Swing-Boy Uwe Storjohann Blazer statt Braunhemd, Goodman statt Goebbels

Sie huldigten Satchmo und hassten die HJ: Die Swing-Kids tanzten aus der Reihe, bis die Nazis die Hatz auf sie eröffneten. Uwe Storjohann erwischten sie nie - obwohl er 1941 bei einem ihrer kühnsten Coups mitgemacht hat.
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"Swing High, Swing Low" riefen sich die Swing-Fans zur Begrüßung zu. Aber auch "Swing Heil!" oder "Heil Hotler" - abgeleitet von "Hot Music", dem Synonym für Jazz. Diese elegant gekleideten Swing-Jugendlichen veranstalten im Garten eine Musiksession. Den Nationalsozialisten waren die Satchmo-Fans ein Dorn im Auge: "Das sind ja schöne Früchtchen, die sich da unsere reichen Reeder heranzüchten", notierte Propagandaminister Joseph Goebbels am 21. August 1941 in seinem Tagebuch und forderte, die jugendlichen "Plutokraten" ins KZ zu sperren.

Foto:

Archiv Axel Waldhier

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Very british: Hüte, lange Mäntel, darunter zweireihige Anzüge und Krawatte mit Windsorknoten - die Swing-Jugendlichen verachteten die Uniformierungspflicht der Nationalsozialisten. Sie wollten dandyhaft und vornehm aussehen, so wie diese jungen Männer aus Hamburg. In Abgrenzung zu den BDM-Mädels schminkten sich die Swing-Girls auffällig, trugen oft lange Hosen, offene Haare und rauchten in der Öffentlichkeit.

Foto: Archiv Axel Waldhier
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Party statt Partei: Hamburger Swing-Jugendliche in Feierlaune. Das traditionell anglophile Hamburg galt neben Berlin und Frankfurt als Swing-Hochburg. Den Wissenschaftlern Werner Hinze und Gordon Uhlmann zufolge gab es 1939/40 mindestens 1000 aktive Swings und "vermutlich über 3000" Swing-Sympathisanten in der Hansestadt.

Foto: Archiv Axel Waldhier
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"Subversion auf rotem Teppich": So charakterisiert Uwe Storjohann eine Aktion, die sich Hamburger Swing-Jugendliche im Sommer 1941 erlaubten. Am helllichten Tag persiflierten sie den NS-Führerkult: Mit "Swing-Heil"-Rufen und großem Pomp wurde an einem heißen Sonntagvormittag ein edel gekleideter junger Mann am Hamburger Bahnhof empfangen. Swing-Jugendliche wie Storjohann erzählten rätselnden Passanten, es handele sich um den "Reichsstatistenführer" - was natürlich frei erfunden war. Das Foto zeigt den "Reichsstatistenführer" und sein Gefolge beim Verlassen des Bahnhofs. Vor dem Gebäude wartete eine...

Foto: Archiv Axel Waldhier
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...mit Schimmeln bespannte Kutsche, die den "Reichsstatistenführer" zum Alsterpavillon bringen sollte. In diesem bei den Hamburger Swings besonders beliebten Tanzlokal warnte der Wirt die Jugendlichen, dass die Gestapo im Anmarsch sei. "Woraufhin wir uns schnell verdünnisierten", erzählt Storjohann. Die zwei Protagonisten, Günther Hoh und Ernst Jürgensen, wurden später jedoch verhaftet und an die Ostfront geschickt. Zwei von ihnen kehrten laut Storjohann nie zurück.

Foto: Archiv Axel Waldhier
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Verfemter Sound: Jazz galt im "Dritten Reich" als "entartete Musik". Der "Völkische Beobachter" meldete im Oktober 1935: "Der Niggerjazz ist von heute ab im deutschen Rundfunk endgültig ausgeschaltet." Da die Nationalsozialisten sich 1936, im Rahmen der Olympischen Spiele, jedoch weltoffen geben wollten, wurde zunächst auch die Swing-Musik in Deutschland toleriert. "Zwei Wochen Olympia reichten aus - und die deutsche Jugend war infiziert", sagt Storjohann. Die Broschüre "Entartete Musik" (Foto) stammt von 1938, verfasst wurde die Polemik von NS-Funktionär Hans Severus Ziegler.

Foto: DPA
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"Wir wollten aussehen wie unsere Idole aus Hollywood": So schildert es Zeitzeuge Uwe Storjohann, Jahrgang 1925, im einestages-Gespräch. Man habe sich orientiert an elegant-lässigen Filmstars wie Clark Gable oder Fred Astaire (auf diesem Foto von 1933 zu sehen mit seiner Ehefrau Phyllis Livingston Potter). Obligates Accessoire der Hamburger Swings war zudem der eingerollte Regenschirm, wie ihn der englische Außenminister Anthony Eden mit sich trug. "Er durfte niemals aufgespannt werden, selbst wenn es schüttete, wie so oft in Hamburg", erzählt Storjohann.

Foto: ASSOCIATED PRESS
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"Tangobubis" und "Swing-Heinis" - so wurden die Swing-Jugendlichen abfällig bezeichnet, in Österreich setzte sich das Schimpfwort "Schlurf" durch. Das Foto zeigt sehr junge Swing-Boys aus dem Hamburger Stadtteil Barmbek. Sie bildeten eine von zahlreichen Swing-Cliquen in der Hansestadt, die mit ihrer anglophilen Kaufmannselite eine Hochburg der Swing-Jugendlichen war. Eine starke Szene existierte jedoch auch in Frankfurt und Berlin. Insgesamt gab es Swing-Cliquen in mehr als 40 deutschen Städten.

Foto: Reinhard Otto
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Hoch das Bein! Berliner Swing-Fans im Jahr 1938 beim Big-Apple-Tanz. Die ungestüme Lebenslust der Jugendlichen war den Nationalsozialisten zutiefst zuwider. Entsetzt schrieb ein NS-Spitzel 1940 über eine Swing-Party: "Der Anblick der Tanzenden war verheerend. Kein Paar tanzte normal, es wurde in übelster Form geswingt. Teilweise tanzten zwei Jünglinge mit einem Mädel, teilweise bildeten mehrere Personen einen Kreis, wobei man sich einhakte und in dieser Weise dann umherhüpfte, mit den Händen schlug, ja sogar mit den Hinterköpfen aneinander rollte und dann in gebückter Stellung, den Oberkörper schlaff herunterhängend, die langen Haare wild im Gesicht, mit den Beinen herumschlenkerte."

Foto: Reinhard Otto
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Der "Feindsender": Wer im "Dritten Reich" ausländische Sender wie etwa BBC (das Foto aus der Londoner Zentrale entstand 1942) abhörte, machte sich als "Rundfunkverbrecher" schuldig und riskierte die Todesstrafe. Swing-Boy Uwe Storjohann tat es trotzdem, um sich über die neueste Musik, aber auch die Nachrichtenlage zu informieren. Am 27. September 1938 sendete die BBC zum ersten Mal in deutscher Sprache nach Deutschland, um die Bevölkerung aufzuklären und die Abwehrhaltung gegen den Nationalsozialismus zu stärken. Britischen Schätzungen zufolge hatte der Deutsche Dienst der BBC im letzten Kriegsjahr bis zu zehn Millionen Hörer.

Foto: AP
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Swing-Soap: Die vor allem in Prag gedrehte Hollywood-Pictures-Produktion "Swing Kids" kam 1993 in die Kinos. Der Film spielt in Hamburg im Jahr 1939. Die Rolle des Swingboy "Peter" verkörpert Robert Sean Leonard, die australische Schauspielerin Tushka Bergen spielt die "Evey" (Foto).

Foto: ddp images/ Hollywood Pictures
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Wider die Gleichschaltung: HJ-Mitglieder werfen sich im Juli 1939 am Faaker See in Österreich Medizinbälle zu - artig, synchron, fremdbestimmt. Genau dagegen wehrten sich die freiheitsliebenden Swing-Jugendlichen.

Foto: Keystone/ Getty Images
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Kampf den Braunhemden: Ganz besonders verhasst waren den Swings der Uniformierungszwang, der militärische Drill und die Unterwerfungsrituale (das Foto zeigt wenig euphorische Jungen während einer HJ-Parade). Dennoch waren die "Lotterer" zunächst keine aktiven Regimegegner. "Wir wollen kein System beseitigen - und doch fühlt sich das System von uns bedroht", so Uwe Storjohann. Je drastischer die Gestapo die Subkultur unterdrückte, desto stärker politisierten sich die Jugendlichen. In Hamburg existierte vereinzelt Kontakt zwischen Swings, Edelweißpiraten und Weißer Rose.

Foto: imago
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Die Stars aus Amerika: Die Swing-Jugendlichen interessierten sich weder für deutschen Schlager noch für das Volksliedgut. Ihre Helden hießen nicht Hitler und Himmler, sondern Duke Ellington (das Foto zeigt den Musiker im Jahr 1948), Benny Goodman, Artie Shaw und Nat Gonella. Als einer der Größten wurde...

Foto: Keystone/ Getty Images
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…Louis Armstrong verehrt - auf dieser kolorierten Aufnahme von 1923 mit der King Oliver's Creole Jazz Band zu sehen. Um die Gestapo zu täuschen, die in den Tanzlokalen immer wieder Razzien durchführte, wurden nicht die englischen Originaltitel angesagt, sondern unverfängliche deutsche Liedzeilen. So wurde die Swing-Hymne "Tiger-Rag" als "Schwarzer Panther" getarnt, der "St. Louis Blues" mutierte zum "Lied vom blauen Ludwig". Zudem waren die Bands darauf geeicht, blitzschnell auf langsamen Walzer umzuschalten, sobald ein Polizist den Raum betrat, wie sich Storjohann erinnert.

Foto: imago
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Im Visier der Gestapo: Die holländische Band von John Kristel im Jahr 1941 bei einem Auftritt im Alsterpavillon am Hamburger Jungfernstieg. Am letzten Abend ihres Gastspiels rückte die Gestapo an und verhaftete die anwesenden Fans. Auch Swing-Boy Storjohann wurde zweimal bei Razzien festgenommen, verhört und verprügelt. In keiner anderen deutschen Stadt, so Wissenschaftler Guido Fackeler, gingen die NS-Behörden so brachial vor wie in der Swing-Metropole Hamburg. Mit Bezug auf die Szene in der Hansestadt schrieb der Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, in einem Brief an SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich vom 26. Januar 1942: "Alle Rädelsführer, und zwar die Rädelsführer männlicher und weiblicher Art, die feindlich eingestellt sind und die 'Swing-Jugend' unterstützen, sind in ein Konzentrationslager einzuweisen. Dort muss die Jugend zunächst einmal Prügel bekommen und dann in schärfster Form exerziert und zur Arbeit angehalten werden (...). Der Aufenthalt im Konzentrationslager muss für diese Jugend ein längerer, 2 bis 3 Jahre sein. Es muss klar sein, dass sie nie wieder studieren dürfen."

Foto: Reinhard Otto
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Beliebter Treffpunkt: Häufig kam die Hamburger Swing-Szene im Alsterpavillon zusammen (Aufnahme von 1939). Das prächtige Gebäude mit seinen Marmorsäulen, den Palmen und Kronleuchtern wurde im Juli 1942 bei einem Angriff britischer Bomber zerstört.

Foto: ullstein bild
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Das Trocadero: Zudem trafen sich die Hamburger Swing-Jugendlichen etwa im Trocadero an den Hohen Bleichen (Foto), im Café Heinze auf St. Pauli und im Faun am Gänsemarkt. Auch wenn die Bars oft sehr vornehm waren: Die Swing-Begeisterung ging quer durch alle Gesellschaftsschichten und war keineswegs nur ein Upper-Class-Phänomen. So gab es auch innerhalb der Mittelschicht sowie im Arbeiter- und Angestelltenmilieu glühende Fans, Storjohann nennt sie die "Prolo-Swings".

Foto: Reinhard Otto
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Im letzten Aufgebot: Im Dezember 1944 wurde auch Uwe Storjohann, Jahrgang 1925, als Soldat in den Krieg geschickt. Er musste seinen vornehmen Swing-Look (links) eintauschen gegen eine alte Uniform (rechts), die in Herzhöhe genäht und blutbefleckt war. Ob sie einem Gefallenen oder aber einem ermordeten Deserteur gehört hatte, fand er nie heraus. Desillusioniert verfasste Storjohann um die Jahreswende 1944/45 ein Gedicht, das er heimlich seiner damaligen Freundin Eva zusteckte. "Der Glaube liegt tief unterm Schnee begraben / von der Lüge erstickt in eisiger Gruft / Die Lüge ist massenhaft - billig zu haben / Sie schwirrt wie ein Aasgeierschwarm durch die Luft."

Foto: Privat
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Der "Lord von Quickborn": So wurde Uwe Storjohann (auf dieser Aufnahme von 1944 im eleganten Dandy-Look zu sehen) von seinen Swing-Freunden genannt, weil seine Eltern ein Wochenendhaus in Quickborn am Rande Hamburgs besaßen. Als Jugendlicher wollte der Sohn eines Volksschullehrers Opernsänger oder Dramaturg werden, der HJ-Drill war ihm zutiefst zuwider. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete Storjohann beim NDR, zunächst als freier Mitarbeiter, später als Redakteur.

Foto: Privat
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