Radioaktives Pulver "Zur Hölle mit der Molke"

Nach der Katastrophe von Tschernobyl hatte die Bundesrepublik ein Problem: 5046 Tonnen schwer, gelagert in 242 Waggons eines 2,7 Kilometer langen Güterzugs. Wohin mit der hochgradig verstrahlten Molke?
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Wohl bekommts: "Das ist kein Abfall", sagte der bayerische Umweltminister Alfred Dick. Und: "Des tut mir nix." Hier ließ er bei einer Pressekonferenz am 3. Februar 1987 Molkepulver über einen Löffel in eine Schüssel rinnen. Später tauchte der Minister auch einen seiner Finger in die Molke, leckte jedoch einen anderen ab, wie sein Pressesprecher Günter Grass (rechts) später sagte. Es sollte so aussehen, als könne Dick gefahrlos davon naschen - dabei war das Molkepulver ein echter Problemfall und sollte deutsche Politiker jahrelang beschäftigen.

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Vorsicht, radioaktiv: Hier kontrollierte ein Arbeiter im Hafen von Bremen Molkepulver aus Österreich, das nach Venezuela verschifft werden sollte. Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl kursierten die verwegensten Pläne, wie und wohin man das verstrahlte Pulver loswerden sollte.

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Not welcome: 150 Waggons voller Molke sollten zur "Erprobungsstelle" der Bundeswehr in Meppen gebracht werden. Doch die Bevölkerung wehrte sich. Als der Zug in der Nacht vom 11. auf den 12. Februar 1987 durch die Kleinstadt rollen sollte, blockierten "300 Demonstranten" etwa "zehn Stunden lang unter dem Motto 'Zur Hölle mit der Molke' die Gleise", wie die "Lingener Stadtpost" tags darauf notierte.

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Giftexpress: Erst am nächsten Morgen erreichte der Zug Meppen. Bundespolizisten räumten die letzten 15 Aktivisten von den Gleisen.

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Damit es alle sehen können: Atomkraftgegner sprühten das Symbol für Radioaktivität auf Güterwagen in Bremen (6. Februar 1987). Der Zug war beladen mit verstrahltem Gries. Überall in Deutschland sorgte eine radioaktive Wolke für Angst und Schrecken. "Keine Gefahr", behaupteten Behörden, aber fast niemand glaubte ihnen. CDU-Politiker Walter Wallmann, flugs zum ersten Bundesumweltminister berufen, wurde bald zum Besitzer eines ganzen Güterzugs voll belasteter Molke, der jahrelang durch die Republik geisterte, bis die gefährliche Fuhre in Lingen im Emsland gereinigt wurde.

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Die Milch machts? Junge Westberliner kippten am 11. Mai 1986 Milch auf den Kurfürstendamms im Zentrum. Auf einem der Plakate hieß es in aller Deutlichkeit: "Zum Kotzen".

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Wir müssen leider draußen bleiben: Diese beiden Kinder durften Anfang Mai in Wiesbaden auf keinen Kinderspielplatz - die Stadt hatte alle geschlossen, nachdem am Wochenende erhöhte Radioaktivitätswerte gemessen worden waren.

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Auch für die Hygiene gab es allerlei Sicherheitstipps: Bitte Kinder nach dem Spielen im Garten gründlich reinigen! Deshalb mussten Max (links) und Phoebe in Frankfurt Anfang Mai 1986 in die Wanne.

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Eine Woche nach Tschernobyl: Auch Autos wurden geschrubbt, wie dieser VW Golf von Feuerwehrmännern an der innerdeutschen Grenze in Herleshausen (3. Mai 1986).

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Wasser marsch: Die Behörden prüften und säuberten besonders Autos und Lkw aus Osteuropa, die nach Westdeutschland unterwegs waren. Sie wurden gegen die Strahlung mit Wasser besprüht.

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Mit dem Geigerzähler im Flugzeug: Diese Maschine wurde gründlich untersucht, nachdem sie von Kiew aus nach Deutschland geflogen war.

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Wütende Marktfrau: Verbraucher waren völlig verunsichert, was sie noch gefahrlos essen durften - das traf auch die Händler auf einem Frankfurter Wochenmarkt schwer.

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Mission Umpflügen: In Worms wie auch in vielen anderen Städten und Regionen in der Bundesrepublik rückten Landwirte an und pflügten ihre Ware unter. Hier musste Spinat vernichtet werden, weil die Strahlung Mitte Mai 1986 noch zu hoch war, um ihn in den Verkauf zu bringen.

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Überall wurden tonnenweise frische Nahrungsmittel vernichtet, so wie hier in Berlin-Wannsee am 9. Mai 1986.

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Eben noch Nahrung, nun schon reif für die Müllkippe: Arbeiter entluden Gemüse, das eine hohe Strahlendosis abbekommen hatte, hier auf einer Berliner Müllkippe am Wannsee.

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Im Schlachthaus: Nach einer Entscheidung des hessischen Sozialministeriums musste jedes Stück Fleisch, das später gegessen werden sollte, auf die mögliche Belastung mit Radioaktivität hin untersucht werden, wie hier in Frankfurt.

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Care-Pakete: Ein Lufthansa-Mitarbeiter überwachte, wie Milchpulver am Flughafen JFK in New York in eine Boeing 747 verladen wurde. Die Ware war eine amerikanische Spende, die an polnische Kinder ausgegeben werden sollte. Zunächst ging es nach Frankfurt am Main, dann auf dem Landweg weiter bis nach Polen.

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Furcht vor Niederschlag: Eine Warnung vor Radioaktivität, am 5. Mai 1986 auf einer Hauswand in Eppertshausen nahe Frankfurt am Main. Als es am Wochenende zuvor geregnet hatte, waren die Strahlungswerte deutlich angestiegen.

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Atomkraftgegner in Brokdorf: Ihre Proteste konnten die Bundesregierung in den Jahren der Kohl-Regentschaft nicht dazu bringen, von Kernkraftwerken abzurücken. Bis der Atomausstieg verkündet wurde, sollten noch Jahrzehnte vergehen - erst das Reaktorunglück von Fukushima sorgte für eine Umkehr.

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Auch im bayerischen Wackersdorf beflügelte die Katastrophe von Tschernobyl die Demonstranten, die hier einen Polizeimannschaftswagen umwarfen. An diesem 20. Mai 1986 protestierten in Wackersdorf über 10.000 Menschen gegen die dort geplante Wiederaufbereitungsanlage (WAA) für abgebrannte Brennstäbe. Jahrelang kam es zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Atomgegnern und Polizei. Am Ende wurde das höchst umstrittene Bauprojekt 1989 eingestellt.

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