20 Jahre Grenzöffnung Wo waren Sie, als die Mauer fiel?

Der Fall der Berliner Mauer ist in das Gedächtnis der Welt eingebrannt wie Kennedy-Mord, Mondlandung oder der 11. September - jeder weiß noch, wo er war und was er tat, als er diese Nachricht hörte. SPIEGEL ONLINE hat Erinnerungen gesammelt und fragt: Wie haben Sie den 9. November erlebt?


So hat Deutschland noch nie gefeiert, wie in den Stunden und Tagen nach dem Mauerfall. Kaum war die Nachricht von der Öffnung der Schlagbäume an der Todesgrenze in der Welt, da machten sich Hunderttausende Deutsche auf und strömten in Richtung Grenze, zum wohl größten Volksfest des 20. Jahrhunderts.

Fassungslosigkeit im Gesicht, Tränen in den Augen und das Wort "Wahnsinn!" auf den Lippen lagen sich Deutsche (Ost) und Deutsche (West) an diesem kühl-feuchten Novembertag in den Armen, der Sekt floss in Strömen. Am Brandenburger Tor erklommen Westdeutsche und Ostdeutsche den "antifaschistischen Schutzwall" und feierten Verbrüderung auf der Mauerkrone - die Bilder von den jubelnden Menschenmassem auf dem grauen Betonmonstrum (und von den ratlosen DDR-Grenzern) gingen um den Globus.

Es war der Tag, an dem die ganze Welt auf Deutschland und Berlin blickte. Es war der Tag, der die Welt für immer veränderte. Und es war der Tag, von dem die meisten Menschen auch 20 Jahre später noch genau sagen können, wo sie waren, als sie die Nachricht hörten, was sie in dieser Nacht taten und wie sie den Höhepunkt der friedlichen Revolution erlebten.

SPIEGEL ONLINE hat solche Erinnerungen gesammelt: von Ostdeutschen und Westdeutschen, von Zeitzeugen des Mauerfalls in Berlin und von Menschen, die am anderen Ende der Welt davon hörten; von Enthusiasten, die Freudentränen vergossen und Skeptikern, die dem Jubel misstrauten, von Journalisten, die professionell darüber zu berichten versuchten, und ganz normalen Bürgern. Gemeinsam bilden diese Erinnerungen ein faszinierendes Kaleidoskop des schönsten Tags der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Und auch Sie können Ihre persönlichen Erinnerungen an diesen Tag zum Teil unserer Galerie der Erinnerung machen. Erzählen Sie uns, wie Sie die Stunden nach dem Mauerfall am 9. und 10. November 1989 erlebt haben!

Wenn Sie nur ein paar kurze Sätze schreiben wollen, klicken Sie einfach hier. Wenn Sie außerdem ein Bild von damals besitzen, laden Sie es hier hoch und beschreiben Sie Ihren Mauerfall!

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Melinda Roncevic, 09.11.2009
1.
Ja ich war zu dem Zeitpunkt in Jugoslawien und sah wie die Mauer sich oeffnete. Fuer uns war es immer selbstverstaendlich das wir durch Tito frei ausreisen durften, aber fuer andere menschen war es das nicht. Ich habe mich sehr gefreut , da es fuer mich das Zeichen war das der eiserne Vorhang endlich fiel.
Wiebke Ehret, 09.11.2009
2.
Fast hätte ich am 9. November 1989 den Mauerfall verpasst. Ein langer Uni-Tag lag hinter mir und zuhause blieben Radio und TV deshalb erstmal aus. So lange, bis mein Mitbewohner mit der Sensationsmeldung nach Hause kam: "Die Mauer ist offen." "Ja ja, Du bist überarbeitet..." "DOCH! Mach den Fernseher an!" Die berühmte Pressekonferenz mit Schabowski lief auf allen Kanälen und wir rätselten über die Bedeutung des folgenschweren Schlusssatzes "Sofort, unverzüglich.." Sollte das ernst gemeint sein? Wollen wir mal gucken? Plötzlich war auch ich wieder hellwach und wir machten uns gemeinsam auf den Weg durch die Berliner Nacht zum nahe liegenden Grenzübergang Chausseestraße. Die ersten Ostberliner Fußgänger und Trabis waren inzwischen im Westen eingetroffen. Das waren noch jene mit dem Stempel im Ausweis, der ihnen eigentlich die Rückreise verwehren sollte. Was damals keiner wusste und was später im übrigen auch keine Bedeutung mehr haben sollte. Sofort war eine spontane Party in Gange. Wo kamen nur so schnell so viele Sektflaschen her? Fassungslose Freude und große staunende Augen der Touristen aus dem gar nicht mehr so fernen Osten. Die erste Frage bei fast allen: "Wo ist der Kudamm?" Jubelnde Begeisterung beim immer größer werdenden "Empfangskomitee" auf der Westseite. Mahnende Worte der West-Grenzer, nicht zu hart auf die Trabidächer zu trommeln: "Die halten das nicht aus." Jahrzehntelang anerzogene Vorsicht war plötzlich vergessen. Freudestrahlend lief die Menge aus West-Berlin jedem ankommenden Trabi entgegen, immer weiter hinein in die Grenzanlagen. Zaghafte Versuche der unsicheren DDR-Grenzer, die feiernden Menschen mit mahnenden Worten aufzuhalten, wirkten nur kurz. Und doch blieb immer eine Rest-Angst: Was passiert, wenn jemand die Nerven verliert? Werden wir ein Massaker wie vor wenigen Monaten am Tienanmen in Peking erleben? Aber zurück wollte jetzt keiner mehr. Die Euphorie zog alle mit. Auch uns. Immer tiefer ging es hinein in den bis vor kurzem noch tödlichen Grenzbereich. Plötzlich standen wir neben dem Schlagbaum, einige lehnten sich keck an. Und das Ding sprang auf. Der Weg in Richtung Osten war frei. Fast. Ein Gitter stand noch vor uns. Ein ähnliches Gitter nur wenige Meter weiter. Die Rufe von "drüben" waren jetzt deutlich zu hören. "Wir wollen raus." Einige Mutige wackelten zaghaft am Gitter. Es bewegte sich. Nun wurde stärker gerüttelt und das Drahtgestell fiel krachend zu Boden. Zeitgleich fiel das genauso traktierte Pendant auf der Ostseite. Nun war kein Halten mehr. Wir sahen die Menge aus dem Osten auf uns zustürmen und begannen ebenfalls zu rennen. Rannten durch die Grenzanlage, rannten unseren neu gewonnenen Berliner Nachbarn entgegen. In der Mitte ein kurzer Stopp. Vor mir stand ein junger Ost-Berliner, wir standen Nase an Nase , starrten uns an wie Außerirdische, außer Atem vor Aufregung. "Wahnsinn!" Eine kurze aber heftige Umarmung. Dann liefen wir beide weiter und wenige Sekunden später war ich tatsächlich in Ost-Berlin. Mein Mitbewohner und ich sahen uns an. "Hast du eigentlich deinen Ausweis dabei?" "Nö. Du?" "Nein." Wir beschlossen, uns über die eventuellen Konsequenzen erst später Gedanken zu machen und schlenderten weiter gen Osten. Wenige Meter von der Grenze entfernt staunte ein älterer Herr mit Dackel an der Leine über die strömenden Menschenmassen in der sonst eher ruhigen Straße. Er kam direkt aus dem Bett, hatte sich gegen die bissige Novemberkälte nur einen Morgenmantel für einen kurzen Gassigang übergeworfen. "Was ist denn hier los?" "Die Mauer ist offen, Sie können rüber." "Ich hab doch kein Visum." "Das ist heute egal." "Wirklich?" Der Senior zerrte den widerstrebenden Dackel vom Laternenpfahl fort und rannte in Pantoffeln und Schlafanzug in Richtung Grenze. In den frühen Morgenstunden reisten wir ohne Ausweis problemlos wieder im Westen ein und bestaunten die hupenden Trabikorsos auf dem Kurfürstendamm. Die Mauer wurde von den Ostdeutschen niedergerissen. Aber wir "Wessis" durften dabei sein.
Lothar Steinmueller, 10.11.2009
3.
Dieser Tag ist für viele in der DDR aus heutiger Sicht kein Tag zum Feiern ,denn da wußten viele nicht das sie eines Tages von Hartz IV leben müssen,das sie nur noch Menschen 2.Klasse sind und das sie eigentlich nur als Verbraucher gebraucht werden solange sie noch Geld haben.Keine Arbeit kein Geld dann wird einen erst bewußt das mann eigentlich keiner braucht. Der 9. Nov.ist ein Rückschritt in der gesellschaftlichen Entwicklung.Die westdeutsche Politik und das Kapital wird der DDR nie verzeihen 40 Jahre verhindert haben da bei uns keine Grafen und Barone von Gutenberg die Menschen ausbeuten und darauf Profit erzielen konnten.Am 9.Nov. ging eine Periode ohne Krieg in Europa zu ende.Deutschland befindet sich wieder im Krieg gegen Jugoslawien oder das was davon noch übrig ist,gegen das Volk von Afgahnistan,gegen Irak. Über die DDR werden Lügen und unwahrheiten verbreitet und dabei ist der Herr Köhler in vorderster Reihe,siehe Rede zu Demo in Leipzig.Herr Köhler war es welcher die Deindustriealiesierung vorrangetrieben hat" es muß gestorben werden,Blut muß fließen "Dieser Tag ist kein Tag zum feiern.
Armin Ginschel, 10.11.2009
4.
Ich war damals Zeitungszusteller in Berlin (West). Wie jeden Abend verfolgte ich zuerst die aktuellen Meldungen im DDR-Fernsehen (um 20:00 gab es immer West-Nachrichten). Gegen 19:30 lief im Fernsehen die berühmte Pressekonferenz. Als Schabowski die bekannten Worte sprach, zuckte ich zusammen und dachte an die möglichen Konsequenzen. Sofort danach schaltete ich in die Westberliner Regionalnachrichten, wo dies auch schnell zum Top-Thema wurde. Von da ab saß ich den ganzen Abend mit Gänsehaut wie gebannt vor dem Fernseher. Gegen 01:30 ging ich zum Arbeiten und machte mich mit meinem Zeitungswägelchen auf den Weg. Meine Tour erstreckte sich in Charlottenburg vom Bahnhof Zoo bis Ernst-Reuter-Platz und Savigny-Platz. Die Straßen waren voller feiernder Menschen, ein einziges Hupkonzert von Trabis und Wartburgs. Die Lokalrunden in den angrenzenden Kneipen sorgten für einen feuchtfröhlichen Flüssigkeitspegel. Die Menschen lagen sich in den Armen und es floß bei allen so manche Träne der Freude. Ich kam nicht dazu, meine Zeitungen ordnungsgemäß abzuliefern, weil ich an alle DDR-ler Gratis-Exemplare verteilte (meine Kunden mussten an diesem Tag bis 10:00 warten). Der Springer-Verlag lieferte zum Glück zahlreich Zeitungen nach und gab uns dafür einen Freibrief. Jeder wollte eine Zeitung haben als Erinnerung haben mit den Worten "Ich weiß nicht, ob morgen die Mauer nicht wieder zu geht! Sonst glaubt mir das keiner!". Vor jeder Bank sammelten sich ab 02:30 Uhr Schlangen von teilweise über 100 Metern Länge. Da einige Banken keinen Publikumsverkehr und auch kein Begrüßungsgeld hatten, schickte ich die Wartenden zu anderen Filialen. 10 Minuten später auf dem Rückweg waren bereits wieder 50 Meter Menschen vor den geschlossenen Türen. Um 06:00 half ich einer befreundeten Zeitungshändlerin in der Kantstrasse den Ansturm zu bewältigen. Wie ein Türsteher wurden 20 Menschen eingelassen und dann die Türen verschlossen. 5 Leute rein und 5 wieder raus, so ging das in den nächsten Stunden. Brigitte, Bravo und Playboy wurden ihr aus den Händen gerissen und alle bezahlten mit 100-Mark-Scheinen. Um 12:00 kam ich endlich zu zwei Stunden Schlaf um direkt danach wieder in die vollkommen durchgeknallte Innenstadt zu verschwinden. Die Stimmung in dieser Nacht und in den folgenden Tagen zählen zu den intensivsten Momenten meines Lebens.
Juergen Bachmann, 10.11.2009
5.
Ich wurde wach als das Telefon klngelte. Pünktlich wie bestellt. Aber von einem Luxuyahotel in Manila kann man das erwarten. Zum ersten Mal auf einer Dienstreise in den 3 Jahren seit wir in Hongkong leben hat mich meine Frau begleitet. Auf der vorderen Bettkante sitzend geht der Griff automatisiert zur Fernbedienung des TV und die Finger zippen durch zu CNN. Ich muss zur Toilette, dringend, und ich habe meine Brille nicht auf. Wo ist der Reporter denn da? Was machen all die Leute dort. Und auf DER Mauer? Deutschland Fahnen? Jubel? Vopo's? Dann die ersten Worte, wie eingebrannt: ....This is Tom Brokaw reporting from the Berlin Wall.... Scheisse....., Eva, wach auf.... Scheisse...., Eva, Eva! ---- Was ist denn los? ---- Scheisse, jetzt haben die Russen Berlin überrannt! Das war mein erster, spontan ausgesprochener Gedanke! Eva schlief bis zum Mittagessen, kein Wunder nach der Feier gestern Abend, Und ich erledigte meine Termine. Eigentlich wollten wir den Abend nutzen zur Erholung und mehr. Aber nach unzähligen Pints SanMiguel Bier und gutem Scotch kam die Ernüchterung noch vor der Ausnüchterung. ....Bis heute
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