Behinderte in Russland Die Abgelehnten

Seit Sowjetzeiten werden Menschen mit Behinderungen in Heimen mit tausend Betten oder mehr interniert. Das Psychoneurologische Internat Nr. 3 liegt von der Welt abgewandt am Rand von Sankt Petersburg. Doch auch hier sind die Dinge in Bewegung geraten.
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Psychoneurologisches Internat Nr. 3 am Stadtrand von Sankt Petersburg: Mehr als 500 solcher Heime gibt es in Russland. Rund 148.000 Menschen leben darin.

Foto: Gordon Welters
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Die Unterkünfte beherbergen jene, die keinen Platz gefunden haben in der Gesellschaft: Menschen mit Behinderung, geistig Kranke, aber auch Alte, die sich aus Verzweiflung und Einsamkeit selbst eingewiesen haben.

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Freiwillige des deutsch-russischen Vereins Perspektivy mit Heimbewohnern: Als die ersten Helfer das Heim im Jahr 2001 betraten, teilten sich dort hundert Bewohner eine Toilette, bis zu 20 ein Zimmer.

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Bewohner des PNI: Die systematische Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung hat in Russland eine lange Geschichte, genauer betrachtet aber eigentlich keine Tradition. Bis ins 18. Jahrhundert hatten Behinderte inmitten der Gesellschaften russischer Dörfer gelebt, viele halfen bei der Feldarbeit. Das änderte sich unter Peter dem Großen. Er brachte von Reisen nach Europa auch die Idee mit, große Irrenhäuser einzurichten. In der Sowjetunion wurden die Einrichtungen dann perfektioniert.

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Mehr als tausend Bewohner leben in dem Betonblock, es gibt 600 Mitarbeiter. Das PNI ist ein Haus der großen Zahlen. Der einzelne Mensch aber ging lange darin unter.

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Junger Mann mit geistiger Behinderung: Die Heime verfügen heute über mehr Personal, es gibt mehr Geld für Pädagogen und Hilfen für Familien, die sich entschieden, ihre Kinder zu Hause aufzuziehen. Die Lage von Behinderten hat sich also stark verbessert in Russland, gut ist sie aber noch lange nicht.

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Junge Helferin des Vereins Perspektivy im PNI Nr.3: Die Zusammenarbeit zwischen deutschen Freiwilligen und Heimpersonal ist nicht immer frei von Spannungen. Die Russen sind stolz und lassen sich nicht gern belehren. Und: "Es tut weh, dass sich die Öffentlichkeit nur für die Freiwilligen interessiert", sagt die Direktorin des Heims.

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Geburtstagsfeier im Heim: In Russland war es lange üblich, dass Ärzte Eltern nach der Geburt eines behinderten Kindes dazu drängten, sich sofort von ihm loszusagen. Im Moskauer Magazin "Ogonjok" berichtete eine Mutter: "Als mein Kind auf die Welt kam, habe ich gehört: Schau, was du geboren hast. Das waren die ersten Worte, die der Arzt mir sagte. Er sagte, dass ich ein Gemüse geboren habe, das niemals laufen wird, nie sprechen kann, und es wäre sinnlos, dafür Geld auszugeben." Gemüse ist in Russland eine abfällige Bezeichnung für Behinderte, denen alle menschlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten abgesprochen werden.

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Menschen mit Behinderung durchlaufen in staatlicher Obhut drei Stationen: Nach der Geburt kommen sie in das Kleinkinderheim, im Alter von vier ins Kinderheim, später zu den Erwachsenen. Die Übergänge sind ein Schock, auf jeder Etappe gibt es weniger Personal und weniger Förderung. Es gab Zeiten, in denen in Kinderheimen jedes zweite neue Kind innerhalb eines halben Jahres starb, weil der Übergang zu brutal war.

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Doch der Umgang mit behinderten Menschen in Russland verändert sich. Die Russen werden unbefangener. In Sankt Petersburg haben auch viele Beamte in der Stadtverwaltung verstanden, dass es besser wäre, die großen Heime aufzugeben zugunsten kleinerer Einrichtungen mit 50 bis 70 Bewohnern. Sie sagen aber auch, derzeit fehle das Geld für die Reform.

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Ferienlager von Perspektivy: Noch vor 25 Jahren kamen Menschen mit Behinderung im Straßenbild Russlands praktisch nicht vor. Der Grund war, dass sie ihre geschlossenen Heime an den Stadträndern nicht verlassen konnten.

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Ferienlager für PNI-Bewohner an der Ostsee: Selbst Präsident Putin hat in seiner Rede zur Lage der Nation 2015 die Rolle von NGOs im Sozialbereich hervorgehoben. In der Altenpflege und Behindertenhilfe, "müssen wir mehr Vertrauen in die NGOs haben. Oft arbeiten sie effektiver, besser und mit ehrlicher Sorge um die Menschen, aber weniger Bürokratie". Das war ein seltenes Lob der Bürgergesellschaft aus dem Mund des Kreml-Chefs.

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