Ali geträumt."

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Maulwurf: Vor "Ganz unten" war Wallraff mit seiner Methode der verdeckten Recherche unter anderem als Mitarbeiter bei der "Bild"-Zeitung in Hannover tätig gewesen. Seine Erlebnisse in der Redaktion hatte er 1977 in dem Buch "Der Aufmacher. Der Mann, der bei 'Bild' Hans Esser war" veröffentlicht. Nach Klagen der Axel Springer AG mussten mehrere Passagen des Buches geändert werden. Seit 2009 war der Titel jedoch über Wikileaks verfügbar, seit 2012 ist er auch im Buchhandel in der ursprünglichen Fassung wieder erhältlich.

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Rückkehr: Ab den frühen Neunzigerjahren wurde es etwas stiller um den Enthüllungsjournalisten. Ab 2007 recherchierte er für die "Zeit" unter anderem in Obdachlosenunterkünften sowie zu den Arbeitsbedingungen in einem Callcenter und einer Brotfabrik. Für den Film "Schwarz auf Weiß" verkleidete er sich als Somalier und schilderte seine Erfahrungen mit dunkler Hautfarbe bei einer Deutschlandreise. Und seit 2012 laufen "Team Wallraff"-Sendungen bei RTL, mit Undercover-Einsätzen etwa bei Burger King und Zalando, in Pflegeheimen und Jobcentern.

Foto: Caroline Seidel/ dpa
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