1. Mai in der DDR Tag der Pflicht

Für die SED-Führung war der 1. Mai der wichtigste Feiertag der DDR, für Ernst Woll eine reine Pflichtveranstaltung. Jahr für Jahr marschierte er bei den traditionellen Maidemonstrationen eher lustlos mit. Nach der Wende realisierte er, dass es vielen so gegangen war. Nicht aus politischer Überzeugung machten sie mit, sondern weil es Rostbratwürstchen gab - und fünf Mark "Marschiergeld".


In der Sowjetischen Besatzungszone wurde der Tag der Arbeit zum ersten Mal 1946 im großen Stil gefeiert. In fast allen Städten und Gemeinden fanden Demonstrationen statt. Für uns Kinder, ich war damals gerade 15 Jahre alt, war das im Grunde nichts Neues. Denn die Nationalsozialisten hatten den 1. Mai im Jahr 1934 zum nationalen Feiertag erklärt. Sämtliche NS-Organisation waren seitdem jedes Jahr durch die Straßen gezogen und hatten in Reih und Glied marschierend ihre Hakenkreuzfahnen geschwungen. Als Pimpf im Deutschen Jungvolk hatte ich mehrmals daran teilgenommen.

Neu war für uns nur, dass nun rote Fahnen wehten, die Demonstranten rote Nelken im Knopfloch trugen und sich an keinerlei Marschdisziplin hielten. Und auch die Marschlieder, die die Kapelle an der Spitze des Zuges spielten, hörten wir zum ersten Mal. Vermutlich ist mir deshalb der 1. Mai 1946 so gut in Erinnerung geblieben. An Inhalte der "Maireden" der Politiker kann ich mich heute allerdings nicht mehr erinnern, sie interessierten uns Jugendliche damals auch nur wenig.

Ein Auftritt ist mir aber bestens im Gedächtnis geblieben: Ganz spontan und vollkommen ungeplant betrat ein KPD-Genosse die Tribüne. Er trug ein selbstverfasstes Gedicht vor: "Der Mai ist gekommen, wir haben's vernommen, ich sag es mit nichten, wir müssen heute unsere Demonstration verrichten." Wir Jugendlichen hielten uns vor Lachen den Bauch. Wir waren nicht wirklich mit Ernst bei der Sache. Viele von uns sollten bis zum Ende der DDR dem Tag der Arbeit mit einem gewissen Gleichmut begegnen.

Tag der Auszeichnungen

Dass das SED-Regime den 1. Mai gemeinsam mit dem 7. Oktober - dem Gründungstag der DDR - zum höchsten Feiertag in der DDR erklärte, änderte daran nichts. Jedes Jahr mussten wir an beiden Tagen unsere Häuser mit DDR-Fahnen oder roten Flaggen schmücken. In den Wohngebieten gab es damals tatsächlich Fanatiker, die überprüften, wer dieser Aufforderung nicht nachkam. So flog unter anderem auf, dass mein Schwiegersohn sich konsequent weigerte, die Fahne zu hissen. Ich war staatlicher Angestellter und wurde deswegen sogar einige Male gerügt.

Beide Feiertage nutzte das Regime regelmäßig dazu, staatliche und betriebliche Auszeichnungen, die es in der DDR in fast unübersehbarem Umfang und vielen Abstufungen gab, zu verleihen. Geradezu inflationär wurden Gruppen von Arbeitern mit dem Titel "Kollektiv der sozialistischen Arbeit" bedacht, um gemeinschaftlich erwirtschaftete Produktionserfolge in Unternehmen zu belohnen. Arbeiter, die wegen ihrer Einzelleistung hervorstachen, bekamen die Auszeichnung "Aktivist der sozialistischen Arbeit". Es ist kaum vorstellbar, welche Quoten damals bei allen diesen vielen Auszeichnungen zu berücksichtigen waren. So musste der festgelegte Anteil an Arbeitern, Frauen, Mitgliedern von Blockparteien, Jugendlichen und anderen Kriterien, die ich aber vergessen habe, immer stimmen.

Auch ich war Mitglied eines "Kollektivs der sozialistischen Arbeit". Jedes Jahr mussten wir den Titel "verteidigen", wie es hieß. Einziger Anreiz dafür war, dass mit der Auszeichnung eine finanzielle Unterstützung des Freien Deutschen Gewerkschaftsbunds verbunden war, womit wir sehr schöne Feiern mit dem Arbeitskollektiv organisieren und bezahlen konnten.

Aufgezwungener Demonstrationstag

Dass der 1. Mai über Jahrzehnte nicht nur für mich eine Pflichtveranstaltung gewesen war, sondern auch für etliche meiner Mitbürger, realisierte ich eigentlich erst nach der Wende. Am 1. Mai 1990 war nur noch ein Bruchteil der sonst üblichen Demonstranten unterwegs. Geschickt hatten die Betriebe über Jahre die Unlust ihrer Mitarbeiter kaschiert, indem sie die Menschen mit kleinen Extra-Zuwendungen zur Teilnahme motivierten. Wem das nicht gelang, der musste mit schweren Rügen von höchster Stelle rechnen und galt zudem nicht als auszeichnungswürdig.

Viele Betriebe zahlten daher allen, die kamen, fünf Mark "Marschiergeld", wie wir es nannten. Ein Anreiz war auch, dass es nach der Demonstration kostenlose Rostbratwürste gab. Am schwierigsten aber war es, Transparent- und Fahnenträger zu gewinnen. Das lehnten die meisten ab, weil sie in der Funktion als Träger bis zum Ende mitmarschieren mussten. Viele seilten sich aber gern schon während des Marsches ab, weil sie sich an dem freien Tag auch noch Persönliches vorgenommen hatten.

Die Losungen auf den mitgeführten Transparenten wurden zentral vorgegeben und waren einige Tage vor dem 1. Mai im zentralen Presseorgan der SED "Neues Deutschland" veröffentlicht. Während man noch in den sechziger Jahren Aufschriften sah wie "Für Frieden, Freiheit und Sozialismus", herrschten in den späteren Jahren Losungen vor, die die Leistungsbereitschaft der Werktätigen anfachen sollten. Inwieweit das Wirkung zeigte, ist offen. Die Motivation, am 1. Mai mitzumarschieren, förderten sie jedenfalls nicht.



insgesamt 2 Beiträge
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Siegfried Wittenburg, 29.04.2013
1.
Danke, Herr Woll, treffender Artikel. Ich wundere mich nur, dass sich niemand darüber aufregt, zumal ein direkter Vergleich zum NS-Regime gezogen wurde. Immerhin marschierten im Friedensstaat am 1. Mai die Kampfgruppen und am 7. Oktober fand die Militärparade statt.
Paul Wolter, 25.11.2013
2.
Paul Wolter Stimmt alles Aber ein altes Bauernsprichwort besagt Hofhunde müssen gefüttert werden damit sie bellen. Hatten die Leute Angst oder waren sie alle Arschkriecher ? Ich war nie dabei und hatte keine Nachteile !!!!!!!!!!!!
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