Novemberrevolution 1918 "Plötzlich losbrechender Sturmwind"

Unblutig, rasch, erfolgreich - den Umsturz vor 100 Jahren sieht Robert Gerwarth als großen Aufbruch. Im Interview erklärt der Historiker, wie die Weimarer Republik zunächst stabil startete und dennoch scheiterte.
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Sehnsucht nach Frieden: Rückzug der Deutschen an der Westfront, August 1918. "Welche Freude wird es an der Front sein, wenn das Morden ein Ende hat", notierte ein deutscher Soldat am 7. November 1918. Zwei Tage später erfasste die Revolution Berlin und beendete die Monarchie in Deutschland. "Binnen kurzer Zeit wurde unter widrigen Umständen wahnsinnig viel geleistet", sagt Historiker Robert Gerwarth über die deutsche Novemberrevolution 1918.

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Unaufhaltsam: Spätestens mit dem Eintritt der USA in den Krieg 1917 hatten sich die Kräfteverhältnisse derart verschoben, dass der Krieg für die Mittelmächte nicht mehr zu gewinnen war. Dennoch hielten sie weiter an unrealistischen Kriegszielen fest. Diese Aufnahme vom 26. September 1918 zeigt den Vormarsch der US-Armee während der Offensive an der Maas.

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Nur drei Tage später begannen die Briten in Nordfrankreich die wegweisende Schlacht um den Saint-Quentin-Kanal und durchbrachen erstmals die mystisch erhöhte "Siegfriedlinie" der Deutschen. Erich Ludendorff, Erster Generalquartiersmeister der Obersten Heeresleitung, war zu dieser Zeit mit den Nerven schon am Ende und hatte erbeten, sofort Waffenstillstandsverhandlungen mit den USA einzuleiten. Später gelang es ihm und anderen hohen Militärs aber, der Politik und vermeintlichen Vaterlandsverrätern die Schuld für die Niederlage in die Schuhe zu schieben.

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Fühlten sich betrogen: Als sich die baldige deutsche Niederlage nicht mehr leugnen ließ, waren viele Soldaten erbost über Märchen und Durchhaltepropaganda der Obersten Heeresleitung. Berufssoldat Reinhold Kell notierte: "Kindersch, wer uns das im Juli gesagt hätte! Wie falsch sind wir über unsere zahlenmäßige Stärke informiert worden." Das Foto von 1918 zeigt deutsche Truppen im Schützengraben nahe Chateau Thierry an der Marne.

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Resigniert: Viele deutsche Soldaten ließen sich in den letzten Kriegswochen ohne großen Widerstand gefangennehmen, hier eine Aufnahme aus einem französischen Gefangenenlager. "Alles wartet jetzt auf das erlösende Wort des Waffenstillstandes bzw. des Friedens", notierte Felix Kaufmann am 5. November in seinem Lager in Biscarrosse, direkt an der Atlantikküste.

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Suche nach den Schuldigen: Nach dem Krieg mussten der einstige Vizekanzler Karl Helfferich sowie die ehemalige Spitze der OHL, Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff, vor einem Untersuchungsausschuss der Nationalversammlung auftreten. Bei der Sitzung beantwortete Hindenburg keine Fragen, sondern verlas eine Erklärung, die vermutlich Helfferich verfasst hatte. Die Erklärung enthielt die angebliche Äußerung eines britischen Generals, das deutsche Frontheer sei von hinten "erdolcht" worden.

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Damit war die "Dolchstoßlegende" geboren, über deren Details bis heute Historiker streiten. Der Mythos sollte die Propaganda bis in die NS-Zeit bestimmen und die Weimarer Republik sehr belasten. Politiker und Zivilisten, besonders Sozialisten, Sozialdemokraten und Juden, wurden als feige Verräter des vermeintlich "unbesiegten" Heeres diffamiert. In ihnen sahen viele Deutsche die Schuldigen für die harten Friedensbedingungen. Das Militär, die wahren Verantwortlichen der desaströsen Niederlage, genoss hingegen weiterhin einen guten Ruf.

Signatur im Bundesarchiv: Plak 002-029-031
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Vorspiel zur Revolution: Am 3. November 1918 schloss Österreich mit den Entente-Mächten und Italien den Waffenstillstand von Giusti ab. Kaiser Karl empfand die Bedingungen als Schmach und unterzeichnete nicht. Gebannt schauten viele Deutsche nach Österreich - nicht nur, weil die militärische Lage nun noch aussichtsloser war. "Wird der revolutionäre Brand von Österreich auf uns übergreifen?", schrieb ein hoher General am 3. November in sein Tagebuch. Neun Tage später wurde die Republik Österreich ausgerufen; hier eine Aufnahme von Massendemonstrationen vor dem Wiener Parlament.

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Radikaler Pazifist: Bevor die Novemberrevolution das politische Zentrum Berlin erreichte, kam es zu Aufständen an der Peripherie. In München rief der studierte Philosoph und USPD-Politiker Kurt Eisner in der Nacht zum 8. November 1918 die Republik Bayern aus und erklärte die Absetzung des Hauses Wittelsbach. Der erste Ministerpräsident des "Freistaats" wurde am 21. Februar 1919 durch den rechtsextremen Anton Graf von Arco aus Valley erschossen.

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Der letzte Kanzler Wilhelms II.: Prinz Max von Baden rief am Morgen des 9. November 1918 den Kaiser im belgischen Hauptquartier in Spa an, um ihm mitzuteilen, dass die Revolution unaufhaltsam voranschreite. Wilhelm II. war zur Abdankung bereit und kündigte eine schriftliche Erklärung an. Da diese nicht kam, schaffte Max von Baden Fakten und verkündete gegen Mittag desselben Tages: "Der Kaiser und König hat sich entschlossen, dem Throne zu entsagen." Kurz darauf bot er das Amt des Reichskanzlers dem Sozialdemokraten Friedrich Ebert an.

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"Es ist ein schweres Amt, aber ich werde es übernehmen": Mit diesen Worten willigte der SPD-Vorsitzende Friedrich Ebert ein, Reichskanzler zu werden. Anstelle eines radikalen Umsturzes favorisierte er den allmählichen Übergang in ein parlamentarisches System.

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"Parteigenossen! Arbeiter! Soldaten!" Euphorisch berichtete die Ausgabe des sozialdemokratischen "Vorwärts" am 9. November 1918 über das Ende der Monarchie in Deutschland. Im einestages-Interview verwahrt sich Historiker Robert Gerwarth dagegen, die Novemberrevolution als verpasste Chance zu verurteilen, die direkt zum Aufstieg der Nationalsozialisten führte: "In jedem historischen Proseminar lernt man, dass sich retrospektive Urteile bei der Analyse der Geschichte verbieten."

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Die Sieger des "Großen Krieges": US-Präsident Woodrow Wilson (links, mit Zylinder) und US-General John Black Jack Pershing im Dezember 1918 im französischen Chaumont. Anfang des Jahres hatte Wilson seine "14 Punkte" für eine künftige Staatenordnung verkündet. Nachdem klar war, dass der Krieg militärisch nicht mehr zu gewinnen ist, forderte Erich Ludendorff, Chef der Obersten Heeresleitung, Ende September 1918 einen Waffenstillstand auf Basis der "14 Punkte".

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Vorreiter der Novemberrevolution waren die Matrosen der kaiserlichen Marine. Sie wehrten sich gegen einen Flottenbefehl vom 24. Oktober 1918, der in Wilhelmshaven ausgegeben wurde und vorsah, dass die Schiffe der kaiserlichen Marine am 29. Oktober in eine letzte Schlacht mit der überlegenen Royal Navy auslaufen sollten. Die Aufständischen wollten nicht ihren Kopf für den "ehrenvollen Untergang" der deutschen Flotte hinhalten. Das Foto zeigt demonstrierende Matrosen in Kiel.

Foto: ullstein bild/ Süddeutsche Zeitung
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Die Revolution erreicht Berlin: Der Matrose Johann Marx (vorn, mit roter Fahne) führte am 9. November 1918 einen Demonstrationszug Unter den Linden an. "Die größte aller Revolutionen hat wie ein plötzlich losbrechender Sturmwind das kaiserliche Regime mit allem, was oben und unten dazu gehörte, gestürzt", schrieb Theodor Wolff, Chefredakteur des liberalen "Berliner Tageblatts", am 10. November 1918.

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Revoluzzer mit Maschinengewehren: Ein Fahrzeug des Soldaten- und Arbeiterrats passiert das Brandenburger Tor in Berlin. Am Morgen des 9. November traten die Arbeiter in der Stadt in den Generalstreik, wie Richard Müller schrieb, der Vorsitzende der Berliner Revolutionären Obleute: "Die Fabriken leerten sich in unglaublich schnellem Tempo. Die Straßen füllten sich mit gewaltigen Menschenmassen. (...) Dass es sich nicht um eine friedliche Demonstration handelte, zeigten die zahlreichen Pistolen, Gewehre und Handgranaten, die überall sichtbar waren."

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Positiv überrascht: Der Schriftsteller Thomas Mann erlebte hautnah die Ereignisse in Berlin - und freute sich über die Deutschen. "Ich bin befriedigt von der relativen Ruhe und Ordnung, mit der vorderhand sich alles abspielt. Die deutsche Revolution ist eben die deutsche, wenn auch Revolution. Keine französische Wildheit, keine russisch-kommunistische Trunkenheit."

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Auch Albert Einstein war Zeitzeuge der Novemberrevolution in Berlin, wo er an der Humboldt-Universität lehrte und Direktor des Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik war. Lakonisch notierte er zu seiner Vorlesung am 9. November: "Fiel aus wegen Revolution."

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"Das alte Morsche ist zusammengebrochen; der Militarismus ist erledigt! Die Hohenzollern haben abgedankt!" Am 9. November 1918 rief der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann gegen 14 Uhr vom Fenster der Reichskanzlei in Berlin die Republik. Dieses Foto allerdings wurde offenbar 1928 nachgestellt, also erst zehn Jahre später inszeniert, weil es von der Ausrufung der Republik kein Bild gab. Friedrich Ebert war von Scheidemanns Alleingang nicht sonderlich begeistert - laut Historiker Robert Gerwarth schlug er auf den Tisch und brüllte, über die Staatsform entscheide die künftige Nationalversammlung.

Foto: DPA
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Für die "Vollendung der Weltrevolution" plädierte indes der linksrevolutionäre Karl Liebknecht und rief nur zwei Stunden nach Scheidemanns Ausrufung der Republik eine zweite aus - die "freie sozialistische Republik Deutschland". Das Foto zeigt Liebknecht bei seiner Rede vor dem Ministerium des Innern. Am 11. November 1918 gründete er mit Rosa Luxemburg und anderen den Spartakusbund, der im Januar in der neu gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) aufging.

Foto: Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte/ Photothek Willy Römer
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Flucht des Kaisers: Seine Durchlaucht stahl sich davon wie ein Dieb im Dunkeln. Am 10. November 1918 um fünf Uhr morgens verließ Wilhelm II. klammheimlich das Große Hauptquartier im belgischen Spa mit dem Zug Richtung Holland - seinen Hund Lux ließ der Monarch allein zurück. Das Foto zeigt den letzten deutschen Kaiser (4. von links) auf dem Bahnsteig des kleinen Örtchens Eijsden an der belgisch-holländischen Grenze. Stundenlang musste er dort ausharren, bis ihn sein Hofzug ins Schloss Amerongen in der Provinz Utrecht brachte.

Foto: picture alliance / Mary Evans Pi
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Späte Liebe: Mehr als 22 Jahre blieb der einstige Kaiser im Exil in den Niederlanden, wo er ein zweites Mal heiratete. Das Foto zeigt ihn um 1922 mit seiner neuen Ehefrau Hermine. Wilhelm starb 1941 im niederländischen Doorn, Hermine 1947 in Frankfurt (Oder).

Foto: Getty Images/ General Photographic Agency
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Endlich schweigen die Waffen: Am Morgen des 11. November 1918 unterzeichneten der deutsche Staatssekretär Matthias Erzberger und der französische General Ferdinand Foch in einem Eisenbahnwaggon auf einer Waldlichtung bei Compiègne eine Waffenruhe, die den Ersten Weltkrieg beendete. "Der nationale Leidensweg nach Compiègne war das Schwerste und Bitterste, was mir in meiner amtlichen Tätigkeit auferlegt worden ist", so Erzberger später.

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Der Krieg ist aus! Mit Jubel reagierten US-Soldaten auf die Unterzeichnung des Waffenstillstands am 11. November. Das sinnlose Blutvergießen war vorüber. Mehr als 60 Millionen Soldaten standen im Ersten Weltkrieg unter Waffen - etwa neun Millionen von ihnen starben.

Foto: ASSOCIATED PRESS
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Novemberrevolutions-Hasser: Als der verletzte Adolf Hitler (hier 1916 als Soldat) am 12. November 1918 im Militärkrankenhaus von Pasewalk wieder zu Bewusstsein kam und von der Niederlage erfuhr, erlitt er einen Nervenzusammenbruch. "Seit dem Tage, da ich am Grabe meiner Mutter gestanden, hatte ich nicht mehr geweint. (...) Nun aber konnte ich nicht mehr anders", schrieb er in "Mein Kampf". Hitler war völlig besessen vom angeblichen Verrat der Novemberrevolution - geschickt nutzte er die "Dolchstoßlegende" für seine Zwecke.

Foto: Popperfoto/ Getty Images
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Eskalation der politischen Gewalt: Um die Gefahr einer Revolution nach bolschewistischem Vorbild zu bannen, stützte sich Friedrich Ebert auf das alte Militär und neu gebildete Freikorps - zutiefst antirevolutionäre, antibolschewistische Verbände, die skrupellos Massaker verübten. Das Foto zeigt eine Gruppe des Freikorps "Werdenfels" in München nach der blutigen Niederwerfung der Räterepublik 1919.

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"Alle Macht den Räten! Mit diesem Slogan warb die radikale Linke für eine Weiterführung der Revolution. Nachdem die preußische Regierung den Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn (USPD) entlassen hatte, riefen KPD und USPD im Januar 1919 zu einem Generalstreik auf, der in den sogenannten Spartakusaufstand (Foto) mündete. Ziel war es, die Wahl zur Nationalversammlung zu verhindern und eine Räterepublik einzurichten. Mit den Worten "Meinetwegen! Einer muss der Bluthund sein" übernahm der SPD-Militärexperte Gustav Noske den Oberbefehl über die Regierungstruppen und ließ den Aufstand niederschlagen. Mehr als 160 Menschen starben. Unter ihnen: die kommunistischen Parteiführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Sie wurden am 15. Januar 1919 von Freikorpssoldaten ermordet.

Foto: Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte/ Photothek Willy Römer
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Frühjahrsunruhen: Im März 1919 rief die KPD erneut einen Generalstreik aus, der in Berlin in bürgerkriegsartige Kämpfe ausartete. Am 9. März verhängte Noske das Standrecht über Berlin; rund 1200 Menschen starben. Trotz der Verrohung der politischen Sitten betont Historiker Gerwarth die relative Stabilität der Weimarer Republik: "Noch 1923 kann man - natürlich aus Sicht der Zeitgenossen - sagen: Die Zukunft war komplett offen, eine Fortsetzung der Republik wahrscheinlicher als ihr Scheitern."

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