Proteste in Weißrussland "Wir haben es satt"
Mehr als 800 Menschen versammeln sich in Babrujsk, einer 220.000-Einwohner-Stadt knapp zwei Autostunden südöstlich von der weißrussischen Hauptstadt Minsk entfernt.
Sie protestieren gegen das Dekret Nummer 3 von Staatschef Aljaksandr Lukaschenka - das "Dekret zur Vorbeugung des sozialen Schmarotzertums" vom April 2015.
Wer weniger als 183 Tage arbeitet, muss dem Staat dem Dekret 3 zufolge eine Sondersteuer in Höhe von umgerechnet mehr als 200 Euro für das vergangene Jahr bezahlen, dafür, dass er Einrichtungen wie Kliniken und Straßen nutzt.
In Weißrussland, wo das Durchschnittsgehalt bei rund 350 Euro monatlich liegt, ist das viel Geld, vor allem für jene, die keinen Job haben.
Nicht nur in Minsk, wie hier im Februar, sondern auch in anderen Städten wie Pinsk, Brest, Orscha und Rahatschou versammeln sich jeweils Hunderte.
In dem seit 22 Jahren von Lukaschenka autokratisch regierten Land sind solche Proteste selten.
"Blödsinnig" nennt Halina, 56 Jahre, das Dekret. Ihre Söhne, 29 und 38 Jahre, die im vergangenen Jahr keine Arbeit hatten, haben bereits Briefe der Behörden bekommen, mit der Aufforderung, die Steuer zu zahlen. "Glücksbriefe" nennen die Menschen diese Schreiben, was viel über ihre Art erzählt, mit der Verzweiflung umzugehen.
"Wer will, der findet Arbeit, sagen sie. Wo denn bitteschön, wo denn?", ruft die ältere Dame in Pelzmütze und lila Mantel, sie stellt sich zu Halina. "Ich habe es so satt, wir sind keine Schmarotzer.
Ruslan, 35 Jahre, Jäger, fragt: "Die Leute haben kein Recht auf Arbeit, auf Wahlen, auf eigenes Land, auf eigene Waffen - was ist da noch der Unterschied zu den Sklaven im Römischen Reich?"
Tatjana (r.), 28 Jahre, erzählt, dass sie am 28. März ohne Arbeit dastehen wird, ihre Vertretung in einem Bücherladen endet: "Ich bin das erste Mal auf einer Demonstration. Ich will mein Land nicht verlassen müssen, um Arbeit finden zu können."
Auf den Straßen in Belarus finden sich Plakate mit Losungen wie dieses - "Steuern - das sind unsere schönen Städte".
In Rahatschou, einer Kleinstadt, kamen zu der ersten Kundgebung 200 Menschen, obwohl die Polizei vor Ort recht präsent war.
In Maladetschna, nicht einmal eine Autostunde nordwestlich von Minsk entfernt, versammeln sich am Freitag etwa 1000 Menschen, es war die erste Kundgebung in der 100.000-Einwohner-Stadt. Mit dabei Oppositionspolitiker wie Wital Rymascheuski.
Neli, 65 Jahre, aus Maladetschna: "Die jungen Menschen werden ausgebeutet. Für wenig Geld, das geht nicht, deshalb bin ich hier."
Alina, 70 Jahre, aus Maladetschna: "Es soll uns gut gehen, unseren Familien. Das wünsche ich mir."
Aleksej, 63 Jahre, aus Maladetschna, der sich zu seiner 95-Euro-Rente noch was dazuverdienen muss: "Ich bin hier für meine Enkelkinder, damit sie eine Chance haben, hier, in Weißrussland, zu leben."
Anders als in Babrujsk tritt der Geheimdienst massiv auf, überall sind schwarz gekleidete Beamte und Polizisten anwesend.
In Maladetschna wird der Oppositionspolitiker Rymascheuski von Polizisten begrüßt, die ihn warnen. Sollte es Ordnungswidrigkeiten geben, sei er verantwortlich. Ein KGB-Mann filmt.
Rymascheuski gehört zu den Christdemokraten in Belarus.
"Jetzt ist Zeit für Reformen, wir sind bereit, mit Lukaschenka darüber zu sprechen", sagt der 42-Jährige, der mit seiner Familie unter ständigem Druck der Behörden lebt.
Als Rymascheuski nach der Kundgebung zu seinem Auto kommt, ist es durch Polizeiwagen blockiert.
Man sagt ihm, er müsse mit aufs Revier, er habe Ordnungswidrigkeiten begangen.
Als Rymascheuski seine Aussage an Ort und Stelle machen will, fährt ein grauer Lieferwagen vor, KGB-Männer zerren ihn hinein. Er wird später zu 15 Tagen Haft verurteilt.