Schuldenkrise Wie robust sind die EU-Staaten?

Die Schuldenkrise frisst sich nach Kerneuropa vor. Inzwischen zweifeln die Märkte sogar an europäischen Kernstaaten wie Frankreich und Belgien. manager magazin hat die 27 EU-Staaten einer umfangreichen Analyse unterziehen lassen – mit ebenso überraschenden wie erschreckenden Ergebnissen.
1 / 15

manager magazin hat die 27 EU-Staaten einer umfangreichen Analyse   unterziehen lassen - mit ebenso überraschenden wie erschreckenden Ergebnissen.

Foto: Corbis
2 / 15

Die Analyse:

Längst ist die Euro-Krise ein Problem von globaler Tragweite. Regierungen und Anleger weltweit sorgen sich, welche Länder als Nächstes in den Strudel gesogen werden könnten. Wie steht es eigentlich um die "Robustheit der EU-Staaten"? Dieser Frage geht eine Studie der Unternehmensberatung Contor  nach. Mehr als 60 Faktoren haben die Experten untersucht. Nicht nur die Tragfähigkeit der Staatsfinanzen ist in die Analyse eingeflossen, sondern auch Größen wie die Entwicklung von Wachstum und Investitionen, die Branchenstruktur, die Effizienz der Arbeitsmärkte, die Sparneigung oder die demografische Entwicklung.
Die Ergebnisse fasst die Studie in Form von Länder-Clustern zusammen, die sich in einem Ranking darstellen lassen – mit ebenso überraschenden wie erschreckenden Einblicken in Europas tiefer liegende Probleme.

Foto: manager magazin
3 / 15

Rang eins: Luxemburg

Das kleine Großherzogtum steht bei der Robustheit uneingeschränkt an der Spitze Europas. Luxemburg ist eine extrem offene Volkswirtschaft, in der die Kreditwirtschaft eine große Rolle spielt. Dennoch gilt das Land als extrem widerstandsfähig. Die Staatsschulden liegen bei nur 19 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), das Wohlstandsniveau (gemessen am BIP pro Kopf zu Kaufkraftstandards) ist das höchste in der EU. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, was auf funktionsfähige Institutionen hindeutet. Der relativ kleine industrielle Sektor ist auf Investitionsgüter spezialisiert.

Foto: manager magazin
4 / 15

Rang zwei: Tschechien, Polen, Slowenien, Slowakei

Das zweitplatzierte Länder-Cluster besteht aus den vier fortgeschrittensten neuen EU-Staaten Tschechien, Polen, Slowenien und der Slowakei. Ihre Wohlstandsniveaus sind zwar nach wie vor vergleichsweise bescheiden. Ihre Dynamik aber ist im EU-Vergleich bemerkenswert. Die vier Länder folgen einem soliden Aufwärtstrend, der insbesondere von den Unternehmensinvestitionen getrieben wird, zunehmend aber auch auf den heimischen Konsum übergreift – die vier sind industriell geprägte, wettbewerbsfähige Volkswirtschaften mit geringer Staatsverschuldung. Interessant: Dass Tschechien und Polen keine Euro-Mitglieder sind, gereicht ihnen nicht zum Nachteil. Ein Muster, das sich durch die Analyse zieht: Euro-Mitglieder stehen keineswegs durchgängig besser da als die Außenseiter.

Foto: manager magazin
5 / 15

Rang drei: Deutschland, Österreich, Niederlande, Finnland, Schweden

In der drittbesten Ländergruppe des Robustheits-Rankings finden sich die etablierten reichen Volkswirtschaften des Euro-Kerns: Deutschland, Österreich, Niederlande, Finnland sowie das Nicht-Euro-Nordland Schweden. Allen fünf ist gemein, dass sich die Binnennachfrage in den vergangenen Jahren deutlich besser entwickelt hat als in den übrigen Clustern der EU: Die Investitionen blieben in der Krise ab 2008 vergleichsweise stabil, die Konsumausgaben sind seither gestiegen. Wie wettbewerbsfähig diese Länder sind, zeigt sich in ihren Leistungsbilanzüberschüssen. Bei der Staatsverschuldung ist das Bild innerhalb des Clusters differenziert: Deutschland und Österreich sind hochverschuldet, aber ihr Schuldenstand ist bislang stabil. Die beiden Nordstaaten Finnland und Schweden stehen in dieser Hinsicht deutlich besser da.

Foto: manager magazin
6 / 15

Rang vier: Dänemark

Die Contor-Analyse sieht Dänemark – kein Euro-Staat, aber mit stabilem Wechselkurs an die Gemeinschaftswährung gebunden – als etwas weniger robust als die Ländergruppe um Deutschland. Die Gründe: Seit Ausbruch der Krise ist die Binnennachfrage leicht rückläufig; der Staatssektor ist groß und wächst weiter, wobei die öffentlichen Ausgaben vor allem in konsumtive Verwendungen fließen. Dennoch: Die Wirtschaft ist wettbewerbsfähig (Leistungsbilanzüberschuss), die Staatsschuldenquote mit unter 50 Prozent niedrig.

Foto: manager magazin
7 / 15

Rang fünf: Bulgarien

Das arme Neu-EU-Land Bulgarien, erst 2006 zusammen mit Rumänien der Europäischen Union beigetreten, schneidet vor allem wegen seiner geringen Verschuldung – der zweitniedrigsten in der EU – in puncto Widerstandsfähigkeit überraschend gut ab. Die nach wie vor von einfacher Industrie und Landwirtschaft geprägte Volkswirtschaft kann vor allem mit niedrigen Lohnstückkosten punkten. Allerdings steigen die Lohnkosten rasch, was für die Zukunft Probleme bringen könnte. Bulgarien hat seine Währung Lew fest an den Euro gebunden ("currency board"), ein Arrangement, das nur so lange stabil ist, wie die Lohnstückkosten nicht aus dem Ruder laufen.

Foto: manager magazin
8 / 15

Rang sechs: Rumänien

Wie Bulgarien schneidet auch Rumänien in der Contor-Studie vergleichsweise robust ab – vor allem weil die Staatsschulden mit rund einem Drittel des BIP niedrig sind. Das Land profitiert von einer Investitionsdynamik; die Investitionsquote in Prozent des BIP ist die höchste der EU, was auch die Binnennachfrage stützt. Die Wirtschaft ist relativ geschlossen und nicht sonderlich wettbewerbsfähig, was sich in Leistungsbilanzdefiziten niederschlägt. Dass die Inflation die höchste in der EU ist, schadet der Wettbewerbsfähigkeit nicht unbedingt: Rumänien lässt den Leu frei floaten, so dass sich steigende Preise und Kosten durch Abwertungen kompensieren lassen.

Foto: manager magazin
9 / 15

Rang sieben: Frankreich, Italien, Belgien, Malta, Großbritannien

Frankreich und Belgien, zwei EU-Gründungsländer und Euro-Kern-Staaten, in einer Gruppe mit dem Krisenstaat Italien – dies ist das erschreckendste Ergebnis der Studie. Die Schulden sind hoch und steigen, die Wettbewerbsfähigkeit ist schwach; lediglich Belgien sticht mit einem leichten Überschuss in der Leistungsbilanz positiv heraus. Im Zuge der Krise gab es seit Ausbruch der Krise 2008 in diesem Länder-Cluster einen starken Einbruch bei Industrie und Bau, während insbesondere die öffentliche Verwaltung erstarkte, was die Binnennachfrage stabilisieren konnte. Die Arbeitslosigkeit ist in diesen Staaten ein ausgeprägtes Problem, zumal in Großbritannien, dem einzigen Nicht-Euro-Staat dieser Gruppe, das stark unter einem großen, darbenden Finanzsektor leidet.

Foto: manager magazin
10 / 15

Rang acht: Ungarn

Als die Krise Ende 2008 begann, war Ungarn als eines der ersten Länder so stark betroffen, dass es unter ein EU-IWF-Programm musste. Die relativ hohen Schulden (73 Prozent) drücken weiterhin, vor allem weil der Spielraum auf der Einnahmeseite gering ist: Die Steuerquote ist bereits jetzt die höchste der EU. Die ungarische Volkswirtschaft hat sich seit 2008 insgesamt negativ und unterdurchschnittlich entwickelt. Dies betrifft alle Wirtschaftsbereiche, mit Ausnahme der Industrie. Immerhin: Die eigene Währung bietet Flexibilität; Abwertungen können immer wieder die Wettbewerbsfähigkeit herstellen.

Foto: manager magazin
11 / 15

Rang neun: Zypern

Als Standort für Off-Shore-Banken hat der kleine Inselstaat, erst seit Anfang 2008 Jahren Euro-Mitglied, ein ähnliches Problem wie Irland. Wenn der Staat die Banken retten muss, ist er womöglich ohne Hilfe von außen Pleite. Entsprechend düster fällt das Rating für zypriotische Staatsanleihen aus. Auch die Contor-Studie sieht deutliche strukturelle Schwächen. Zwar ist die – bislang – ausgewiesene Staatsschuld mit gut 60 Prozent des BIP nicht sonderlich hoch. Aber die Realwirtschaft schwächelt: Die Bruttowertschöpfung ist in den Jahren 2007 bis 2011 um nur sechs Prozent gestiegen. Dabei ist sie in den Bereichen Landwirtschaft und Industrie überdurchschnittlich stark gesunken, in den Bereichen Kreditinstitute und insbesondere öffentliche Verwaltung stark gestiegen. In keinem anderen EU-Land ist der Anteil der staatlichen Konsumausgaben am BIP in den vergangenen Jahren derart stark gestiegen, was den künftigen Haushaltsspielraum weiter beschränkt.

Foto: manager magazin
12 / 15

Rang zehn: Irland

Nach Griechenland war Irland der zweite Euro-Staat, der 2010 unter die Rettungsschirme von EU und IWF flüchten musste. Dem Land, bis Mitte der nuller Jahre eine Vorzeige-Ökonomie in Europa, wurden sein großer Bankensektor und der Bauboom zum Verhängnis. Der Wirtschaftseinbruch nach 2008 war, gemessen an der Bruttowertschöpfung, extrem. Dabei wurden sämtliche Wirtschaftsbereiche betroffen, bis auf die Industrie, die sogar stark überdurch- schnittlich zulegen konnte, wie die Contor-Studie ausweist. Überhaupt gewinnt Irland allmählich an Wettbewerbsfähigkeit, die Leistungsbilanz weist bereits wieder einen Überschuss auf. Dennoch: Irland hat die dritthöchsten Staatsschulden der EU und einen nach wie vor fragilen Bankensektor. Das macht die Lage auch weiterhin wacklig.

Foto: manager magazin
13 / 15

Rang elf: Spanien, Litauen, Portugal

Dass Spanien in einer Kategorie mit den Krisenstaaten Portugal und Litauen abschneidet, liegt vor allem an der hohen Arbeitslosigkeit. Spanien weist die höchsten Quoten an Jobsuchenden in der EU aus, besorgniserregend ist insbesondere die dramatisch hohe Jugendarbeitslosigkeit. Ein soziales Frustpotential, das die politische Lage fragil macht. Ansonsten steht Spanien deutlich besser da als die beiden anderen Staaten dieses Clusters, sowohl was die Produktivität als auch was die Höhe der Staatsschulden betrifft. Außerdem genießt Spanien wie Italien die Unterstützung der Europäischen Zentralbank, die seit August immer wieder stützend in die Anleihemärkte beider Länder eingreift. Portugal hingegen, mit einer Schuldenquote von mehr als 100 Prozent überfordert, ist bereits unter dem Rettungsschirm. Litauen hat nur eine Schuldenquote von 44 Prozent, ist aber wegen seiner schwachen Realwirtschaft dennoch anfällig.

Foto: manager magazin
14 / 15

Rang zwölf: Estland, Lettland

Trotz geringer Staatsschulden – vor allem in Estland, das die niedrigste Quote EU-weit aufweist und Anfang 2011 als 17. Mitgliedstaat in die Euro-Zone aufgenommen wurde – kommt die Contor-Studie zu dem Ergebnis, die beiden kleinen baltischen Länder seien fragile, arme Volkswirtschaften, die externen Schocks im Zweifel schutzlos ausgesetzt sind. Dieses Urteil fußt vor allem auf dem Konjunktureinbruch ab 2008, der beide Länder extrem traf. Im Vergleich mit anderen Clustern sind die Länder von der Struktur her überdurchschnittlich auf Handel und Kreditinstitute ausgerichtet, wobei gerade der Handel von 2007 bis 2011 sehr stark eingebrochen ist.

Foto: manager magazin
15 / 15

Rang 13: Griechenland

Wie der Rest der Welt, so urteilt auch die Contor-Studie, dass Griechenland das anfälligste unter den EU-Ländern ist. Das Land hängt seit Frühjahr 2010 am Tropf von EU und IWF, nirgends in der EU ist die Schuldenquote so hoch (bei über 160 Prozent des BIP); wie weit der im Herbst vereinbarte Schuldenschnitt helfen kann, ist noch unklar. Nirgends ist das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner zwischen 2008 und 2012 so stark zurückgegangen. Die Arbeitslosigkeit wird sich im gleichen Zeitraum verdoppeln. Gespart wird kaum; die nationale Sparquote ist mit sechs Prozent die niedrigste in der gesamten EU. Die Volkswirtschaft ist von der Struktur her stark auf den Handel und Touristik ausgerichtet mit einem deutlich überdurchschnittlichen Anteil der Bruttowertschöpfung in diesem Bereich 36 Prozent im Jahr 2011.
Zu den analysierten Faktoren.

Foto: manager magazin