Verschickungskinder Als das Heim weh tat

Sie wurden geschlagen, durften nachts nicht zur Toilette, mussten Erbrochenes essen: Ab den Fünfzigerjahren wurden Millionen Kinder in Kurheime verschickt. Lange schwiegen die Opfer - nun organisieren sie sich.
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Vergessene Schicksale: In der Nachkriegszeit wurden in der Bundesrepublik systematisch Kinder für meist sechs Wochen in Kurheime verschickt. Dort sollten sie aufgepäppelt werden, mit einer "besonderen Liebe" (Aufnahme von einem Kinderheim auf Norderney, 1961). In Wirklichkeit wurden in den Ferienheimen aber zahlreiche Kinder seelisch und körperlich misshandelt. Einige wenige Betroffene hatten darüber in den vergangenen Jahren berichtet; dass dies keine Einzelfälle waren, hatte 2017 die Journalistin Lena Gilhaus in Beiträgen für die "Zeit" und den Deutschlandfunk recherchiert.

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Anja Röhl, hier 1958 im Alter von etwa drei Jahren mit ihrer Familie, wurde mehrfach in Heime verschickt. Beim ersten Mal kam sie als Fünfjährige in das Hamburger Kinderheim in Wyk auf Föhr. Das zweite Mal als Achtjährige in ein Heim im Teutoburger Wald.

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Röhl empfand ihre Aufenthalte und die mitunter sadistischen Erziehungsmethoden der Erzieherinnen als traumatisierend (hier eine Aufnahme im Alter von fünf Jahren, dem Zeitpunkt ihrer ersten Verschickung). Die Vergangenheit ließ sie nicht mehr los. 2009 schrieb Röhl, die als Journalistin arbeitet, einen Artikel über ihre Erlebnisse in Wyk auf Föhr, 2013 einen Buchbeitrag. Mit der Zeit meldeten sich andere Betroffene bei ihr, sie hatte offenbar einen Nerv getroffen. "Ich habe immer gedacht, ich bin allein", schrieben ihr viele.

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Inzwischen hat Anja Röhl (Privataufnahme) 700 Berichte von ehemaligen "Verschickungskindern" gesammelt. Röhl las dort, was sie selbst erlebte: Prügel, systematische Demütigungen, Misshandlungen. Kinder sollen gar gezwungen worden sein, ihr Erbrochenes zu essen. Die schlimmsten Erlebnisse wurden "mit fotografischer Präzision erinnert" sagt sie. Im November 2019 hat Röhl den ersten Kongress zu diesem Thema organisiert. Damit will sie auch die Forschung anstoßen. Röhl ist eine Tochter des einstigen "Konkret"-Herausgebers Klaus Rainer Röhl, der in zweiter Ehe mit Ulrike Meinhof verheiratet war.

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Vergessen: In Sonderzügen wurden jährlich Hunderttausende Kinder auf Anraten von Ärzten in die Ferne geschickt; manche waren da erst zwei Jahre alt. Das Foto von 1969 zeigt das Haus Concordia auf Borkum - von der Nordsee bis zum Bayerischen Wald gab es in den Sechzigerjahren mindestens 839 Kinderkurheime. Davon existieren heute nur noch etwa 50 - und die erinnern ungern an ihre Vergangenheit. Die meisten Heimleiter und Heimleiterinnen von damals dürften längst verstorben sein. So gibt es derzeit nur Aussagen über die Misshandlungen aus Sicht der damaligen Opfer. Über die Arbeit und Zusammensetzung des Personals weiß man wenig, ebenso über die Rolle der Ärzte und Krankenkassen.

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Sabine Ludwig, hier 1964 im Alter von zehn Jahren, dem Zeitpunkt ihrer zweiten Verschickung. Sie ist eines der vielen Kinder, die Opfer einer "extrem kalten Pädagogik" wurden, bei der Personal und Methodik aus der NS-Zeit übernommen wurden, wie Anja Röhl vermutet. Ludwig etwa durfte bei ihrem ersten Heimaufenthalt nachts nicht auf die Toilette, nässte ein - und wurde dafür von den Erzieherinnen vor anderen Kindern gedemütigt.

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Gemalte Hilferufe: Vor ihrem zweiten Aufenthalt in einem Ferienheim auf Borkum vereinbarte Sabine Ludwig einen Geheimcode mit ihren Eltern. Denn die Erzieherinnen, die sie nur "die Tanten" nannte, kontrollierten die Post. Malte Sabine ein buntes Haus, war alles in Ordnung. Malte sie ein schwarzes Haus, ging es ihr schlecht. Sie schrieb nur Briefe mit schwarzen Häusern. Hier ein Ausschnitt ihres ersten Briefs von Oktober 1964. Darin schrieb Ludwig von ihrem Heimweh und flehte die Eltern an: "Macht was. Bitte! Bitte!"

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Handschriftlich notierte eine Erzieherin neben der Zeichnung, Sabine gehe es gut: "Sie hat heute noch nicht geweint." Dann zwang sie das Kind, unter P.S. zu schreiben, dass Heimweh werde sicher bald vergehen. 50 Jahre später verarbeitete Sabine Ludwig, inzwischen Autorin, ihre Erlebnisse in ihrem Jugendroman "Schwarze Häuser". Die Handlung spielt auf einer namentlich nicht genannten Insel, die stark an Borkum erinnert. Keines der Kinder ist freiwillig dort. Im Roman triumphieren sie aber am Ende.

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Folgenlos: Obwohl Sabine Ludwig in ihrer Post deutlich machte, dass sie sich auf Borkum schlecht fühlte, gingen ihre Eltern kaum darauf ein. Der Vater schrieb lieber ausführlich über das Wetter in Berlin und bat seine Tochter, ihm eine Postkarte mit dem Borkumer Leuchtturm zu schicken: "Sehr hübsch wäre es auch natürlich, wenn Du den Leuchtturm mal malen würdest." Und die Mutter ermahnte die Tochter, sich brav bei den ungeliebten Erzieherinnen zu bedanken. Sie sei "sehr enttäuscht" von ihren Eltern gewesen, sagt Ludwig heute.

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Das Schweigen brechen: Immer mehr ehemalige Opfer der Kinder-Ferienheime äußern sich inzwischen öffentlich - hier eine aktuelle Aufnahme der Buchautorin Sabine Ludwig. Ihre Erinnerung an die Erzieherinnen in den Heimen: "Sie waren alle von einer gleichgültigen Brutalität."

Foto: Paulus Ponizak