Wunderstürmer "Kleines dickes Müller"

Bomber der Nation, Torrekordler, trockener Alkoholiker: Die Geschichte des größten deutschen WM-Helden, Gerd Müller, in Bildern.
1 / 26

Gestatten, Gerd Müller, Bundesligaspieler. 1,76 Meter groß, circa 75 - 82 Kilo schwer (wechselnd), Oberschenkelumfang 68 Zentimeter, oder um es mit einem Vergleich der Sechzigerjahre zu sagen: Oberschenkel breiter als die Taille von Brigitte Bardot. Seit August 1964 spielt der am 3. November 1945 in Nördlingen geborene Müller für den FC Bayern, er hat 4400 Mark Ablöse gekostet (darunter 400 Mark für seine Einsätze in der Bayern-Auswahl), und gleich in seiner ersten Saison in der damals zweitklassigen Regionalliga 39 Tore in der Haupt- und Endrunde erzielt. "Kleines dickes Müller" nennt ihn sein Trainer, "Harte" seine Jungs aus der Heimat, "der Quadratische" seine Mitspieler. Der FC Bayern und sein neuer Wunderstürmer sind in die Bundesliga aufgestiegen - 20 Geschichten über "Gerdchen".

Foto: imago/ Horstmüller
2 / 26

"Bomber" nennen sie diesen stillen Jüngling mit den kurzen Beinen, weil der nicht mehr aufhört, Tore zu schießen. 14 sind es in seiner ersten Bundesligasaison, 28 in seiner zweiten. Zum ersten Mal wird er Torschützenkönig der Bundesliga. Ein Titel, den er noch sechsmal gewinnen wird - ein einsamer Rekord in der Bundesligahistorie.

Foto: Keystone/ Getty Images
3 / 26

Tschik gemacht fürs Gruppenfoto. Bayern-Trainer Zlatko Čajkovski (ganz rechts), genannt "Tschik", posiert vor der Premierensaison in der Bundesliga 1965 stolz mit seinen Spielern (von links) Rudi Nafziger, Rainer Ohlhauser, Gerd Müller, Dieter Koulmann und Dieter Brenninger. Tschik ist es, der mit seiner Art den jungen Müller zu einem Weltstar formt. Und ihm den legendären Beinamen "kleines dickes Müller" verpasst.

Foto: imago/ Horstmüller
4 / 26

Müller ist nicht nur Torjäger, er ist auch Torsteher, wenn er denn mal muss. Im Training stellt er sich regelmäßig in den Kasten und als sich Sepp Maier am 9. Spieltag der Saison 1965/66 gegen den HSV verletzt, sammelt Müller sogar Spielminuten als Bundesliga-Torwart. Mehrfach kommt die Hamburger Offensive an diesem Tag zum Abschluss, immer ist Bayerns etatmäßiger Mittelstürmer zur Stelle. Maier, der hier gerade behandelt wird, kommt später wieder auf den Platz - Wechsel sind zu diesem Zeitpunkt in der Bundesliga noch nicht erlaubt. Die Bayern gewinnen mit 4:0. Selbst bei späteren Nationalmannschaftsauftritten ist Müller für den Fall der Fälle als dritter Torwart vorgesehen.

Foto: Trede-Archiv
5 / 26

"Gerd Müller stellt seine Verlobte Uschi (ganz links) seiner Mutter Karoline vor", heißt es im Untertitel dieses Agenturfotos - und so sieht es dann auch aus. Sowohl die Beziehung zwischen Mutter und Sohn, Mutter und Schwiegertochter, als auch Uschi und Gerd soll wesentlich harmonischer verlaufen sein, als es dieses Bild vermuten lässt. Seine zukünftige Frau soll Müller laut "Bild"-Zeitung übrigens dabei kennengelernt haben, als er ihr in der Mittagspause ein Hörnchen spendierte.

Foto: imago/ Rolf Hayo
6 / 26

Das Juwel und sein Schleifer. Dabei ist Tschik Čajkovski kein harter Trainer, sondern für die junge und unbekümmerte Bayern-Mannschaft genau der richtige Mann. Er hat das Glück, die goldene Generation dieser Zeit in ihren Anfängen zu begleiten, Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Sepp Maier - Säulen der Nationalmannschaft in der kommenden Dekade - sind Mitte/Ende der Sechziger noch Twens. Čajkovski wird mit den Bayern 1966 und 1967 DFB-Pokalsieger, 1967 führt er die Mannschaft zum ersten internationalen Titel des Vereins: den Europapokal der Pokalsieger.

Foto: imago/ Rolf Hayo
7 / 26

Die erste von sieben Torjägerkanonen 1967. Am Ende seiner Laufbahn wird Müller sagenhafte 365 Bundesligatore erzielt haben. Sehr wahrscheinlich ein Rekord für die Ewigkeit.

Foto: Keystone/ Getty Images
8 / 26

Der erste internationale Titel für den FC Bayern. Im Endspiel gegen die Glasgow Rangers im Städtischen Stadion zu Nürnberg steht es nach 90 Minuten 0:0, erst in der 108. Minute gelingt Müllers Sturmpartner Franz "Bulle" Roth (hier jubelnd) das entscheidende 1:0.

Foto: imago/ Pressefoto Baumann
9 / 26

Für den guten Zweck (und eine schöne Bilderstrecke) zeigt sich Müller hier 1970 bei einem Freundschaftsspiel in seiner Heimat Nördlingen als Schiedsrichter. Von München nach Nördlingen sind es knapp 150 Kilometer, zu Beginn seiner Bayern-Karriere kommt Müller fast jede Woche nach Hause - auf dem Lastwagen eines örtlichen Gemüsehändlers.

Foto: imago/ WEREK
10 / 26

Taktikschulung im Februar 1970. Da ist das Tischtuch zwischen Trainer Branko Zebec (rechts an der Tafel) und seinem Starensemble um Gerd Müller (erste Reihe ganz vorne) allerdings schon zerschnitten. Zebec hat 1968 Tschik Čajkovski beerbt und mit seinem knallharten Trainingskonzept jene Mannschaft geformt, die 1969 die erste Meisterschaft der Bayern seit 1932 gewinnt und gleichzeitig auch im DFB-Pokal triumphiert. Auch dank der rigorosen Methoden wurde aus dem "kleinen dicken" Müller endgültig jener Weltklasse-Mann, der spätestens bei der WM 1970 in Mexiko seine außergewöhnlichen Fähigkeiten präsentierte. Zebec wird im Laufe der Saison 1969/70 von Udo Lattek abgelöst.

Foto: imago/ Fred Joch
11 / 26

Bereits drei Jahre vorher, am 8. April 1967 in seinem zweiten Länderspiel, trug sich Gerd Müller erstmals in die Schützenliste der DFB-Auswahl ein. Beim 6:0-Kantersieg im EM-Qualifikationsspiel traf Müller gleich viermal. Acht Monate später erreichte Deutschland nur ein 0:0 gegen den krassen Außenseiter aus Albanien und verpasste damit die Quali für die Europameisterschaft 1968. Das Spiel ging als "Schmach von Tirana" in die Historie ein.

Foto: imago/ Ferdi Hartung
12 / 26

Vergessen wir ganz schnell die dunklen Löcher der DFB-Geschichte und springen in die 108. Minute des WM-Viertelfinales 1970 zwischen England und Deutschland. Mullery und Peters haben die Briten zunächst in Führung gebracht, Beckenbauer und Seeler (mit dem Hinterkopf!) für Deutschland ausgeglichen. Bis Gerd Müller sich mit diesem Spreizschuss in die Herzen der Deutschen müllert und seine Nationalmannschaft damit ins Halbfinale der Weltmeisterschaft führt. Wo dann im "Jahrhundertspiel" gegen Italien trotz zweier Müller-Tore Schluss ist. Deutschland wird nach einem 1:0-Sieg über Uruguay schließlich Dritter.

Foto: imago/ Sven Simon
13 / 26

Die vielleicht beste deutsche Nationalmannschaft sehen die Zuschauer während der Spiele der Europameisterschaft 1972. Beckenbauer, Netzer, Maier und Müller stürmen auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft bis ins Finale von Brüssel und besiegen dort die Sowjetunion klar mit 3:0. Zweifacher Torschütze, wer sonst, Gerd Müller.

Foto: imago/ Colorsport
14 / 26

Frankfurt wie es pitscht und platscht. Vor dem entscheidenden Spiel der Finalrunde B (bei der WM 1974 gab es bis zum Finale keine K.-o.-Spiele) zwischen Deutschland und Polen regnet es wie aus Eimern, Feuerwehrleute und Ordner versuchen, die Wassermassen vom Feld zu rollen und zu pumpen, am Ende treten beide Teams unter eigentlich irregulären Bedingungen an. Uli Hoeneß verschießt nach 53 Minuten einen Elfmeter, Gerd Müller macht es nach 76 Minuten besser - das 1:0 reicht den Deutschen zum Einzug ins Endspiel.

Foto: imago/ Frinke
15 / 26

Das Tor seines Lebens. Kurz vor dem Ende der ersten Halbzeit im WM-Finale 1974 in München bekommt Müller eine Flanke von Rainer Bonhof eher als seine niederländischen Bewacher unter Kontrolle, dreht sich und schießt. 2:1, der entscheidende Treffer. "Ich habe den Ball gar nicht richtig getroffen, zum Glück", erinnert sich Müller später, "denn wenn ich ihn voll mit dem Spann erwischt hätte, dann wäre er nicht so weit ins lange Eck gegangen, dann wäre er mehr in die Mitte des Tores gegangen, vielleicht direkt auf den Torwart. Aber so ist der Ball immer länger geworden, immer länger. Ja, das war ein typisches Müller-Tor, das habe ich gekonnt."

Foto: imago/ WEREK
16 / 26

Auf eine Zigarre mit Paul Breitner. Doch die Feierlichkeiten nach dem WM-Triumph von 1974 enden in einem Skandal. Die DFB-Offiziellen haben den Spielerfrauen zum offiziellen Bankett den Zutritt verwehrt, ihren eigenen Gattinnen allerdings die besten Plätze reserviert. Die neue Spielergeneration um Müller, Breitner, Hoeneß und Beckenbauer will das altbackene Spiel nicht mehr mitspielen und motzt öffentlich, Gerd Müller gibt noch in der Nacht seinen Rücktritt aus der Nationalelf bekannt. Den hat er allerdings schon ein Vierteljahr vor der WM beschlossen.

Foto: imago/ WEREK
17 / 26

Er wolle sich auf den FC Bayern konzentrieren, sagt Müller zur Begründung seines Rücktritts. Nun, das gelingt ihm recht eindrucksvoll. Bereits vor der WM 1974 haben die Bayern erstmals den Europapokal der Landesmeister gewonnen, im Wiederholungsspiel gegen Atletico Madrid schießt Gerd Müller (mit Pokal) zwei seiner acht Tore im Wettbewerb, der FCB siegt mit 4:0 und soll dieses Kunststück in den kommenden beiden Spielzeiten sogar wiederholen.

Foto: imago/ Colorsport
18 / 26

Die goldenen Siebziger gehen für die erfolgsverwöhnten Bayern-Stars spätestens mit dem Wechsel von Franz Beckenbauer zu Cosmos New York 1977 zu Ende. Ohne seinen kongenialen Partner verliert auch Gerd Müller, der inzwischen die 30 deutlich überschritten hat, an Effizienz. Zur Winterpause der Saison 1978/79 übernimmt Pal Csernai (Mitte) den Trainerposten in München und lässt vor allem seinen Alt-Star Gerd Müller (vorne, mit den Händen in Hüften) spüren, dass von nun an ein anderer Wind weht.

Foto: imago/ Fred Joch
19 / 26

Am 3. Februar 1979 kommt es zum endgültigen Bruch mit Müller, als es Csernai im Ligaspiel gegen Eintracht Frankfurt wagt, den Angreifer aus Leistungsgründen vorzeitig vom Feld zu nehmen (Rechts neben Müller übrigens der spätere HSV-Trainer Martin Jol). Müller zürnt nach dem Spiel: "Ich bin als Lorant-Anhänger bekannt, und das war Csernais Rache, der mir zeigen wollte, dass er am längeren Hebel sitzt." Csernai kontert, er habe "Müller der Mannschaft nicht mehr zumuten" können. Wutentbrannt und tief getroffen reicht der beste Bayern-Stürmer aller Zeiten seine Kündigung ein…

Foto: imago/ DUTCHPHOTO
20 / 26

…und findet schließlich im fernen Florida ein neues Zuhause. Gemeinsam mit Frau Uschi und Tochter Nicole zieht Müller nach Fort Lauderdale, wo er bei den dort angesiedelten Strikers noch ein paar Dollar verdienen will.

Foto: imago/ Rolf Hayo
21 / 26

Gemeinsam mit dem Peruaner Teofilo Cubillas, den sie den "Pelé von Peru" rufen (links) und dem früheren Manchester-United-Wunderspieler George Best (rechts) soll Müller seinen neuen Klub ab 1979 zu Titeln und Spektakel führen. In den ersten Partien wird er vom eifersüchtigen Best geschnitten, später funktioniert auch diese Zusammenarbeit. In 71 Partien wird Müller 38 Tore für die Fort Lauderdale Strikers schießen.

Foto: imago/ WEREK
22 / 26

Die Zusammenarbeit mit den Strikers dauert bis 1981, doch weil Müller mit seiner Familie in Florida bleiben will, eröffnet er zusammen mit seinem Freund Hans Huber (links), einem Münchener Bierbrauer, das Ambry, ein deutsch-amerikanisches Restaurant, das es noch heute gibt. Probieren Sie den Sauerbraten, wenn Sie mal da sein sollten, er soll hervorragend schmecken. Hat jedenfalls Uschi Müller behauptet.

Foto: imago/ WEREK
23 / 26

Schönes Foto mit hässlichen Details. Auch weil ihm nach dem Ende seiner Fußballerkarriere nicht der Übergang in eine neue berufliche Existenz gelingt (im Ambry ist Müller vor allem Maskottchen), greift er immer häufiger zum Glas oder zur Flasche. Doch die wirklichen Probleme beginnen erst, als er 1984 wieder zurück nach Deutschland zieht. Müller hat keine echte Aufgabe und beim FC Bayern hat man in diesen Jahren offenbar auch vergessen, was der "Bomber" einst für den Verein geleistet hat.

Foto: imago/ Rolf Hayo
24 / 26

Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. 1983 bekommt Müller zwar doch noch sein Abschiedsspiel und am Ende eine Plakette von Bayern-Präsident Wilhelm Neudecker (rechts) überreicht, doch die Worte seines Präsidenten am Ende seiner aktiven Zeit als Bayern-Stürmer ("Ich brauche einen Torschützen und kein Denkmal") wird Müller nicht vergessen haben. Schon Jahre vor der Aufnahme dieses Fotos sagt er: "Mich hat enttäuscht, dass kaum jemand für mich eingetreten ist, dass mir keiner geholfen hat. Früher, als alles prima lief, als der Erfolg da war, waren auch immer viele Leute da. Jetzt aber hat man mich praktisch alleingelassen." Spätestens Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger wird sein Alkoholkonsum zu einem echten Problem. Am Ende geht er auf Rat von Uli Hoeneß in eine Entzugsklinik und ist seitdem trocken.

Foto: imago/ Sven Simon
25 / 26

Eine neue Aufgabe. Die Bayern machen Müller zum Assistenten von Hermann Gerland in der zweiten Mannschaft des Klubs und finden damit eine ideale Lösung. Gerd Müller ist wieder da, wo er hingehört und die Kombination als Gerland und Müller bringt dem Klub jahrelang großartige Spieler aus dem eigenen Nachwuchs. Die bekanntesten Schützlinge dieses Duos: Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm und Thomas Müller.

Foto: imago/ WEREK
26 / 26

Gerd Müller 2012 vor dem reich gefüllten Trophäenschrank des FC Bayern. Anlässlich seines 70. Geburtstags 2015 gibt der Verein bekannt, was die meisten schon wussten oder ahnten: Müller leidet an Alzheimer. Inzwischen wird der "Bomber der Nation" in einem Münchner Pflegeheim betreut. Möge er unvergessen bleiben.

Foto: imago/ Eibner
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.
Merkliste
Speichern Sie Ihre Lieblingsartikel in der persönlichen Merkliste, um sie später zu lesen und einfach wiederzufinden.
Jetzt anmelden
Sie haben noch kein SPIEGEL-Konto? Jetzt registrieren
Mehrfachnutzung erkannt
Bitte beachten Sie: Die zeitgleiche Nutzung von SPIEGEL+-Inhalten ist auf ein Gerät beschränkt. Wir behalten uns vor, die Mehrfachnutzung zukünftig technisch zu unterbinden.
Sie möchten SPIEGEL+ auf mehreren Geräten zeitgleich nutzen? Zu unseren Angeboten