Olympia Männer in Frauenwettbewerben

Doping mit Chromosomen? Auch bei Olympia starteten immer wieder Athletinnen, die eigentlich Männer waren -und lösten damit eine Debatte aus, die bis heute anhält.
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Warmmachen zum Dauererfolg: Stanislawa Walasiewicz (links) war eine der herausragenden Leichtathletinnen der Dreißigerjahre. Geboren in Polen, zog sie schon in jungen Jahren in die USA und gewann dort unter dem Namen Stella Walsh bei US-Meisterschaften Dutzende Titel. Bei Olympia trat sie aber für ihre Heimat Polen an und holte im 100-Meter-Lauf 1932 Gold in Los Angeles. Auch danach stellte sie etliche Weltrekorde auf und...

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...gewann bei Olympia 1936 Silber in Berlin; auf diesem Bild gratuliert Walasiewicz der Siegerin Helen Stephens aus den USA. Dennoch schien sie die Niederlage nicht verkraftet zu haben und warf Stephens vor, in Wahrheit ein Mann zu sein. Jahrzehnte später, bekam dieser Vorwurf eine ganz neue Brisanz, als sich zufällig herausstellte, dass Walasiewicz intersexuell war und auch männliche Geschlechtsmerkmale aufwies: 1980 war die ehemalige Spitzensportlerin bei einem Raubüberfall in einem Kaufhaus getötet worden; erst die anschließende Obduktion brachte die Anomalie ans Licht.

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Plötzliches Karriereende: 1964 war ihr Jahr - die polnische Sprinterin Ewa Klobukowska gewann bei den Olympischen Spielen in Tokio Gold in der Staffel und Bronze im 100-Meter-Lauf. Ihre sportliche Karriere endete jedoch drei Jahre später abrupt, als eine Ärzte-Kommission bei einem Geschlechtstest feststellte, dass sie genetisch keine Frau sei. Allerdings sei sie "ebenso sicher auch kein Mann, sondern einer der wenigen echten Zwischenfälle". Der Weltleichtathletikverband strich daraufhin Klobukowskas Rekorde aus den Ergebnislisten; ihre Medaillen und Titel durfte sie aber behalten.

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Der Absturz: Der Sport verlangt nach eindeutigen Trennlinien, die die Natur nach Ansicht vieler Experten gar nicht bietet - und so bräuchte man theoretisch eine dritte Leistungsklasse für intersexuelle Sportler. Anomalien wie der Hyperandrogenismus etwa führen zu erhöhten Testosteronwerten und womöglich besseren Leistungen. Doch sind diese Sportlerinnen dadurch zwangsläufig Männer? Müssen sie sich schwerwiegenden körperverändernden Eingriffen wie einer Anti-Hormon-Therapie unterziehen, nur um in der Welt des Sports wieder als Frau zu gelten? Bis vor wenigen Jahren war dies noch so. Für die Betroffenen eine ungeheure Belastung. Die indische Mittelstreckenläuferin Santhi Soundaraja (Bild) etwa unternahm 2007 einen Selbstmordversuch; ein Jahr zuvor war ihr die Silbermedaille der Asienspiele nachträglich aberkannt worden, weil bei ihr Hyperandrogenismus festgestellt worden war.

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Wahrheit oder böses Gerücht? Vor Einführung von offiziellen Tests zur Geschlechtsüberprüfung war in den Sechzigern besonders Sportlerinnen aus dem Ostblock vorgeworfen worden, sie seien in Wahrheit Männer. Viele Zeitungen schlossen sich solchen Vorverurteilungen an; das erfolgreiche sowjetische Leichtathletik-Geschwisterpaar Irina und Tamara Press (hier bei Olympia 1960) wurde häufig nur als "Press-Brüder" bezeichnet. Nachweisen konnte man den beiden jedoch nichts. Mit Einführung der Geschlechtstests 1966 zogen sich Irina und Tamara Press trotz guter Leistungen abrupt vom Leistungssport zurück - und befeuerten damit weiter die Gerüchte.

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Entwürdigend: Wie alle Sportlerinnen ab 1966 musste sich auch die britische Fünfkämpferin Mary Peters einem Test zur Geschlechterüberprüfung aussetzen. Anfangs mussten sich die Athletinnen dabei vor einer Kommission ausziehen und äußerlich begutachten lassen. Peters beschrieb das später als "die härteste und demütigendste Erfahrung" in ihrem Leben. Ihr wurde dabei stets offiziell das bestätigt, was sie sowieso wusste: Sie war eine Frau.

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Volksheldin: Die Ski-WM 1966 im chilenischem Portillo hätte für den erfolgsverwöhnten österreichischen Skiverband in einem Debakel geendet - wenn nicht Erika Schinegger (Bildmitte) bei der Abfahrt Gold geholt hätte. Es blieb der einzige Sieg der Österreicher bei der WM. Entsprechend begeistert wurde Schinegger, damals erst 18 Jahre alt, in ihrer Heimat gefeiert. Doch...

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...nur ein Jahr später wurde bei einem neu eingeführten Test festgestellt, dass Schinegger das männliche Chromosomenpaar XY aufwies. Sie war damit genetisch gesehen ein Mann, ohne es geahnt zu haben - und geschockt: "Ich habe geweint, meine Welt ist zusammengebrochen", erinnert Schinegger sich im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Ich war 19 Jahre und habe gedacht: Das kann doch nicht das Leben gewesen sein! Ich will Ski fahren!"
Der Österreichische Skiverband aber...

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...entstand später ein mutiges Buch ("Der Mann, der Weltmeisterin wurde"). Schinegger blieb trotz aller Tuscheleien in seinem konservativen Kärtner Heimatort Agsdorf, heiratete dort und wurde Vater. 1988 überreichte er seine Goldmedaille von 1966 der damals zweitplatzierten Marielle Goitschel, weil er ja "zu Unrecht" gewonnen habe. Doch die Französin gab ihm die Medaille später zurück, als Anerkennung für seine sportliche Leistung und seinen Lebenskampf. "Ohne diese Medaille wäre ich seelisch zu Grunde gegangen", sagt Schinegger im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Nur seine Prominenz habe es ihm ermöglicht, damals von den besten Ärzten behandelt und operiert zu werden.

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Umstrittene Favoritin: Die südafrikanische Mittelstreckenläuferin Caster Semenya gilt in Rio als die klare Anwärterin auf Gold im 800-Meter-Lauf. Gewinnt sie, wird eine alte, hässliche Frage wieder auftauchen: Ist Semenya zu schnell für eine Frau? 2009 hatte sie bei der WM in Berlin (Foto) die Konkurrenz deklassiert und die 800 Meter mit mehr als zwei Sekunden Vorsprung gewonnen. Danach wurde auf Grund ihrer tiefen Stimme und ihres maskulinen Aussehens öffentlich spekuliert, ob sie überhaupt Eierstöcke und Gebärmutter besäße. Der Internationale Leichtathletik-Verband spielte dabei eine unrühmliche Rolle, indem er die Gerüchte weiter anfachte. Verzweifelt...

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...erklärte Semenya: "Niemand hat mir je erklärt, dass ich kein Mädchen bin". Angesichts des Rummels klagte sie: "Warum hat man mich überhaupt hierher gebracht? Sie hätten mich in meinem Dorf lassen sollen." Kurzfristig gesperrt, durfte sie bei den Olympischen Spielen in London 2012 teilnehmen, allerdings unter der Auflage eines niedrigen Testosteronspiegels, den sich die Athletin vermutlich künstlich hatte senken lassen. Semenya holte dennoch Silber im 800 Meter-Lauf. Für die Spiele in Rio gibt es nach einem Grundsatzurteil des Sportgerichtshofs Cas keine Vorgaben mehr für den Testosterspiegel bei Frauen.

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Erst weiblich, dann männlich: Wie unsicher die genetischen Tests zur Geschlechtsüberprüfung sind, zeigt der Fall der spanischen Hürdenläuferin Maria José Martinez-Patino. 1983 war ihr bestätigt worden, dass sie weiblich sei. Nur weil sie dieses Zertifikat (Bild) bei einem Wettkampf 1985 in Tokio vergaß, wurde ein weiterer Test durchgeführt, der das Gegenteil belegte - mit verheerenden Folgen: "Ich verlor Freunde, meinen Verlobten, Hoffnung und Kraft", erinnerte sie sich. "Aber ich spürte, dass ich eine Frau war. [...] Ich habe Brüste und eine Vagina und konnte kaum so tun, als ob ich ein Mann wäre." José Martinez-Patino hatte zwar das Chromosomenpaar XY, ihr Körper aber reagierte auf Grund einer Androgeninsensitivität kaum auf das "männliche" Geschlechtshormon Testosteron. Nach mehrjährigem Rechtsstreit wurde die gesperrte Sportlerin rehabilitiert.

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...flog sie auf, als sie bei einer Zugfahrt für einen männlichen Spitzel gehalten wurde, der sich als Frau tarne. Ratjen musste zur Polizei. Dort gab sie an, sie sei ein Mann - und löste einen Skandal aus. Noch im selben Jahr wurde ihr Geschlecht offiziell geändert; Dora nannte sich fortan Heinz.

Unsicherheit über Ratjens Geschlecht hatte es schon bei der Geburt gegeben, auch bei der Hebamme, die sich schließlich auf "Mädchen" festlegte. Eine spätere polizeiärztliche Untersuchung mag die Verwirrung erklären: Demnach wurde bei Ratjen eine anatomische Abweichung festgestellt - ein "derber Narbenstrang, der sich von der Unterseite des Penis ziemlich breitflächig nach hinten erstreckt".

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Entspannen nach gewonnenem Rechtsstreit: Die indische Kurzstreckenläuferin Dutee Chand klagte 2015 erfolgreich vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas gegen ihre Disqualifikation, die der indische Leichtathletik-Verband ausgesprochen hatte. Der hatte bei Chand einen erhöhten Testosteronspiegel festgestellt. Allerdings ist diese Anomalie nicht in jedem Fall nachweislich leistungsfördernd. Der Cas untersagte es daher für zunächst zwei Jahre grundsätzlich, Sportlerinnen auszuschließen, weil sie hohe Testosteronwerte aufweisen. Danach soll das Urteil erneut überprüft werden.

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