Mordprogramm der Nazis Der Leidensweg von Rosa Schillings

Als Todesursache gaben die Nazis an: "Leukämie". Ein Hohn. In Wahrheit starb Rosa Schillings, eine unbeugsame Frau, in der Gaskammer von Hadamar. Gabriele Lübke kennt die ganze Geschichte - Rosa war ihre Großmutter.
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Rosa Schillings wurde im März 1936 in eine Heil- und Pflegeanstalt eingewiesen. Fünf Jahre später starb sie in Hadamar, einer Tötungsanstalt, im Rahmen der "Aktion T4". Mit diesem Mordprogramm töteten die Nationalsozialisten Menschen, deren Leben sie als "lebensunwert" einstuften.

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Rosas Reisepass von 1929: Als Rosa Schillings nach Borneo reiste, war sie 29 Jahre alt. Mit ihren beiden Kindern folgte sie ihrem Ehemann.

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Johann Josef Schillings, Jean genannt, hatte auf Borneo eine Stelle bei einem niederländischen Bergwerkunternehmen angenommen. Die größte Insel Asiens war damals teils niederländische, teils britische Kolonie.

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Beerdigung: Nur ein knappes Jahr nach Rosas Ankunft wurde ihr Ehemann bei einem Aufstand der Bergwerksarbeiter erstochen. Das Foto zeigt Rosa Schillings mit den Kindern Inge und Gregor an seinem Grab auf Borneo.

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Zurück in Deutschland: Mit ihren beiden kleinen Kindern lebte Rosa zunächst wieder in ihrem Heimatort Würselen. Der Lebensunterhalt war durch eine Witwen- und Waisenrente und eigenes Vermögen gesichert. Familiäre Streitigkeiten um das Erbe ihres Mannes setzten Rosa zu, vor allem aber der nächste Schicksalsschlag: Ihre Tochter war an Malaria erkrankt und starb im November 1931. Rosa Schillings litt unter Depressionen.

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Zum Tode verdammt: Dieses Motiv von 1936, das die Nationalsozialisten zu Schulungszwecken verbreiteten, stammt aus der Diaserie "Blut und Boden". Derartige Propaganda sollten den Deutschen vermitteln, dass "erbkranke" Menschen minderwertige, parasitäre Lebensformen seien.

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Volksverhetzung: Besucher der NS-Ausstellung "Erbgesund - Erbkrank" in der Invalidenstraße 138 in Berlin, aufgenommen im Jahr 1934. Mit solchen Veröffentlichungen und Ausstellungen bereitete der NS-Staat sein Mordprogramm an körperlich, geistig oder psychisch Kranken und Behinderten vor.

Foto: ullstein bild/ Scherl
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Transport in den Tod: Graue Busse wie diese der Tarnorganisation Gekrat transportierten zu sechs Tötungsanstalten Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen - oder mit dem, was Nazi-Ärzte als psychische Erkrankungen einstuften.

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Die Busgarage der Tötungsanstalt Hadamar 70 Jahre später (Foto von 2013). Aufgestellt wurde sie Anfang 1941 im Innenhof der Anstalt und bot Platz für drei Busse. Damit fuhr die "Gemeinnützige Krankentransportgesellschaft" (Gekrat) psychisch kranke Menschen in die hessische Kleinstadt Hadamar - in den sicheren Tod.

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Krematorium von Hadamar: Der Schornstein rauchte unaufhörlich. "Hier sollte niemand über Nacht bleiben oder behandelt werden, hier sollten die Leute nur ankommen und am gleichen Tag umgebracht werden", sagt Jan Erik Schulte, Historiker und Leiter der Gedenkstätte Hadamar.

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Auf dem Friedhof in Hadamar wurden die Opfer der "T4-Aktion" begraben. In der Tötungsanstalt starben insgesamt etwa 15.000 Menschen, zumeist in der Gaskammer. Als das zehntausendste Opfer verbrannt wurde, gab es laut Zeugenaussagen im Sommer 1941 eine Feier für die Angestellten, die alle eine Flasche Bier erhielten.

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Bürokrat des Bösen: Philipp Bouhler (1899-1945) war Reichsleiter der NSDAP, Chef der Kanzlei des "Führers" und SS-Obergruppenführer. Von Hitler war er beauftragt mit der Durchführung der NS-"Euthanasie", das nach der Berliner Adresse Tiergartenstraße 4 zu "T4" abgekürzt wurde. Kurz nach Kriegsende wurde Bouhler am 19. Mai 1945 verhaftet und beging Selbstmord mit einer Blausäure-Kapsel.

Foto: Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte /Atelier Bieber/Nather
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"Löwe von Münster": Clemens August Graf von Galen, katholischer Bischof in Münster, zählte zu den wenigen, die entschieden gegen die "Euthanasie" protestierten. Das Foto zeigt ihn 1946. Fünf Jahre zuvor hatte er, in einer Brandpredigt am 3. August 1941, die Nazi-Gräueltaten öffentlich angeprangert. Tatsächlich entschied Hitler noch im gleichen Monat, das Mordprogramm offiziell einzustellen. Weitergeführt wurde es in einer zweiten Phase dennoch - nunmehr zumeist per "Hungerkost" und Todesspritzen mit überdosierten Medikamenten.

Foto: ullstein bild
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Das Krematorium im Keller der früheren Tötungsanstalt Hadamar (Foto von 2013). In der rechten Vertiefung befand sich der Koks als Brennstoff; in der verglasten Vertiefung links davon liegen noch heute Aschereste der Ermordeten.

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Das Personal der Anstalt Hadamar im April 1945. Kurz zuvor, am 26. März, hatten US-Soldaten die systematischen Morde in der Tötungsanstalt beendet. Diese Aufnahme zeigt also Pflegerinnen bereits nach der Befreiung von Hadamar.

Foto: imago/Leemage
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Die Täter vor Gericht: Am 24. Februar 1947 begann vor der Strafkammer des Landgerichts in Frankfurt am Main der dritte und umfangreichste Euthanasie-Prozess. Angeklagt waren 26 Ärzte und Angehörige des Pflegepersonals in Hadamar wegen Mordes oder Beihilfe zum Mord. Das Foto zeigt die Hauptangeklagten bei Prozessbeginn. Zweite Reihe von links nach rechts: Schwester Margarete Borkowski (halb verdeckt), Oberschwester Irmgard Huber, der frühere Anstaltsdirektor Adolf Wahlmann, der leitende Arzt Bodo Gorgass. Hintere Reihe von links nach rechts: die Pflegerinnen und Pfleger Agnes Schränkel, Paul Hild, Härtle, Paul Reuter, Jürth Thomas. Im Vordergrund die Verteidiger Prausnitzer, Saalwächter und Zohn.

Foto: dpa/ picture-alliance/ dpa
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Der Leiter und sein Handlanger: Adolf Wahlmann (links) übernahm als Chefarzt ab 1942 die Führung der Anstalt Hadamar und verantwortete somit die Tötungen der zweiten Phase, die unauffälligeren Morde durch Unterernährung sowie Medikamentenspritzen und Tabletten. Karl Willig (rechts), Hilfspfleger in Hadamar, war berüchtigt als besonders brutaler Täter und auch für die Leichenverbrennung zuständig. Das Foto zeigt sie am 5. April 1945 nach ihrer Festnahme.

Foto: imago/Leemage
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Tod durch den Strang: Karl Willig wurde am 14. März 1946 hingerichtet, ebenso wie Pfleger Heinrich Ruoff und Verwaltungsleiter Alfons Klein. Dagegen war Anstaltsleiter Adolf Wahlmann, der jeden Morgen entschieden hatte, welche Patienten heute zu ermorden waren, lediglich acht Jahre im Gefängnis. Zunächst wurde er 1945 zu lebenslanger Haft, dann 1947 zur Todesstrafe verurteilt, die allerdings zwei Jahre später in lebenslänglich umgewandelt wurde (per Grundgesetz war die Todesstrafe abgeschafft). 1953 entließ man ihn vorzeitig, er starb einige Jahre später.

Foto: AP
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Blick in ein Krankenzimmer der Landesheil- und Pflegeanstalt Hadamar: Der mittelhessische Psychiatriestandort mit seiner Gedenkstätte ist international zu einem Symbol der Euthanasie-Verbrechen der Nazis geworden.

Foto: DB/ picture-alliance/ dpa/dpaweb
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Das "Denkmal der grauen Busse" entstand vor der Philharmonie in Berlin (Aufnahme von 2008). Die Künstler Horst Hoheisel und Andreas Knitz gestalteten es, um an die Opfer der "Euthanasie" zu erinnern - an die Kinder, Männer und Frauen wie Rosa Schillings, die mit solchen Bussen in den Tod gefahren wurden.

Foto: FRANKA BRUNS/ AP