Fotoreportage Der andere Blick auf den NSU-Prozess

Rauchende Anwälte, schlendernde Neonazis, wütende Proteste: Seit fünf Jahren fotografiert Thomas Hauzenberger rund um den NSU-Prozess. Die Chronik in Bildern.
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Gespanntes Verhältnis: 13 Jahre lang lebten die Neonazis Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe unbehelligt im Untergrund - obwohl die Behörden mehrere V-Leute in ihrem Umfeld hatten. Die Ermittler machen den "Nationalsozialistischen Untergrund" heute für zehn Morde, drei Sprengstoffanschläge und 15 Banküberfälle verantwortlich. Viel zu lange wurde nicht in Richtung Rechtsextremismus ermittelt. Angehörige erhoffen sich vom Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht Aufklärung. Angeklagt sind Beate Zschäpe und vier mutmaßliche Unterstützer. Böhnhardt und Mundlos hatten sich 2011 nach einem Banküberfall in Eisenach das Leben genommen - so war der NSU aufgeflogen.

Foto: Tom Hauzenberger
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Auftakt: Am 6. Mai 2013 beginnt der wohl wichtigste Strafprozess der Nachkriegszeit gegen Rechtsterrorismus - und entsprechend groß ist das öffentliche Interesse. Hier drängen sich Reporter um Semiya Simsek, die Tochter des ersten Opfers des "Nationalsozialistischen Untergrunds". Enver Simsek, Inhaber eines Blumenhandels, wurde im September 2000 in Nürnberg erschossen.

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Andrang: Enormes Interesse gilt der Hauptangeklagten Beate Zschäpe und ihrer Verteidigung - hier ist Rechtsanwältin Anja Sturm zu sehen. Sie vertritt die mutmaßliche Neonazi-Terroristin gemeinsam mit ihren Kollegen Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl.

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Schwerer Gang: Semiya Simsek verlässt am Ende des ersten Verhandlungstags das Gericht. Sie ist in dem Prozess als Nebenklägerin vertreten. Ihr Buch "Schmerzliche Heimat. Deutschland und der Mord an meinem Vater" erschien im März 2013.

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Statements: Die Anwälte Stefan Hachmeister (r.) und Pajam Rokni-Yazdi verteidigen Holger G. Der gibt im Juni 2013 vor Gericht zu, den untergetauchten Neonazis aus Freundschaft geholfen zu haben, unter anderem mit Papieren. Auch eine Waffe habe er überbracht. Von den Taten des NSU habe er nichts gewusst. Nachfragen will er vor Gericht nicht beantworten.

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Neuland: Am 6. September 2013 ist Salime Yasar zum ersten Mal beim NSU-Prozess dabei. Es ist zugleich ihr erster Aufenthalt in Deutschland - in jenem "sicheren Land", für das ihr Sohn Ismail die Türkei vor vielen Jahren verlassen hatte. Am 9. Juni 2005 wurde er in seinem Nürnberger Dönerimbiss erschossen.

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Der Vater: Am 1. Oktober 2013 berichtet Ismail Yozgat dem Gericht, wie er 2006 im Kasseler Internetcafé seinen tödlich verletzten Sohn Halit findet. Er schreit sich das Leid von der Seele und ruft den Angeklagten zu: "Warum haben Sie mein Lämmchen getötet?" Der Fall Yozgat ist einer der mysteriösesten aus dem NSU-Komplex. Zur fraglichen Zeit am Tatort war auch Andreas T., ein Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes, der jedoch von den Schüssen nichts mitbekommen haben will. Als T. das Internetcafé verlässt, findet er Halit Yozgat angeblich nicht und legt das Geld auf den Schreibtisch - dahinter liegt zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich bereits Halit Yozgat von zwei Kugeln getroffen in seinem Blut.

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Ermittlungsfehler: Am 23. Oktober 2013 geht es im NSU-Prozess um den Mord an Mehmet Turgut. Wie im Fall Yozgat wurde auch hier zunächst im Umfeld der Familie ermittelt, die Polizei vermutete die Täter in der Rauschgift-Szene oder der organisierten Kriminalität. Hier sind die Brüder des Mordopfers zu sehen, das 2004 in Rostock in einem türkischen Imbiss erschossen wurde.

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Offene Fragen: Am 11. März 2014 geht es um die Anwesenheit des Verfassungsschützers Andreas T. am Tatort im Kasseler Internetcafé. Die Eltern des erschossenen Halit Yozgat sind hier in Begleitung von Barbara John zu sehen, der Ombudsfrau für die Angehörigen der NSU-Opfer. Ismail Yozgat will vor Gericht eine Erklärung abgeben, doch die wird an diesem Verhandlungstag nicht bewilligt und schließlich verschoben. John kritisiert das. Aus familiären und beruflichen Gründen hätten viele Angehörige nicht die Möglichkeit, regelmäßig zum Prozess zu kommen. Es sei "im Grunde ein unmöglicher Zustand", wenn sie dann nicht die Möglichkeit hätten, das Wort zu ergreifen.

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Erinnerung: Am 6. Mai 2014 dauert der NSU-Prozess ein Jahr. Auf dem Gedenkplakat ist Mehmet Turgut zu sehen, der 2004 in Rostock erschossen wurde.

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Sprengsatz in der Christstollendose: Im Januar 2001 detonierte im Laden eines iranischen Lebensmittelhändlers in Köln ein Sprengsatz. Die Kölner Anwältin Edith Lunnebach (Foto) vertritt Mashia M., die als 19-Jährige bei dem Anschlag schwere Verbrennungen erlitt. Am 4. Juni 2014 sagt M. als Zeugin im NSU-Prozess aus. Ob sie daran gedacht habe, Deutschland zu verlassen, fragt ein Anwalt. Das sei schon der erste Gedanke gewesen, räumt sie ein. Andererseits habe sie sich "so viel Mühe gegeben", sei "ein Muster an Integration". Zudem hätten die Täter genau das gewollt: dass sie geht. Da habe sie gedacht: "Jetzt erst recht. Ich werde mein Leben fortführen, ich werde darum kämpfen."

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Verteidiger: Johannes Pausch und Jacob Hösl vertreten den mutmaßlichen NSU-Helfer Carsten S. Er hat sich von der Neonazi-Szene distanziert, ausführlich ausgesagt und lebt im Zeugenschutzprogramm. S. hat nach eigenen Angaben jene Ceska-Pistole an Mundlos und Böhnhardt übergeben, mit der neun Menschen erschossen wurden. Von den Morden habe er allerdings nichts geahnt, so die Verteidiger.

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Konvoi: Nach jedem Verhandlungstag werden die inhaftierten Angeklagten in mehreren Polizeiwagen abtransportiert - so auch am 21. Oktober 2014. Die Routen und die Platzierung der Angeklagten werden ständig verändert.

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Deckname "Undertaker": Im November 2014 sagt der frühere V-Mann Kai D. als Zeuge aus. In Bayern und Thüringen spitzelte er für den Verfassungsschutz in der rechten Szene. Als er fotografiert wird, zieht er sich eine Sturmmaske über und bedrängt den Fotografen im Beisein mehrerer Journalisten und Nebenklagevertreter.

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Demo: Viele Menschen zweifeln an der These der Anklage, dass ein relativ abgeschlossenes Trio für die Taten verantwortlich gewesen sein soll. Sie vermuten einen weitaus größeren Kreis an Helfern und Mitwissern - darauf spielt diese Demo am 20. Januar 2015 an. Vor Gericht geht es in diesen Tagen um den Bombenanschlag in der Kölner Keupstraße im Juni 2004.

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Rechte Unterstützer: Anfang März 2015 demonstriert unter anderem der rechtsextreme Philipp Hasselbach (r.) seine Unterstützung für den inhaftierten mutmaßlichen NSU-Helfer Ralf Wohlleben.

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Trio: Am 10. Juni 2015 stellt Beate Zschäpe den Antrag, ihre Anwältin Anja Sturm zu entbinden - bereits Mitte 2014 hatte sie ihrem Verteidigerteam das Misstrauen ausgesprochen und vergeblich versucht, sich von dem Trio zu trennen. Bis zum Ende des Verfahrens bleibt das Verhältnis zerrüttet.

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Neuer Mann: Zschäpe bekommt Anfang Juli 2015 in Mathias Grasel einen vierten Pflichtverteidiger gestellt. Er arbeitet mit einem weiteren Anwalt zusammen, der Zschäpe berät: Hermann Borchert. Die Anwälte Heer, Stahl und Sturm werden fortan als Zschäpes Altverteidiger bezeichnet.

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Frage und Antwort: Nach Grasels Beiordnung im Juli 2015 spitzt sich die Krise zwischen Zschäpe und ihren Altverteidigern zu. Wenige Tage nach dieser Aufnahme beantragen die Anwälte selbst die Entbindung von ihrem Mandat. Das Gericht lehnt ab.

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Ankläger: Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten und seine Kollegin Anette Greger am 3. August 2015

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Mittagspause: Als dieses Foto entsteht, am 29. September 2015, kommen viele der Verfahrensbeteiligten seit fast zweieinhalb Jahren mehrmals pro Woche zum Münchner Strafjustizgebäude. Viele weitere Tage folgen.

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Erwartungen: Wieder lange Schlangen vor dem Gerichtsgebäude. Am 9. Dezember 2015 verliest Mathias Grasel eine 53 Seiten lange Einlassung Beate Zschäpes. Kern: Sie gesteht, die letzte Wohnung des NSU in Zwickau in Brand gesetzt zu haben. Jede Beteiligung an den Morden streitet sie ab. Von den Taten ihrer Gefährten habe sie immer erst im Nachhinein erfahren. Ihr habe die Kraft gefehlt, sich von Mundlos und Böhnhardt zu trennen. Sie fühle sich moralisch schuldig und "entschuldige sich aufrichtig bei allen Opfern und allen Angehörigen der Opfer". Fragen der Nebenkläger will Zschäpe nicht beantworten. Die Hinterbliebene Gamze Kubasik weist die Entschuldigung zurück und spricht von einer Frechheit.

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Ablenkung: Nebenklagevertreter vertreiben sich im Juli 2016 in einer Verhandlungspause die Zeit.

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Kollegen: Zschäpe-Anwalt Wolfgang Stahl im September 2016 mit dem Berliner Anwalt Michael Kaiser, der den mutmaßlichen NSU-Helfer André E. vertritt. E., ein überzeugter Neonazi, bleibt die meiste Zeit des Prozesses auf freiem Fuß.

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Auf dem Weg: Die Rechtsanwälte Hardy Langer und Stefan Gärtner

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Der Gutachter: Psychiater Henning Saß (l.) ist der vom Gericht bestellte Sachverständige. In seinem Gutachten stuft er Zschäpe als voll schuldfähig ein - dabei muss er sich allerdings auf Aktenstudium und Beobachtungen im Gerichtssaal verlassen. Die Hauptangeklagte hatte sich geweigert, mit Saß zu sprechen. Der Gutachter schließt auch eine künftige Gefährlichkeit Zschäpes nicht aus. Folgt der Senat seiner Einschätzung, droht der Angeklagten Sicherungsverwahrung.

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Streit der Gutachter: Die Altverteidiger Zschäpes engagieren den Bochumer Neurologen Pedro Faustmann (hier mit Anja Sturm). Er stellt im April 2017 mit einem methodenkritischen Gutachten die Arbeit von Saß infrage, hält ihm Mängel bei der Begutachtung vor; das Saß-Gutachten entspreche nicht wissenschaftlichen Standards. Der Angegriffene weist das zurück.

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Duo: Mathias Grasel und Hermann Borchert am 16. Mai 2017. Sie verfolgen eine gänzlich andere Verteidigungsstrategie als Zschäpes sogenannte Altverteidiger und haben gemeinsam mit ihrer Mandantin deren Aussagen erarbeitet. Zudem engagierten sie Joachim Bauer als weiteren Gutachter, der Zschäpe eine abhängige Persönlichkeitsstörung attestiert und sie für vermindert schuldfähig hält. Nachdem bekannt wird, dass Bauer der Zeitung "Welt" einen "exklusiven Beitrag" angeboten und von einer "Hexenverbrennung" im Zusammenhang mit dem Verfahren gegen Zschäpe geschrieben hat, erklärt das Gericht ihn für befangen.

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Anette Greger: Die Oberstaatsanwältin war bei der Abfassung der Anklageschrift spezialisiert auf die Hauptangeklagte Zschäpe. In ihrem Plädoyer spricht sie über das Innenleben, die Bewaffnung, die Struktur des NSU und darüber, welche Rolle Beate Zschäpe hatte. Eine zentrale, meint Greger. Zschäpe sei die Frau gewesen, die einen Großteil des Geldes verwaltet habe - daraus ergebe sich ein "maßgeblicher, herausragender Stellenwert" in der Gruppenhierarchie.

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Bundesanwalt: Herbert Diemer plädiert im September 2017. Für Beate Zschäpe fordert er eine lebenslange Freiheitsstrafe, die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und anschließende Sicherungsverwahrung. Es wäre das härteste Urteil, das ein Gericht in Deutschland verhängen kann. Die Aufnahme stammt aus dem April 2016.

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Brüder: Der Angeklagte André E (r.) und sein Zwillingsbruder Maik (2014). Beide sind bekennende Neonazis. André E. blieb lange frei, doch als die Bundesanwaltschaft im September 2017 zwölf Jahre Haft fordert und wegen der zu erwartenden hohen Strafe Fluchtgefahr sieht, erlässt Richter Götzl Haftbefehl.

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"Wir werden nie zur Ruhe kommen:" Am 22. November 2017 hält Nebenklägerin Gamze Kubasik ihren Schlussvortrag. Über Zschäpe sagt sie: "Wenn sie Reue zeigt, warum hilft sie uns dann nicht? Warum sagt sie nicht, wer mitgeholfen hat? Warum mein Vater umgebracht werden sollte? Warum antwortet sie nicht auf die Fragen, die man ihr gestellt hat?" Fragen, die sie und ihre Familie bis heute quälten und mit denen sie auch nach diesem Prozess werden leben müssen. "Ich hatte die Hoffnung, endlich Gewissheit zu erlangen", sagt Gamze Kubasik. Diese Hoffnung gebe es nicht mehr.

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Hinterbliebene: Theodoros Boulgarides wurde 2005 in seinem Schlüsseldienst-Laden in München erschossen. Seine Witwe Yvonne Boulgarides spricht hier im September 2017 mit Reportern. Im Februar 2018 enden mit ihrem Vortrag die Plädoyers der Nebenkläger. Boulgarides spricht von Verunglimpfung ihrer Familie bei dem Versuch, das Verbrechen aufzuklären: "Hat man uns in die Täterrolle gedrängt, um unsere unangenehmen Fragen zum Verstummen zu bringen? Oder befanden sich die Behörden tatsächlich auf einem für mich nicht nachvollziehbaren Irrweg?"

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Neues Gesicht: Anfang April 2018 will sich Rechtsanwalt Daniel Sprafke noch als dritter Pflichtverteidiger für André E. beiordnen lassen - der ist unzufrieden mit seinen bisherigen Anwälten. Das Gericht lehnt ab. Anfang Mai, bevor die beiden ursprünglichen Anwälte plädieren, teilt Sprafke mit, dass er sein Mandat niedergelegt hat. "Aufgrund sachlich divergierender Ansichten zwischen Verteidiger und Mandant, wie die weitere Verteidigung anzulegen sei, war dieser Schritt geboten." Er wünsche Herrn E. alles Gute.

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Vertrauensanwalt: Ende April 2018 plädieren Mathias Grasel (Foto) und Hermann Borchert für Beate Zschäpe. Sie fordern eine Strafe von maximal zehn Jahren Haft.

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Schlussphase: Die letzten Plädoyers halten Heer, Stahl und Sturm. Sie fordern die sofortige Freilassung der Hauptangeklagten. "Frau Zschäpe hat keine Morde geplant. Sie hat keine Waffen beschafft. Sie hat an den Taten insgesamt nicht mitgewirkt", sagt Heer. "Sie war noch nicht einmal in der Nähe auch nur eines Tatortes und hat die Straftaten von Mundlos und Böhnhardt auch nicht vom Küchentisch aus gesteuert." Zschäpe sei, so Heer, nur wegen einfacher Brandstiftung zu verurteilen. "Dies ist alles, was von der Anklage des Generalbundesanwalts übrig bleibt."

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