Umfrage "Das Betreuungsgeld ist eine fatale Sackgasse"

Das Betreuungsgeld spaltet Deutschland und die Koalition. Die CSU will die Zahlung für Eltern, die ihre Kinder nicht in eine Kita bringen, um jeden Preis - doch der Widerstand wächst. SPIEGEL ONLINE lässt Frauen zu Wort kommen - ein Aufstand gegen die "Herdprämie".
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Rita Süssmuth, 75, CDU-Politikerin, Ex-Familienministerin und Bundestagspräsidentin a. D., ein Kind: Das Betreuungsgeld stößt zu Recht auf Ablehnung. Es befrachtet die Familien- und Kinderpolitik mit neuen Widersprüchen, löst weder die Probleme der Frauen noch die der Kinder. Diese Maßnahme verringert den Zugang auf eigenes Erwerbseinkommen mit sozialer Absicherung. Sie schwächt den flächendeckenden Ausbau eines guten Angebots an Kinderbetreuung und frühkindlicher Bildungsförderung. Dieses Ziel hat unbedingte Priorität. Soll die Koalitionsvereinbarung umgesetzt werden, dann nicht durch Betreuungsgeld, sondern finanzielle Mittel zur Bekämpfung der Altersarmut, z.B. durch erhöhte Anerkennung von Erziehungszeiten in der Rente.

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Julia Franck, 42, Schriftstellerin, zwei Kinder: Liebe und Fürsorge sollen und können sich innerhalb von Familien nicht über Bezahlung konstituieren lassen. Die Familie ist kein Staat. Die 1,2 Milliarden und mehr wären dringend erforderlich für den qualitativen und quantitativen Ausbau von Krippen und Kindergärten.

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Antje Jaz, 41 Jahre, Krankenschwester, zwei Kinder: Das Betreuungsgeld bringt nichts. Es ist wichtig, dass Frauen arbeiten gehen können, während ihre Kinder betreut werden. Außerdem profitieren Kinder davon, in den Kitas andere Kinder zu treffen und mit ihnen zu spielen.

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Gesine Schwan, 68, Präsidentin der Humboldt-Viadrina School of Governance, zwei Kinder: Das von der schwarz-gelben Regierung vorgesehene Betreuungsgeld, das in der Koalition selbst auf Widerstand stößt, ist eine teure, kontraproduktive Maßnahme, wenn man Familien fördern will. Denn es zementiert die traditionelle Rollenverteilung zwischen Müttern und Vätern, die keine Zukunft hat. Überdies verleitet es dazu, das Geld nicht für die Kinder, sondern für andere Zwecke zu verwenden.

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Frauke Ludowig, 48, TV-Moderatorin, zwei Kinder: Statt Betreuungsgeld zu zahlen, sollte man lieber mehr Kita-Plätze einrichten. Ich halte es für sehr wichtig, dass Kinder frühzeitig im Kindergarten mit anderen Kindern zusammenkommen und auch entsprechend gefördert werden. Das ist gerade für Kinder mit Migrationshintergrund und Kinder aus sozial schwachen Familien besonders wichtig, auch im Hinblick auf Chancengleichheit. Traditionell sind es aber eher diese Familien, die ihre Kinder gerne daheim behalten. Zudem stellt sich die Frage, wer letztendlich kontrolliert, dass das Betreuungsgeld auch wirklich zugunsten der Kinder eingesetzt wird. Ich finde, in einer multikulturellen Gesellschaft ist das Betreuungsgeld ein Signal in die falsche Richtung.

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Lisa Schnitzlein, 28 Veranstaltungskauffrau, kinderlos: Ich fürchte, dass sozial eher schwache Menschen das Betreuungsgeld ausnutzen könnten. Und gerade diesen Kindern würde es guttun, wenn sie soziale Kontakte außerhalb ihres Familienkreises knüpfen.

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Uschi Glas, 68, Schauspielerin, drei Kinder: Es geht in erster Linie um das Wohl der Kinder, vor allem aus bildungsfernen Schichten. Wenn die Kinder aus solchen Schichten zu Hause bleiben - das zeigen doch viele seriöse Untersuchungen -, werden sie nicht in dem Maße sprachlich gefördert wie in der Kita. Wir haben jedes Jahr Zigtausende Hauptschüler, die abbrechen und mit zum Teil sehr schlechten Deutschkenntnissen alleingelassen werden. Das Betreuungsgeld halte ich auch für die Frauen für einen Rückschritt. Zum einen werden sie aus ihrem beruflichen Werdegang herausgerissen, zum anderen werden sie in der Zukunft benachteiligt - etwa durch nicht geleistete Zahlungen in die Rentenkasse und folglich eine geringere Altersversorgung.

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Vivien Hentschel, 34 Jahre, Finanzbuchhalterin, zwei Kinder : Das Betreuungsgeld ist eine unmögliche Idee! Es heißt ja nicht, dass Eltern ihre Kinder weniger lieben, nur weil sie sie früh in eine Kita geben. Kinder entwickeln sich schneller, wenn sie jung mit anderen Kindern zusammenkommen.

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Bettina Wündrich, 51, Journalistin und Autorin, kinderlos: Es wird gern vergessen, dass Kitas nicht nur für die Betreuung da sind, sondern auch pädagogische Arbeit leisten - die Kleinen lernen dort etwas. Und das ist gerade für Kinder aus sozial schwachen Familien wichtig - deren Eltern der Verlockung, Betreuungsgeld zu bekommen, statt welches für die Betreuung auszugeben, womöglich schwer widerstehen können.

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Gerlinde Unverzagt, 51, Autorin, vier Kinder: Folgte man der Logik dieser paternalistischen und hochbekloppten Idee, dürfte man dem entnehmen, dass man künftig Hallenbädern, Stadtbibliotheken, Parkverbotszonen oder Gottesdiensten in Rechnung stellen dürfte, dass man sie nicht nutzt. Der eigentliche Skandal an dieser Debatte ist: wie man hierzulande über Eltern redet! Die angeblich ohne Bonuszahlung gar nicht auf die Idee kommen, Kinder zu kriegen, sie großzuziehen oder mit ihnen die Vorsorgeuntersuchungen zu besuchen und geschenkte 150 Euro lieber für Wodka und Flachbildschirme ausgeben. Darüber muss man lachen, damit man nicht verzweifelt - und sehr wachsam sein.

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Nina Kostadinoua, 33, Maskenbildnerin, ein Kind: Wenn nicht kontrolliert wird, wie das Betreuungsgeld ausgegeben wird, bin ich dagegen. Das Geld muss in jedem Fall den Kindern zugutekommen.

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Maria von Welser, 65, TV-Journalistin und Vizechefin von Unicef Deutschland, zwei Kinder: Das CSU-Projekt Betreuungsgeld ist eine fatale Sackgasse. Es kann nicht sein, dass Eltern Geld dafür bekommen, ihre Kinder nicht in eine Kita zu schicken. Ein Pilotprojekt in Thüringen beweist klar: Es bleiben vor allem diejenigen Kinder zu Hause, die am meisten von einer Kita-Betreuung profitieren und die dringend Sprachförderung brauchen. Zudem hebelt das Betreuungsgeld die Effekte des Elterngeldes aus. So wird es für Mütter schwerer, schnell zurück in einen Job zu gehen. Im Übrigen ist das teure Unterfangen nichts anders als ein Rückschritt hin zur traditionellen Aufgabenteilung der Geschlechter. Die Abgeordneten im Bundestag müssen dass Unfug-Gesetz stoppen.

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Constanze Brockner, 35, Referentin, zwei Kinder: Das Betreuungsgeld verfolgt eine völlig falsche Richtung. Kindergärten wurden doch aus einem ganz bestimmten Grund geschaffen, und jetzt sollen Eltern eine Gegenleistung dafür bekommen, dass sie ihre Kinder nicht dorthin schicken? Diese Logik verstehe ich nicht.

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Lisa Ortgies, 45, TV-Moderatorin, zwei Kinder: Das Betreuungsgeld ist ein drastischer Widerspruch zur bisherigen Familienpolitik, die endlich - wenn auch im Schneckentempo - auf dem Weg war, sich den Bedürfnissen der Eltern anzunähern. Über eine Milliarde Euro soll die Herdprämie verschlingen. Dieses Geld wird dringend gebraucht, um Kitas und Ganztagsschulen so auszubauen, dass sie nicht nur den quantitativen Ansprüchen der Politik, sondern auch den qualitativen Ansprüchen der Eltern genügen. Für das völlig irrationale Festhalten der Regierung am Betreuungsgeld gibt es zwei schlichte Erklärungen: Erstens: Es ist offenkundig, dass der geplante Ausbau der U3-Betreuung nicht zu schaffen ist, und um eine Klagewelle abzubremsen, sollen die Betroffenen mit Barem ruhiggestellt werden. Billiger ist so ein zweites Kindergeld allemal. Zweitens: die Angst vor dem Verlust von erzkonservativen Stammwählern, die im Geiste in der Adenauerrepublik steckengeblieben sind. Ich bin sicher, dass weder Frau Merkel noch Frau Schröder den Schwachsinn dieser wahltaktischen Maßnahme bestreiten, wenn man sie unter vier Augen dazu befragt. Sie haben leider nicht den Mut, zu ihren Überzeugungen zu stehen. Das wird sie am Ende Wähler kosten.

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Sabine Pröschel, 38 Jahre, Geschäftsführerin einer Sprachschule, ein Kind: Für mich war es wichtig, dass mein Sohn früh in die Kita geht und seine sozialen Fähigkeiten unter anderen Kindern aufbaut. Vor allem für Einzelkinder ist das wesentlich. Allerdings gibt es Familien mit mehreren Kindern, die in einer ganz anderen Lebenssituation sind. Für die kann das Betreuungsgeld vielleicht sinnvoll sein. Tendenziell bin ich aber dagegen.

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Necla Kelek, 54, Publizistin, ein Kind: Das Betreuungsgeld ist zeitlich überholt. Insbesondere für Migrantenfamilien hätte es verheerende Auswirkungen. Strukturen der Großfamilie werden so zementiert. Frauen, die arbeiten wollen, werden sich schwerer mit diesem Wunsch durchsetzen können, wenn es für das Zuhausebleiben auch noch Geld gibt. Der Anteil der Kinder in Großstädten, die ausländische Wurzeln haben, wird in den nächsten Jahren noch stark anwachsen. Und diese Kinder müssen wir auf die Gesellschaft, auf die Schule schon im Kleinkindalter vorbereiten - das geht nur in Kitas, in denen Deutsch gesprochen wird.

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Sabine Bucher, 42 Jahre, Dozentin, zwei Kinder: Ich finde, Kinder sollten früh in die Kita kommen. Es ist zu befürchten, dass das Betreuungsgeld gerade für die Eltern ein Anreiz ist, für deren Kinder es besonders wichtig wäre, in die Kita zu gehen. Das Betreuungsgeld darf nicht zweckentfremdet ausgegeben werden.

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Ingrid Sehrbrock, 63, stellvertretende DGB-Vorsitzende und Mitglied des CDU-Bundesvorstandes: Das Betreuungsgeld ist gerade für Eltern aus einkommensschwachen Haushalten ein starker finanzieller Anreiz, ihre Kinder von der Kita fernzuhalten. Es wäre fatal, wenn Kindern aus bildungsfernen Familien durch diese Subvention wichtige frühkindliche Bildung vorenthalten würde. Mit dem Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz hingegen hätten Mütter und Väter endlich echte Wahlfreiheit, sich auch für Familie und Beruf zu entscheiden. Doch der Ausbau der Kitaplätze geht nur schleppend voran. Damit der Rechtsanspruch umgesetzt wird, fehlen noch mindestens 230.000 Krippenplätze. Statt zwei Milliarden Euro in ein Betreuungsgeld zu investieren, sollte ernsthaft der Ausbau der Krippenplätze vorangetrieben werden. Auch gleichstellungspolitisch ist die Einführung eines Betreuungsgeldes eine Rolle rückwärts. Es fördert nach der Geburt eines Kindes den längerfristigen Ausstieg der Mütter aus der Erwerbstätigkeit. Ein rascher Wiedereinstieg, flankiert von verlässlichen Angeboten für eine gute Kinderbetreuung und familienfreundlichen Arbeitszeiten für Männer und Frauen, ist der richtige Weg.

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