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Das erste Radiokonzert: »Urfeuer des Rundfunks«

Foto: Archiv Funktechnik-Museum Königs Wusterhausen

Deutsche Radiopioniere – wie alles begann Das Weihnachtswunder von 1920

Nach langen Experimenten übertrugen Tüftler der Post vor 100 Jahren das erste deutsche Radiokonzert. Nun wird es erneut gesendet – viele historische Rätsel sind noch ungelöst.

»Hallo, hallo, hier Königs Wusterhausen auf Welle 2700...«

Die ersten Worte der historischen Radiosendung wirken noch unsicher, als verlangten sie nach Bestätigung: Hallo, hört uns da draußen überhaupt jemand? Nimmt die Welt Anteil an diesem technischen Experiment, an denen deutsche Reichspostbeamte monatelang getüftelt haben?

Auf dem Funkerberg in Königs Wusterhausen betrieb die Post seit 1918 einen Sender, der drahtlos Wetter- und Börsentelegramme versendete. In dieser brandenburgischen Provinz zwischen Berlin und Spreewald gelang am 22. Dezember 1920 um 14 Uhr ein Husarenstück: die erste, noch knisternde Übertragung von Moderation und Musik. Jene Kombination aus Information und Unterhaltung also, die bis heute das Wesen des Radios ausmacht, damals aber für viele Deutschen noch nach Science-Fiction klang.

Etwas selbstbewusster fuhr der Sprecher fort:

»Zum Zeichen, dass unsere Station nun großjährig geworden ist und nicht mehr als Versuchskarnickel dienen wird, wollen wir Ihnen ein kleines, bescheidenes Weihnachtskonzert senden.«

Es folgten beruhigende Klänge von Klarinetten, die »Stille Nacht, heilige Nacht« anstimmten.

Endlich kein Versuchskaninchen mehr

Das vorweihnachtliche Geschenk vor 100 Jahren war damit gelungen, das junge Medium Radio noch nicht erwachsen – aber es machte von seiner Wiege auf dem Funkerberg erste, tapsige Kinderschritte. Für viele Radiohistoriker gilt das Weihnachtskonzert als erste Übertragung, die der heute gängigen Definition von Rundfunk entsprach. Und das knapp drei Jahre vor dem Start eines regelmäßigen Radioprogramms aus dem Berliner »Vox-Haus«, der offiziellen Geburtsstunde des Rundfunks.

Radio nahm in den Zwanzigerjahren an Beliebtheit zu

Radio nahm in den Zwanzigerjahren an Beliebtheit zu

Foto: Museumsstiftung Post und Telekommunikation

Die noch »inoffizielle« Radiosendung aus Königs Wusterhausen hingegen war nirgendwo angemeldet oder genehmigt. Nach heutiger Definition funkte da ein Piratensender mit freundlicher Beihilfe deutscher Beamter. Wie viele Hörer diese Sendung erreichte, kann nur geschätzt werden, womöglich 150. Aber es gab sie, auch Hunderte Kilometer entfernt, belegt durch eine erst 1950 entdeckte Quellensammlung:

  • So lobte ein Mann aus den Niederlanden per Brief vom 23. Dezember 1920, alles sei »absolut ohne Nebengeräusche« zu hören gewesen.

  • Auch in Kiel war ein Amateurfunker begeistert: »Musik tipptopp. Heute Abend ein Hoch für euer Spezielles – Frohes Fest!«

  • Aus Königsberg, 530 Kilometer entfernt, hieß es: »Ihr Abschiedskonzert in Königsberg wunderbar gehört. Es rief direkte Weihnachtsstimmung hervor.«

  • Und selbst im 1500 Kilometer entfernten Sarajewo war die Weihnachtsmusik made in Brandenburg zu empfangen: »Ihr heutiges Telephoniekonzert war ausgezeichnet, ebenso der Gesangsvortrag (...). Beglückwünschen Ihren Erfolg.«

Historische Schnitzeljagd

Die Spurensuche nach dem zeitweise vergessenen Weihnachtskonzert gleicht bis heute einer historischen Schnitzeljagd. Die Pioniere von Königs Wusterhausen hatten ausgiebig experimentiert, im Februar 1920 etwa mit hohen und tiefen Stimmen, im Juli dann mit Musik: Welche Instrumente eigneten sich überhaupt, um sie mit elektromagnetischen Funkwellen durch die Weimarer Republik zu schicken?

Doch ausgerechnet als die Funkexperten der Post mit viel Improvisation Lösungen gefunden hatten, fehlte ihnen das Bewusstsein, dass sie gerade Geschichte schrieben – oder jeglicher Hang zur Eitelkeit. Jedenfalls verzichteten sie darauf, die Weihnachtssendung aufzuzeichnen, obwohl das technisch möglich gewesen wäre: per Magnetdraht, Zinnfolie oder Wachsplatte. Die Radiotüftler dachten nicht mal daran, sich zu fotografieren; die meisten Aufnahmen im Funkhaus entstanden Jahre später. Ungestüm funkten die Pioniere damals einfach los.

Zum Glück gibt es Quellen-Schnipsel, denen seit Jahrzehnten schon Radio-Enthusiasten wie Rainer Suckow nachjagen. Der Vorsitzende des Fördervereins »Sender Königs Wusterhausen e. V.«, das ein Funktechnikmuseum im historischen Sendergebäude  betreibt, ist Autor des Buches  »Eine Prise Funkgeschichte «. Er hofft noch immer auf den großen Fund in einem Privatarchiv, nachdem längst alle offiziellen Archive durchforstet sind.

»Besonders schön drangen Cello und Geige durch«

»Die Quellenlage ist sehr dürftig«, sagte Suckow dem SPIEGEL bedauernd. Viele Details sind ungeklärt. Wie lange das Konzert dauerte? »Vielleicht 40 Minuten, maximal eine Stunde«, sagt er, länger sei das technisch noch nicht möglich gewesen. Unklar ist auch, welche Lieder in welcher Reihenfolge auf »Stille Nacht« folgten. Und ob sie ausschließlich live oder auch von der Platte per Grammofon übertragen wurden.

Der Lichtbogensender aus Königs Wusterhausen, den es heute nicht mehr gibt

Der Lichtbogensender aus Königs Wusterhausen, den es heute nicht mehr gibt

Foto: Förderverein Sender Königs Wusterhausen

Wichtigste Quelle für das Konzert ist ein Artikel vom 23. Dezember 1920 aus dem Luxemburger »Escher Tageblatt«. Darin finden sich Zitate und Beschreibungen von Beginn und Verlauf des Konzerts. Ein Hochzeitsmarsch von Richard Wagner wird erwähnt und der Klang von Cello und Geige gelobt, die »besonders schön« durchdrangen. Als Zugabe habe man »mit viel Pathos« Martin Luthers Hymne »Ein feste Burg ist unser Gott« vorgetragen. In einem zweiten, später verfassten Bericht verwendete das Fachmagazin »Funk« teils wortgleiche Zitate.

Aus den Artikeln hat Suckow liebevoll die ersten 50 Sekunden der Weihnachtssendung rekonstruiert. Und die klingen im Jahr 2020 noch ziemlich so wie 1920 (nachzuhören hier) . Denn Ingenieure seines Vereins haben in vierjähriger Tüftelei einen Lichtbogensender nachgebaut: jenen technischen Fortschritt also, der damals der Weihnachtssendung zum Durchbruch verhalf.

»Authentischer geht es nicht«

Das Knistern und Rauschen, all das aus heutiger Sicht Unperfekte macht für Suckow den Reiz aus. Gern spricht er dann vom lodernden »Urfeuer des Rundfunks« und betont, welch »ganz besondere Magie« eine Audio-Zeitreise hundert Jahre zurück auf seine Besucher im Funkmuseum von Königs Wusterhausen ausübe. Zumal der alte Klang genau dort rekonstruiert werde, wo einst alles begann: »Authentischer geht es nicht.«

Dieser nachgebaute Lichtbogensender wird auch am 22. Dezember zeitweise zum Einsatz kommen, wenn Suckows Förderverein ab 14.00 Uhr das historische Weihnachtskonzert nachspielen lässt  – so originalgetreu wie möglich, mit einer Sopranistin, einem Klavierspieler und einem Klarinetten-Trio. Wegen der Corona-Pandemie dürfen die Musiker nicht alles live spielen, sagt Suckow. »Aber das Konzert wird zu 100 Prozent stattfinden.«

Der Lichtbogensender von 1920 ist längst verschollen. Alte Fotos zeigen eine Kanone, so monströs, als stamme sie direkt von der Weltkriegsfront. Es war eine Weiterentwicklung von Geräten mit so schönen Namen wie Knallfunken- und Löschfunkensender. Damit ließ sich lediglich zuverlässig morsen. Ein Lichtbogensender indes konnte eine konstante elektromagnetische Welle erzeugen, geeignet, um Sprache und Musik zu übertragen.

Suckow hat ein weiteres Foto ausgegraben. Es verdeutlicht den Charme der Improvisationszeit und entstand etwa 1922 in Königs Wusterhausen, wo schon seit 1911 militärische Funksender standen. Im Hintergrund erkennt man, dass der Raum zwecks Klangverbesserung mit Tüchern oder Decken abgehängt ist. Im Vordergrund spielt ein Mann mit Klarinette in ein seltsames, längliches Gerät: ein Telefonhörer mit Sprechkapsel, die als Mikrofon diente, denn Studiomikrofone gab es noch nicht.

Improvisierte Studioaufnahme mit Telefonhörer-Mikrofon

Improvisierte Studioaufnahme mit Telefonhörer-Mikrofon

Foto: Archiv Funktechnik-Museum Königs Wusterhausen

Das Foto zeigt auch einen der heute nahezu unbekannten Tüftler: Erich Schwarzkopf war ein begabter Techniker, spielte zudem selbst Geige und soll über das absolute Gehör verfügt haben. Daher dürfte er viel Wert auf eine gute Sendequalität gelegt haben. Oder handelte er gar im Auftrag des berühmten Funktechnikers Hans Bredow, der bis heute als der deutsche Radio-Pionier gilt?

Bredows Desaster

Bredow hatte schon 1917 im Weltkrieg mit Musikübertragungen an der Front experimentiert. Doch die Militärs pfiffen ihn zurück, um »diesen Unfug« sofort zu beenden, wie ein Weggefährte später berichtete. Anders als viele Skeptiker war Bredow früh überzeugt: Mit Radiowellen könne man Militär- oder Wirtschaftstelegramme verschicken – und ebenso tauge das Medium zur Unterhaltung.

Doch eine öffentliche Vorführung in Berlin wurde für Bredow 1919 zum Desaster. Die Klangqualität war wegen unausgereifter Lautsprecher mies. »Nur die Zuhörer in der ersten Reihe verstanden etwas«, sagt Suckow, »die Presse zerriss Bredow«. Womöglich gab er daraufhin den Anstoß für die Radio-Experimente in Königs Wusterhausen.

Dort experimentiert auch Suckow bis heute. So hat er kürzlich versucht, Lieder von Michael Jackson so klingen zu lassen, als stammten sie aus dem Jahr 1920. Doch die Zeitreise misslang gründlich: »Es hörte sich furchtbar an«, sagt Suckow. »So komplexe Musik ist für einen Lichtbogensender völlig ungeeignet.«

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.