Die amerikanische Freiheitsstatue Mutter der Sparnation

Sie ist das Symbol für den Amerikanischen Traum: 1886 wurde die Freiheitsstatue errichtet - von einem Franzosen, der sich vom Antlitz seiner Mutter inspirieren ließ. Fräulein Freedom begrüßte seither Millionen Einwanderer. Dabei hätte chronischer Geldmangel ihren Bau fast verhindert.

AP

Von , New York


Die Statue ist aus Bronze, ihr neuer Besitzer hat mehr als eine Million Dollar dafür hingeblättert. Die Statue erinnert Leonard Stern an seinen Vater Max, der 1926 aus Deutschland eingewandert war, mit einem Hapag-Dampfer und 5000 Kanarienvögeln im Gepäck, um hier einen Haustierhandel zu gründen. Im New Yorker Hafen, so beschreibt es der Sohn im "Wall Street Journal", "traten ihm die Tränen in die Augen". Im Hafen war er wie Millionen andere Einwanderer von der Freiheitsstatue begrüßt worden.

Sterns Bronzefigur ist diese Freiheitsstatue. Oder besser gesagt: die einzige offiziell abgesegnete Kopie, die es in den USA gibt. Gut viereinhalb Meter hoch, steht sie neuerdings an der 61st Street auf Manhattans Upper East Side, einen Block vom Central Park, vor dem Eingang der Immobilienfirma Hartz. Es ist Leonhard Sterns Firma. Stern, 74, hat Vaters Haustierhandel längst in ein Immobilien-Imperium verwandelt.

Als er hörte, dass in Frankreich, dem Geburtsland von "Lady Liberty", nur zwölf originalgetreue Nachbauten existieren, schlug er zu: Er kaufte sich einen der Abgüsse des Gipsmodells, das der Bildhauer Frédéric Auguste Bartholdi einst als Vorlage benutzt hatte. Vorige Woche ließ er das tonnenschwere Duplikat feierlich enthüllen, im Beisein des Pariser US-Botschafters Francois Delattre.

New Yorks berühmteste Einwohnerin

Das Timing ist perfekt: Die echte, 93 Meter hohe "Lady Liberty", zehn Kilometer weiter südlich, wird an diesem Freitag 125 Jahre alt. Und mit großem Pomp will New York den Geburtstag seiner berühmtesten Einwohnerin feiern. US-Innenminister Ken Salazar wird auf Liberty Island, wo die Statue steht, 125 Einwanderer als neue Staatsbürger vereidigen. Es gibt eine Flottenparade, die obligatorischen Böllerschüsse und ein Hafenfeuerwerk, gesponsert vom Kaufhaus Macy's sowie dem amerikanischsten aller Konzerne - Coca-Cola.

Doch tags darauf wird die Freiheitsstatue, die voriges Jahr 3,8 Millionen Besucher zählte, dann auch schon wieder gesperrt, für ein Jahr mindestens. Die zweite Generalrenovierung in 25 Jahren ist angesagt, um, so erklärte Salazar, "eine Ikone des 19. Jahrhunderts ins 21. Jahrhundert zu bringen". Die greise Lady bekommt neue Innereien: Wendeltreppen, Aufzüge, ein Feuerlöschsystem. Kosten der Schönheitsoperation: 27,3 Millionen Dollar.

Die Choreografie des Geburtstags ist eine Anlehnung an die Eröffnung 1886. Auch damals gab es eine Flotille und die erste Konfettiparade überhaupt durch Manhattan. Präsident Grover Cleveland sprach von einem "Lichtstrahl, der die Dunkelheit der Ignoranz" durchbohren werde. Nur zwei Frauen waren bei der Feier auf der Insel zugelassen, woraufhin mehrere Frauenrechtlerinnen ein Boot charterten, um wenigstens ganz nahe heranzuschippern. Das Feuerwerk wurde verschoben, wegen schlechten Wetters.

Im Innern: ein legendäres Gedicht

Die Einweihung war das Finale eines Kraftakts, der sich über zwei Jahrzehnte hingequält hatte. Die Idee stammte von 1865, doch der deutsch-französische Krieg funkte dazwischen. 1870 fertige Bartholdi das erste Modell, ein Jahr später besuchte er New York. Offiziell kündigte er das Projekt 1875 an - eine Statue von Libertas, der römischen Göttin der Freiheit, zu Ehren der US-Unabhängigkeit. Frankreich würde die hohle Statue finanzieren, Amerika den Sockel aus Beton und Granit. Um für Spenden zu werben, fertigte Bartholdi den Kopf und den rechten Arm mit der Fackel zuerst, unter großer öffentlicher Teilnahme. Als Vorbild für das Gesicht wählte er seine Mutter.

Der 13 Meter lange Arm wurde in New York ausgestellt, zunächst auf der Jahrhundertfeier 1876, dann im Madison Square Park. Der Kopf, mehr als fünf Meter hoch, war erstmals 1878 bei der Weltausstellung in Paris zu sehen. Doch das Geld floss nur zäh. Die Arbeiten am Sockel mussten vorübergehend abgebrochen werden. Kritiker fanden, ein solch nationales Vorhaben müsse von einem Amerikaner geschaffen werden, nicht von einem Franzosen. Cleveland, damals Gouverneur von New York, blockierte eine staatliche Finanzierung per Veto. Die "New York Times" beklagte "derlei Aufwendungen für Frauenspersonen in Bronze beim momentanen Zustand unserer Finanzen" - ein Lamento, das in Washington heute wohl genauso zu hören wäre.

Der Verleger Joseph Pulitzer startete schließlich eine Spendenkampagne, an der sich mehr als 120.000 Menschen beteiligten. Die US-Poetin Emma Lazarus verfasste jenes legendäre Gedicht, das heute im Innern der Statue zu lesen ist:

Give me your tired, your poor

Your huddled masses yearning to breathe free.

Das riesige Eisenskelett und den Rest der nur 2,4 Millimeter dicken Kupferhaut konstruierte Bartholdi mit Hilfe des Baumeisters Alexandre-Gustave Eiffel, der später den Eiffelturm bauen sollte. Die fertige Statue wurde in 350 Einzelteilen nach New York verschifft und auf dem Sockel wieder zusammengesetzt. Das Monumentalwerk wurde schnell zum globalen Wahrzeichen Amerikas - auch wenn die Ideale der Freiheit für viele US-Bürger noch lange unerfüllt bleiben würden. Spätestens die Unterhaltungskultur machte "Lady Liberty" dann zum Klischee ihres eigenen Bombasts.

354 Eisenstufen

Alfred Hitchcock wählte die Statue 1942 für den Höhepunkt seines Krimis "Saboteure". Seither spielte sie in zahllosen Hollywood-Schinken mit: "Splash", "Superman IV", "Ghostbusters II", "Titanic", "Deep Impact", "X-Men", "Planet der Affen", "The Day After Tomorrow". Vor allem die Science-Fiction-Szene fand Gefallen an der grimmigen Dame - und an ihrer Zerstörung: Das Symbol der Hoffnung wurde zum Symbol des Untergangs.

Unterdessen alterte die Statue. Vor ihrem 100. Geburtstag prüften Ingenieure sie auf Herz und Nieren und fanden erhebliche Probleme. Sie schwankte, der Kopf saß schief, das Gerüst rostete, es drohte Einsturzgefahr. 1984 wurde sie zwei Jahre lang zur Renovierung gesperrt und verschwand hinter einem Gerüst. Skelett und Fackel wurden komplett ausgewechselt.

Nach den Terroranschlägen von 2001 wurde sie erneut geschlossen und bekam für 6,7 Millionen Dollar ein neues Sicherheitssystem. Der Sockel wurde 2004 wiedereröffnet, die Aussichtsplattform in der Krone erst am Unabhängigkeitstag 2009. Trotzdem wagen gerade mal 14 Prozent aller Besucher den Aufstieg über die 354 engen Eisenstufen.

Ab Freitag müssen sie nun sowieso draußen bleiben: Nur der Sockel ist dann noch zugänglich. Wer "Lady Liberty" näher inspizieren möchte, der muss fortan mit ihrer Doppelgängerin an der East 61st Street vorliebnehmen.



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