Mail Art Knast für eine Postkarte

Mit provokativen Polit-Postkarten piesackten ostdeutsche "Mail Art"-Künstler in den Achtzigern die SED-Oberen. Die Stasi filzte Briefkästen nach solch subversiven Botschaften und lochte manchen Mailartisten ein. Lutz Wohlrab zeigt eine Auswahl der kleinen Kunstwerke mit politischer Sprengkraft.
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"Recycle this Paper Please": 1992 reagierte der Friedrich Winnes, einer der führenden Mailartisten der DDR, mit diesem ironischen Seitenhieb auf das Ende der kommunistischen Utopien - die Säulenheiligen des Sozialismus von Marx bis Gorbi sah er reif für das Altpapier.

Foto: Lutz Wohlrab/Friedrich Winnes
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Akt mit Volkspolizist: Joseph W. Huber war einer der bedeutendsten Protagonisten der ostdeutschen Mail-Art-Szene. Dieses Motiv entstand um 1980.

Foto: Lutz Wohlrab/ Joseph W. Huber/ Wohlrab Verlag
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"Kleider machen Leute": Diese Karte des Künstlers Steffen Giersch von 1984 wurde auch in der Mail-Art-Ausstellungen "Revolution by Demonstration in Eastern Europe" im Oktober 1990 in der Dresdner Versöhnungskirche gezeigt.

Foto: Lutz Wohlrab/Steffen Giersch
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Grenzüberschreitende Gefahr: Der Saarländer Aloys Ohlmann getaltete 1978 diese Postkarte, die die grenzüberschreitenden Charakter von Umweltzerstörung aufnimmt. Ein Hauptanreiz für die Mailartisten dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs war es von vorneherein, die Blockgrenzen wenigstens postalisch zu überwinden.

Die Saarländische Universitäts- und Landesbibliothek Saarbrücken zeigte im Jahr 2000 gemeinsam mit Aloys Ohlmann die Retrospektive "Mail Art Saarland - DDR: Schmuggelgut oder Kassiber?", die im Jahr darauf auch in der Universitätsbibliothek Leipzig zu sehen war.

Foto: Lutz Wohlrab/Aloys Ohlmann
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Wortspiel: Gerd Börner verfremdete dieses "Transit Westberlin"-Schild 1980 für eine Mail-Art-Postkarte, bevor er selbst von Ost- nach Westberlin ausreiste.

Foto: Lutz Wohlrab/Gerd Börner
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"Die Liebe aufrüsten": Joachim Stange wurde 1950 in Zittau geboren. Nach einer Ausbildung zum Offset-Retuscheur arbeitete er als Gärtner, Bühnenhandwerker und Krankenträger. Nach seinem Umzug nach Dresden beschäftigte er sich Anfang der achtziger Jahre mit Mail Art und wurde vom Ministerium für Staatssicherheit im Operativen Vorgang "Feind" bearbeitet, zusammen mit den Mail-Art-Künstlern Birger Jesch, Jürgen Gottschalk sowie Steffen und Martina Giersch. Stanges Mail-Art wurde 2002 in der Ausstellung "Ein offenes Geheimnis. Post- und Telefonkontrolle in der DDR" des Museums für Kommunikation Berlin exemplarisch gewürdigt. Diese Motiv entstand 1981 zur Zeit der Nachrüstungsdebatte.

Foto: Lutz Wohlrab/Joachim Stange
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Postkontrolle: Mit dieser Karte, die als Motiv einen Ausriss aus einer DDR-Zeitung über angebliche Postkontrollen in der Bundesrepublik hat, nahm der Dresdner Mailartist Jürgen Gottschalk 1981 die Postzensur in der DDR aufs Korn. Ein erheblicher Reiz lag für viele Mailartisten darin auszuprobieren, welche Motive die ostdeutsche Postzensur durchlassen würde und welche nicht. Gegen dieses Motiv war vordergründig nichts einzuwenden - es gab die offizielle Linie der SED wieder. Aber natürlich erschloss sich jedem DDR-Betrachter sofort, was damit eigentlich angeprangert werden sollte.

Foto: Lutz Wohlrab/Jürgen Gottschalk
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"Schuld abladen verboten": Joseph W. Huber wurde am 26. Juni 1951 in Halle an der Saale geboren. Er absolvierte eine Ausbildung zum Offsetdrucker, später war er in verschiedenen Berufen tätig. Seit 1979 gab er eigene kritische und satirische Motive als Postkarten und Plakate heraus. Nach dem Ende der DDR gründete Huber die "edition Karte'll" und gab nun auch Postkarten befreundeter Künstler heraus. Nach der großen Ausstellung "Mail Art - Osteuropa im internationalen Netzwerk" (1996) verkaufte er sein gesamtes Mail-Art-Archiv an das Staatliche Museum Schwerin. Dennoch blieb er weiter mit den vielen Post-Partnern in Kontakt, schrieb jeden Morgen vier bis fünf Briefe und zeigte seine Kunst im "Kleinformat" in zahlreichen Ausstellungen. Am 5. August 2002 nahm sich Jospeh W. Huber das Leben.

Foto: Lutz Wohlrab/Joseph W. Huber
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"Jeder Mensch ist ein Künstler": Diese gestempelte Aufforderung stammt von Rainer Luck von 1983, der 1984 von der Stasi verhaftet wurde.

Foto: Lutz Wohlrab/Rainer Luck
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Anagramm: Dieses Angstlos-Glasnost-Anagramm gestaltete der schweizer Mailartist H. R. Fricker 1988.

Foto: Lutz Wohlrab/H. R. Fricker
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"Werfen Sie diese Karte ...": Eine eindeutige Aufforderung per Post des Ostberliner Künstlers Robert Rehfeldt von 1980.

Foto: Lutz Wohlrab/Robert Rehfeldt
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Bitte Sauber öffnen: Diese ironische "Bitte" stempelte Joachim Stange 1982 auf einen Umschlag, weil seine Post immer wieder von der Stasi geöffnet wurde. Wenn Briefe nicht ohne Beschädigung konspirativ durchsucht werden konnten, behielten die DDR-"Sicherheitsorgane" sie einfach ein - solche Post fand sich dann oft erst nach Ende der DDR bei der Akteneinsicht in derStasi/Unterlagen-Behörde wieder an.

Foto: Lutz Wohlrab/ Joachim Stange
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Keine Post für Marlene Dietrich: Diese vordergründig "musikalische" Karte von Jürgen Gottschalk entstand 1980 und kritisierte das spurlose Verschwinden von Briefen und Postkarten aufgrund der Postzensur in der DDR.

Foto: Lutz Wohlrab/Jürgen Gottschalk
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Wilkommen in Karl-May-Stadt: Um dem Überwachungsstaat ein Schnippchen zu schlagen, gaben Mailartisten wichtige Sendungen als Einschreiben auf - immerhin zahlte die DDR-Post bis zu 40 Ost-Mark für ein verlorenes Einschreiben. Das klappte nicht immer, aber so ließen sich die Funktionäre gelegentlich zum Eingeständnis der Postzensur bewegen. Das Hauptpostamt Dresden 6 etwa teilte Birger Jesch einmal mit, dass er keinen Ersatzanspruch für Sendungen hätte, die "wegen ihrer äußeren Beschaffenheit den Grundsätzen der sozialistischen Moral zuwiderlaufen". Auf dieser Postkarte aus Karl-Marx-Stadt hatte er das zweite R weggekratzt und aus dem X ein Y gemacht. Im Karl-Marx-Jahr 1983 erschienen zum ersten Mal nach dem Krieg Karl-May-Bücher in der DDR. Birger Jesch wurde im Jahr 1960 seine Vorkriegsausgabe vom "Schatz im Silbersee" von der Klassenlehrerin konfisziert. Er meint heute, dass es ihm damals mehr um die Darstellung der wackligen DDR-Ideologie als um das Einklagen einer neuen Karl-May-Rezeption ging.

Foto: Lutz Wohlrab/Birger Jesch
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Robert Rehfeldt, "Kunst: Robert Rehfeldt (1931 - 1993) war der erste Mailartist in der DDR. Zur Eröffnung seiner Retrospektive in der Berliner Galerie Parterre, die erst kürzlich zu Ende gegangen ist, sagte Eugen Blume: "Rehfeldt war ein Fließender, ein sich Verzehrender, ein wahrer Fluxmensch".

Foto: Lutz Wohlrab/Robert Rehfeldt
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Joseph W. Huber, "Geht nicht ..." 1980er Jahre.: Joseph W. Huber (1951 - 2002) macht auf ein doppeltes Dilemma aufmerksam, Telefonanschlüsse bekam man nicht und die öffentlichen Münzfernsprecher waren kaputt.

Foto: Lutz Wohlrab/Joseph W. Huber
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Gestörte Ordnung: Der Berliner Mailartist Friedrich Winnes (1949-2005), der von der Stasi zwischen 1977 und 1987 bespitzelt wurde, wäre wegen dieser Postkarte 1980 um ein Haar verhaftet worden. Die Fotocollage zeigt Winners damals gerade geborene Tochter, auf deren Brust der Orden "Aktivist der Arbeit" prangte. Darin sah die Stasi den Tatbestand der Verbreitung von "Symbolen, die geeignet sind, die staatliche oder öffentliche Ordnung zu beeinträchtigen, das sozialistische Zusammenleben zu stören oder die staatliche oder gesellschaftliche Ordnung verächtlich zu machen". Darauf standen bis zu drei Jahre Gefängnis.

Foto: Lutz Wohlrab/Friedrich Winnes
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"Brief lässt sich ohne Beschädigung nicht öffnen": "Brief lässt sich ohne Beschädigung nicht öffnen": Ein interner Hinweis der für Postkontrolle zuständigen Stasi-Abteilung "M" auf einem Brief von 1985. In solchen Fällen wurde die Post einfach einbehalten - Nachforschungsanträge wurden ignoriert. Manche dieser Brief tauchten nach dem Untergang der DDR in den geöffneten Stasi-Akten wieder auf.

Foto: Lutz Wohlrab/Friedrich Winnes
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"Die DDR entläßt ihre Kinder...": Geschenksendung, keine Handelsware - diese Postkarte entstand nach der Dissidenten-Ausweisung nach der Rosa-Luxemburg-Demo. Sie wurde mehrfach in die DDR versandt, erreichte die Empfänger jedoch nicht und befindet sich wahrscheinlich in den Stasi-Unterlagen.

Foto: Wolfgang Rupprecht
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Holzpostkarte an Honecker: Diese Holzpostkarte an Erich Honecker (Vorderseite) vom 28. März 1986 war Teil eines kreativen Schriftwechsels über die Mauer. Die Karte wurde wahrscheinlich von der Staatssicherheit mehrfach durchleuchtet und als Sicherheitsrisiko an den Absender zurückgesandt. Der Text enthielt die Bitte an Honecker, die Begegnungs- und Austauschmöglichkeiten der Bürger beider deutscher Staaten im Sinne der KSZE-Schlußakte weiter voranzutreiben. Der höfliche Text auf unkonventioneller Holzpostkarte zielte provokant auf entsprechende Reaktionen der Sicherheitsorgane der DDR.

Foto: Wolfgang Rupprecht
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Holzpostkarte an Honecker (Rückseite): Die im März 1986 vom westdeutschen Siegen aus an den DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker verschickte Karte wurde wahrscheinlich von der Staatssicherheit mehrfach durchleuchtet und als Sicherheitsrisiko an den Absender zurückgesandt.

Foto: Wolfgang Rupprecht
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Post aus dem Museum der Museen: Diese Woche erreichte mich eine Mail-Art-Sendung des Konzeptkünstlers Johan van Geluwe, der 2009 80 Jahre alt wurde. Einer seiner ersten Briefe an mich, in das kommunistische Museum DDR, enthielt seinen Beitrag zu meinem damaligen Mail Art Projekt "please stamp for me". Teile dieses Projekts sind derzeit im Dresdner Stadtmuseum in der Ausstellung "Keine Gewalt" als Dokumente der Dresdner Subkulturszene aus den achtziger Jahren zu sehen.

Foto: Birger Jesch
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Künstlerstempel auf DDR-Löschpapier: Johan Van Geluwe aus Belgien erklärte per Stempel am 9. Juni 1981 die Stadt Dresden zum Museum - eine Geste im Sinne unserer Einwände gegen das Wettrüsten. In Dresden gab es eine Vielzahl von Mail-Art-Aktivitäten zum Thema, die im Umfeld engagierter Kirchgemeinden eine größere Öffentlichkeit erreichten. In der Weinbergskirche wurden die aus aller Welt eingetroffenen Stempelbotschaften im Jahr 1983 ausgestellt. Damals zusammen mit meinem Mail-Art-Projekt "Kollektiv Collagen", das jetzt (2009) noch einmal komplett in der Dresdner Subkultur-Retro-Ausstellung "Ohne Uns" zu sehen ist.

Foto: Birger Jesch
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Mail-Art-Ausstellung "Artist Stamps": Die bestempelten DDR-Löschblätter wurden im April 1982 in der Dresdner Weinbergskirche ausgestellt. Vorn im Bild zwei von der Stasi im OV "Feind" observierten Dresdner-Mail-Artisten: Martina Giersch und Jürgen Gottschalk.

Foto: Birger Jesch/Steffen Giersch
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Vorsicht Knst!: Diese Karte spielte auf die Verhaftungen der beiden Mail-Artisten Rainer Luck aus Erfurt und Jürgen Gottschalk aus Dresden an. Beide wurden 1984 zu langen Haftstrafen verurteilt, weil sie Ausreiseanträge in die BRD gestellt haben. Dabei wurden ihnen ihre Mail-Art-Kontakte in den Westen als staatsfeindliche Hetze und illegale Kontaktaufnahme vorgehalten.

Foto: Lutz Wohlrab
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Brecht-Adaption: Auch diese Mail Art-Karte spielt auf die Möglichkeit an, in der DDR wegen unangepasster Meinungsäußerungen einfach verhaftet zu werden.

Foto: Lutz Wohlrab
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