Last-Minute-Weihnachtsgeschenke 24 Buchempfehlungen

Okay, die engste Verwandtschaft ist schon bedacht, aber was schenkt man dem Onkel oder der Cousine? Wie wäre es mit einem Buch? Hier sind 24 Tipps aus dem SPIEGEL-Haus für Geschenke in letzter Minute.
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Für Frauen und Männer, die sich nicht vor grausamen Wahrheiten fürchten

Schrecklicher Satz: Hinter jedem großen Mann steht eine starke Frau. Meg Wolitzer lädt in ihrem abgründigen Geschlechterdrama "Die Ehefrau" zur Korrektur ein. Nach der Lektüre würde man den Satz eher so formulieren: Jeder große Mann ist ein Zwerg, der auf den Schultern einer starken Frau steht. In den USA sorgte der Roman über eine literarische begabte Frau, die ihrem literarisch eher mäßig begabten Mann Karriere und Ehre überlässt, bereits 2003 für Aufsehen; große Teile spielen in der Zeit vor der sexuellen Revolution und der dann im Folgenden aufbrechenden Geschlechterrollen. Trotzdem oder gerade deshalb findet man hier unverbrüchliche grausame Wahrheiten, weshalb Männer mit bescheidenem Talent sich oft unverfroren in den Vordergrund schieben, während Frauen im Hintergrund die eigentliche Leistung bringen. Vielleicht der beste Roman von Wolitzer, die hierzulande 2013 mit "Die Interessanten" berühmt geworden ist. Feinnervig und rigoros beschreibt sie, wie das Arschgeigentum der einen mit den Selbstzweifeln der anderen zusammenhängt. Gerne mit Partner oder Partnerin gemeinsam lesen! Christian Buß

Anzeige Meg Wolitzer: "Die Ehefrau". Übersetzt von Stephan Kleiner, Dumont, 23 Euro.
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Für die kluge Schönheit, nach der wir uns alle sehnen

Der ideale Roman? Nichts leichter als das. Kurzweilig sollte er sein, klar. Und der Handlungsort: bitte nicht allzu banal. Gut auch, wenn das Buch in einer anderen Epoche spielt. Die Gegenwart erleben wir jeden Tag. Starke Figuren wären hilfreich. Eindringliche Szenen. Sprachliche Eleganz. Ein ernst zu nehmendes Thema. Das ist alles.
Nicht ganz so einfach zu erklären ist, warum diesen simplen Regeln derart wenige Schriftsteller folgen. Aus dem deutschsprachigen Raum kommt pro Jahr nicht mehr als ein solcher Roman. 2016 war es Christoph Ransmayrs "Cox oder Der Lauf der Zeit": Die Geschichte eines englischen Uhrmachers, der im 18. Jahrhundert an den Hof des Kaisers von China reist. Ein wundervolles Buch für alle, die eine prachtvolle Kulisse lieben und einen souveränen Erzähler, der seine Leser zum Träumen und zum Denken bringt mit einem Buch, das so klug ist wie schön - also genauso wie seine Leserinnen und Leser. Sebastian Hammelehle

Anzeige Christoph Ransmayr, "Cox oder Der Lauf der Zeit". S. Fischer; 298 Seiten; 22 Euro.
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Für Leute, die Schwarz-Weiß-Denken ablehnen

Memory heißt die Frau, die sich in diesem Roman an ihr Leben erinnert. Ein Leben, das bald enden könnte, denn sie ist zum Tode verurteilt und schreibt ihre Notizen aus dem Schwerverbrecherinnentrakt. Doch den Mord, der ihr vorgeworfen wird, hat sie nicht begangen. Und auch sonst ist wenig eindeutig: Memory ist als Albino in einem Township von Harare, der Hauptstadt von Simbabwe, aufgewachsen - bis sie als Neunjährige von einem weißen Universitätsprofessor adoptiert wird, für dessen Tod sie nun verantwortlich gemacht wird. Der deutsche Titel und das Buchcover führen auf eine falsche Fährte: Kitschig oder vage ist hier nichts, die in Genf als Juristin und Journalistin arbeitende Autorin führt in einer Figur die Facetten des postkolonialen Lebens zusammen, vom Geisterglauben über Popkultur und weltweit vernetzte Kunstszene bis zu den Resten britischer Tradition. Eindrucksvoll. Felix Bayer

Anzeige Petina Gappah: "Die Farben des Nachtfalters". Übersetzt von Patricia Klobusiczky, Arche, 352 Seiten, 22 Euro
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Für Kosmopoliten und Kiezfreunde

In einem nur ein bisschen verwahrlosten Wohnhaus in Mexico City kämpft der gebrechliche Erzähler mit allen Mitteln gegen seine Hoffnungen auf sexuelle Erfüllung, gegen Kakerlaken und den Literaturzirkel im Erdgeschoss: Die ambitionierte Bildungsbeflissenheit der älteren Damen geht ihm so auf die Nerven wie jede Art von Betriebsamkeit, die seine kauzige Einsamkeit stört. Aber der Kiez hat ihn im Griff; er wehrt sich mit Witz und paradoxer Intervention. Ein sardonisches, in grandioses Deutsch gebrachtes Vergnügen. Elke Schmitter

Anzeige Juan Pablo Villalobos: "Ich verkauf dir einen Hund". Aus dem Spanischen von Carsten Regling, Berenberg Verlag, Berlin; 256 Seiten, 24 Euro.
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Für den Mann von Gefühl, Witz und Verstand

Der aus Guatemala stammende, in den USA lebende jüdische Schriftsteller Eduardo Halfon schreibt an einem langen, lustigen und tragischen Lebensroman, in dem ein Mann mit seinem Namen durch die Welt reist und vielen tollen Frauen und meist schlimmen Männern begegnet. In "Signor Hoffmann" verschlägt es ihn zum Beispiel in ein mittelamerikanisches Grenzkaff, in die polnische Stadt Lodz, an die Klagemauer in Jerusalem und in eine süditalienische KZ-Gedenkstätte, nach deren Besuch er vom elenden Tod des Schauspielers Philip Seymour Hoffman erfährt. Ein wunderbar eleganter Ton und ein schöner Sinn fürs Groteske bestimmen das immer kolossal unterhaltsame Erzählen dieses 1971 geborenen Autors, der das Leben als Irrfahrt begreift, in der nur das selbstironische Denken einem noch schönere Abenteuer beschert als die stets ein bisschen lächerliche Begierde nach dem anderen Geschlecht. Wolfgang Höbel

Anzeige Eduardo Halfon: "Signor Hoffman". Aus dem Spanischen von Luis Ruby. Hanser, 192 Seiten, 20 Euro.
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Für das Töchterchen auf Heimatbesuch

Weihnachten ist das Fest, an dem Menschen gemeinsam essen, die schon lange nicht mehr gemeinsam gegessen haben, mitunter ein ganzes Jahr lang nicht. Karnivore Väter zum Beispiel und ihre vegetarischen Töchterchen, die wie alle Töchterchen irgendwann flügge geworden sind. Apropos flügge: Eine Gans ist in dieser Konstellation eine heikle Wahl für das Weihnachtsmenü. Falls die elterliche Sehnsucht nach Traditionen jedoch stärker sein sollte als die nach einem intakten Haussegen, empfehlen wir als Zeichen des guten Willens, dem Töchterchen wenigstens dieses Buch unter den Baum zu legen: Richard David Precht, der deutsche Popstar der Philosophie, taucht tief ein in die Kulturgeschichte des Verhältnisses zwischen Mensch und Tier. Sehr pragmatisch, frei von moralischem Rigorismus verhandelt er all die großen tierethischen Fragen: Dürfen wir sie essen, sie jagen, sie in Zoos einsperren? Sind Tierversuche legitim? Jede Wette: Der Gesprächsstoff wird der Familie nicht ausgehen, nicht vor Silvester. Und Silvester feiert das Töchterchen sowieso wieder woanders. Tobias Becker

Anzeige Richard David Precht: "Tiere denken. Vom Recht der Tiere und den Grenzen des Menschen". Goldmann, 512 Seiten, 22,99 Euro.
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Für Twens mit 2016er-Weltschmerz

"Kann schreiben solidarisch sein?", fragt der Herausgeber im Vorwort. Und antwortet: "Ja, kann es." Atmet jede Zeile dann zwingend politischen Auftrag? Auf keinen Fall: Im Sammelband "Wie wir leben wollen" machen sich - im weitesten Sinne - junge Autoren zwischen Willkommenskultur und Pegida-Rechtsruck auf die Suche. Nach was genau ist dabei nicht so wichtig, wie dass sie sich bewegen. An sich selbst und an der Geschichte entlang: Bov Bjerg beschreibt die Furcht seiner Mutter vor Zügen; sie kam nach dem Weltkrieg in einer vollgepferchten Eisenbahn in Deutschland an. Sasa Stanisic erzählt von der Aral-Tanke in Heidelberg, an der sich nach der Flucht aus Bosnien seine Jugend abspielte. Und Lucy Fricke schildert, wie auf einer griechischen Insel im sonnenmüden Urlaubstaumel plötzlich Flüchtlinge auftauchen. Vieles ist nachdenklich, manches wütend, einiges von essayistischer Leichtigkeit. Darin, dass sich der Band diese Vielfalt erlaubt, statt nur die nahe liegende Betroffenheit zu feiern, liegt seine schöne Freiheit. Eva Thöne

Anzeige Matthias Jügler: "Wie wir leben wollen". Texte für Solidarität und Freiheit. Suhrkamp, 197 Seiten, 10 Euro.
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Für Verächter historischer Romane

Dass John Williams unglaublich gut schreiben konnte, wissen deutsche Leser seit der Wiederentdeckung seiner Romane "Stoner" und "Butcher's Crossing". Viele Williams-Fans dürfte allerdings irritiert haben, wie unterschiedlich die Sujets der beiden Bücher sind. Mit der Veröffentlichung von "Augustus" aus dem Jahr 1972 wird nun endgültig klar, dass sich der amerikanische Autor (1922-1994) für seine Stoffe nur am Rande interessiert hat: Williams findet seine Figuren in der Welt der amerikanischen Universitäten, bei den Trappern auf der Büffeljagd und in der römischen Geschichte - in Wahrheit aber beschreibt er jedes Mal die ganz großen, überzeitlichen menschlichen Dramen, die sich nur unterschiedlich kostümieren. Insofern ist sein "Augustus" auch kein historischer Roman, obwohl er auf die überlieferten Fakten aus dem Leben des ersten römischen Kaisers durchaus Rücksicht nimmt. Williams schildert einen Mann, der Macht über andere Menschen gewinnt und diese Macht um ihrer selbst willen verteidigt, selbst wenn er dabei das Glück seiner Familie opfern muss. Augustus verfolgt ein hehres Ziel, nämlich Frieden und Wohlstand für das römische Imperium, aber er zahlt dafür einen hohen Preis. Am Ende muss er erkennen, dass sein auf Gewalt beruhendes Regime schon den Keim der Zerstörung in sich trägt. "Augustus" erzählt von der Hybris des Begabten, von der fanatischen Hingabe an eine gewaltige Aufgabe, von der Verzweiflung und Einsamkeit des überforderten Menschen. Martin Doerry

Anzeige John Williams: "Augustus". Übersetzt von Bernhard Robben, dtv, 478 S., 24 Euro.
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Für Söhne, Töchter, Mütter und Väter

Miriam Stein hat das definitive Buch für furchterfüllte Zeiten geschrieben. Es liest sich wie der geheime Roman unserer Ängste. Das Buch beginnt als aufklärerischer Bericht über psychische Erkrankungen in einer ganz biederen, norddeutschen Familie und mündet dann in eine tiefere Erzählung über die geheime deutsche Kultur der Angst: Traumatisierte Eltern der Nachkriegsgeneration vermittelten ihren Kindern diffuse politische und ökologische Ängste, dann folgte Angst vor Genetik und Digitalisierung, vor Arbeitslosigkeit und Gentrifizierung. Doch Miriam Stein beschreibt nicht nur die stabile Kette, die von einer Angst zur nächsten führt und uns schließlich ganz fesselt, sie verrät auch Tricks, um sich Houdini-like daraus zu befreien. Dazu besucht sie einen der führenden Forscher zu diesem Thema, der unter anderem Astronauten mental vorbereitet. Angst ist ein sehr nützliches Phänomen unseres Bewusstseins, neigt aber dazu, sich in Dinge einzumischen, die sie nichts angehen. Ganz vorsichtig ist der permanente Alarm aber auch wieder zu entschärfen. Das effektivste Mittel ist altbekannt: die Selbsterkenntnis. Man braucht dazu einige Jahre, aber es lohnt sich, schon allein, um Partner, Freunde oder die eigenen Kinder nicht mit der Angst zu fesseln. Nils Minkmar

Anzeige Miriam Stein: "Das Fürchten verlernen: 7 Mutproben, die alles verändern". Suhrkamp, 270 Seiten, 14,95 Euro.
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Für Schlaflose und Traumdeuter

Seine Träume aufzuschreiben, kann bedeuten: sich ihrer zu entledigen oder sie zu bewahren. Oder sich ihrer zu entledigen, indem man sie bewahrt. Anna Achmatowa, Walter Benjamin, Graham Green, Elsa Morante und Heiner Müller, sie und viele andere AutorInnen des 20. Jahrhunderts haben notiert, was der Schlaf ihnen diktierte; die Essayistin Barbara Hahn hat diese Traumprotokolle gesammelt. Und erzählt eine Geschichte, in der die Erfahrungen von Verfolgung und Exil, von Krieg und Lagerhaft Gestalt annehmen - scheinbar privat, im eigenen Traum, und doch auf vielfältige Weise verbunden. Elke Schmitter

Anzeige Barbara Hahn: "Endlose Nacht. Träume im Jahrhundert der Gewalt". Suhrkamp Verlag, 201 Seiten, 22 Euro.
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Für Berufstätige, die viel unterwegs, aber nicht hektisch sind

Worauf fällt der erste Blick, wenn man ein Hotelzimmer betritt? Der Schriftsteller David Wagner, der nicht erst seit dem Erfolg seines Buches "Leben" (2013) viel unterwegs ist, hat da ein ganzes Set an Kategorien. Eine davon: "Hotels, in denen Kugelschreiber auf dem Zimmer liegen (wie hier), sind eher nicht so gute, Hotels, in denen es Bleistift gibt, eher bessere." Man verwechsele dieses schöne Büchlein nicht mit einem Reiseführer, es ist liebevoller geschrieben und persönlicher gehalten. Kurz schildert Wagner, was ihm in den Zimmern von Andernach bis Turin, in denen er seit 2013 übernachtete, so auffiel – unter besonderer Berücksichtigung von Schwimmbädern, Obstschalen und natürlich Schreibgeräten: Im einzigen Hotel, dem er einen längeren Text widmet, liegen übrigens gleich zwei Bleistifte. Felix Bayer

Anzeige David Wagner: "Ein Zimmer im Hotel". Rowohlt, 128 Seiten, 18,95 Euro.
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Für Schwimmer in der Datenflut

Nio Schulz trinkt Decaff-Soja-Macchiato mit einer Spur natürlichem Ephedrin, telefoniert mit zwei Kollegen gleichzeitig, während er mit seiner digitalen Brille E-Mails liest, Tweets scannt, Updates von seiner Körper-App bekommt und Artikel anliest, sofern sie nicht länger sind als 4000 Zeichen. Er lebt im Jahr 2055 und in einem permanenten Bewusstseinsstrom, bis er im Offline verschwindet. Es ist geradezu genial, wie Eugen Ruge in "Follower" diese Daten-Reizüberflutung aufschreibt, bis einem beim Lesen selbst ganz wirr wird: in langen Kapiteln, die je aus einem einzigen Satz bestehen. Und ja, das funktioniert hervorragend. Es passiert selten, dass einen ein Buch immer wieder so überrascht. Mittendrin ein neuer Tonfall, eine andere Geschwindigkeit, unerwartete Erzähl-Materialien. Bestechend auch, dass Eugen Ruge den Begriff "Follower" so umfassend denkt und nicht nur den Wahnwitz einer durchdigitalisierten Welt meint, sondern zugleich die Genealogie einer Familie. Denn Ruge entwirft über den Enkel Schulz die Erbfolge seiner Familie Umnitzer aus "In Zeiten des abnehmenden Lichts" um Jahrzehnte nach vorne. Alles in einem Rausch, der die Idiotie des Zufalls in den Fokus rückt. So klar wird einem selten vor Augen geführt, wie absurd unsere Existenz eigentlich ist. Die ganze Achtsamkeits-Posse kann sich vom Acker machen: endlich ein kluges Buch über das Hyperventilieren unserer Ära. Anne Haeming

Anzeige Eugen Ruge: "Follower". Rowohlt, 320 S., 22,95 Euro.
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Für Gender-Studies-Studierende und die nonbinäre Verwandtschaft

Neben der Frage, warum man für Donald Trump stimmen konnte, gehört für mich zu den großen Rätseln der Gegenwart: Warum Ali Smith kein literarischer Superstar ist. Mit jedem ihrer Bücher wagt sie ein formales Experiment und bleibt gleichzeitig ihren inhaltlichen und stilistischen Qualitäten treu, indem sie mit einer Präzision und Empathie schreibt, die geradezu ekstatisch stimmen. In "Beides sein"; stellt sie die Geschichten von zwei Frauen Seite an Seite: Je nach Ausgabe fängt der Roman entweder mit der 16-jährigen George an, die im Oxford der Gegenwart um ihre tote Mutter trauert, oder mit Francesco del Cossa, einer jungen Malerin, die im Italien der Renaissance als Mann leben muss, um ihrer Kunst nachgehen zu können. Weil beide Teile einen nicht enden wollenden Dialog entspinnen, hat das Buch keinen Anfang und kein Ende im eigentlichen Sinn. Genauso entziehen sich die zwei Hauptfiguren allen Kategorisierungen, sind Gegenwart und Vergangenheit, männlich und weiblich, eben: beides. Ali Smiths Roman ist dagegen nur eines: fantastisch. Hannah Pilarczyk

Anzeige Ali Smith: "Beides sein". Übersetzt von Silvia Morawetz, Luchterhand, 320 Seiten, 22,99 Euro.
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Für den erotischen Hacker
Die argentinische Schriftstellerin Pola Oloixarac legt mit „Kryptozän“ den Hacker-Roman hin. Ihre Geschichte beginnt im Jahr 1882, ja, 1882. Eine Forschergruppe um Niklas Bruun befindet sich auf einer Expedition in der "Neuen Welt" und kommt mit einigen Drogen-, Orgien- und transzendentalen Erfahrungen zurück. Sprung ins Jahr 1983. Cassio Liberman Brandao da Silva wird geboren - der Hacker und Held ihrer Geschichte. 2024: Cassio arbeitet mit der Biologin Piera an einem geheimen Computervirus-Genprojekt. Oloixarac verwebt die drei Zeitebenen zu einem faszinierend-verwirrenden, dystopisch-fantastischen Roman mit einer Sprache, die von erotischen Metaphern sowie philosophischen Referenzen nur strotzt - und die schärfer nicht sein könnte.
Enrico Ippolito

Anzeige Pola Oloixarac: "Kryptozän". Wagenbach, 192 Seiten, 20 Euro.
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Für ehrliche Liebende

Singapur hat ein obsessives Verhältnis zu sauberen Oberflächen - kein Müll liegt herum, aber auch in menschlichen Beziehungen sollte der äußere Anschein gewahrt bleiben. Dass ein malaiischer Kneipensänger der chinesischen Tochter des Kneipenbesitzer den Hof macht, das geht eigentlich nicht. Bis diese Liebe sich unter dramatischen Umständen (Demenz, Herzinfarkt) doch einen Weg zu bahnen scheint. Amanda Lee Koe ist großartig darin, in ihren Erzählungen zwischen Abhängigkeiten und Berechnung kleine Gefühlsschocks hinzutasern - in den Kunstgalerien, Vorortbussen, Jungstoiletten eines Stadtstaates, der so asiatisch und doch so globalisiert zugleich ist. Felix Bayer

Anzeige Amanda Lee Koe: "Ministerium für öffentliche Erregung". Übersetzt von Zoë Beck, CulturBooks Verlag, 224 Seiten, 22 Euro.
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Für leicht verwöhnte Schwestern, Cousinen oder Nichten

Das Wort "stillos" kommt gleich im ersten Satz dieses Buches vor, was auch deshalb verwunderlich ist, weil Zelda Fitzgeralds Erzählungen nicht etwa in einer Großstadt beginnen, sondern in Minnesota am Ufer des Mississippi. Aber auch hier, in der tiefen Provinz, gibt es Mädchen, die viel vorhaben. Zelda Fitzgerald war selbst so eines. Zu lange ist sie nur als Frau des Schriftstellers F. Scott Fitzgerald betrachtet worden. Wie ungerecht das war, zeigen die zwölf Erzählungen von Fitzgerald, die (großartig übersetzt!) erstmals auf Deutsch erscheinen. Im Mittelpunkt stehen weibliche Heldinnen, die das Abenteuer suchen und dringend eine Bühne brauchen, auf der sie sich zeigen können. Allerdings müssen sie erfahren, dass ein Platz in dieser komplizierten Welt nicht leicht zu finden ist. Fitzgerald erzählt so quecksilbrig vom Streben ihrer Heldinnen nach Eleganz und Stil, dass man die Bitterkeit, die auch in diesen Erzählungen steckt, fast überlesen könnte. Claudia Voigt

Anzeige Zelda Fitzgerald: "Himbeeren mit Sahne im Ritz". Aus dem amerikanischen Englisch von Eva Bonné. Mannesse Verlag, 224 Seiten, 24,95 Euro.
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Für Freunde des guten Tons

Wien vor dem Ersten Weltkrieg: Ein riesiges Biotop der Sprachen und der Kulturen, vom "Meister von Umweg und Opulenz", so die Schriftstellerin Eva Menasse in ihrem schönen Nachwort, so vital wie ironisch in melodische Sätze gefasst. Die Handlung erzählt von der Industriellenfamilie Clayton und ihrem melancholisch stimmenden Schicksal, aber sie ist, obwohl nicht ohne Belang, doch nicht die Hauptsache. Die ist hier die Erzählweise selbst, in den Zungen der Hausbesorger und Wirtinnen, der Advokaten und Gesellschaftsdamen, der Madeln auf Freiersuche, der zugehörigen Tölpel und des virtuosen Autors. Wer Doderer noch nicht kennt: Give it a try! Elke Schmitter

Anzeige Heimito von Doderer: "Die Wasserfälle von Slunj". Mit einem Nachwort von Eva Menasse. Verlag C.H.Beck, 405 Seiten, 24 Euro.
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Für Provinzheimkehrer

In Moskau ist Patja das Landei, das die Überspanntheiten der Großstädter albern findet. Doch wenn sie nach Hause, nach Dagestan kommt, überfallen sie alle mit dem neuesten Klatsch und finden, mit 25 sei es so langsam Zeit zu heiraten. Darüber braucht man sich nicht zu erheben: Ähnliche Szenarien spielen sich, mehr oder weniger subtil, auch in der deutschen Provinz noch ab, gerade rund um Weihnachten. Im Dagestan der dort aufgewachsenen Autorin Alissa Ganijewa, selbst erst Anfang 30, spielen noch die Religion, lokale Banden und die Unterdrückungsgeschichte mit Russland hinein - die Namen mögen fremd sein, doch die Grundkonflikte sind vertraut und die Pointen dieses turbulenten Romans treffen. Felix Bayer

Anzeige Alissa Ganijewa: "Eine Liebe im Kaukasus". Übersetzt von Christiane Körner, Suhrkamp, 240 Seiten, 22 Euro.
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Für Fantasy-Fans und FeministInnen

Starke und unstereotype Frauenfiguren spielen immer größere Rollen in Comics. Am konsequentesten wenden sich Marjorie Liu (Story) und Sana Takeda (Zeichnungen) gegen die vorherrschenden Frauenbilder des Genres: In ihrem Fantasy-Comic "Monstress" spielen Männer nur marginale Rollen. Die zahlreichen weiblichen Figuren, allen voran die junge Kriegerin Maika, die von einem Monster besessen ist und eine Odyssee durch ein kriegsverwirrtes Land absolviert, das von einem faschistischen Inquisitorinnen-Orden beherrscht wird, sind dafür umso vielschichtiger - und kontroverser in ihren Gräueltaten und Gewaltausbrüchen. Ein düsteres und packendes, umwerfend eigenständiges und leidenschaftlich feministisches Werk, dessen komplexe, von Fabelwesen bevölkerte Welt durch Manga, chinesische Antike und Steampunk inspiriert wurde. In den USA wurde "Monstress" bereits für mehrere Preise nominiert und ist eine der erfolgreichsten neuen Heftreihen der jüngsten Zeit. Andreas Borcholte

Anzeige Marjorie Liu und Sana Takeda: "Monstress". Cross Cult, 192 Seiten, 16,80 Euro.
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Für große Mäusefreunde und kleine Mondforscher?

Tja, da hängt man zum Beispiel jede Nacht vor dem Teleskop und stellt seine Berechnungen an, trägt Beweise zusammen und macht phantastische Zeichnungen, sodass am Ende klar ist, dass der Mond aus Stein besteht und angestrahlt wird, von der Sonne. Und dann glauben die anderen Mäuse immer noch, dass die Himmelsscheibe aus Käse ist. Einfach, weil sie Käse lieben, und warum soll man sich seine Liebe kaputt machen lassen, durch Forscherei? Doch das emsige Mäuschen Armstrong macht sich auf den Weg, hinauf, auf den angeblichen Käseplaneten, um die Steinkugel mittels Mäusefahne für sich und seine Freunde in Besitz zu nehmen. Das Forschungsbuch des Hamburger Zeichners Toben Kuhlmann ist das schönste Bilderbuch des Jahres, so detailfreudig, liebenswert und überzeugungskräftig, dass selbst die größten Käsefreunde am Ende ihre Lieblingsillusion gerne gegen die steinerne, fantastische Wirklichkeit eintauschen. Volker Weidermann

Anzeige Torben Kuhlmann: "Armstrong - Die abenteuerliche Reise einer Maus zum Mond". NordSüd Verlag, 128 Seiten, 19,99 Euro.
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Für ungeduldige Serienfans

Also, der neueste Stand: Irgendwann in der ersten Jahreshälfte 2017 sollen sie kommen, die neuen Staffeln von "Twin Peaks", und David Lynch führt nicht nur Regie, sondern taucht auch wieder als schwerhöriger FBI-Agent auf - das zeigt ein neuer Trailer. Die Erinnerung an die anderen Figuren der genialen TV-Serie aus den frühen Neunziger lässt sich auffrischen mit diesem Roman von Lynchs Kompagnon Mark Frost. In einer aufwendigen Collage aus faksimilierten Dokumenten werden die Log Lady, Dr. Jacoby und all die anderen mit so ziemlich jedem klassischen Verschwörungstheorie-Sujet der letzten Jahrzehnte verwoben: Ufos, Nixon, Indianer - you name it. Ein fast so großer Spaß wie einst die geheimen Tagebücher der Laura Palmer - und noch rätselhafter. Felix Bayer

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Für Wortsucher und Zwetschgenfinder

"Da ist bald kein himmel draußen, bald werden die minuten schneien" - und manchmal braucht es Gedichte, um daran zu erinnern. Roberta Dapunt lebt in Italien auf einem Bauernhof, schreibt in italienischer und ladinischer Sprache von einsamen Gängen zum Stall, vom Trost der Sterblichkeit, vom Glauben an Gott und von dem Korb für die Zwetschgen in ihrer Hand, "geflochten aus meinen nerven". In ihrer online-Lyrikkolumne "Tagtigall" beim "Perlentaucher" weist Marie-Luise Knott auf diese Dichterin hin, bei der "sich das Heilige im Profanen manifestiert". Nun ist ein zweiter Band Gedichte auf Deutsch erschienen, von zwölf DichterInnen und ÜbersetzerInnen übertragen und doch ganz und gar einstimmig in seiner zarten Kraft. Elke Schmitter

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Für die Theatertante in der Provinz

Das Drama des Theaterliebhabers besteht darin, dass das Theater eine so verflucht ortsgebundene Kunst ist, anders als die Literatur, weshalb das verführerischste Theater meist dort über die Bühne geht, wo er gerade nicht ist: in Berlin, München, Wien, wo auch immer, jedenfalls in einer großen Stadt weit weg. Wer glaubt, darüber könne die Lektüre von Theaterstücken hinwegtrösten, der hat noch nicht viele gelesen - und Ahnung vom Gesamtkunstwerk Theater hat er sowieso nicht. Stücke gehören auf die Bühne, nicht in ein Buch. Sie sind nicht zum Lesen da. Es sei denn, es handelt sich um die Stücke von Wolfram Höll, 30. Ihnen ist schon das Blatt eine Bühne. Höll schreibt tastend, setzt seine kargen Sprachpartituren in schmale, versetzt angeordnete Spalten, aus denen ihm immer mal wieder ein Wort davonhüpft. Allein das Schriftbild ist eine Inszenierung. Die Show wäre noch besser, wenn der Suhrkamp-Verlag die drei Stücke, die er in diesem Buch versammelt, in der Schreibmaschinen-Optik gedruckt hätte, in der Höll sie mal geschrieben hat, inklusive verrutschten Buchstaben und variierenden Anschlagsstärken. Aber ein Drama ist das nicht. Ein Drama wäre es, wenn sich diese so eigene Theatersprache nicht landauf, landab verbreiten würde. Tobias Becker

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Für die, die über Familien lachen können

Weihnachten, das Fest der Besinnlichkeit - bei manchen Familien entwickelt es sich fast zwangsläufig so chaotisch wie bei den Hoppenstedts. Wer den Loriot-Sketch zum Weihnachtsritual zwingend dazuzählt, der wird viel Spaß haben an diesem Debütroman einer 1988 geborenen Autorin. Wobei es da die Master-Abschlussfeier der 25-jährigen Thene in Oxford ist, um die das große Familienchaos ausbricht. Im Mittelpunkt steht die fürchterlich geltungssüchtige Mutter - wenn auch durch ihren Unfalltod. Schwarzer Humor mit gesellschaftsanalytischen Untertönen. Felix Bayer

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