"Über Tyrannei" Handbuch für Menschenwürde

Der Welt droht ein Rückfall in düstere Zeiten, davon ist Timothy Snyder überzeugt. Der renommierte Historiker erteilt in seinem neusten Buch 20 Lektionen für den Widerstand gegen Populisten.
1 / 17

"Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam": Snyders erste Aufforderung fußt auf der Erkenntnis, dass selbst brutalste Diktaturen oft von einer breiten Mehrheit getragen werden. Er denkt dabei an die USA unter Donald Trump - doch seine Warnung gilt weltweit.

Foto: Dan Bullock/ dpa
2 / 17

"Verteidige die Institutionen": Diese Lektion ist vielleicht Snyders wichtigste, weil sie die zentrale Funktionsweise von Demokratien thematisiert. Gerichte, Gesetze und Gewerkschaften schützen sich nicht selbst - das müssen schon die Bürger machen.

Foto: Michael Kappeler/ dpa
3 / 17

"Übernimm Verantwortung für das Antlitz der Welt": Während einige Lektionen auf abstrakte Gefahren hinweisen, sind andere sehr konkrete Handlungsanweisungen. Seine Warnung vor Symbolen etwa, aus denen im Ernstfall Mord und Folter folgern können, ist so eine.

Foto: Bernd Wüstneck/ picture alliance / dpa
4 / 17

"Denk an deine Berufsehre": Immer wieder macht Snyder die individuelle Verantwortung jedes Einzelnen deutlich. "Es ist schwer, einen Rechtsstaat ohne Anwälte aus den Angeln zu heben oder Schauprozesse ohne Richter abzuhalten", schreibt er.

Foto: Uli Deck/ dpa
5 / 17

"Nimm dich in Acht vor Paramilitärs": In Lektionen wie dieser brilliert Snyder in der Disziplin, anschaulich Missstände zu schildern ohne konkrete Beispiele zu nennen. In diesem Fall wären das angebliche Bürgerwehren auf der Krim ebenso wie in deutschen Innenstädten.

Foto: © / Reuters/ Reuters
6 / 17

"Sei bedächtig, wenn du eine Waffe tragen darfst": Lektionen wie diese zielen auf dezidiert US-amerikanische Debatten über Polizeigewalt und das Recht auf den Besitz von Waffen. Vor drastischen Worten und Vergleichen scheut Snyder nicht zurück: "Ohne die Konformisten wären die schlimmsten Gräueltaten unmöglich gewesen."

Foto: Eric Gay/ AP/dpa
7 / 17

"Setze ein Zeichen": Der Wissenschaftler Snyder inszeniert sich in seinen Lektionen selbst als Aktivist."In dem Augenblick, in dem du ein Zeichen setzt", schreibt er, "ist der Bann des Status quo gebrochen, und andere werden folgen." Damit meint er womöglich auch sich selbst, denn sein Buch ist ein unmissverständliches Zeichen.

Foto: © Lucy Nicholson / Reuters/ REUTERS
8 / 17

"Sei freundlich zu unserer Sprache": Diese Lektion gehört zu den ungewöhnlichsten im ganzen Buch. Snyder kritisiert die Vereinnahmung und Verdünnung von Sprache durch autoritäre Regime - und zieht dazu unter anderem George Orwell, Fjodor M. Dostojewski und die Bibel heran.

Foto: DPA
9 / 17

"Glaube an die Wahrheit": Snyder attestiert großen Teilen der Bevölkerung eine "offene Feindseligkeit gegenüber der verifizierbaren Wirklichkeit" und analysiert vier verschiedene Verfahren zum Mord an der Wahrheit. Sehr lesenswert.

Foto: Jörg Carstensen/ picture alliance / dpa
10 / 17

"Frage nach und überprüfe": Diese Lektion ist der einzige Flop des Buchs. Snyder sieht im Internet den Gegenpol zu nachprüfbaren Fakten, die demnach in Zeitungen und Büchern gedruckt werden. Wer aber nach der Lektüre dieses Online-Artikels ein Buch aus dem Kopp-Verlag oder die neueste Ausgabe der "Deutschen Stimme" in die Hand nimmt, sollte schnell merken: Medienkompetenz verlangt viel mehr, als nur zwischen Digitalem und Gedruckten zu differenzieren.

Foto: imago/ Steinach
11 / 17

"Praktiziere physische Politik": Netflix, Facebook, die neue Pizza-Liefer-App - all das macht das Leben bequem. Snyder warnt vor einer Verlagerung auch des öffentlichen Lebens ins Netz, etwa in Form von Petitionen statt Protesten: "Wenn Tyrannen die Folgen ihres Handelns nicht in der dreidimensionalen Welt spüren, wird sich nichts ändern."

Foto: Gregor Fischer/ dpa
12 / 17

"Führe ein Privatleben": Längst haben wir uns daran gewöhnt, dass Geheimdienste unsere Mails mitlesen und Hacker jederzeit unsere Passwörter knacken können. Snyder mahnt, diese offene Flanke unseres Privatlebens besser vor öffentlicher Zurschaustellung zu schützen - und auch in der Gesellschaft dafür einzutreten.

Foto: Michael Kappeler/ picture alliance / dpa
13 / 17

"Engagiere dich für den guten Zweck": Je größer die Polarisierung innerhalb einer Gesellschaft, desto wichtiger das ehrenamtliche Engagement - so ließe sich diese Lektion zusammenfassen. Auch in diesem Fall bezieht sich Snyder auf Lehren aus der Vergangenheit: "Im 20. Jahrhundert waren alle großen Feinde der Freiheit auch Feinde von Nichtregierungsorganisationen, Wohltätigkeitsvereinen und dergleichen."

Foto: imago/ Jürgen Heinrich
14 / 17

"Achte auf gefährliche Wörter": Kaum eine Lektion lässt sich so eindeutig auf die derzeitige Lage in der Türkei beziehen. Snyder kritisiert vor allem die Zuweisung von Begriffen wie "Extremisten" und "Terroristen" für missliebige Regimekritiker in autoritär geführten Staaten.

Foto: Depo Photos/ dpa
15 / 17

"Bleib ruhig, wenn das Undenkbare eintritt": Der Reichstagsbrand von 1933 beschleunigte den Verfall der Weimarer Republik - und viele Herrscher nutzen laut Snyder solche Vorfälle zur Konsolidierung der eigenen Macht. Er formuliert diese These ungleich provokanter: "Moderne Tyrannei ist Terrormanagement."

Foto: Ullstein/ picture-alliance/ dpa
16 / 17

"Sei patriotisch": Das Bemerkenswerte an dieser zunächst seltsam anmutenden Lektion ist Snyders Definition von Patriotismus. Den nämlich grenzt er in scharfer Weise vom Nationalismus ab - das dürfte so manchem selbsterklärten Pegida-Patrioten missfallen.

Foto: Stuart Franklin/ Getty Images
17 / 17

"Sei so mutig wie möglich": Diese These ist die - unerträglich logische - Konsequenz der 19 vorausgegangenen. Wenn niemand für die Freiheit zu sterben bereit sei, so Snyder, "dann werden wir alle unter der Tyrannei umkommen." In Deutschland könnte man dabei etwa an die NS-Widerstandskämpfer der "Weißen Rose" denken, und genau so meint es Snyder wohl auch.

Foto: dpa/ picture alliance / dpa