Luxuswaren in der DDR Bestellen, was es eigentlich nicht gab

Segelboot, Fertighaus, West-Auto? Kein Problem! 1956 gründete die DDR den Versandhandel Genex, ein ökonomisch paradoxes Modell: BRD-Bürger shoppten für ihre DDR-Verwandten - und verschärften den Mangel weiter.
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Freiheit: Zumindest ein bisschen. Genex führte bisweilen Familien zusammen, da West-Verwandte für ihre Angehörigen in der DDR gemeinsame Luxusreisen buchen konnten - allerdings nur in die sozialistischen Bruderstaaten. Dafür gab es jedes Jahr einen speziellen Genex-Reisekatalog, hier eine Werbung dafür aus dem Jahr 1980.

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Glückliche Beschenkte: Am 20. Dezember 1956 gründete die DDR ein Unternehmen, mit dem sie ihren Staatshaushalt sanieren wollte - die Geschenkdienst- und Kleinexporte GmbH, bald nur noch Genex genannt. Das Prinzip: BRD-Bürger schenken ihre Verwandten per DDR-Versandhandel Luxuswaren, die sonst kaum oder nur nach langer Wartezeit zu bekommen waren. Die DDR strich Millionen ein - und spaltete die Gesellschaft weiter.

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"Vollflächig verleimt": Die "saunalux" Kabine aus "nordischer Fichte" gab es im Genex-Katalog von 1986 für 3210 D-Mark. In den Katalogen gab es zwar auch Westwaren, die meisten Produkte stammten aber aus der DDR-Produktion. Genex exportierte damit paradoxerweise seine Waren ins eigene Land - mit Gewinn: Denn die Artikel wurden günstig in der DDR hergestellt, aber zu hohen D-Mark-Preisen verkauft, zoll- und steuerfrei.

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Nichts war unmöglich, auch nicht der "Traumstrand hinter dem Haus". Stolze 3250 D-Mark kostete dieser Luxus-Pool mit einem Fassungsvermögen von 24.000 Liter. Passend dazu ...

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... konnte man sich gleich dank Genex ein ganzes Fertighaus von seinen Freunden im Westen schenken lassen. Das hier abgebildete Modell "FHE 106" kostete mit ausgebautem Dachgeschoss und einer Wohnfläche von 150 Quadratmetern 128.000 D-Mark. In nur sechs Monaten war es bezugsfertig - für die DDR sensationell schnell.

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Schneller als die DDR erlaubt: Über den Genex-Versand gab es alles, was es eigentlich nicht gab - ab den Achtzigern auch schnelle Motorboote und schicke Segeljachten. Jahrelang durften Genex aber nur 40-PS-Motoren anbieten, weil die Stasi ebenfalls keine stärkeren hatte. Ab 1985 wurden dann aber westliche Yahama-Motoren mit einer Leistung von bis zu 90 PS zugelassen - für 12.000 Mark nahm man die gesteigerte Fluchtgefahr in Kauf.

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Fremde Flitzer: Am häufigsten von allen Westwaren wurde der VW Golf bei Genex geordert. Selbst ein BMW, Symbol westlicher Dekadenz, durfte ab den Achtzigern via Versandhandel ins Land der Trabis und Wartburgs geschickt werden. Das Problem bei allen Westprodukten waren die Reparaturen und die Beschaffung der Ersatzteile. Auch hier kassierte der SED-Staat wieder ab: Monteure durften nur gegen Vorlage eines Genex-Gutscheins eine defektes Gerät aus dem Westen reparieren.

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Von wegen Mangelstaat! Es funkelte und blitzte in der DDR dank des Versandhandels mit der Geschenkdienst- und Kleinexporte GmbH, kurz Genex. Bürger aus der BRD konnten ihren Verwandten in Ostdeutschland Westwaren und sonst kaum erhältliche Luxusgüter aus DDR-Produktion zukommen lassen. Allein zwischen 1971 und 1981 wurden Aufträge im Volumen von 1,4 Milliarden D-Mark erwirtschaftet. Die wertvollen West-Devisen ...

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... flossen direkt in den Topf "operative Staatsdevisenreserve A", verwaltet von der Kommerziellen Koordinierung, kurz Koko. Die Koko war 1966 gegründet worden und wurde von Alexander Schalck-Golodkowski geleitet, der sich bald einen Namen als gewiefter Finanzjongleur machte. Schalck-Golodkowski sollte mit Milliarden an westlichen Devisen die wirtschaftliche Situation in der DDR stabilisieren. Genex spielte zusammen mit den Intershops in diesem System eine wichtige Rolle.

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Luxus unter Beobachtung: Die DDR machte mit dem Genex-Handel Millionen, und auch für die Stasi war der Datenpool mit den Empfängern in der DDR eine Goldgrube. Ab 1962 überprüften sie systematisch die Sender der Luxusgeschenke aus der BRD und die Empfänger in der DDR.

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Unter die Haube: Bei Genex gab es 1980 alles fürs moderne Bad. Allein in diesem Jahr bearbeitete Genex etwa 300.000 Aufträge und nahm 110,5 Millionen D-Mark ein. Der BRD war Genex ein Dorn im Auge, weil sie fürchtete, die West-Devisen würden das System stabilisieren: 1969 hatte das Bundesministerium für innerdeutsche Angelegenheiten die Westdeutschen daher aufgefordert, ihre Verwandten in der DDR nur in Notfällen über Genex zu beschenken.

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DDR-Träume: Die Genex-Nachthemden-Kollektion von 1989. Um an harte D-Mark zu kommen, bot die SED-Firma hochwertige Waren an. Bezahlt werden mussten sie in D-Mark über zwei Zwischenfirmen im Westen; die DDR-Bürger bekamen die Nachthemden dann als Geschenk.

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Genex-Leben: Über Genex konnte sich der DDR-Bürger dank zahlungskräftiger West-Verwandten sein ganzes Leben einrichten - vom Fertighaus über die Küche bis zum Luxus-Segelboot. Hier ein Auszug aus dem Katalog von 1980.

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Am Puls der Gesellschaft: Wovon die DDR-Bürger träumten, ließ sich einfach an den Genex-Bestellungen ablesen. Besonders beliebt waren Elektrogeräte: Fernseher, Waschmaschinen, Staubsauger, Rasenmäher, Kühlschränke und Tiefkühltruhen, wie hier aus dem Katalog von 1977.

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Verdruckster Umgang: US-amerikanische Levis-Jeans in der DDR? Das gab es nur dank Genex. In Ruhe durchblättern durften die DDR-Bürger die Kataloge aber nicht. Die Hefte gab es nur im Westen. In der DDR waren sie lediglich in drei offiziellen Informationsbüros in Leipzig, Rostock und Ost-Berlin einzusehen. Die DDR wollte von dem lukrativen Versandhandel profitieren - aber nicht, dass zu viele Bürger die Doppelmoral bemerkten. Westdeutsche, die die Kataloge in den Osten mitnehmen wollten, bekamen an der Grenze Probleme und durften die Kataloge nicht einführen.

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Auf Genex! Schon kurz nach der Gründung vor nun 60 Jahren war der Genex-Versandhandel in der DDR sehr beliebt, auch wenn er die Gesellschaft weiter spaltete - in jene Glücklichen mit West-Verwandtschaft und jene ohne BRD-Spender. Jedes Jahr wurden Hunderttausende Artikel über Genex vom Westen in den Osten geschickt. Die DDR nahm damit Hunderte Millionen D-Mark ein.

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Rationiert: Genex verschärfte den Mangel in der DDR und verlängerte die Wartezeiten bei Luxusartikeln, weil die Firmen dazu verpflichtet waren, große Kontingente ihrer wertvollen Waren für den Genex-Versandhandel zurückzustellen. 1973 etwa wurden 5000 Quadratmeter des beliebten Teppichmodells "Täbris" für Genex reserviert. Es blieben für den gesamten Binnenhandel 43.000 Quadratmeter - das waren für jeden DDR-Betrieb nur 800 Quadratmeter. Bei Autos ...

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... war die Quote noch drastischer. 1966 war jeder fünfte Wartburg für den Genex-Handel reserviert, hier eine Anzeige aus dem Genex-Katalog von 1980. Wer das große Glück hatte, den Wagen via Genex von der West-Verwandtschaft geschenkt zu bekommen, konnte sich nach ein paar Wochen seinen neuen Wartburg abholen. Der Rest der DDR-Bevölkerung musste mindestens zwölf Jahre auf ihn warten.

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Der Klassiker: Die edle und beliebte Schrankwand "Carat", hier aus dem Genex-Katalog von 1977. Die meisten Artikel in den Katalogen waren hochwertige und seltene DDR-Produkte, die man sonst kaum oder erst nach jahrelanger Wartezeit bekam. Genex bot an, was es eigentlich nicht gab - und lieferte das dann binnen Wochen.

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Selbstkauf: Ab den Siebzigern wurde der Versandhandel vereinfacht. BRD-Bürger durften ihren Ost-Verwandten nun spezielle Genex-Gutscheine schenken, mit denen die dann bei DDR-Händlern ihre Waren selbst einkauften.

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Geschenke, direkt vom Klassenfeind: Mit Farbmonitor kostete 1988 der Schneider "Euro PC" bei Genex 1898 D-Mark. Für ähnlich stolze Preise gab es den legendären Commodore C64. Um an West-Devisen zu gelangen, bot das SED-Unternehmen Genex einige Produkte vom ideologischen Erzfeind an. Die DDR gestand damit indirekt ein, dass die eigenen Produkte technisch nicht immer mithalten konnten.

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Mein erster Farbfernseher: "Das war doch die Abstaubertruppe", sagte Zeitzeuge Karl S. nach der Wende der Historikerin Franka Schneider, die im Jahr 2000 den Aufsatz "Ein Loch im Zaun" über Genex geschrieben hat. "Die haben mit Mangelware Geschäfte gemacht. Die Preise waren total überhöht." Der Zeitzeuge war selbst Profiteur des Systems: Seine Tante schenkte ihm via Genex Anfang der Achtziger einen hochmodernen Farbfernseher der westdeutschen Firma Blaupunkt. Im Katalog von 1980 kostete das Modell "Malaga" stattliche 2598 D-Mark.

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Autos, Autos, Autos: An den Genex-Katalogen konnte man ablesen, was in der DDR am sehnlichsten erwünscht war. So gab es, wie hier aus dem Jahr 1977, einen Auto-Zusatzkatalog. Rund 70 Prozent aller Bestellungen bei Genex waren Autos. Allein zwischen 1981 und 1988 wurden 81.000 Trabis und Wartburgs sowie 13.000 VW Golfs bestellt.

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Frohe Ost-Weihnachten mit westlichen Klassikern wie Milka-Schokolade, Bahlsen-Keksen, Jacobs-Kaffee und Kupferberg-Sekt. BRD-Bürger konnten ihren Ost-Verwandten ab 1956 beliebte Westwaren als Geschenk schicken lassen. In den Genex-Katalogen ....

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... gab es extra eine große Auswahl an verschiedenen Essenspaketen unter dem Motto: "Tischlein deck dich gut".

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Ab in den Ost-Urlaub: Der Genex-Urlaubskatalog von 1978. So schickte die BRD-Verwandtschaft ihre Angehörigen im Osten auf eine teure Luxusreise in den Osten. Angeboten wurde etwa ...

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... das "große Orient-Erlebnis", das durch Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan führte. Kostenpunkt für 13 Tage: 1396 D-Mark.

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Lohnendes Geschäft:Viele der in den Genex-Katalogen angebotenen Produkte aus der DDR wurden auch ins "nichtsozialistische" Ausland exportiert. Dort erzielten sie aber oft nur ein Drittel oder ein Viertel der Preise, die sie im Genex-Katalog kosteten. Das Prinzip des Schenkens bescherte der DDR Millionen.

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Kinderträume: Dieses Geschenk war ideologisch nicht ganz unproblematisch. Doch über Genex schaffte es auch die Mickey Mouse, eigentlich ein Symbol der verteufelten US-amerikanischen Kommerzialisierung durch den Disney-Konzern, in die DDR - hier in Form eines Tuschekastens mit 47 Farben.

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Uneinsichtig: Die Mauer war 1989 gefallen, das Geschäftsmodell des SED-Versandhandels Genex damit eigentlich gestorben. Fast trotzig warb der Katalog von 1990 für seine Geschenke in die DDR: "Jetzt erst recht, zu Super-Preisen." Der Genex-Geschäftsführer plante, den Handel auf Mode zu spezialisieren, was aber misslang.

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