Historische Ridesharing-Dienste Ruf mich an!

Einen Rufbus bestellen? Kein Problem. Einfach zur Telefonsäule laufen oder eine Postkarte schreiben. Schon vor Jahrzehnten gab es analoge Varianten von Diensten wie Moia - doch manche Fahrt geriet zur Odyssee.
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R wie Rufbus: R-Busse sollten Ende der Siebzigerjahre den öffentlichen Personennahverkehr revolutionieren, ähnlich wie es aktuell Ridesharing-Dienste wie Moia versprechen. Dazu wurden in zwei Pilotprojekten - in den Städten Wunstorf und Friedrichshafen - alle alten Buslinien abgeschafft. Dafür wurde ein reines Bestellsystem eingeführt - Busfahren "on demand". In Friedrichshafen (Foto) stand anders als in Wunstorf das kleine "r" auf dem Haltestellendach tatsächlich für "Rufbus" - ein Teil des Buchstabens war wie eine alte Telefonwählscheibe gestaltet.

Foto: Airbus Corporate Heritage
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Vollmundiges Versprechen: Am Ende scheiterten beide R-Bus-Systeme (hier das aus Wunstorf) am eigenen Erfolg. Je mehr Fahrgäste die Bedarfsbusse nutzten, desto länger wurden die Wartezeiten und auch die Routenführung konnte chaotisch werden. So wurde aus einer erhofften kurzen Fahrt mitunter eine Odyssee.

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R wie RETAX-Bus: Das "R" war im niedersächsischen Wunstorf keine Abkürzung für "Rufbus", sondern stand für "rechnergestütztes Taxibus-System" - RETAX. Im Volksmund verstand man es aber als Rufbus. Sowohl Wunstorf als auch Friedrichshafen entschieden sich (auch) für intensives Grün als Leitfarbe für ihre Systeme.

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R-Busse konnten telefonisch von zu Hause, von der Telefonzelle oder von kleinen Rufsäulen oder großen Rufautomaten geordert werden. Fahrscheine gab es an den Automaten allerdings nicht, diese dienten nur zur Mitteilung eines Fahrtwunsches und gaben dann einen Beleg aus, auf dem Abfahrtszeit, Busnummer und Umsteigeorte vermerkt waren. Zeitkarten mussten vorher erworben werden, Einzelfahrscheine gab es beim Busfahrer.

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Historisches Haltestellenschild: Der Wunstorfer R-Bus wurde von der Steinhuder Meer-Bahn betrieben. Zu den regulären Haltestellenschildern kamen mit Einführung des Systems die grünen R-Bus-Tafeln hinzu: Die Haltestellen waren nun nummeriert und in A- und B-Straßenseite aufgeteilt. Wer Bus fahren wollte, musste die dreistellige Nummer der Zielhaltestelle kennen; Haltestellennamen spielten nur noch eine untergeordnete Rolle.

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So geht's: Die Fahrgäste mussten das Busfahren völlig neu lernen. Fahrpläne und Linien waren abgeschafft, und einfach auf den nächsten Bus warten und einsteigen funktionierte nicht mehr. Komplett wie Taxis verhielten sich die Kleinbusse aber auch nicht. Damit die Wunstorfer ihr neues Nahverkehrssystem richtig verstanden, halfen Anleitungen wie diese, in denen die Bedienung der Rufsäulen oder die telefonische Bestellung und das Fahren im R-Bus erklärt wurden.

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Historisches Relikt: Der Verein "Steinhuder Meer-Bahn e. V." hat die letzte verbliebene R-Bus-Rufsäule aus Wunstorf vor der Verschrottung bewahrt. Diese kleineren Exemplare waren an apfelgrünen Säulen befestigt und an vielen Haltestellen aufgestellt. Links wurde die dreistellige Nummer der Zielhaltestelle eingetippt, nach Einwurf von 20 Pfennig oder dem Einstecken einer Berechtigungskarte wurde der Bus automatisch angefordert. Die Anforderungsgebühr sollte Missbrauch verhindern. Busnummer, Abfahrtszeit und Ziel wurden auf dem Display angezeigt.

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Hilfe: War keine Rufsäule vorhanden, konnte ein R-Bus auch telefonisch über die Zentrale bestellt werden. Neben den Telefonisten saßen dort auch die Disponenten, die das System und die Routen der R-Busse überwachten und bei Problemen manuell eingreifen konnten. Die R-Bus-Fahrer waren über Sprech- und Datenfunk mit der Zentrale verbunden.

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Ampel für R-Busfahrer: Rotes Licht bedeutete "Nicht losfahren!", gelbes Licht "Zentrale kontaktieren!". Hier zu sehen die Exemplare für die R-Busse zu den Wunstorfer Ortsteilen Blumenau/Liethe und Luthe. Das Lichtsignalsystem am ZOB soll jedoch während all der Jahre des R-Bus-Betriebs in Wunstorf nur wenige Wochen problemlos funktioniert haben. Die eigentlichen Anweisungen bekamen die Fahrer über ihre Terminals in den Fahrzeugen, die über Datenfunk mit der Zentrale verbunden waren.

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Fahrer-Terminal: Auf diesen Anzeigen bekamen die Fahrer der Rufbusse per Funk mitgeteilt, wann sie losfahren sollten, welche Haltestelle als nächstes anzufahren war - und wie viele Fahrgäste dort auf sie warteten. Beim Erreichen einer Haltestelle bestätigte der Fahrer dies mit einer Taste, ebenso beim erfolgreichen Aufnehmen von Fahrgästen. So wusste der Zentralrechner stets, wo die Busse mit wie vielen Passagieren unterwegs waren.

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Heutiger ZOB in Wunstorf: Früher hielten hier die kleinen R-Busse, heute längst wieder nur normale Linienbusse. Der Mast links mit den verwitterten grünen Kunststoffbalken an der Spitze weist noch auf die einstige Existenz des Rufbusses hin. Es sind die letzten noch sichtbaren Spuren des R-Busses im Stadtbild. Mit den dort befindlichen Lichtsignalen erhielt das Fahrpersonal zusätzliche Anweisungen aus der Zentrale.

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Rufbus-Marketing: Auch auf Plastiktüten wurde die Telefonnummer des Rufbusses ins Bewusstsein der Friedrichshafener gebracht. Dabei hatten damals, Ende der Siebzigerjahre, nicht einmal alle Haushalte einen Telefonanschluss. Die Rufsäulen zur Rufbusbestellung übernahmen daher auch die Funktion von Telefonzellen, welche nicht von jeder Haltestelle aus zugänglich waren.

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Theorie und Praxis: Diese Abbildung aus einer Broschüre des damaligen Herstellers MBB skizziert die Funktionsweise des R-Bus-Systems: Konzipiert war es zunächst als reines Bedarfssystem ohne feste Linien oder Fahrpläne. Ein R-Bus setzte sich erst dann in Bewegung, wenn ein Fahrgast ihn anforderte - und brachte ihn wenn möglich auf direktem Wege in kürzester Zeit an das gewünschte Ziel. Als die Fahrgastzahlen jedoch wie erhofft regelrecht explodierten, kam dieses System an seine Grenzen. Schon mit der zweiten Stufe des Probebetriebs wurden 1980 teilweise wieder feste Linien eingeführt.

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Die "kleinen Grünen": So wurden die Rufbusse wie dieser, der gerade vor dem Friedrichshafener Stadtbahnhof hält, auch genannt. Wer seine Zielhaltestellennummer nicht auswendig kannte, fand sie auf dem Stadtplan, der an den Rufsäulen angebracht war. Im Schnitt acht Minuten dauerte es, bis ein über die Rufsäule bestellter Rufbus eintraf. Wie lange die eigentliche Fahrt dauerte, hing vom Fahrgastaufkommen bzw. der Route ab, die der Rufbus nahm. Wenn Fehler auftraten, konnte es passieren, dass aus einer Kurzstrecke eine unfreiwillige Stadtrundfahrt wurde.

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Wachstum: Während in Wunstorf vor allem Volkswagen-Transporter fuhren, waren in Friedrichshafen Mercedes-Kleinbusse unterwegs. Die Rufbus-Flotte vergrößerte sich stetig: Waren es bis 1978 nur sieben Fahrzeuge im Probebetrieb gewesen, fuhren im Folgejahr schon elf der "kleinen Grünen" am Bodensee. Das Maximum wurde 1987 mit 40 Rufbussen erreicht, die dann auch über die Stadtgrenzen hinaus verkehrten.

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Fragiles System: Telefonische und automatische Bestellungen wurden vom Zentralrechner verarbeitet, koordiniert und dann entsprechende Aufträge an die Rufbusfahrer erteilt. In der Praxis kam es jedoch zu mancherlei Problemen. Stürzte z. B. der Großrechner - ein PDP-11 von DEC - ab, mussten die Busse auf offener Strecke stehen bleiben, bis das System wieder lief. Denn Fahrpläne und Linien, nach denen die Rufbusse alternativ hätten fahren können, gab es nicht mehr. In Friedrichshafen wurde die Software im Laufe der Jahre zweimal komplett ausgetauscht, um den Weiterbetrieb bei steigenden Fahrgastzahlen zu gewährleisten.

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Die Rufsäule: Was heute eine App macht, taten damals die Rufsäulen. Sie hatten die Dimension moderner Fahrscheinautomaten und waren an allen größeren Haltestellen zu finden. Insgesamt 16 Exemplare dieses Modells standen einmal in Friedrichshafen und fertigten den Großteil der Rufbus-Anforderungen ab. Mit der Bestellung an den Rufsäulen sollten langfristig Personalkosten eingespart und das System weitgehend automatisiert werden.

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Telefonische Fahrtwunschannahme: Wer einen Ruf- oder R-Bus telefonisch bestellte, landete in der Zentrale, wo die Telefonisten das übernahmen, was die Fahrgäste auch selbst an den Rufsäulen vornehmen konnten: Sie gaben den Fahrtwunsch mit Ziel- und Endhaltestelle und gewünschter Abfahrtszeit manuell ins System ein und teilten dem Anrufer dann die Zeiten, Haltestellenseite und die Busnummer mit. Telefonist beim R-Bus war damals auch ein beliebter und gut bezahlter Nebenjob.

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