Gustav Mahlers Zehnte Die Sinfonie des Liebeskummers

"Für dich leben! Für dich sterben! Almschi!" Gustav Mahlers letztes Werk offenbarte ein Psychodrama: Er pendelte zwischen Himmel und Hölle - seine Ehefrau Alma zwischen ihm und ihrem Geliebten Walter Gropius.

ullstein bild

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Bratschen. Eigentlich spielen sie die Begleitrolle im Orchester. Gustav Mahler vertraut ihnen in seiner 10. Sinfonie den Beginn an. Ein weit gezogener Lauf der Violinen streicht plötzlich ein, dehnt sich warm aus, schmerzlich lauter werdend, auf den weichen Klangboden der Bratschen, bis sich beide in Harmonie vereinigen.


Unbegleitete Bratschen münden in das harmonische Hauptthema, das Adagio, das bei 1:07 zum ersten Mal einsetzt.


"Mein zagend Denken und mein brausend Fühlen", dichtete der Komponist für seine Frau Alma. Die 10. Sinfonie, die unvollendet blieb, vertonte seinen Liebeskummer "mit allen Schrecken der Zeit", wie sie in einem Brief schrieb. Doch warum erlitt einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts seinen größten Nervenzusammenbruch, von dem er sich nie mehr erholte?

Große Geschichten sind meist Liebesgeschichten. 1902 heiratet der damalige Wiener Operndirektor die Salondame Alma Schindler - selbst eine talentierte Komponistin und genieverspeisende Femme fatale. Bereits in frühen Jahren lernt sie das Who's who der Kunstszene kennen.

Die Ehekrise: "Es gibt nur ein Genie im Haus"

"Gustav Klimt war als die erste große Liebe in mein Leben gekommen", schreibt sie später in ihrer Autobiografie "Mein Leben". Der Maler Oskar Kokoschka, Schriftsteller Franz Werfel und viele weitere Giganten der Kunst sollten noch ihrer Schönheit und Intelligenz unterliegen.

19 Jahre Altersunterschied gestalten das Zusammenleben mit Mahler schwierig. Alma ist von Elternhaus aus das gesellschaftliche Schaulaufen gewöhnt, Mahler hingegen ein Eigenbrötler. Die Arbeit geht vor: Acht Monate an der Oper, zwei Monate Vorbereitung für die neue Spielzeit und zwei Monate Ferien - so verläuft ein Mahler-Jahr.

In den "Ferien" verzieht er sich in ein Kompositionshäuschen, um sich ungestört seinen neuen Sinfonien zu widmen. Alma bittet sogar einmal den Dorfpriester, die Kirchturmglocken stillstehen zu lassen: Sie lenken Mahler nur von der Arbeit ab.

Bald fühlt Alma sich vernachlässigt und wird der Ehe überdrüssig. "Die Askese, die man sich selber diktiert, ist richtig; aber die, zu der man befohlen wird, wie das in meiner Ehe mit Gustav Mahler geschah, reizte mich bis an die Grenze des mir Ertragbaren", heißt es in ihrer Autobiografie.

Der Architekt des Seitensprungs

Mahler beschwört den nervlichen Zusammenbruch herauf, indem er seiner Frau jeglichen Boden der Selbstverwirklichung entzieht: "Es gibt nur ein Genie im Haus." Basta! Alma opfert sich auf und lebt acht Jahre nur für ihren Mann und sein Werk. Als Muse, Managerin, Haushälterin und Mutter. Und eben nicht als Künstlerin. Bis sie sich, ausgebrannt und gelangweilt, nach einem neuen Leben sehnt.

Mahler schreibt seine ersten Entwürfe zur 10. Sinfonie im Juli 1910, wie so oft im Sommerdomizil in Toblach in den Dolomiten. Seine Frau hat er zur Reinigung des Nervenkostüms in ein Sanatorium nach Tobelbad komplimentiert. Die Tragik der Entscheidung: Alma Mahler kostet den Spielraum der Freiheit nur zu gut aus.

Sie lernt Walter Gropius kennen und beginnt eine Affäre mit dem später weltberühmten Bauhausarchitekten. Ein Seitensprung ohne Folgen, hätte Mahler nicht eines Tages ein Brief erreicht. Historiker rätseln bis heute: War es ein Versehen oder Kalkül?

In einem Anfall rasender Leidenschaft bittet Gropius inständig Alma, alles zu verlassen und zu ihm zu kommen. Allerdings adressiert er den Brief nicht an die "Heißersehnte", sondern an Gustav Mahler. Der öffnet nichts ahnend den Brief, seine Welt bricht zusammen. Er wähnt einen weitaus jüngeren Mann als Gegenspieler und verzweifelt an der Frage, ob er zu alt für Alma sei. Kann er sie noch mal zurückgewinnen?

Auf der Couch von Sigmund Freud

"Wahnsinn, fass mich an, Verfluchten! Vernichte mich, dass ich vergesse, dass ich bin! dass ich aufhöre zu sein, dass ich ver...…", schreibt er auf das Notenblatt der Partitur. Seine Gefühle leben in der Musik weiter. Die Sinfonie - sie pendelt zwischen Himmel und Hölle.


Es wird diabolisch. Das warme, erhabene Adagio kippt in eine Art Scherzo, ein schelmisches, bedrohliches Seitenthema, das den sprunghaften Geisteszustand von Mahler charakterisiert.


Alma pendelt zwischen Gropius und Mahler. Gustav Mahler hält diesen Schwebezustand nicht aus. Er konsultiert Sigmund Freud, ist sich unsicher, dreimal wird der Termin verschoben. Schließlich kommt es - auch auf Zuspruch von Alma - zur Instant-Therapie im Ort Leyden.

Vier Stunden sitzt Mahler auf der Couch von Freud, der ihn mit folgender Diagnose entlässt: Alma liebe ihren Vater und könne sich nur auf diesen Typus Mann einlassen. Demnach war Mahlers Alter, das er so fürchtete, gerade das, was ihn für seine Frau so anziehend machte.

Gustav Mahler nimmt die Arbeit nach dem Gespräch mit Freud wieder auf und vertont sein "zagend Denken und brausend Fühlen". Im Adagio bäumt sich das harmonische Thema auf. Die Lautstärke schnellt hoch. Einklang scheint zu triumphieren. Dann plötzlich: Stille. Schweigen. Leise Klänge der Streicher züngeln ziellos im Hintergrund. Was folgt, ist nicht nur ein Höhepunkt seines persönlichsten Werkes, es ist ein Stück Musikgeschichte: die Katastrophe.

Der Schmerz, die Wut, alles klingt mit

Aus dem Nichts türmt sich ein brachialer Neuntonakkord auf, der Aufschrei der Seele. Die apokalyptische Anspannung, über zehn Takte lang gehalten. Dissonant, ungreifbar ist der Akkord. Der Schmerz, die Wut, alles klingt mit. Violinen lassen den Ton A erklingen, später bäumen sich dazu Trompeten auf. A wie Alma. Die kongeniale Verschmelzung von Gefühl und Musik.

"Für dich leben! Für dich sterben!", schreibt Mahler über die letzten Noten der Sinfonie. Holzbläser fahren dazu jäh auf. Nur ein letztes Aufbäumen zwei Oktaven lang. "Almschi!"


Die Katastrophe. Mahler täuscht kurz die Einleitung mit Violinen an, um dann Holzbläser und Posaunen aufschreien zu lassen, schwenkt kurz in das friedvolle Adagio zurück, bis er schließlich sein "zagend Denken" und "brausend Fühlen" in einem dissonanten Akkord (bei 1:02) aufleben lässt.


Alma ist unentschieden. Sie bleibt bei ihrem Mann, setzt jedoch heimlich die Beziehung zu Gropius fort. Die Folgen dieser Ehekrise scheinen nahezu unüberbrückbar zu sein.

Wen liebte Alma wirklich?

Indes fasst Gustav Mahler neuen Mut: "Aus dem Strohhalm ist nun ein Balken geworden und trotzdem habe ich Angst vor der Wahrheit, doch hoffe ich, dass ich mir danach nun selbst gegenübertreten kann", schreibt er in einem Brief im August 1910. Vor allem flammt neues Interesse an Alma auf, "denn sie hat mir ja ihre Jugend geopfert. Es ist mir in diesen Tagen bewusst geworden, welches Opfer sie mir gebracht hat, als ich von ihr verlangte, das Komponieren aufzugeben."

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Kommt die Einsicht zu spät? Mahlers Gesundheitszustand verschlimmert sich zusehends. Am 18. Mai 1911 erliegt er in Wien seiner Herzkrankheit. Am selben Tag feiert Walter Gropius seinen Geburtstag.

In einer eisernen Kassette findet Alma Mahler die Skizzen zur zehnten Sinfonie, eine dicke, wirre, handgeschriebene Partitur. Was blieb zurück? "Ein unruhiges Leben. Viel Leid. Viel große Freude. Heute ist der erste Abend, an dem ich allein in meiner neuen Wohnung schlafen soll...…" Zur musikalischen Hinterlassenschaft von Gustav Mahler hält sie bewegt fest: "Wie eine Manifestierung muten sie mich an, diese ungeheuren Liebesworte aus dem Jenseits."

Wen Alma Mahler letztlich wirklich liebte, bleibt unbeantwortet. Später heiratete sie Gropius, war Geliebte von Oskar Kokoschka, wurde Gattin des Dichters Franz Werfel. Obsiegt hat am Ende die Kunst: Gustav Mahler ist jetzt mehr als hundert Jahre tot. Diese vertonte Liebes- und Leidensgeschichte, sie ist für immer lebendig.

insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Martin Mustermann, 06.10.2016
1. Vielen Dank SPON-Team!
Vielen Dank, daß ihr auch solchen Themen ein Foum bietet. Das kann man nicht hoch genug schätzen. Und wenn es jetzt auch nur einen einzigen Menschen gibt, der sich aufgrund diesen Artikels Malers 10. anhört oder überhaupt neugierig auf Malers Musik geworden ist, so war dieser Artikel ein voller Erfolg! Als hübsche Ergänzung könnte man noch Malers 5. nennen, deren langsamer Satz - das Adagietto - der Heiratsantrag Malers an Alma war. Wunderbare Musik eines ganz Großen!
zeiss lenswatcher, 06.10.2016
2. Bravo, Herr Steinhofer
Zugabe!
licetprimero, 06.10.2016
3. Exhuberante!
Auch ich sage Danke für diesen außergewöhnlich spannenden Einblick
Bernd Kulawik, 07.10.2016
4. Oh Gottogottogott…
Zufällig kenne ich die Mahler-Sinfonien und ihre Interpretationen recht gut, ganz besonders auch die X. und die diversen Rekonstruktionen. Diese kitschige Interpretation als Mahlers Seelen-Striptease (und sonst nichts) gehört in die Annalen des banal-romantischstens Künstlerdramas des 19. Jh. (noch weit vor Mahler), hat aber mit der Musik wenig zu tun. Der Autor "unterschätzt" wohl etwas die Arbeit und Zeit, die es allein schon kostet, eine Abfolge solcher Ideen zu ordnen und zu Papier zu bringen. So lange hält keine Verzweiflung an … Natürlich kann man annehmen, dass Mahler diese Notizen (für wen eigentlich?) zu "passenden" Stellen der Musik machte –aber sie wären sicher nicht Teil z.B. der gedruckten Partitur geworden, d.h. die Musik muss auch aus anderen Gründen "verständlich" sein –zumal Mahler seine Werke ja i.d.R. selbst aufgeführt hat: Soll man wirklich glauben, er hätte sich am Dirigentenpult jedesmal wieder in den Verzweiflungszustand seiner Ehekrise zurück versetzen wollen? Kunst als Beruhigungsmittel psychisch angeschlagener Künstler anzusehen ist –vorsichtig gesagt –lächerlich. Sinngemäß hat Mahler gesagt: "Eine Sinfonie schreiben (bauen?), heißt eine Welt bauen." Das Spannende an dieser Sinfonie ist, dass die die übliche "Entwicklungsdramatik" der klassischen und romantischen Sinfonie des 19. Jahrhunderts zusammenbringt mit einer fast perfekten Spiegelsymmetrie! Entwicklung und ihr Gegenteil gleichzeitig. Ich bin überzeugt, dass die Musikgeschichte (zumindest der ersten Jahrzehnte des 20. Jh.) anders verlaufen wäre, wenn diese Sinfonie fertig geworden wäre. Und ganz sicher nicht wegen des Liebeskummers mit Alma …
Erasistropheles Erasistratos, 08.10.2016
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Kauf ich sofort, danke für den Artikel!
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