Bürgerwille contra Energiewende Im Aufwind

Sie gelten als Buhmänner und -frauen der Nation - und Bremser der Energiewende: Windkraftgegner. Doch warum engagieren sich so viele Menschen bundesweit gegen die Windräder und wie stehen sie zur Energiewende? Vier Beispiele.
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Susanne Kirchhof, Agrarwissenschaftlerin, 1. Vorsitzende des "Landesverbands der windkraftkritischen Bürgerinitiativen Vernunftkraft. Schleswig-Holstein e. V."

SPIEGEL: Warum sollen ausgerechnet bei Ihnen keine Windräder gebaut werden?
Kirchhof: Wenn 30.000 Windkraftanlagen keinen Klimaschutz geschafft haben, warum sollten es 60.000 schaffen? Schleswig-Holstein ist das Bundesland mit der höchsten Windradbebauung und den dichtesten Abständen zur Wohnbevölkerung. Windkraftanlagen sind Industrieanlagen, die durch ihren Betrieb nicht nur die in den letzten Jahrzehnten hart erkämpften Natur- und Artenschutzstandards in Deutschland zunichtemachen, sondern auch die Anwohner, denen man die Anlagen dicht um die Häuser stellt, nachweislich schädigen.
SPIEGEL: Woher soll der Strom dann kommen?
Kirchhof: Windkraftanlagen erzeugen Strom immer nur dann, wenn Wind weht. Regelmäßig erzeugen Windkraftanlagen auch keinen Strom. Man kann Strom nicht speichern. Also grundsätzliche Gegenfrage: Woher soll der Strom kommen, wenn kein Wind weht und keine Sonne scheint? Vorschlag: Stromerzeugung aus Windkraftanlagen offshore ist mehr als doppelt so effizient wie Windkraft an Land und mit der Nutzung von Solarenergie auch nachweislich deutlich kostengünstiger, wie die letzten bundesweiten Ausschreibungen allesamt gezeigt haben.
SPIEGEL: Glauben Sie an den menschengemachten Klimawandel?
Kirchhof: Naturwissenschaftliche Zusammenhänge sollten grundsätzlich nicht zur Glaubensfrage erklärt werden. Ich denke, dass wir einen Klimawandel erleben, der für uns als Menschheit insgesamt dramatische Folgen haben wird. Ich denke aber auch, dass der Zubau von Windkraftanlagen, so wie er zurzeit betrieben wird, nicht das geeignete Instrument ist, um dem Klimawandel effizient zu begegnen.

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Nikolai Ziegler, 42 Jahre alt, Volkswirt, Leiter des Fachbereichs Volkswirtschaft bei der "Bundesinitiative für vernünftige Energiepolitik".

SPIEGEL: Warum sollen ausgerechnet bei Ihnen keine Windräder gebaut werden?
Ziegler: In meiner alten Heimat Hessen wurden bereits "Schatzkästchen der Natur" (so ein ehemaliger Bundesumweltminister über den Werra-Meißner-Kreis) durch die Windkraftindustrie geplündert. "Hot Spots der biologischen Vielfalt" wurden im großen Stil mit Anlagen verschandelt - die ökologischen und ästhetischen Schäden sind bereits da. Mir geht es darum, ähnlichen Irrsinn zu verhindern - überall. Natur- und Artenschutz und menschliche Gesundheit sind nicht verhandelbar - nirgends.
SPIEGEL: Woher soll der Strom dann kommen?
Ziegler: Die Stahlkolosse sind Energiezwerge. Das, was sie nach Laune des Wetters - meist wenig, punktuell aber in kostspielig zu entsorgendem Überfluss - produzieren, lässt sich durch Einsparung kompensieren. Gesicherte Erzeugungsleistung lässt sich durch Windkraftanlagen ohnehin nicht ersetzen.
SPIEGEL: Glauben Sie an den menschengemachten Klimawandel?
Ziegler: Ich weiß, dass hiesige Windkraftanlagen den globalen Klimawandel nicht beeinflussen können. Lokal sind sie auf dessen Herausforderungen eine denkbar schlechte Reaktion: Unzerschnittene Wälder und intakte Ökosysteme werden wichtiger denn je. Unsere Stromversorgung ans Wetter zu koppeln, ist unklug, wenn dessen Extreme zunehmen.

Foto: privat
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Anja Prehn, 52 Jahre alt, Diplom-Geografin, Gründungsmitglied und 2. Vorsitzende der "Wählergemeinschaft Bürgerforum Nübbel" in Schleswig-Holstein, der jüngsten und mitgliederstärksten politischen Gruppe, die seit 2018 die Bürgermeisterin stellt.

SPIEGEL: Warum sollen ausgerechnet bei Ihnen keine Windräder gebaut werden?
Prehn: In zwei Bürgerentscheiden hat sich eine deutliche Mehrheit der Menschen in Nübbel gegen eine Ausweisung von Windflächen entschieden. Das gilt es zu respektieren. Da unser Dorf bereits heute ein Vielfaches seines eigenen Strombedarfs mit Biogas erzeugt, waren für mich die Gefahr der lokalen Überlastung, eine unzureichende Abwägung mit dem Naturschutz und der zu geringe Abstand einer südlich bzw. in Hauptwindrichtung gelegenen Windfläche ausschlaggebend.
SPIEGEL: Woher soll der Strom dann kommen?
Prehn: Eine echte Energiewende ist mehr als der Austausch eines Energieträgers durch einen anderen. Zu einem konsequenten Weg gehören die Erschließung aller Einsparpotenziale, die rationelle Anwendung von Energie und ein gesunder Mix aus erneuerbaren Energieträgern. Auch die Städte sind hier gefordert. Die umweltfreundlichste kWh Strom ist immer noch die, die gar nicht erst erzeugt wird! Für mich gehört die Stärke der erneuerbaren Energien, ihre Dezentralität, viel stärker berücksichtigt. Wenn eine Millionenstadt wie München CO2-neutral werden möchte, muss sie Maßnahmen vor der eigenen Haustür umsetzen und nicht im fernen Norwegen, wo die Menschen dann zu Recht gegen die Zerstörung ihrer Natur auf die Straße gehen und gegen einen "neuen Kolonialismus" demonstrieren.
SPIEGEL: Glauben Sie an den menschengemachten Klimawandel?
Prehn: Alle Parameter zusammen deuten auf einen menschlichen Einfluss auf das globale Klima. Dieser Überzeugung der meisten Klimaforscher schließe ich mich uneingeschränkt an.

Foto: privat
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Edi Biener, 72 Jahre alt, Rentner, Vorstandsmitglied der Initiative "Verein für Mensch und Natur Kettenacker e.V."; (Baden-Württemberg), gegründet 2013, hat aktuell 50 Mitglieder.

SPIEGEL: Warum sollen ausgerechnet bei Ihnen keine Windräder gebaut werden?
Biener: Weil sie für die Gesundheit der Menschen und der Tiere gefährlich sind. Ich glaube, dass gerade beim Thema Infraschall nicht immer korrekt gemessen wird und viele Menschen gar nicht richtig über die Gefahren informiert sind. Die Parteien, die Windräder befürworten, betreiben Raubbau an der Natur: Für ein Windrad darf kein Wald sterben.
SPIEGEL: Woher soll der Strom dann kommen?
Biener: Viele hier im Dorf haben Solarzellen, gerade gestern Abend gab es eine Informationsveranstaltung zu Fotovoltaik. Aber auch dafür braucht man wieder Fläche - das ist ein grundsätzliches Problem der Energiewende. Außerdem frage ich mich schon, warum alle Länder um uns herum gerade neue Atomkraftwerke bauen, sogar die Schweiz. Das sollte uns zu denken geben.
SPIEGEL: Glauben Sie an den menschengemachten Klimawandel?
Biener: Davon bin ich überzeugt. Aber Deutschland wird den Klimawandel nicht allein aufhalten können, schon gar nicht, wenn die USA und China weiterhin so viel in die Luft pusten. Die Natur ist unser wichtigstes Kapital.

Foto: Oliver Berg/ DPA
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Heinz Josef Prehler ist Vorsitzender von "Gegenwind Bad Orb e.V."

SPIEGEL: Warum sollen ausgerechnet hier/bei Ihnen keine Windräder gebaut werden?
Prehler: Bad Orb als Gesundheitsstandort lebt von sanftem Tourismus: Wandern, Radfahren, Natur, kein Lärm. Die 250 Meter hohen Windkraftanlagen wirken bedrohlich nahe, bei Nacht blinken sie grellrot. Lärm, Schattenwurf und Infraschall stören Tag und Nacht das menschliche Ruhebedürfnis. Bei uns leben viele geschützte Tierarten, Schwarzstörche, Rotmilane, die Mopsfledermaus, diese kommen in den Gutachten der Windkraft-Investoren viel weniger vor, als sie tatsächlich beobachtet werden.
SPIEGEL: Woher soll der Strom dann kommen?
Prehler: Die Windenergie hat einen sehr niedrigen Energieertrag pro Fläche. Stromspeicher im erforderlichen Umfang werden in den nächsten Jahrzehnten aber nicht zur Verfügung stehen, die Umweltenergien können unseren Strombedarf deshalb nicht decken. Trotzdem sollten wir alle Möglichkeiten der CO2-Reduktion nutzen, ohne unseren Wirtschaftsstandort zu gefährden und beispielsweise hocheffiziente Kohlekraftwerke wie Datteln am Netz lassen. Bei der Kernenergie sollen wir auf Formen setzen, welche weder zur Kernschmelze führen können noch Jahrtausende währende Halbwertzeiten besitzen - ein Beispiel könnte der Dual-Fluid-Reaktor sein.
SPIEGEL: Glauben Sie an den menschengemachten Klimawandel?
Prehler: Es geht um naturwissenschaftliche Erkenntnisse. Glauben, Wutreden und emotionale Ausbrüche helfen nicht weiter. Auch nicht, dass Deutschland mit gutem Beispiel vorangeht. Wir werden im Ausland sowieso verlacht. Eine Ja-Nein-Antwort ist bei der unüberschaubaren Informationsflut nicht aufrichtig. Es handelt sich um ein globales Problem, welches eine globale Antwort erfordert. Hierzu gehören neben CO2-Einsparungen auch Bevölkerungsentwicklung und Bildungsstandard.

Foto: privat
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Knut Kahnt vom "Verein Pro Milan & Co.eV." aus Gutenborn in Sachsen-Anhalt.

SPIEGEL: Warum sollen ausgerechnet bei Ihnen keine Windräder gebaut werden?
Kahnt: Unser Verein beschließt keine neuen Gesetze, wir kontrollieren deren Einhaltung in Genehmigungsverfahren. Wo das Gesetz Windräder erlaubt, darf gebaut werden; wo es das Gesetz verbietet, eben nicht. Rotmilan und Co. haben gegen Wirtschaftsinteressen keine Chance: Diese Vögel sind die Opfer, und unsere Aufgabe ist es, sie zu schützen.
SPIEGEL: Woher soll der Strom dann kommen?
Kahnt: Die grundsätzliche Frage ist nicht, woher der Strom kommt, sondern wofür er vergeudet wird. Wir brauchen da ganz neue Denkansätze. Zum Beispiel: Gewicht runter bei allen Autos, schwere SUV braucht tatsächlich keiner, dazu ein Tempolimit mit den Grenzwerten 50/80/120 Kilometer pro Stunde einführen. Es geht darum, Energie durch Sinnlosproduktion zu sparen. Wer glaubt, dass das nicht geht, der soll sich mal den "RG 28" anschauen: Das ist ein Küchenmixer aus DDR-Zeiten, der nach über 50 Jahren ohne Mängel läuft. So würden die weltweiten Umweltschäden durch Schrottberge aus Deutschland wegfallen. Für mich gilt: Erst runter mit dem Energieverbrauch, dann notwendige Windräder bauen, so einfach.
SPIEGEL: Glauben Sie an den menschengemachten Klimawandel?
Kahnt: Seit drei Jahrzehnten mahnen Wissenschaftler wie der Meteorologe Mojib Latif gebetsmühlenartig den Klimawandel an. Wir brauchen eine Hundertachtziggrad-Wende, die den Klimaschutz über die Wirtschaftsinteressen stellt. Städte wie Konstanz, die den Klimanotstand erklären, sind richtungsweisend. "Fridays for Future" ist Vernunft. Aber nach 30 Jahren Klimapolitik in der Bundesregierung kommt von mir nur das Fazit: "Durchgefallen!" Meine Prognose: Aussichtslos!"

Foto: privat