Radio in den Achtzigern Meine Jahre als Wellenjäger

Radio Eriwan in echt: Wer in den analogen Achtzigern den Rundfunk fremder Länder hören wollte, brauchte noch einen Weltempfänger. Matthias Streitz besaß einen - und lernte das Kurzwellen-Surfen lieben. Auf dem Programm: Gorbis Glasnost, Saddam-Jubelfunk aus Bagdad und Tanzmusik auf Togolesisch.
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Post aus dem Herzen Afrikas: Mit solchen Bestätigungskarten, im Jargon der Kurzwellenfans QSL-Karten genannt, bedankten sich Radiostationen aus aller Welt bei Hörern, die ihnen einen "Empfangsbericht" zugesandt hatten. Es war ein Tauschgeschäft, das beiden Seiten diente: Die Sender erfuhren, mit welcher Qualität ihre Programme in welchen Ecken der Welt ankamen. Die Hörer erhielten eine neue, hoffentlich seltene Karte für ihre Sammlung. Africa Number One stammt aus Libreville, der Hauptstadt Gabuns. 1974 vom Staatspräsidenten Bongo gegründet, besaß die Station eine der kräftigsten Sendeanlagen auf dem ganzen Kontinent. Africa Number One war in den achtziger Jahren eine Seltenheit unter den staatlich dominierten Radios: Der Sender verzichtete weitgehend auf regierungstreue Progaganda - stattdessen gab es Tanzmusik, Tanzmusik, Tanzmusik.

Foto: Matthias Streitz
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Massendemonstration in Teheran - für Ajatollah Chomenei und gegen den Rest der Welt: Diese QSL-Karte verschickte der iranische Staatssender IRIB Ende 1986. "Im Namen Allahs: Bestätigung des Empfangsberichtes" steht auf Englisch auf der Rückseite, und weiter unten: "Krieg ist hässlich, aber von Fremden beherrscht zu werden ist noch hässlicher". IRIB sendete und sendet seine Propaganda in vielen Fremdsprachen, darunter Englisch und Deutsch. In den Nachrichten war Mitte und Ende der Achtziger viel zu hören über vermeintliche Triumphe im Krieg gegen den Nachbarn Irak.

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Noch lacht Saddam: Ein QSL-Brief von Radio Bagdad International, datiert auf den 30. August 1987. Auch der Irak leistete sich damals ein eigenes Propaganda-Programm auf Deutsch. Auf der farbenfrohen Aufklapp-Empfangsbestätigung müht sich der Sender, ein paar Fakten über sein Land zu vermitteln. Kostprobe: "Der Irak ist für seine Datteln bekannt. Es gibt mehre Millionen Dattelpalmen. Außerdem hat der Irak riesige Ölvorkommen."

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Show für den Diktator: Mit dieser farbenfrohen Karte bedankte sich Radio Pjöngjang aus Nordkorea 1987 für Empfangsberichte.

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Drei Fäuste für den Marxismus-Leninismus: Diese QSL-Karte verschickte der "Sender Frieden und Fortschritt" im August 1989 aus Moskau, noch kurz vor dem Kollaps der Sowjetunion. Das Programm der Station hatte ein besonderes Kennzeichen: Es war sogar noch dogmatischer als das der großen Schwester Radio Moskau. "Frieden und Fortschritt" funkte auch auf Deutsch. Dafür nutze man unter anderem einen Langwellensender in der damaligen DDR.

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Sowjetkitsch trifft auf islamische Ästhetik: QSL-Karte von Radio Taschkent, Anfang 1987. Ende der achtziger Jahre leistete sich praktisch jede Teilrepublik der damaligen UdSSR einen eigenen Auslandsdienst. Usbekistan funkte sein Radioprogramm auch auf Englisch in die Welt.

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Kein Scherz: Radio Eriwan, Thema zahlloser Witze, gab (und gibt) es wirklich. Beweis ist dieser schmucklose QSL-Zettel, der 1987 per Post aus der Hauptstadt Armeniens nach Stade in Niedersachsen verschickt wurde.

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Radio in Zeiten des Bürgerkriegs: Die islamistischen Mudschahidin aus Afghanistan funkten Ende der achtziger Jahre mit einem eigenen Rebellensender gegen das bröckelnde Regime in Kabul an. Gesendet wurde auf Pashtu und Dari. Diese QSL-Karte von "Voice of Unity, Radio Muslim Mujahideen of Afghanistan", verschickten die Dschihadisten über eine Postfachadresse in Hamburg.

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Kaltkriegsradio made in USA: Mit "Radio Freiheit" und "Radio Freies Europa" versuchten die Vereinigten Staaten, die Bürger der Ostblockländer für Demokratie und Kapitalismus zu begeistern - das Programm, zu großen Teilen finanziert mit CIA-Mitteln, fiel allerdings ziemlich spaßfrei und dogmatisch aus. Mehrere Sendeanlagen von RFE/RL standen in Westdeutschland, der Hauptsitz befand sich seit 1951 in München. Nach dem Kollaps des Sowjetreichs zogen Büros und Studios 1995 ins Zentrum der tschechischen Hauptstadt Prag um.

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Spaßradio made in USA: KUSW aus Salt Lake City war eines der ganz wenigen kommerziellen Privatradios auf Kurzwelle. Der Sender pushte vor allem Rock-'n-Roll-Musik in alle Welt, scheiterte aber mit diesem Konzept - Kurzwellensendungen mit all ihren Störungen passen eben schlecht zu echtem Musikgenuss. KUSW wurde später an eine religiöse Radio- und TV-Kette aus Kalifornien verkauft und umbenannt.

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QSL-Rarität: Lao National Radio, der Staatssender aus dem kommunistisch geprägten Nachbarland Vietnams, war schwer zu empfangen - noch kniffliger war es, eine Bestätigung für Empfangsberichte zu bekommen. Diese hier wurde über eine Büroadresse in Paris verschickt.

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Stimme der (alten) Bundesrepublik: Seit den Adenauer-Jahren sendete die Deutsche Welle von ihrem Kölner Hauptquartier aus auf alle Kontinente, anfangs auf Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch und Polnisch. In späteren Jahren kamen Haussa, Indonesisch, Dari, Dänisch und viele andere Sprachen dazu. Die Deutsche Welle, seit 1962 eigenständiges Mitglied der ARD, hat ihren alten DDR-Konkurrenten Radio Berlin International überlebt, sie ist aber am neuen Standort Bonn deutlich geschrumpft. Immerhin: Die Deutsche Welle bietet immer noch Inhalte in 30 Sprachen.

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Radio Berlin International: Der DDR-Auslandssender RBI ging ein paar Jahre später an den Start als der West-Konkurrent Deutsche Welle, auch die Zahl der Fremdsprachenprogramme blieb weit kleiner - dafür gingen die Sendermacher mit besonderem ideologischen Eifer an die Arbeit. RBI stellte sein Programm am Tag vor der Wiedervereinigung ein und verschwand damit als erster DDR-Sender. Die Sender und Frequenzen fielen an den alten Rivalen, die Deutsche Welle.

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Rundfunk-Trendsetter im gespaltenen Berlin: Der Sender RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor), von den US-Behörden initiiert, betrieb auch einen eigenen Kurzwellendienst auf 6005 Kilohertz - wahre Fans konnten das Programm also auch im Urlaub weiter verfolgen. Nach der Wiedervereinigung wurde RIAS aufgelöst, RIAS 1 ging im Deutschlandradio auf, RIAS 2 wurde privatisiert. Im Funkhaus am Hans-Rosenthal-Platz sitzt heute das Deutschlandradio Kultur.

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Spaßfunk aus der DDR: Über ihren Sender Rostock beschallte die Ferienwelle Urlauber an der Ostsee, allerdings nur vom 1. Mai bis zum Ende der ostdeutschen Sommerferien. Auch hier gab es Nachrichten über Plansoll-Übererfüllungen, trotzdem war der Sender für DDR-Staatsfunkverhältnisse gut hörbar - er brachte vor allem Musik.

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"Gott ruft dich heut": Der Kurzwellen-Äther war auch immer ein Tummelplatz für religiösen Rundfunk und Missionare aller Art. Die Freikirche der Methodisten in Deutschland, von der diese QSL-Karte stammt, konnte oder wollte sich keinen eigenen Sender leisten. Stattdessen kaufte sie sich mehrere feste Sendeplätze bei Radio Malta und auf der Kurz- und Langwelle von RTL aus Luxemburg.

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Exotenstation aus dem Nachbarland: Der Schulungssender der österreichischen Armee war lange ein Kuriosum - er strahlte ein Mischmasch-Programm aus, in dem Blasmusik genauso vorkam wie Morsekurse. Gesendet wurde auf der Frequenz 5035 Kilohertz, am oberen Rand des "Tropenbandes". Damit hatte die Station zwar eine internationale Reichweite (warum nur?), mit den meisten herkömmlichen Kurzwellenradios aber war sie gar nicht zu empfangen. 1990 wurde der Sender eingestellt.

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Weihnachtsmanngrüße aus einem islamischen Land: Mit dieser Karte bedankte sich die Stimme der Türkei Ende 1986 für Empfangsberichte. Die Kirche auf der Karte ist St. Nicholas in Demre, nicht allzu weit von Antalya entfernt.

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Traditionsstation aus Polen: Seinen ersten Auslandsdienst in Fremdsprachen starte Radio Polonia schon in den zwanziger Jahren - das erste Programm in deutscher Sprache gab es aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg, ab 1950. Leicht zu empfangen, hatte der Sender unter deutschen Kurzwellenhörern viele Fans, zumal das Programm für einen Ostblocksender recht ideologiefrei daher kam.

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Kommunismus und Folklore: QSL-Karte aus der Volksrepublik Benin in Westafrika, 1990 verschickt. Afrikanische Sender zu hören, das war die Königsdisziplin für viele Kurzwellenfans. Ein Gros der Stationen aus der Region südlich der Sahara sendete im sogenannten 60-Meter-Tropenband zwischen 4750 und 5060 Kilohertz. Dieser Frequenzbereich war zwar ideal für Geographie und Klima Afrikas, die Funkwellen erreichten Europa aber nur unzuverlässig - die atmosphärischen Bedingungen und die Tageszeit (am besten nachts!) mussten passen. Die Hatz nach afrikanischen Sendern war damit ein Rezept für Schlafmangel. Und leider beantworteten viele Stationen Empfangsberichte entweder gar nicht oder mit großer Verzögerung. Die Radiobehörde ORTB aus Benin betrieb immerhin zwei Kurzwellenstationen, sendete in 17 (!) Regionalsprachen, Französisch und Englisch.

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Post aus der früheren deutschen Kolonie: Mit dieser Karte bedankte sich Radio Togo Mitte 1989 für einen Empfangsbericht. In dem Land gilt zwar Französisch als Amtssprache, der Sender leistete sich aber auch ein englisches Programm. Die Briefmarke der "Republique Togolaise" auf der Rückseite dieser Karte zeigt übrigens John F. Kennedy und seine Frau Jackie.

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Radio aus einem der ärmsten Länder der Welt: Auch RTM aus Bamako, Mali, versandte in den achtziger Jahren QSL-Karten, diese hier stammt von 1987. Die Rundfunkanstalt sendete ihre Programme nicht nur in Regionalsprachen, Französisch und Englisch, sondern auch auf Arabisch.

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Stimme der Apartheid: Seit 1966 war Radio RSA, The Voice of South Africa, das Sprachrohr des weißen Regimes. Die Station funkte zeitweilig in zwölf Sprachen um die Welt, darunter auch Deutsch, und war der ambitionierteste internationale Radiosender im Afrika südlich der Sahara. Nach dem Wahlsieg des ANC 1992 wurde Radio RSA in seiner alten Form aufgelöst und in den "Channel Africa" umgeformt. Diese QSL-Karte, Ende 1986 verschickt, zeigt einen Rikscha-Fahrer in Durban.

Foto: Matthias Streitz
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