Karl May Wild ist der Westen, Osten und Süden, schwer ist der Beruf

Vor 105 Jahren starb Erfolgsautor Karl May. All die Abenteuer, die er so anschaulich schilderte, hat er nie erlebt. Das taten andere für den sächsischen Hochstapler - Forscher wie Alfred Brehm oder Ernst Marno.
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Karl May in seiner liebsten Rolle: Auf dieser Studioaufnahme von 1896 hat der Abenteuerschriftsteller sich verkleidet als Kara Ben Nemsi, Ich-Erzähler in zahlreichen seiner Geschichten. Leben und Werk, Fakten und Fiktion - May ließ es in seiner Selbstinszenierung verschmelzen. 

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Karl-May-Museum Radebeul bei Dresden

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"Villa Shatterhand" nannte der Schriftsteller das Haus in Radebeul, in das er Ende 1895 zog. Die Tantiemen ermöglichten ihm den Kauf; hier steht er auf dem Balkon. Karl May war in jungen Jahren als Kleinkrimineller gestartet: Mehrfach wurde er bei Diebstählen geschnappt, hatte sich als Augenarzt, Lehrer und Polizeileutnant ausgegeben, lernte Zuchthäuser von innen kennen - bis er mit dem Schreiben begann. Zunächst verfasste er Trivialliteratur, dann Reiseromane.

Foto: Karl-May-Museum Radebeul bei Dresden
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Das Bleichgesicht in seinem Arbeitszimmer: Am Schreibtisch, nicht etwa auf Reisen sammelte May die Ideen für seine abenteuerlichen Geschichten. Eine lebhafte Fantasie ist keine Schande, sondern Voraussetzung für erfolgreiche Arbeit als Schriftsteller. Und erfolgreich war May zweifellos, insgesamt gut 200 Millionen Mal wurden seine Bücher verkauft. Indes neigte er mehr und mehr dazu, die Grenzen zwischen Romanfiguren und Autor zu verwischen.

Foto: Karl-May-Museum Radebeul bei Dresden
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Sein Haus staffierte May als exotische Schatzkammer aus. Neben den Schreibtisch stellte er einen ausgestopften Löwen - den er angeblich durch einen Schuss ins Auge selbst erlegt hatte. Möbel bezog er über einen Dresdner Händler mit Orientkontakten. Und ein Büchsenmacher fertigte für ihn die berühmten Waffen aus seinen Büchern - die Silberbüchse, den Bärentöter, den Henrystutzen.

Foto: Karl-May-Museum Radebeul bei Dresden
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Karl May als Old Shatterhand: Solche Studioaufnahmen zeigten ihn vor prächtiger Landschaftskulisse. Gauklerei und Prahlerei bestimmten zunehmend sein Leben: May behauptete unter anderem, 40 Sprachen zu sprechen, darunter Malayisch, Kurdisch, Suaheli und sechs Arabisch-Varianten - und zudem "über 1200 Sprachen und Dialekte" zu verstehen. Das Publikum glaubte es, wollte es glauben, war allzu bereit, sich vom weltläufigen Romancier verblüffen und einwickeln lassen.

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Reisegruppe mit Romancier: Fernweh hatten die Deutschen schon damals, zur Kolonialzeit. Karl May bediente das Abenteuerbedürfnis seiner Leser perfekt. Er selbst indes blieb lieber zu Hause. All die Länder und Orte, von denen Karl May so packend zu erzählen vermochte - er hatte sie allein in seinem Kopf bereist. Bis er, im Alter von bereits 57 Jahren, dann doch zu einer anderthalbjährigen Reise aufbrach. Das Foto zeigt ihn im April 1900 an den Pyramiden in Ägypten.

Foto: Karl-May-Museum Radebeul bei Dresden
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In der ägyptischen Hafenstadt Port Said machte May während seiner Orientreise 1899 und 1900 mehrfach Station. Teils reiste er nur mit einem Diener, teils mit seiner Frau Emma und dem befreundeten Ehepaar Richard und Klara Plöhn. Als Karl May und Emma sich 1903 scheiden ließen, wurde die inzwischen verwitwete Klara seine zweite Frau.

Foto: Karl-May-Museum Radebeul bei Dresden
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Im Jahr 1900 am See Genezareth: Seine Tour sollte May an Schauplätze führen, die er schon höchst anschaulich und detailreich geschildert, aber noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte. Daraus wurde wenig. Als realer Weltenbummler war May deutlich weniger talentiert als in der Rolle des Tausendsassas, Geschichtenerzählers und Architekten seiner eigenen Legende. In der Wirklichkeit setzte ihm das Reisen schwer zu. "May ist müde geworden", schrieb sein Biograf Hans Wollschläger, "er reist nur unsicher besichtigend: ein Tourist wie andere Touristen."

Foto: Karl-May-Museum Radebeul bei Dresden
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Karl May in Gizeh (1900): Auch sonst stand die Orientreise unter keinem guten Stern. Kaum war May aufgebrochen, musste er sich heftigen Anwürfen aus der Heimat erwehren. Nun rächte sich, dass er seine Helden wie Old Shatterhand, Old Surehand und Kara Ben Nemsi mit sich selbst als Autor verschmelzen ließ. Die Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit wuchsen, vor allem in Blättern wie der "Frankfurter Zeitung" und der "Kölnischen Volkszeitung". May schickte von seinen Reisestationen wütende Repliken. Doch die Attacken, begleitet von etlichen Prozessen, wollten nie wieder enden, sie hielten an bis zu seinem Tod.

Foto: Karl-May-Museum Radebeul bei Dresden
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SPIEGEL-Ausgabe Nr. 37 im Jahr 1962: "Karl der Deutsche" überschrieb das Magazin die Titelgeschichte und blätterte Mays Leben und Werk auf, in allen Schattierungen - vom frühen Ganoventum bis zu den verblüffenden Erfolgen der Romane, von den Lobpreisungen seiner Freunde und Fans bis zur lawinenartigen Kritik in seinen letzten Lebensjahren.

Foto: DER SPIEGEL
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Sesshafter Reiseautor: Das Manko, nichts aus seinen Erzählungen selbst erlebt zu haben, wusste Karl May (hier 1896 als Kara Ben Nemsi im Fotostudio) durch intensive Lektüre wettzumachen. Ohne lästige Bedenken plünderte er wissenschaftliche wie literarische Werke anderer Autoren für seine Zwecke.

Foto: Karl-May-Museum Radebeul bei Dresden
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Alfred Brehm zum Beispiel, 1829 geboren, war tatsächlich dort, wohin Karl May allein in seiner Fantasie reiste - im Sudan. Dort spielt die Mahdi-Trilogie der Kara-Ben-Nemsi-Geschichten. Doch May hat das Land niemals betreten. Unter anderem bei Brehms "Reiseskizzen" bediente er sich reichlich.

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Dagegen hatte Brehm (das Bild zeigt ihn 1869) bereits als junger Zoologe, erst 18 Jahre alt, den Sudan erreicht. Er interessierte sich nicht allein für die Tier- und Pflanzenwelt, sondern auch für Land und Leute, etwa für arabische Schimpfwortkaskaden à la: "Du Hund, du Hund des Hundes, dessen Ahnen Hunde waren und dessen Urahnen von Hunden gezeugt wurden..." Sehr Ähnliches war später auch bei Karl May zu lesen.

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Nach seiner Afrika-Expedition und seinem Promotionsstudium reiste der Zoologe und Schriftsteller Brehm, Spitzname "Pharao", auch nach Spanien, Norwegen, Lappland und ein weiteres Mal nach Afrika. Anders als Karl May, der sich mit einem falschen Doktortitel schmückte, hatte Brehm seinen ehrlich erworben. Über die Parallelen zwischen Naturforscher und Romanheld urteilt Karl-May-Forscher Helmut Lieblang: "Charakteristische Züge Brehms führen schließlich zu Kara Ben Nemsi, Mays Über-Ich, einem Rollen-Konglomerat aus Merkmalen realer Personen, die May seiner jeweiligen Vorlage entnahm."

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Eine weitere Vorlage für Mays Sudanromane lieferte der Afrikaforscher Ernst Marno, der 1883 in Khartum starb und mittlerweile etwas in Vergessenheit geraten ist. Der österreichische Zoologe war ab 1869 jahrelang "im Sudan und den angrenzenden Negerländern" unterwegs. Auch aus Marnos Werk "Reisen im Gebiete des blauen und weissen Nil" kupferte Karl May ab.

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Schon zu Lebzeiten hatte Karl May gigantischen Erfolg mit seinen Büchern; dazu gesellten sich über die Jahrzehnte etliche Verfilmungen. Nach einigen Stummfilmen kam 1936 "Durch die Wüste" in die deutschen Kinos, der erste Tonfilm zu den May-Geschichten. Fred Raupach spielte die Hauptrolle des Kara Ben Nemsi, Heinz Evelt seinen Gefährten Haschi Halef Omar und Katharina Berger die in einem Harem gefangene Senitza. Karl May beschrieb sie im Roman so: "O, sie ist schön wie die Rose und herrlich wie die Morgenröthe; sie duftet wie die Blüthe der Reseda, und ihre Stimme klingt, wie der Gesang der Houris. Ihr Haar ist wie der Schweif des Pferdes Gilja, und ihr Fuß ist wie der Fuß von Delila, welche Samson verrieth. Ihr Mund träufelt von Worten der Güte, und ihre Augen..."

Foto: ddp images
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In Farbe - und bunt! "Die Sklavenkarawane" wurde 1958 in Düsseldorf uraufgeführt, der erste Karl-May-Farbfilm. Der Österreicher Viktor Staal verkörperte Kara Ben Nemsi und Georg Thomalla an seiner Seite Hadschi Halef Omar. Beide Figuren kamen allerdings in der Romanvorlage gar nicht vor, der Film entfernte sich davon weit. Karl Mays Buch von 1899/1890 kreiste um zwei Brüder, die Forscher Emil und Josef Schwarz.

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"Der Schut" kam im August 1964 in die deutschen Kinos, eine der großen Karl-May-Verfilmungen der Sechzigerjahre - und die erste, die im Orient spielte. Der US-Schauspieler Lex Barker spielte hier Kara Ben Nemsi und sonst auch sieben Mal Old Shatterhand. Und Ralf Wolter gab Hadschi Half Omar, genauer: Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah - so viel Zeit muss sein.

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"Durchs wilde Kurdistan" war, wie schon "Die Sklavenkarawane", eine weitere deutsch-spanische Koproduktion aus dem Jahr 1965, mit Lex Barker und Ralf Wolter als dolles Duo. Senitza durfte hier nicht mitmachen, dafür aber dieser ebenfalls bildschöne Schäferhund (links). Und die Story? Scheichs und Schurken, fiese Falle und Befreiung in letzter Sekunde, weitere Gefangennahme und erneute Rettung - Karl-May-Orient-Business as usual.

Foto: ddp images/ United Archives
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Der alte Karl May konnte von der späteren Verwertungskette nichts ahnen. Die immer wieder veröffentlichten Bücher, die Filme und Parodien, die Festspiele und Forscher, die Stiftungen und Museen - er hätte es im Sinne seines Ruhmes, an dem ihm so viel lag, sicher goutiert. Karl May starb am 30. März 1912 in seiner Radebeuler "Villa Shatterhand". Als letzte Worte überlieferte seine Frau Klara: "Sieg, großer Sieg! Ich sehe alles rosenrot!"

Foto: dpa/ picture alliance / dpa
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