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100 Jahre KP: Wie Chinas Kommunisten ihre Macht sicherten

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Chinas Kommunisten »Alle wussten, was ihnen drohte, wenn sie die Macht verloren«

Bombastisch bejubelte die Kommunistische Partei Chinas ihre Gründung vor hundert Jahren. Sinologe Felix Wemheuer erklärt, wie sie ihr Überleben sicherte, Gegner aus dem Weg räumte und heute mit ihrer Geschichte umgeht.
Ein Interview von Tobias Sauer

SPIEGEL: Herr Wemheuer, das genaue Gründungsdatum der Kommunistischen Partei (KP) Chinas ist unklar, vermutlich war es der 23. Juli 1921. Wieso feierte sie ihren 100. Jahrestag schon am 1. Juli mit einer pompösen Show, Reden und Tänzen?

Wemheuer: In Shanghai hat 1921 eine ganz kleine Gruppe die Partei gegründet und war sich der welthistorischen Bedeutung anfangs wohl nicht bewusst. Die Partei operierte dann in der Illegalität. 1927 musste sie nach einem Massaker durch die Nationalisten die Städte verlassen und sich aufs Land zurückziehen. Dabei gingen viele wichtige Dokumente verloren – und später hat man das Gründungsdatum willkürlich auf den 1. Juli gelegt.

SPIEGEL: In den Feierlichkeiten hat die Partei sehr stark ihre eigene Geschichte mit der des Landes insgesamt verbunden. Zu Recht?

Wemheuer: Seit 1949 gibt es in China ein Einparteiensystem und in der Tat keine klare Trennung zwischen Staat und KP. Unter ihrer Führung stehen alle Bereiche der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Politik. Natürlich lassen sich auch andere Geschichten erzählen: von Aufständen in Tibet oder Xinjiang, von Widerstand und Streiks. Doch die Partei bemüht sich, nicht nur die Geschichte Chinas und der Partei gleichzusetzen. Staatspräsident Xi Jinping hat in seiner Rede auch mehrfach eine Verbindung gezogen zu 5000 Jahren chinesischer Zivilisationsgeschichte. Es sei nur die KP, die all die Hoffnungen, Wünsche und Träume der Chinesen verwirklichen könne.

SPIEGEL: Welche Rolle spielten bei der Gründung Agenten der Kommunistischen Internationalen?

Wemheuer: Die Komintern hatte zwei Vertreter auf den Parteitag geschickt, darunter der Niederländer Henk Sneevliet, der später im Zweiten Weltkrieg im Widerstand gegen die Deutschen hingerichtet wurde. Zu verstehen ist die Parteigründung nur vor dem Hintergrund der russischen Oktoberrevolution. Die Komintern hatte den Plan, in den Kolonien und Halb-Kolonien, wie das damals hieß, antiimperialistische Befreiungsbewegungen zu entfachen. Da spielte China eine ganz wichtige Rolle.

SPIEGEL: Damals war China ein armes, vom Bürgerkrieg zerrissenes Land. Heute gibt es in den Städten eine urbane Mittelschicht, die Chinesen haben eine eigene Raumstation im Weltall, die Besatzung hat zum Jubiläum eine Grußbotschaft auf die Erde geschickt.

Wemheuer: Nach 1945 konnten nur wenige nicht weiße Länder aus Armut und einem peripheren Status in der Welthierarchie aufsteigen. Es war im 20. Jahrhundert nicht leicht, sich aus einer untergeordneten Position in diesen neokolonialen Machtstrukturen zu lösen.

SPIEGEL: Wie hat China das geschafft?

Wemheuer: Die chinesische Führung hat im Laufe der Zeit unterschiedliche Entwicklungsmodelle verfolgt. Trotz einiger Modifizierungen war das bis zum Tod Maos das sowjetische Modell mit zentralistischer Planwirtschaft, Staats- und Kollektiveigentum. Relativ erfolgreich wurde eine Schwerindustrie aufgebaut. Sichergestellt wurde auch eine zumindest rudimentäre Gesundheitsversorgung und Grundbildung auf den Dörfern, wo 80 Prozent der Bevölkerung lebten. Als Mao 1976 starb, war China trotzdem noch ein armes Land. Die neue Führung hat danach ein hybrides Modell zur Verbindung von Markt und Plan geschaffen. Dennoch ist die Staatsquote hoch. China investiert vor allem in die Infrastruktur, so auch nach der weltweiten Finanzkrise 2008, als ein riesiges Investitionsprogramm aufgelegt wurde. Aber auf diesem Weg gab es auch große Rückschläge, darunter die Hungersnot beim »Großen Sprung nach vorn«, einem Industrialisierungsprogramm der späten Fünfzigerjahre. Und während der Kulturrevolution rund zehn Jahre später kann man in einigen Gegenden Chinas von Bürgerkrieg sprechen.

Der »Große Sprung nach vorn« führte ab 1958 zur großen Hungersnot, Millionen Chinesen starben

Der »Große Sprung nach vorn« führte ab 1958 zur großen Hungersnot, Millionen Chinesen starben

Foto: AGB Photo / IMAGO

SPIEGEL: Wie konnte die Partei trotzdem überleben und an der Macht bleiben?

Wemheuer: Der KP ist es immer wieder gelungen, sich nach Krisen neu aufzustellen und auch wieder neue Legitimation zu gewinnen. Sie ist ein autoritäres Regime, lässt Dissidenten verfolgen und reagiert zugleich auf Proteste in der Bevölkerung mit Zugeständnissen. Nach der Jahrtausendwende gab es viele Arbeiterproteste und Streiks. Anschließend wurden die Rechte der Arbeiter verbessert, nach der Sars-Krise 2002 und 2003 sowie der Ausbreitung von Aids auch die kollektive ländliche Gesundheitsversorgung. Die KP hat immer wieder mit einer Mischung aus Repression und Reform auf Krisen reagiert.

SPIEGEL: Welche Rolle spielt ideologische Flexibilität?

Wemheuer: Es gab sie eigentlich von Anfang an. Schon Mao hatte betont, dass »die Wahrheit in der Praxis zu suchen« sei, dass man aufgrund der Analyse der konkreten Entwicklung seine politischen Strategien immer wieder neu bestimmen müsse. An der Entwicklung nach 1978 gibt es natürlich auch parteiinterne Kritik oder von der Neuen Linken. Denn es ist eine augenfällige Diskrepanz, dass man offiziell immer noch am Kommunismus als Fernziel festhält und es zugleich Milliardäre und große soziale Ungleichheiten gibt.

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SPIEGEL: Auffällig ist auch die enorme Brutalität der KP, von parteiinternen Machtkämpfen über die Kulturrevolution bis zur Niederschlagung der Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989.

Wemheuer: Im 20. Jahrhundert sind alle Regierungen Chinas auf dem Schlachtfeld an die Macht gekommen. Die KP hat bis 1949 im Prinzip ununterbrochen gekämpft, in Bürgerkriegen und im Zweiten Weltkrieg. Anschließend kam es zum Koreakrieg, und in Taiwan stand eine Million Soldaten, die in den Fünfziger- und Sechzigerjahren das Festland von den »kommunistischen Banditen«, wie sie sagten, befreien wollten. Diese Erfahrungen prägten die politische Kultur des neuen Staates. Alle wussten, was passieren konnte, wenn sie die Macht verloren. Von den Gegnern der KP wurde zum Beispiel die zweite Ehefrau Maos, Yang Kaihui, enthauptet, sein Bruder hingerichtet. Das endete praktisch erst nach der Mao-Ära. Aber gerade weil so viele Menschen in der Kulturrevolution verfolgt wurden , gab es auch Versuche, dieses Unrecht wiedergutzumachen. Nach offiziellen Angaben wurden 3,5 Millionen Gerichtsurteile revidiert und viele Opfer rehabilitiert, Täter zum Teil bestraft.

SPIEGEL: Die KP hat kürzlich eine neue »Kurze Geschichte« über sich selbst veröffentlicht. Was sind die Unterschiede zur vorigen Version von 2010?

Wemheuer: Auch die neue Version orientiert sich an einer Resolution von 1981. Da wollte die Parteiführung nach der Mao-Ära einen Schlussstrich ziehen und entwickelt das Narrativ: Mao Zedong sei ein großer Revolutionär, habe aber auch Fehler begangen, gewissermaßen im Übereifer. Die Kommunistische Partei habe diese Fehler korrigiert und China wieder auf den richtigen Weg geführt. Grundsätzlich steht das auch in der neuen Parteigeschichte, nimmt aber auffallend wenig Raum ein. 2011 wurde im Zusammenhang mit dem »Großen Sprung nach vorn« von Hungertoten gesprochen. Jetzt heißt es nur noch: Es habe wirtschaftliche Schwierigkeiten gegeben.

SPIEGEL: Was verrät die offizielle Geschichtsschreibung über das Denken der Führungsgruppen?

Wemheuer: Es geht der KP darum, eine offizielle, verbindliche Interpretation der Geschichte festzulegen. Darin werden neue Parteimitglieder geprüft, sie ist auch Teil der zentralen Aufnahmeprüfung für die Hochschulen. Die Parteiführung der Achtzigerjahre war zum großen Teil selbst Opfer der Kulturrevolution  gewesen und sah sich vielleicht deshalb veranlasst, diese Themen aufzuarbeiten. Heute wird der globale Aufstieg Chinas sehr in den Vordergrund gestellt. So hat es auch Xi Jinping am 1. Juli gesagt: China brauche ein starkes Militär, um zu verhindern, dass es wieder Opfer werde. Man werde nicht zulassen, dass andere Mächte China demütigen, ausbeuten und versklaven.

SPIEGEL: Verstärkt bekämpft wird anscheinend der Kampf gegen den »Historischen Nihilismus«. Bürger können online melden, wer das Ansehen von »Märtyrern« beschmutzt. Kritische Bücher sind verboten, der »FAZ« zufolge  auch eines von Otto Braun, einem deutschen Komintern-Agenten, der in den Dreißigerjahren in China aktiv war. Warum ist die chinesische Führung so empfindlich?

Wemheuer: Geschichte ist für die Partei ganz zentral, um sich zu legitimieren. Diesen Kampf gegen den sogenannten Historischen Nihilismus gibt es schon seit einigen Jahren. Zur Begründung wird immer wieder auf den Untergang der Sowjetunion verwiesen: Die Sowjetunion habe zugelassen, dass die Grundlagen des Staates infrage gestellt wurden. In den späten 1990er- und frühen 2000er-Jahren wurden auch in China viele Bücher publiziert, die auf neuen sowjetischen Archivfunden beruhten. So erfuhr plötzlich ein breiteres Publikum, dass Nordkorea den Koreakrieg begonnen hatte – nicht die USA, wie vorher behauptet wurde. Und weil die Partei zeitweise den Zugang zu Lokalarchiven erlaubt hatte, konnten Historiker zeigen, dass etwa der Widerstand der Bauern gegen die Kollektivierung viel größer war, als man wusste.

SPIEGEL: Und das ging der Führung zu weit?

Wemheuer: Ja, man hat dann wohl beschlossen, das zu stoppen. Ich denke, da ist der Amtsantritt von Xi Jinping 2012 ein wichtiger Wendepunkt. Der Zugang zu Archiven wurde erschwert, und kürzlich hat Xi in einer Rede betont, man müsse auch gegen sogenannte illegale Veröffentlichungen im Ausland vorgehen. Das trifft Wissenschaftler, die auf Chinesisch in Hongkong publiziert hatten.

SPIEGEL: Fühlen auch Sie sich dadurch beeinflusst?

Wemheuer: Zuletzt gab es im Zusammenhang mit Xinjiang, der Heimatregion der Uiguren , Sanktionen gegen zwei westliche Forscher. Aber normalerweise lief die akademische Forschung unterhalb des Radars und hat die Regierung nicht gekümmert. Ich kenne sehr wenige Akademiker, die kein Visum für China bekommen haben. Aber ich sehe, dass sich auch in Deutschland die Debatte emotional zuspitzt. Man muss kritisch gegenüber der chinesischen Regierung sein. Es gibt jedoch Leute, die ständig vor der chinesischen Weltverschwörung warnen und am liebsten alle Brücken nach China einreißen möchten. Es tut einer sachlichen wissenschaftlich-akademischen Debatte nicht gut, wenn so stark emotionalisiert und politisiert wird.

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