Globale Proteste 2019 Gesichter des Widerstands

Unruhen, Massenproteste, Revolution: In den vergangenen zwölf Monaten gingen überall auf der Welt Menschen auf die Straße. Einige Demonstranten wurden dabei zu Ikonen des Protests.
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Alaa Salah

Die 22-jährige Studentin ist zum Symbol des Widerstands im Sudan geworden. Bereits im Dezember 2018 brachen erste Proteste in dem afrikanischen Land aus. Daraus wurde eine Massenbewegung, die monatelang anhielt. Die Demonstrierenden versammelten sich vor dem Präsidialpalast und dem Hauptquartier der Armee in der Hauptstadt Khartum. Eine tragende Rolle bei den Protesten spielten Frauen. Schätzungen zufolge waren mehr als zwei Drittel der Demonstrierenden Frauen. Eine von ihnen war Salah. Zur Ikone wurde die Architekturstudentin, als sie im traditionellen weißen Gewand von einem Autodach aus Sprechchöre leitete. Die Bilder, die dabei entstanden, wurden hunderttausendfach in sozialen Netzwerken geteilt; sie zeigen Salah umringt von einer Menschenmenge, die ihr mit Revolutionsrufen antwortet.

Foto: AFP
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In sozialen Netzwerken bekam Salah den Beinamen "Kandaka": "nubische Königin". Frauen werden in Sudan seit Jahrzehnten unterdrückt. Allein für unangemessene Kleidung drohen ihnen Prügel. Salah wurde innerhalb kürzester Zeit zur Ikone gegen die Unterdrückung. Bilder von ihr in ihrem weißem Gewand und mit goldenen Ohrringen schmücken mittlerweile auch Häuserwände. "Freiheit ist keine Statue mehr, sie lebt in Fleisch und Blut", steht neben diesem Wandbild von Salah. Im April wurde Machthaber Omar al-Baschir nach gut 30 Jahren gestürzt. Derzeit regiert im Sudan ein von zivilen Kräften dominierter Übergangsrat unter Beteiligung des Militärs. Freie Wahlen wurde in Aussicht gestellt. Wann diese stattfinden sollen, ist noch nicht klar. Kürzlich wurden auch die strengen Vorschriften für Frauen gelockert.

Foto: OMAR HAJ KADOUR/AFP
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Nissa Imad

Auch in Algerien brachen zu Beginn des Jahres Massenproteste aus. Die Hälfte der Bevölkerung in dem nordafrikanischen Land ist 28 Jahre oder jünger. Vor allem diese Generation stand hinter den Demonstrationen, die Langzeitherrscher Abdelaziz Bouteflika im April zum Rücktritt zwangen. Doch hinter die Jugend stellten sich auch viele Vertreter der älteren Generation. Eine davon war Nissa Imad. Die ältere Dame hat fünf Kinder, wie viele junge Menschen im Land sind auch sie arbeitslos. Mediale Aufmerksamkeit erhielt Imad als Sicherheitskräfte versuchten, ihr den Weg zu einer Demonstration zu verweigern. Statt zu gehen, konfrontierte sie die Polizisten. Der BBC sagte sie später: "Ich bin eine alte Frau. Ich bin hier für die Jugend, für unsere Kinder." Und die geben sich mit dem Rücktritt Bouteflikas nicht zufrieden. Sie wollen einen Systemwechsel und gehen dafür noch immer auf die Straße.

Foto: RYAD KRAMDI / AFP
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Greta Thunberg

Am 20. August 2018 hat Greta Thunberg zum ersten Mal für das Klima gestreikt. Allein saß die Schülerin mit ihrem Protestschild vor dem Schwedischen Reichstag - statt in der Schule. Innerhalb weniger Monate fand sie Nachahmer. Weltweit folgten Schüler ihrem Beispiel. Daraus entstand die "Fridays for Future"- Bewegung, die auch in Deutschland Schüler zum Klimastreik bewegte. Mittlerweile ist Thunberg zum Gesicht einer neuen internationalen Klimabewegung geworden. Dabei richtet die 16-Jährige regelmäßig das Wort an die Mächtigen dieser Welt, steht aber auch in der Kritik - zum Beispiel, weil sie bei ihrer Atlantiküberquerung per Segelschiff womöglich klimaschädlicher unterwegs war als mit einem Flug. Die Debatte um den Klimawandel ist jedoch durch Thunberg 2019 maßgeblich größer geworden.

Foto: MARTIN OUELLET-DIOTTE/ AFP
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Joshua Wong

Der 23-Jährige gilt seit der "Regenschirmbewegung 2014" als das Gesicht der demokratischen Kräfte in Hongkong. In diesem Jahr sind in der chinesischen Sonderverwaltungszone erneut Massenproteste ausgebrochen. Die Demonstranten stellen sich seit Monaten gegen den wachsenden Einfluss Chinas auf Hongkong. Wong spielt dabei bisher eher eine Nebenrolle, nutzt jedoch seine internationale Bekanntheit, um Aufmerksamkeit zu schaffen. Auch forderte er Regierungschefin Carrie Lam zum Rücktritt auf. Für die staatlich kontrollierten Medien in Festlandchina ist er ein Verräter und Separatist. Von den Bezirkswahlen im November wurde er als einziger von mehr als 1100 Kandidaten ausgeschlossen. Die demokratischen Kräfte konnten bei der Abstimmung dennoch starke Zugewinne verzeichnen. Die Wahl hat vor allem symbolische Bedeutung - Hongkongs Bezirksräte verfügen nicht wirklich über politische Macht.

Foto: AFP/ Philip FONG
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Der Joker

Der Comic- und Filmbösewicht wird zunehmend zur Symbolfigur bei Protesten - und zwar weltweit. Das weiß geschminkte Clownsgesicht mit dem breit verschmierten Mund war bei Demonstrationen im Nahen Osten ebenso präsent wie in Hongkong oder Lateinamerika. Hier trägt ein Demonstrant in Bagdad die Joker-Maske. Bei den Protesten im Irak sind in diesem Jahr bereits Hunderte Menschen getötet worden. Ihre Wut richtet sich gegen die politische Elite, Misswirtschaft, Korruption und Arbeitslosigkeit. Der Joker dient den Demonstranten als Symbol für den Machtkampf zwischen Eliten und einfacher Bevölkerung. Das ist allerdings nicht die einzige Interpretation für die höchst ambivalente Figur.

Foto: MURTAJA LATEEF/EPA-EFE/REX
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In Chile sagten Demonstranten dem US-Sender CNN, die Clownsschminke sei ein Symbol dafür, wie krank die Gesellschaft sei. Der kriminelle, psychisch gestörte "Joker" sei missverstanden, verletzlich und auf sich allein gestellt. Dieses Gefühl würden viele Chilenen, die nicht zu den privilegierten Klassen gehörten, teilen. Entzündet hatte sich der Protest in Chile an einer Erhöhung der Preise für U-Bahn-Tickets und richtet sich nun gegen die soziale Ungleichheit im Land. Präsident Sebastian Piñera hat inzwischen den Preisanstieg im Nahverkehr ausgesetzt und sein Kabinett teilweise ausgetauscht. Die Demonstranten fordern jedoch weiterhin seinen Rücktritt.

Foto: Esteban Felix/AP
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Malak Alaywe Herz

Seit Wochen kommt es auch im Libanon zu Protesten gegen die politische Führung. Die Demonstranten beklagen Misswirtschaft und die grassierende Korruption im Land. Am 17. Oktober wurde Malak Alaywe mit ihrem beherzten Vorgehen gegen eine Sicherheitskraft von Minister Akram Chehayeb zur Heldin. Um eine kleine Gruppe Demonstranten in Beirut zu verschrecken, hatte der Bodyguard mit einer Waffe in die Luft geschossen. Alaywe reagierte prompt und trat zu. Die Szene verbreitete sich in den sozialen Netzwerken und machte sie zu einem Symbol der Protestbewegung. Wenige Tage später sorgte sie für das nächste ikonografische Foto: Sie heiratete - und mischte sich nach dem Ja-Wort gemeinsam mit ihrem Mann unter die Demonstranten. Denn dort habe alles einst begonnen, so das Brautpaar. Alaywe und ihr Ehemann Mouhamad Herz hatten sich 2015 bei Protesten gegen die Müllkrise im Land kennengelernt.

Foto: Mohammad Yasin/ AFP
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Carola Rackete

Die 31 Jahre alte Deutsche rückte im Sommer das Elend der Flüchtlinge im Mittelmeer wieder in den Fokus des Interesses. Die Kapitänin der deutschen Hilfsorganisation Sea-Watch war Ende Juni mit Dutzenden Migranten an Bord ohne Erlaubnis der Regierung Italiens in die Hoheitsgewässer und in den Hafen von Lampedusa eingelaufen. Dabei hatte sie ein Schiff der Finanzpolizei, die zu den italienischen Streitkräften gehört, gestreift. Rackete wurde festgenommen und unter Hausarrest gestellt.

Foto: Guglielmo Mangiapane/ REUTERS
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Der Fall sorgte international für Aufsehen. In Deutschland wurden innerhalb weniger Tage Hunderttausende Euro für die Seenotrettung gespendet - damit sollten auch die Anwaltskosten für Rackete abgedeckt werden. "Free Rackete" wurde zum Slogan der Flüchtlingsretter. Mittlerweile durfte die Kapitänin Italien verlassen, das juristische Nachspiel dauert an. Mit ihrem Einsatz für Flüchtlinge wurde Rackete zu einem Symbol der Menschlichkeit und des Widerstands gegen den damaligen italienischen Innenminister Matteo Salvini. Der rechte Politiker sieht in der deutschen Flüchtlingsretterin das ideale Feindbild. In den sozialen Netzwerken wetterte er mehrfach gegen Rackete. Diese klagte schließlich wegen Anstiftung zum Verbrechen gegen ihn - auch hier liegt noch kein gerichtliches Urteil vor. Rackete setzt sich mittlerweile in der Klimabewegung ein.

Foto: CHRISTOPHE PETIT TESSON/ EPA-EFE/ REX
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Die Sardine

In Italien regt sich mittlerweile auch von anderer Seite Widerstand. Die Sardine könnte dort am Ende des Jahres zu einer weiteren Protestikone werden. Sie ist das Symbol einer neuen Bürgerbewegung gegen den Chef der rechten Lega, Matteo Salvini. Er will bei Wahlen im kommenden Januar die italienische Region Emilia Romagna erobern und betreibt dort seit Wochen massiven Wahlkampf. Bei einer seiner ersten Kundgebungen wurde zu Gegenveranstaltungen aufgerufen - Tausende folgten dem Aufruf. Sie nannten sich Sardinen, weil ein einzelner dieser Fische unbedeutend ist, ein ganzer Schwarm aber etwas bewegen kann. In den vergangenen Wochen ist dieser Schwarm zunehmend gewachsen. Auch in New York sollen sich erste Italo-Amerikaner zu den Sardinen bekannt haben.

Foto: Guglielmo Mangiapane/REUTERS