Wolf Biermann Der Staatsfeind, die Ausbürgerung, der Aufruhr

In der DDR durfte Wolf Biermann weder Platten veröffentlichen noch auftreten. In seiner Ost-Berliner Wohnung in der Chausseestraße 131 netzwerkte die Opposition - bis zu Biermanns Ausbürgerung 1976.
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Rebell mit Gitarre Wolf Biermann Ende Juli 1973 in seiner Ost-Berliner Wohnung während der "Weltfestspiele der Jugend". Der Liedermacher durfte selbst dabei nicht auftreten und hatte den West-Berliner Rebellen Rudi Dutschke persönlich eingeladen, der aber nicht einreisen durfte. 27.000 Stasimitarbeiter waren im Einsatz. 604 Menschen wurden während des Festivals in psychiatrische Einrichtungen eingewiesen, 23.532 potenzielle Störer in der DDR von der Polizei zu einem "Gespräch zwecks Verhinderung einer Einreise in die Hauptstadt" einbestellt. mehr...

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Schnauzbart im Ledersessel In seiner Vierzimmerwohnung im dritten Stock nahm Biermann 1968 seine zweite Platte "Chausseestraße 131" auf, teils bei geöffnetem Fenster. So sind zwischen den Liedern auf der Erstpressung Straßengeräusche zu hören: die Trabi-Zweitaktmotoren, das Quietschen der Straßenbahn, Hundegebell, Kindergeschrei - authentische Chausseestraßen-Tonkulisse. "Der Titel", so Biermann, "sollte sagen: Dieser Biermann ist zwar im Osten verboten - deshalb erscheint seine Platte ja auch ohne DDR-Genehmigung im Westen -, aber er spielt kein Versteck, er hat Name und Adresse in Berlin, für Freund und Feind leicht zu finden."

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Unbekannter Biermann: Gemeinsam mit Petra Kelly (2. von rechts) und Lukas Beckmann von den Grünen demonstrierte der Sänger am 16. Juli 1983 am Zaun des Kanzleramtes in Bonn, aus Protest gegen die drohende Abschiebung eines türkischen Oppositionellen aus der Bundesrepublik. Die Polizei nahm ihn mit zur Feststellung seiner Personalien.

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"Enfant Perdu" heißt einer der Titel auf dieser Biermann-Platte, und als "verlorenes Kind" galt er den Genossen von der SED. Die Platte erschien fünf Jahre nach seinem Debütalbum "Chausseestraße 131" mit Liedern wie "Drei Kugeln auf Rudi Dutschke", "Ballade für einen wirklich tief besorgten Freund" und "Acht Argumente für die Beibehaltung des Namens 'Stalinallee' für die Stalinallee". Biermann gab auch seiner jüngst erschienenen Autobiografie den Titel "Warte nicht auf bessere Zeiten".

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Plakative Aktion: Bereits vor 35 Jahren wurde eine Einstellung der Militärhilfe an die Türkei gefordert und gegen die willkürliche Verhaftung Oppositioneller demonstriert. Die Grünen waren erstmals in den Bundestag gewählt worden. Petra Kelly, Lukas Beckmann und der seit sieben Jahren im Westen lebende Wolf Biermann zeigten am 16. Juli 1983 in einer symbolischen Gefängniszelle am Zaun des Bonner Kanzleramts Helmut Kohl, wohin eine Ausweisung türkische Regimegegner befördern würde.

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Die Akten gehören uns! Biermann kam zu den Besetzern der Berliner Stasizentrale dazu, die kurz vor der Wiedervereinigung 1990 die Öffnung der Stasiakten verlangten. "Zu Haus' in Hamburg hatte ich von diesem Coup gehört, und ich wollte dabei sein, schon aus sentimentalen Gründen." Die Besetzung führte zum Durchbruch gegen die Pläne zur Aktenschließung; gegründet wurde die Stasi-Unterlagen-Behörde, die bis heute besteht.

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Zwei deutsche Linke: Ein paar Tage vor seinem Konzert 1976 probte Biermann sein Programm mit neuen Liedern auf dem Dachboden des Hauses von Günter Grass in Berlin-Friedenau. Danach sagte der Schriftsteller zum Sänger: "Mit diesem Liederprogramm kannst du unmöglich auftreten in Köln!" - "Wieso?" - Grass schimpfte: "Du musst wenigstens die Hälfte des Abends solche Lieder singen, die jeder von den Platten kennt. Mensch! Deswegen kommen doch die Leute." Im Flugzeug nach Köln schrieb Biermann sein Programm um.

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Improvisiertes Tonstudio: Seinen ersten Auftritt in der Bundesrepublik hatte Biermann 1964, im April 1965 machte er mit seinen Liedern im Kabarettprogramm von Wolfgang Neuss mit. Es erschien eine Langspielplatte mit dem Titel "Wolf Biermann (Ost) zu Gast bei Wolfgang Neuss (West)".

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16. November 1976: Nach diesem Konzert in Köln durfte Wolf Biermann nicht mehr in die DDR zurück. Daraus entwickelte sich eine der größten Krisen der DDR. Binnen fünf Tagen nach der Ausbürgerung unterschrieben über 100 DDR-Künstler einen Protestbrief, den 13 prominente DDR-Schriftsteller verfasst hatten. Der Plan, Biermann auszubürgern, war allerdings schon älter. 1975 genehmigte die DDR zunächst einen Biermann-Auftritt in Offenbach, zog dies dann aber doch zurück, weil es politisch besonders ungünstig erschien.

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Solidarität mit dem Ausgebürgerten Wolf Biermann, Heinrich Böll und Günter Wallraff (von links) bei einer Pressekonferenz im November 1976. Wallraff schrieb 2001 über diese Zeit: "Ich muß heute eingestehen, daß es erst dieser Ausbürgerung bedurfte, um die DDR endgültig als antisozialistisches und menschenfeindliches Willkür- und Unrechtsregime ohne irgendwelche Reformchancen zu durchschauen. Mir war zwar seit langem klar, daß eine schriftstellerische und journalistische Arbeit, wie ich sie betreibe, in der DDR nicht nur keine Veröffentlichungsmöglichkeit gehabt hätte, sondern unweigerlich mit Gefängnis oder Einweisung in die Psychiatrie geahndet worden wäre; dennoch hoffte man auf eine langfristige Demokratisierung, obwohl Schießbefehl und tausende politische Gefangene dies als Illusion erscheinen ließen."

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Ost-Familie im Westen Neben Wolf Biermann zeigt das Foto Eva-Maria Hagen und deren Tochter Nina Hagen. Ihre Mutter hatte Biermann im September 1965 bei einem Konzert in Halle kennen- und lieben gelernt, Nina Hagen wuchs auf als Stieftochter eines Staatsfeindes. Im Unterschied zu vielen Altersgenossinnen erlebte sie eine ziemlich bunte Familie, die über die Jahre in der Chausseestraße 131 noch bunteren Besuch bekam: von Fritz Teufel, Rainer Langhans und Rudi Dutschke bis Udo Lindenberg und Heinrich Böll, der Nina eine Stange Roth-Händle mitbrachte, ihre Lieblingszigarette.

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Chausseestraße 131 In DDR-Zeiten - bis zu Biermanns Ausbürgerung 1976 - war seine Wohnung ein beliebter Treffpunkt von Künstlern und Oppositionellen aus der ganzen DDR. Nach dem Fall der Mauer bekam Biermann seine Wohnung nicht mehr zurück. Als Gedächtnisort der Opposition wäre sie heute sicher ein gut besuchtes Museum in zentraler Berliner Lage. Biermann lebt seit langem in Hamburg und kommt nur noch selten in die neue Hauptstadt.

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