Postkarten von DDR-Urlaubern "Wie im Paradies, nur das Paradies fehlt".

Der Westen war ihnen verschlossen, doch in Südosteuropa konnten auch DDR-Urlauber den Luxus des Reisens genießen. Davon zeugen ihre Postkarten, die sie an die "lieben Zurückgebliebenen" schrieben. Georg Keim hat Dutzende dieser kuriosen Karten gesammelt.
1 / 18

Strandschönheit:

Ihr Lieben!
Die Karte zeigt es. Seitdem ich gestern meine Gebirgswanderungen abgeschlossen habe, habe ich es nun nur noch mit solchen Dingen zu tun. Herzliche Grüße an Euch alle von Peter

Georg Keims Kommentar: Gebirgswanderungen - Dafür, dass Bulgarien gerade mal so groß ist wie Bayern und Baden-Württemberg zusammen, hat es wirklich viele Gebirge. Es gibt so viele, dass man um entsprechende Wanderungen nur sehr schwer herum kommt. Das besonders Schöne an Gebirgsketten und Bergkämmen: Ihnen schließen sich meist auch malerische Ebenen und Täler an. Das nennt man dann in der Summe eine "schöne Landschaft". An Gebirgen ist zuvorderst natürlich der Balkan zu nennen, der in Bulgarien "Stara Planina" heißt. Das bedeutet "Altes Gebirge". Immerhin hat es der ganzen Halbinsel ihren Namen gegeben. Dann das Vitoscha-Gebirge rund um Sofia, das Pirin, das Rila-Gebirge, die Rhodopen, Strandscha, das Mini-Gebirge Osogowska Planina und viele kleine mehr.

Foto: Georg Keim
2 / 18

Ostern in Bulgarien:

Liebe Elsbeth,
ich sende Dir von hier recht herzliche Grüße. Endlich ist die Sonne drei Tage da, es war auch so traurig dieses Wetter in so schöner Gegend. Jetzt wandere ich täglich am Strand und sammle schöne Muscheln für unsere Kinder. Leider klappt es nicht mit dem Diät essen. Heute ist Gründonnerstag. Hoffentlich ist es bei Euch an Ostern auch schön. Bald ist Abreise, am 13. des Monats lande ich wieder um 15 Uhr in Schönefeld. Herzliche Grüße auch an Käthe und die Kinder, Deine Ly

Georg Keims Kommentar: Muscheln - Ly macht es richtig: Muscheln sammeln ist eine schöne Nebenbeschäftigung beim Strandspaziergang. Das kann man so nebenbei erledigen. Man hat was zu bücken und zu gucken und schöne Erfolgserlebnisse. Denn es soll ja Leute geben, denen das alleinige Aufs-Meer-Schauen nicht ausreicht. Nur: was haben Muscheln eigentlich an sich, dass sie so Geheimnis umwoben und exklusiv wirken, wo sie doch wie Sand am Meer an Stränden herumliegen? Der Aufklappmechanismus? Die Perlen? Sind beide hinüber, wenn die Muschel erst Strandgut geworden ist... Diät essen: Wozu? Warum? Weshalb und wieso? Und gerade im Urlaub? Und ausgerechnet in Bulgarien? Das muss schief gehen. Die bulgarische Küche ist nämlich ziemlich fettreich, das ist so klar wie Kloßbrühe. Sicher, man kann sich auch zwei, drei Wochen von Schopska-Salat ohne Schafskäse ernähren, mit anderen Worten: von Tomaten, Gurken, Paprika und Zwiebeln. Aber wer will das schon?

Foto: Georg Keim
3 / 18

Grüße an die Aktuelle Kamera:

Herzliche Grüße von der schönen, aber von völlig von Touristen überfluteten Insel Nessebar sendet Euch Bärbel. Wäre es nicht so warm, kämen wir uns vor wie auf dem Weihnachtsmarkt. Dieser Urlaub ist anstrengender als 3 Wochen AK!!! Ständig auf der Hut sein, um nicht übers Ohr gehauen zu werden. Hier werden die Touristen nach Strich und Faden besch...! Macht schöne Beiträge!

Foto: Georg Keim
4 / 18

Buntes Leben in Bulgarien:

Wir sind hier gut angekommen. Mit dem Flugzeug hat es geklappt. Habe heute gleich gebadet. 22° C Wassertemperatur. Hier ist ein buntes Leben. Na, ich erzähle ja. Für Hildchen hatte ich schon einen kleinen Flirt, sie ist zu stur. Na, Spaß muss sein. Viele Grüße, Traudel

Foto: Georg Keim
5 / 18

Die Schmorgurken warten schon:

Herzlichen Gruß schicke ich Euch und denke an die Schmorgurken am 10. August. Alles Gute! Eure Irene & Playboy Georg Keims Kommentar: Schmorgurken sind dickere Freilandgurken, mit dicklicher Schale und festen Kernen. Weil sie ein wasserarmes, festes Fleisch haben, eignen sie sich hervorragend zum Kochen. Schmorgurkengerichte kamen in der DDR oft auf den Tisch, allerdings saisonbedingt, im Winter waren sie rar und wurden zur sogenannten schwer zu kriegenden Bückware. "Die Schmorgurken" heißt übrigens auch ein Herrengesangsquartett. Die kann Irene aber nicht meinen, die vier singenden Schmorgurken gibt es erst seit 1987. Damals begann ihre Karriere mit ersten Auftritten in den Jugendclubs der DDR.

Foto: Georg Keim
6 / 18

Grüße an die Kollegen:

Hallo Kollegen!
Ich grüße Euch aus dem sonnigen Süden. Hier kann man sich prima von dem täglichen Stress im Betrieb erholen. Euer Kalli
PS: Läuft alles ohne mich?

Foto: Georg Keim
7 / 18

Camping im Paradies:

Liebe Nana, liebe Helma!
Wir sind gut angekommen. Nach dem Radio zu urteilen, ist es z. Z. bei Euch um 2°C wärmer als hier. Das Meer ist wie immer wunderbar warm und es ist herrlich, darin baden zu können. Volko schmökert schon zwei Tage, er hatte nicht mal Lust zum Schreiben. Auf der Herfahrt haben wir uns beide mit dem Vorn-Sitzen abgewechselt. Die Fahrt war gut, leider hat es in den Karpaten geregnet, so dass die Transfagaras oben in den Wolken lag, man sah nicht viel. Dafür gab es dort noch Glatteis und Schnee. Si + Anh.

Georg Keims Kommentar: Der Name des Campingplatzes, beim Kamtschija-Fluss ist "Raj", das bedeutet Paradies.

Foto: Georg Keim
8 / 18

Landschaft, Boys - alles prima:

Hallo Ira!
Aus Bulgarien ganz liebe Grüße. Ich habe mich hier sehr schwer eingefuchst. Die Landschaft prima. Boys - tolle. Aber ich darf nicht zuschlagen, habe auch keine Lust. Wo das Kreuz ist, da hinten liegen wir. Ich war eigentlich ein wenig traurig, dass Du nicht anriefst. Obwohl: am 29.7.83 um 20.00 Uhr war ich im Club. So, tschüß bis zur nächsten Karte sagt Dir Anne

Foto: Georg Keim
9 / 18

Camping mit Trabi:

Hallo Ihr alle!
Viele Grüße aus Primorsko sendet Euch Carola. Flug war gut, Wetter ist sehr heiß. Vorsicht Sonnenbrand. Schwarz sind wir schon. Hoffentlich hält sich die Bräune, da wir ja eine Woche dann woanders sind.

Foto: Georg Keim
10 / 18

Sonnenbrand und sauberes Wasser:

Abs: K. H.
Am Fluss des Dorfes Mostovo
Liebe Wally! Lieber Herr Reinholdt!
Nun schon seit reichlich einer Woche in Bulgarien, genieße ich die bulgarische Landschaft. Das Wetter meint es gut mit uns. Die bulgarische Sonne prasselt erbarmungslos auf uns nieder. Einen Sonnenbrand habe ich schon hinter mir. Jetzt im Moment befinde ich mich in Mostovo, einem kleinen Dorf in den Rhodopen. Es liegt an einem Fluss, in dem ich mich bei zu großer innerer Hitze mal abkühlen kann. Das Wasser ist herrlich erfrischend und sauber (bei uns eine Seltenheit). Morgen wollen wir wieder einen Wandertag einlegen, um noch etwas von dem Gebirge kennenzulernen. Es grüßt ganz lieb Eure Kathrin

Foto: Georg Keim
11 / 18

Preiserhöhungen und wenig Komfort:
Unbedingt billige Weine kaufen, Preiserhöhung von 100% kommt, Benzinpreis schon erhöht; Gerücht gelangt bis Losenez!!

Liebe Mutti!
Gut hier unten angekommen, Auto fährt noch. An der Grenze Benzintalons gekauft (25% Ermäßigung), Liter = 2,50 Mark. Campingplatz kostet noch 1,20 Lewa (pro Tag alles in allem 4,95L) aber der Juli ist in wenigen Tagen zu Ende, und dann steigen die Preise sicher wieder. Der Campingplatz hat trotz d. Preises ebenso wenig Komfort wie früher. Wetter ist herrlich, bald zu heiß. Sonnensegel sind unsere "Rettung". Einen ganz kleinen Sonnenbrand haben wir auch schon. Vorhin wurde das Wasser ausprobiert, lauwarm. Viele liebe Grüße von Karla und Thomas

Georg Keims Kommentar: Losenez war mit seinen angrenzenden Campingplätzen bis vor ein paar Jahren noch ein Geheimtipp. Das ist es eigentlich immer noch, aber sicher nicht mehr lange. Auch hier wird, wie überall an der Küste, kräftig um die Engländer geworben, auf dass sie eines der vielen neu entstandenen Apartments erwerben mögen. Und die Engländer kaufen und kaufen, nicht nur Neugebautes.

Foto: Georg Keim
12 / 18

Für die Genossen des Finanzministeriums:

Liebe Genossinnen und Genossen!
Herzliche Grüße vom Sonnenstrand sendet Erich L. und Frau. Wir haben herrlichen Sonnenschein. Die Straßen sind nicht immer 1. Ordnung. Wasser 25°. Camping ist hier und auch in Varna sehr gut organisiert. Verpflegung ist ausgezeichnet, aber nicht immer billig.

Georg Keims Kommentar: Slantschev Briag - Sonnenstrand - Sunny Beach: An dieser Stelle wird gleich noch die Rede sein von der sogenannten Farbe Terrakotta. Doch zunächst schwarz auf weiß die Fakten: Slantschev Briag, am Ende mit "v" oder manchmal auch mit "w" geschrieben, ist der berühmte Badeort Sonnenstrand, nördlich von Burgas. Ende der fünfziger Jahre war es eines der ersten kommerziell errichteten Seebad in Osteuropa. Bevor aber die ersten Touristen von landwärts an den Strand gespült werden konnten, räkelten sich noch Tausende von Schlangen im Schwarzmeersand. Beseitigt wurden sie ganz ohne Chemokeule: Die Bulgaren karrten lastwagenweise hungrige Igel herbei, das war das Ende für Nattern & Co. Spröd-charmante wenig- bis vielstöckige Hotels in genauso spröd-charmanter Einheitsplattenbauart schmiegten sich hie und da in die Landschaften ein. Das war noch zum großen Teil so bis zur großen Privatisierungswelle Anfang dieses Jahrzehnts. Und dann? Wurde auf jeden freien Quadratmeter ein terrakottafarbenes Hotel gestellt. Und diese Terrakottadinger sehen irgendwie auch wieder alle gleich aus. Terrakotta. Kann jemand dieses Wort auch nur denken, ohne die Stirn in Falten zu legen und die Brauen hochzuziehen? Probieren Sie's mal: TERRAKOTTA. Zu dumm, dass man es jetzt dauernd denken muss, wenn man durch Slantschev Brijag spaziert und umher blickt. Lerne: Terrakotta hätte eine sogenannte Farbe für Blumentöpfe bleiben sollen. Nebenbei, während Deutsche zum "Sonnenstrand" fahren, buchen Engländer in ihren Katalogen eine Reise nach "Sunny Beach".

Foto: Georg Keim
13 / 18

Obst und Gemüse:

Dir, liebe Emma, sowie der ganzen großen Familie tausend herzliche Urlaubsgrüße von der herrlichen Schwarzmeerküste. Das Wetter ist wunderbar, das Meerwasser warm, sodass wir fast täglich baden gehen können. Drei Wochen sind wir unterwegs. Der "Tourex" brachte uns bis Varna. Nun wohnen wir in einem Bungalow in Albena. Das viele Obst und Gemüse! Die Trauben sind reif! Riesige Felder gibt es davon. Es ist eben ein herrliches Land. Fotos vom Geburtstag haben wir nicht, nur Dias. Sobald wir etwas Zeit zu hause haben, schicken wir Dir und auch Doris (sie weiß schon!) welche. Elfriede, Ralf

Georg Keims Kommentar: Obst- Aus althochdeutsch "obez", das bedeutet Zukost. Also alles, was man außer Brot und Fleisch noch so zu sich nahm. Mehr Obst, das beweisen die begeisterten Urlaubsberichte, hätte die DDR-Bürger zufriedener und damit ihre Republik vielleicht noch länger überleben lassen. Bester Beweis für die subversive Kraft des Obstes: die achtziger Jahre DDR-Untergrund-Punkband von Ulli Baum, Frank Poddig, Stefan Schwalbe und Frank Tietz. Sie nannten ihr Quartett "Tausend Tonnen Obst". Ganz groß!

Foto: Georg Keim
14 / 18

Am Strand von Varna:

Viele liebe Grüße senden wir Euch. Entschuldigt die Schrift, doch hier gibt es nur einen einfachen Federhalter. Bis heute Mittag hat es geregnet, hoffentlich hält die Sonne die heute Nachmittag kam. Wolfgang, René, Greta

Foto: Georg Keim
15 / 18

Strand, Disco, Restaurant:

Lieber Issi! Ich habe mich gerade von einem Sonnenstich erholt. Mir ging's ziemlich mies. Wir sind jetzt grade bei meinen Großeltern, das ist ca. 5 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Inzwischen gefällt mir's hier. Da ich auch viele Bekannte vom vorigen Jahr wieder getroffen habe. Jeden Abend zur Disco oder ins Restaurant ist auf die Dauer ganz schön anstrengend. In Burgas haben die wirklich ein gutes Angebot in den Läden (und Schießbuden). Hier gibt's wenigstens was! Die Jugendlichen hier machen total einen auf Popper. Die haben was übrig für gutes Aussehen und Anziehen. Am 29.8., 13.30 Uhr fliegen wir zurück. Bis Dresden, von dort mit dem Zug. Wir sind gegen 15 Uhr zu Hause. Ich hoffe, wir sehen uns ab 18 Uhr im Blinder-VZ zur Disco! Wenn nicht, komme Du mal vorbei. Tschüß, Deine Katrin

Foto: Georg Keim
16 / 18

Grüße von der Schwarzmeerküste:

Liebe Frau Pietsch!
Herzliche Urlaubsgrüße aus Bulgarien von der Schwarzmeerküste senden Ihnen Alf und Inge. Am 13.8. sind wir wieder in Berlin und ich möchte mir dann mein Sparkassenbuch abholen. Ich komme früh zwischen 5.30 Uhr und 6 Uhr. Inge

Georg Keims Kommentar: Sparkassenbuch oder auch Sparbuch - Eine lange Zeit bemerkenswert beliebte Form der Geldanlage mit null komma wenig Zinsen bei lebenslänglicher Laufzeit. Aber: Aktien- und Immobilienerwerb gestaltete sich aus bekannten Gründen in der DDR als schwierig - so war die Mark der DDR hier bestens aufgehoben. Mal angenommen, Frühaufsteherin Inge hatte im August 1964 rund 1000 DDR-Mark auf ihrem Sparkassenbuch, so hätte sie bis 1989 bei jährlichen Zinsen von 2% ein 1:1-D-Mark-Vermögen von satten 1.707.- DM angespart. Und das reichte für mindestens zwei Bulgarienurlaube.

Foto: Georg Keim
17 / 18

Paradies ohne Paradies:

Wir sind nach einem ruhigen Flug gut gelandet. Luft und Wasser ist wie im Paradies, nur das Paradies fehlt eben. Wir werden die Zeit schon gut überstehen. Mein Körper ist braun und rot, kaum wieder zu erkennen. Herzliche Grüße, Hans-Jörg u. Linda

Foto: Georg Keim
18 / 18

Weinprobe:

Viele Grüße aus Vratza sendet Euch Carola. Das Wetter ist herrlich. Heute am Nachmittag gehen wir zur Weinkostprobe, pro Nase 2 Fl. Holladrio - da kann ich ja die Straße messen.

Georg Keims Kommentar: Vratza oder Vraza? Ja, der Name Vraza klingt etwas uncharmant. Und die Stadt, rund 120 km nordöstlich von Sofia, liegt auch nicht im Fokus der Touristenprospekte und Rundreisen. Dabei gibt es in Vraza hübsche architektonische Kleinode in Form der berühmten Wiedergeburtshäuser. Und außerdem Hotels, Straßen, Wege, Pfade, Museen, Plattenbauten, Einwohner, kleine Häuser, große Häuser, Restaurants, Banken, eine Post, Reisebüros und vieles mehr, was eine ganz nette Stadt so ausmacht. Nur: Vraza teilt das Schicksal von vielen ganz netten Städten, die man nur "wegen ihrer Umgebung" besucht. Carolas Weinkostprobe fand denn vermutlich auch eher außerhalb statt. Genau dort liegt unter anderem die Vratzata-Schlucht, wo Kletter-Fans auf ihre Kosten kommen. Daneben locken Berge, Felsen, Höhlen, Wanderwege, Panoramastraßen, ein Kloster, eine tolle Brücke, ein wichtiges Denkmal und vieles mehr, was eine ganz nette Umgebung so ausmacht. Also: Auf nach Umgebung!

Foto: Georg Keim
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.