Liebschaften mit dem Feind Scham, Schande, Schweigen

"Du Bastard", das hörte Rainer Gessert oft. Weil sein Vater ein französischer Kriegsgefangener war. Die illegale Liebschaft war trotz harter Strafen längst kein Einzelfall. Und doch dauert das Schweigen bis heute an.
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Rénald und Rosemarie: Im Dorf Slate im heutigen Mecklenburg-Vorpommern lernten sich 1943 der französische Kriegsgefangene Rénald Raimond Gaston Denolf und Rosemarie Gessert kennen und begannen eine heimliche Liebschaft. Das war illegal und konnte drakonisch bestraft werden, daher ist diese Aufnahme ungewöhnlich. Aus der Beziehung entstand Rainer Gessert, geboren am 21. April 1945. Er ist eines von 101 sogenannten "Franzosenkindern", die allein im heutigen Mecklenburg-Vorpommern durch Akteneinträge nachweisbar sind. Bis heute ist das Schicksal dieser Kinder kaum bekannt, weil diese vermeintlichen "Kinder der Schande" in vielen Familien jahrzehntelang verschwiegen wurden.

Foto:

Sammlung Rainer Gessert

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Liebe in der Gefangenschaft: Rénald Denolf war schon in Frankreich verheiratet, bevor er in den Krieg zog und in deutsche Gefangenschaft geriet. Viele französische Kriegsgefangene arbeiteten tagsüber auf den Höfen der Deutschen, die durch den Kriegsdienst der Männer in große Nöte geraten waren. Im Dorf Slate machte sich Denolf bald unentbehrlich, weil er sehr gut reparieren konnte. So lernte er auch Rosemarie Gessert kennen. Aus ihrem Nachlass stammt dieses Bild, auf der Rückseite steht unter anderem auf Französisch: "An meine Liebe für immer".

Foto: Sammlung Rainer Gessert
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Rainer Gessert: Jahrelang versuchte er, mehr von seiner Mutter über seinen leiblichen Vater herauszufinden. Doch die schwieg beharrlich, auch von der Großmutter war nichts zu erfahren. Erst nach langem Drängen rückte seine Mutter den vollen Namen und das Geburtsdatum heraus. Gessert recherchierte, fand schließlich den Wohnort seines Vaters in Lille - doch es war zu spät. Sein Vater war schon sieben Jahre zuvor verstorben. "Eigentlich habe ich ihn nur knapp verpasst", sagt Gessert.

Foto: SPIEGEL ONLINE
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Beschimpft: Rainer Gessert (erste Reihe ganz links) wurde als Kind oft "kleiner Franzose" gerufen - andere riefen ihn einfach "Bastard". Dass er einen französischen Vater hatte, war dorfbekannt. Und doch sprach seine Mutter zeitlebens nicht über diese Beziehung.

Foto: Sammlung Rainer Gessert
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Briefe an Rosemarie: Nach dem Krieg suchte Rénald Denolf, der sich bald scheiden ließ, den Kontakt zu Rosemarie Gessert. Er berichtete von seinem zerstörten Haus in Lille, erkundigte sich nach ihr und anderen Dorfbewohnern und schickte ihr seine aktuelle Adresse. Die Briefe...

Foto: Sammlung Rainer Gessert
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...übersetzte ein Forstarbeiter aus Slate, der Französisch sprach und einst mit dem Kriegsgefangenen befreundet gewesen war. Doch Rosemarie wollte keinen Kontakt mehr. Sie schrieb nie zurück. Wahrscheinlich erfuhr Rénald daher nie, dass er Vater geworden war. Denn Rainer Gessert wurde erst im April 1945 geboren; seine Mutter war da schon seit Monaten nicht mehr im Dorf, sondern im fernen Schwerin, wo sie als Lazarettschwester arbeitete. Hochschwanger dürfte Rénald sie nicht mehr gesehen haben, bevor er im Mai 1945 nach Frankreich zurückkehrte. Die beiden trafen sich nie wieder.

Foto: Sammlung Rainer Gessert
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Trügerischer Frieden: Was nach Ferien aussah, war etwas Freizeit im Alltag eines französischen Arbeitskommandos in der Umgebung der Stadt Klütz nordwestlich von Wismar. Ab und an...

Foto: Florent Boulanger
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...durfte auch musiziert werden (Aufnahme aus Familienbesitz).

Foto: Florent Boulanger
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Frisches Fass: Diese Aufnahmen bieten seltene Einblicke in den Arbeitsalltag der kriegsgefangenen Franzosen im mecklenburgischen Klütz. Die genauen Umstände der Fotos...

Foto: Florent Boulanger
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...sind nicht bekannt. Fest steht nur: zu enge Beziehungen der Zwangsarbeiter mit den Deutschen konnten ernste Folgen haben. Es sind Fälle belegt, bei denen schon das Verteilen von Zigaretten an Franzosen mit Haftstrafen geahndet wurde. Frauen, die mit Kriegsgefangenen Beziehungen eingingen, riskierten mehr. Zeitzeugen schilderten nach dem Krieg, dass manche wie Hexen durchs Dorf getrieben wurden. In einem Fall richteten die Nazis eine Deutsche vermutlich per Guillotine hin, auch wenn die Sterbeurkunde einen "plötzlichen Herztod" vermerkt.

Foto: Florent Boulanger
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Stalag II E: In der preußischen Provinz Pommern und im Land Mecklenburg waren während des Zweiten Weltkriegs etliche Kriegsgefangene aus Frankreich und Belgien interniert. Einer Auflistung von 1941 zufolge sollen im Wehrkreis II 81.937 Franzosen und 7505 Belgier zur Arbeit eingesetzt worden sein. Allein im Stammlager II E bei Schwerin (Luftaufnahme) waren etwa 10.000 Franzosen interniert. Das Lager, 1940 eröffnet, hatte anfangs eine Größe von 2500 Quadratmetern. Später kamen zu den Franzosen weitere Nationalitäten hinzu.

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Arbeitskommando 962: Der Ort der Aufnahme ist unbekannt. Das Arbeitskommando war dem Stammlager II E bei Schwerin zugeordnet. Die Franzosen mussten auf den Höfen und Betrieben der Deutschen in der Region Schwerin helfen.

Foto: Marius Amoudruz
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Was wurde aus dem Kind dieses Mannes? Viele "Franzosenkinder" oder ihre Angehörigen erfuhren erst sehr spät von ihren französischen Wurzeln. Daher ist die Suche nach Hinweisen sehr schwierig. Vereine wie "Coeurs sans Frontières" ("Herzen ohne Grenzen") helfen und forschen derzeit etwa nach dem Schicksal dieses Mannes: Roger Marius Amoudruz, geboren 1918 im Dorf Faucigny im Haute-Savoie, begann als Kriegsgefangener eine Affäre...

Foto: privat
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...mit dieser Frau auf einem Bauernhof bei Schwerin. Zugeteilt war er dem Stammlager II E, Arbeitskommando 962. Aus der Beziehung ging eine Tochter hervor. Was aus ihr wurde, ist unklar; die französischen Angehörigen des Vaters konnten bisher noch keinen Kontakt zu der deutschen Familie herstellen. Die Tochter trägt womöglich den Namen Sophie. Hinweise bitte an die Redaktion oder direkt an "Coeurs sans Frontières" .

Foto: privat
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Ablenkung: Im Stalag II E durften die französischen Gefangenen auch Theaterstücke aufführen; Foto aus Familienbesitz. Im Vergleich zu den sowjetischen...

Foto: Marc Houssin
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...Gefangenen, die im nahen Außenlager Stern Buchholz untergebracht waren, ging es den Franzosen im Stalag II E einigermaßen gut. Sie durften die Lager verlassen und in der Land- und Forstwirtschaft arbeiten. Anders das Schicksal der Russen - 1961 berichtet ein ehemaliger Bewacher des Lagers Stern Buchholz von der Ankunft eines Gefangenentrabsports: "Von etwa 400 sowjetischen Gefangenen waren in kurzer Zeit 300 dem grausigen Hungertod erlegen."

Foto: Marc Houssin
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Der Fremde: Rainer Gessert hat jahrelang versucht, alle Hinweise zu seinem leiblichen Vater (zweiter von rechts) zu sammeln. Manches stammt aus dem Nachlass seiner Mutter, manches erhielt er erst Jahrzehnte später per Zufall aus dem Dorf. Und doch bleibt einiges rätselhaft. Gessert weiß nicht, wie sein Vater nach dem Krieg in Lille sein Haus verlor, warum er sich scheiden ließ - wegen der Affäre? Auch der Name wirft Fragen auf: In Briefen unterschrieb Rénald mit Rainat - eine eingedeutschte Version seines Namens? Taufte Rosemarie ihren Sohn Rainer, wegen der Namensähnlichkeit zu dem Vater?

Foto: Sammlung Rainer Gessert
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Freiheit in der Unfreiheit: Einige französische Kriegsgefangene wurden in den Dörfern dringend gebraucht oder wurden zu weit von den Lagern eingesetzt, sodass sie nicht in ihre Lager zurückkehren mussten. Sie durften in den Höfen und Betrieben übernachten, mitunter eingesperrt. Rénald Denolf kam bei einem SA-Mann im Dorf Slate unter, einem Großbauern. Hier schaut er aus dem Fenster des Hofes.

Foto: Sammlung Rainer Gessert
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Suche nach den "Franzosenkindern": Nach dem Krieg ließ der Französische Kontrollrat in Berlin - Teil der alliierten Besatzungsregierung - gezielt nach Kindern in Mecklenburg-Vorpommern suchen, die von französischen oder belgischen Kriegsgefangenen stammen. Die Anweisung von 1947 an alle Jugendämter im Land Mecklenburg lautete, dass "sofort" alle Fälle "listenmäßig" gemeldet werden sollten. Ziel war es, die Mütter der Kinder mit Spenden zu unterstützen.

Signatur im Landeshauptarchiv Schwerin: Best. 6.11-21 Nr. 3936.

Foto: Landeshauptarchiv Schwerin
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Die Listen: Die Jugendämter lieferten eifrig. Im Landeshauptarchiv Schwerin finden sich Listen von insgesamt 101 Kindern, die "von Angehörigen der französischen und belgischen Nation erzeugt worden sind", wie es an einer Stelle heißt. Das dürfte nur die Spitze des Eisberges sein, denn aus Scham meldeten sich vermutlich viele Mütter nicht bei den Behörden. Auch Rainer Gessert taucht auf der Liste auf; der Nachname seines Vaters Rénald Denolf ist in dem Dokument falsch geschrieben.

Signatur im Landeshauptarchiv Schwerin: Best. 6.11-21 Nr. 3936.

Foto: Landeshauptarchiv Schwerin
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Helfer auf dem Hof: Es gibt nur wenige Aufnahmen der französischen Kriegsgefangenen in Mecklenburg; hier eine Aufnahme aus einer vergriffenen Publikation. Die Gemeinde Rubow liegt in der Nähe des Schweriner Außensees.

Foto: Sammlung Rainer Gessert
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Französischer Kriegsgefangener: René Dailler wurde mit der Kriegsgefangenennummer 15875 registriert und zunächst im Front-Stalag 112 interniert. Er führte Tagebuch über den Alltag.

Foto: Familie Dailler
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Erkennungsmarke aus dem Stalag II E: Über das Lager ist bis heute wenig geforscht worden. Die Franzosen wurden hier besser behandelt als die russischen Kriegsgefangenen im Außenlager Stern Buchholz, die aus ideologischen Gründen durch Unterernährung und Hinrichtungen ausgerottet werden sollten. In der Nähe von Stern Buchholz wurden nach dem Krieg Massengräber entdeckt.

Foto: Marc Houssin
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