Last-Minute-Weihnachtsgeschenke: 24 Buchempfehlungen 20.12.2016
 Für Schwimmer in der Datenflut Nio Schulz trinkt Decaff-Soja-Macchiato mit...

Für Schwimmer in der Datenflut

Nio Schulz trinkt Decaff-Soja-Macchiato mit einer Spur natürlichem Ephedrin, telefoniert mit zwei Kollegen gleichzeitig, während er mit seiner digitalen Brille E-Mails liest, Tweets scannt, Updates von seiner Körper-App bekommt und Artikel anliest, sofern sie nicht länger sind als 4000 Zeichen. Er lebt im Jahr 2055 und in einem permanenten Bewusstseinsstrom, bis er im Offline verschwindet. Es ist geradezu genial, wie Eugen Ruge in "Follower" diese Daten-Reizüberflutung aufschreibt, bis einem beim Lesen selbst ganz wirr wird: in langen Kapiteln, die je aus einem einzigen Satz bestehen. Und ja, das funktioniert hervorragend. Es passiert selten, dass einen ein Buch immer wieder so überrascht. Mittendrin ein neuer Tonfall, eine andere Geschwindigkeit, unerwartete Erzähl-Materialien. Bestechend auch, dass Eugen Ruge den Begriff "Follower" so umfassend denkt und nicht nur den Wahnwitz einer durchdigitalisierten Welt meint, sondern zugleich die Genealogie einer Familie. Denn Ruge entwirft über den Enkel Schulz die Erbfolge seiner Familie Umnitzer aus "In Zeiten des abnehmenden Lichts" um Jahrzehnte nach vorne. Alles in einem Rausch, der die Idiotie des Zufalls in den Fokus rückt. So klar wird einem selten vor Augen geführt, wie absurd unsere Existenz eigentlich ist. Die ganze Achtsamkeits-Posse kann sich vom Acker machen: endlich ein kluges Buch über das Hyperventilieren unserer Ära. Anne Haeming

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