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Skandalwagen im Karneval "Ja der Penis, mein Gott noch mal!"

Karnevalisten am Kreuz, ein Kardinal bei der Hexenverbrennung und Helmut Kohl nackt: Seit 30 Jahren baut Jacques Tilly Karnevalswagen und sorgte für etliche Skandale. Auf einestages erzählt er von Kanzlerstürzen, Kirchenprotesten - und zeigt seine 20 brisantesten Wagen.
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Jahr: 2004

Hintergrund: 2003 begann Bundeskanzler Gerhard Schröder mit dem Umbau der Sozialsysteme und des Arbeitsmarkts - die "Agenda 2010" sollte Deutschland wettbewerbsfähiger machen und die Sozialausgaben des verschuldeten Staates reduzieren. Auch innerhalb der SPD stieß das Reformpaket auf heftige Kritik.



Reaktionen: "Ich weiß, dass die Boulevardpresse nach dem Umzug in Berlin angerufen hat, um von der SPD-Spitze eine Stellungnahme zu diesem Wagen zu bekommen. Die Hoffnung war, dass Schröders Sprecher sich ähnlich wie Kohl über seine Nacktdarstellung ärgern würde. Der ist aber ganz cool geblieben", erzählt Wagenbauer Tilly.

Foto: Jacques Tilly
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Jahr: 2007<

Hintergrund: Im September 2006 erzielte die NPD bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern ein überraschend starkes Ergebnis von 7,3 Prozent. Wenig später, im Januar 2007, griffen Rechtsextreme in mehreren Städten Ausländer brutal an.

Reaktionen: "Wir hatten vor dem Umzug Angst vor Anschlägen von Rechtsradikalen auf die Plastik. Deshalb haben wir den Wagen Rosenmontag verhüllt auf die Straße gefahren und erst direkt vor dem Start des Umzugs das Tuch heruntergenommen", erzählt Wagenbauer Tilly. "Mit dem Wagen haben wir offene Türen eingerannt, es gab komischerweise nur positive Reaktionen."

Foto: Jacques Tilly
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Jahr: 2010

Hintergrund: Kanzlerin Angela Merkel entschied sich Anfang 2010, dem umstrittenen Kauf von CDs mit Daten von Steuersündern zuzustimmen. Dafür erntete sie ebenso Lob wie harsche Kritik - denn Merkel billigte damit Geschäfte mit Datendieben.

Reaktionen: "Kritik gab es fast gar nicht bei diesem Wagen. Ich glaube, wir hatten die Leute inzwischen an solche Bilder gewöhnt. In den neunziger Jahren hätte solch ein Wagen nicht fahren können", sagt Jacques Tilly.

Foto: Jacques Tilly
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Jahr: 1995

Hintergrund: Das Bundesverfassungsgericht hatte 1995 im "Kruzifix-Urteil" entschieden, dass die Bayerische Volksschulordnung teilweise verfassungswidrig ist. Die Passage, die ein Kreuz in jedem Bayerischen Klassenzimmer vorschrieb, wurde daraufhin gestrichen. Die CSU reagierte empört.

Reaktionen: "Wir wollten mit unserem Entwurf sagen: Das ist Bayern, das ist nicht weit weg vom Iran. Als der Entwurf veröffentlicht wurde, brach ein Sturm der Entrüstung los", sagt Jacques Tilly.

Foto: Jacques Tilly
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Jahr: 1996

Hintergrund: Als Reaktion auf das "Kruzifix-Urteil" entwarf Wagenbauer Tilly im Oktober 1995 einen Wagen, auf dem verkleidete Narren an Kreuze gefesselt dargestellt werden sollten. Die Inschrift über ihren Köpfen sollte nicht "I.N.R.I." sein - wie auf Darstellungen des gekreuzigten Jesus - sondern "H.E.L.A.U."

Reaktionen: "Die Kirche hat wirklich vieles unternommen, um den Wagen zu verhindern. Der Karneval zog am Ende die Notbremse, der Kruzifix-Wagen wurde aus dem Programm genommen. Ich habe ihn aber trotzdem noch fahren lassen - komplett verhüllt. Darauf war nur noch ein Schild zu sehen - Aufschrift: 'Ersatzlos gestrichen'", sagt Wagenbauer Tilly.

Foto: Jacques Tilly
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Jahr: 2003

Hintergrund: Während eines Besuchs in den USA erklärte die damalige Oppositionsführerin Angela Merkel Anfang 2003, dass sie den drohenden Irak-Krieg für "unvermeidbar" halte. Die rot-grüne Regierung zeigte sich empört, Bundeskanzler Schröder hatte sich deutlich von einer Intervention im Irak distanziert.

Reaktionen: "Die Lokalpresse hat geschäumt und gefragt: Darf man das - darf man Politikern in solchen Ämtern einfach in die Pfanne hauen? Wir Narren fanden aber: Man darf. Und bei diesem Wagen gab es auch zum ersten Mal spontanen Applaus von den Zuschauern."

Foto: Jacques Tilly
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Jahr: 2011

Hintergrund: Im Januar 2010 wurden erste Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern in der katholischen Kirche bekannt. In den folgenden Monaten häuften sich die Meldungen weiterer Opfer, an denen sich Geistliche vergriffen haben sollen. In die Kritik geriet vor allem die Krisenkommunikation der katholischen Kirche.

Reaktionen: "Im Fall dieses Wagens durften wir nicht zu lustig sein, das Thema ist zu ernst und traurig, um Schenkelklopfer zu bringen. Wir sind das sehr dezent angegangen. Der Stadtdechant sagte damals, er habe mit so was gerechnet - aber es hätte auch schlimmer kommen können."

Foto: Jacques Tilly
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Jahr: 2003

Hintergrund: Weil der Irak angeblich Massenvernichtungswaffen besaß, erklärten die USA den Irak im Januar 2002 zum Teil der "Achse des Bösen". Ein Jahr später zogen die USA unter Präsident George W. Bush in den Krieg gegen Diktator Saddam Hussein. Es wurde ein Krieg ohne Uno-Mandat, und auch der Kriegsgrund stellte sich als konstruiert heraus - Massenvernichtungswaffen wurden nicht gefunden.

Reaktionen: "Anne Will eröffnete abends die Tagesthemen mit einem Bild dieses Wagens und sagte: 'Das ist das Bild, auf das die Welt gewartet hat.' Und ich habe noch nie erlebt, dass ein Bild von einem Karnevalswagen auf fast jedem Titelblatt war. Der Wagen wurde sogar nachgebaut - ich hab ihn später als Spardose in England gesehen", berichtet Jacques Tilly.

Foto: Jacques Tilly
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Jahr: 2009

Hintergrund: Abwrackprämie, Konjunkturpaket, Geldspritzen für angeschlagene Banken - 2008 begann mit der Finanzkrise eine neue Ära der deutschen Finanzpolitik. Um die Wirtschaft zu stabilisieren, beschloss die Regierung von Kanzlerin Angela Merkel mehrere Konjunkturprogramme.

Reaktionen: "Die Karnevalisten haben sich sehr über den Wagen gefreut. Damals fing es ja gerade an mit der Krise, und der Staat musste überall aushelfen - unser Mottowagen hat das offenbar sehr gut dargestellt."

Foto: Jacques Tilly
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Jahr: 2008

Hintergrund: Der Handy-Hersteller Nokia kündigte im Januar 2008 an, sein Werk in Bochum zu schließen und die Produktion nach Finnland, Ungarn und Rumänien zu verlagern. 2300 Mitarbeiter und Hunderte Leiharbeiter waren von der Entlassung bedroht.

Reaktionen: "Das war ein wirklich drastischer Wagen, aber die Leute am Straßenrand haben applaudiert. Das kommt nur alle paar Jahre mal vor, wenn ein Wagen den Leuten so richtig aus dem Narren-Herzen spricht", sagt Jacques Tilly.

Foto: Jacques Tilly
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Jahr: 2011

Hintergrund: Verteidigungminister Karl-Theodor zu Guttenberg hatte seit Mitte Februar im Verdacht gestanden, dass seine Doktorarbeit in großen Teilen ein Plagiat war. Guttenberg trat daraufhin am 1. März von seinen politischen Ämtern zurück.

Reaktionen: "Der Wagen ist sehr kritisch aufgenommen worden, vor allem von der Lokalpresse. Weil der 11. September hier als Karnevalswitz ins Spiel gebracht wurde - das sei ja Spott für die Opfer. Ich habe von einigen Seiten gehört: 'Pfui!'", sagt Wagenbauer Tilly.

Foto: Jacques Tilly
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Jahr: 2005

Hintergrund: In seiner Dreikönigspredigt am 6. Januar 2005 hatte der katholische Kardinal Joachim Meisner die Abtreibung von ungeborenen Kindern mit den Massenmorden unter Adolf Hitler und Josef Stalin verglichen. Der Zentralrat der Juden in Deutschland protestierte gegen diesen Vergleich energisch.

Reaktionen: "Es gab eine riesige Protestwelle gegen meinen Entwurf", sagt Jacques Tilly, "die Leserbriefseiten der Zeitungen waren tagelang voll mit dem Thema. Ich hab auch anonyme Drohbriefe bekommen, sogar Fotos von abgetriebenen Föten. Das war sehr hart damals für mich."

Foto: Jacques Tilly
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Jahr: 2009

Hintergrund: Papst Benedikt XVI. hob im Januar 2009 die Exkommunikation von drei Mitgliedern der katholischen Pius-Bruderschaft auf. Die Wiederaufnahme der erzkonservativen Bischöfe um den Holocaust-Leugner Richard Williamson in die Kirche sorgte weltweit für Entrüstung und Unverständnis.

Reaktionen: "Da hat sich Kardinal Meißner fürchterlich aufgeregt. Er hat in einer Kirchenzeitung geschrieben, dass der Wagen verletzend und sachlich falsch sei", berichtet Wagenbauer Tilly. "Ich habe dann in einem offenen Brief geantwortet mit dem Motto: Wer sich mit Klerikalfaschisten in ein Boot setzt, ist selber Schuld."

Foto: Jacques Tilly
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Jahr: 2009

Hintergrund: Im März 2008 starben zwei Journalisten in der russischen Republik Dagestan nach einem Attentat. Immer wieder steht bei solchen Anschlägen der Verdacht im Raum, die Regierung des damaligen Präsidenten Wladimir Putin billige Morde an kritischen Journalisten.

Reaktionen: "An Personen wie Putin kristallisiert sich ja immer heraus, wie die Zustände einer Gesellschaft sind", sagt Jacques Tilly. "Aber Reaktionen auf diesen Wagen gab es nicht - obwohl ich ihn ziemlich heftig fand."

Foto: Jacques Tilly
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Jahr: 2007

Hintergrund: Seit dem Attentat auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 häuften sich weltweit Selbstmordanschläge islamistischer Attentäter mit dem Ziel, möglichst viele "Ungläubige" zu töten.

Reaktionen: "Am selben Tag noch hat sich der Zentralrat der Muslime über diesen Wagen beschwert und ihn als sachlich falsch empfunden", erinnert sich Jacques Tilly.

Foto: Jacques Tilly
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Jahr: 2011



Hintergrund: In Spanien brach 2010 ein Streit darüber aus, ob Schülerinnen ein Kopftuch tragen dürfen, auch Frankreich diskutierte ein Verbot intensiv. In Deutschland heizte vor allem Thilo Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab" die Debatte über ein Verbot von Kopftuch und Burka an.

Reaktionen: "Es gab damals viele empörte E-Mails von Moslems, vor allem aber von muslimischen Frauen. Der Zentralrat der Muslime hat sich aber nicht gemeldet - die hatten wohl schon aufgegeben."

Foto: Jacques Tilly
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Jahr: 2010

Hintergrund: Silvio Berlusconi soll sich vor seinem Einstieg in die Politik mit der Mafia verbrüdert haben - so lautete der Vorwurf, der dem damaligen italienischen Ministerpräsidenten im Dezember 2009 gemacht wurde. Berlusconi bezeichnete die Anschuldigungen als "schieren Wahnsinn".

Reaktionen: "Dieser Wagen wurde sogar in Italien aufgegriffen", berichtet Jacques Tilly, "ich hab den auf zehn oder 15 italienischen Internet-Seiten gesehen. Die Zeitungen in Italien besitzt ja fast alle Berlusconi selbst, deshalb haben die nicht darüber berichtet."

Foto: Jacques Tilly
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Jahr: 1984

Hintergrund: Das Satire-Magazin "Titanic" hatte den Kopf des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl schon 1982 in Form einer Birne auf dem Titel abgebildet. Der Bundeskanzler wurde immer wieder birnenköpfig abgebildet - "Birne" wurde zu einem der populärsten Spitznamen für den Kanzler.

Tillys Erinnerung: "Die 'Kohl-Birne' war mein erster selbstgebauter Wagen: Darauf stand hinter Helmut Kohls Kopf - in Form einer Birne - Franz-Josef Strauß mit einem Messer und einem Schild: 'Esst mehr Obst.' Das Motiv ist schon alt, die Original-Birne galt im 19. Jahrhundert dem letzten französischen König Louis-Philippe."

Foto: Jacques Tilly
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Jahr: 1990

Hintergrund: Michail Gorbatschow ermöglichte Ende der achtziger Jahre den Mauerfall. Als mächtigster Mann der Sowjetunion realisierte er mit seiner Politik von "Glasnost" und "Peristroika" die Wende - und wurde dafür vor allem in Deutschland hoch geachtet.

Tillys Erinnerungen: "Das ist ein ganz nettes, liebes Bild gewesen. Damals war es noch so: Die Wagen fuhren vorbei und wurden direkt wieder vergessen."

Foto: Jacques Tilly
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Jahr: 2007

Hintergrund: Weil er an Rückhalt in der CSU verloren hatte, trat Edmund Stoiber im Januar 2007 als bayerischer Ministerpräsident zurück. In der Partei wurde der Abgang des ehemaligen Kanzlerkandidaten hauptsächlich als Befreiung empfunden.

Reaktionen: "In der Presse hieß es mal "pfui" oder "geschmacklos" - aber an diese Vokabel hatte ich mich längst gewöhnt", erzählt Jacques Tilly. "Für mich ist das ein Ehrenprädikat: Ein geschmackvoller Karnevalswagen ist wirklich der größte Bockmist. Karnevalswagen müssen geschmacklos sein und derb und volkstümlich. Je geschmackloser, desto besser."

Foto: Jacques Tilly
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Provokateur mit Draht und Blumenpapier: Jacques Tilly, 48, baut seit 1982 Karnevalswagen - ab 1983 sorgte der Kommunikationsdesigner mit frechen Entwürfen und satirischen Mottowagen regelmäßig für Skandale. In diesem Jahr fahren zum 30. Mal Wagen aus seiner Werkstatt mit, in der jedes Jahr Dutzende Großplastiken für den Umzug in Düsseldorf entstehen.

Foto: Jacques Tilly