Mauerfall 1989 Und plötzlich war ein Loch im Zaun

AP

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2. Teil: Auf und davon


Binnen Sekunden, sagt Bella, sei ihm klar geworden, dass dies nicht die Delegation sein könne, die zum Grenzübertritt angemeldet war. Binnen Sekunden begreift Bella, dass nun alles aus dem Ruder zu laufen droht. Es ist sein Hochzeitstag, es ist der Tag vor seinem 20. Dienstjubiläum, er wollte zeitig zu Hause sein. Nun aber stürzen sie auf ihn ein, an die hundert, vielleicht mehr, drängen an ihm vorbei und drücken das alte Holztor mit Gewalt in Richtung Österreich.

Oberstleutnant Bella ist Karriereoffizier, einer, der seinen Dienst an der Ungarischen Volksrepublik anerkannt tadelsfrei verrichtet. Obwohl er insgeheim, wie er sagt, "nicht glaubt, dass der Sozialismus in der Lage ist, den Jenissej in die umgekehrte Richtung fließen zu lassen". Aufmucken aber war seine Sache nie, er ist kein Mann für "Kamikaze-Akte", er muss eine Familie ernähren.

Jetzt steht er da, überrumpelt vom ersten Schub der DDR-Flüchtlinge, der nächste kommt näher. Der Oberstleutnant denkt an seinen Dienstbefehl, erst Warnschuss, dann Schäferhunde, dann wird es ernst. Zehn Sekunden, sagt Bella heute, habe er gebraucht bis zum Entschluss: "Ich will kein Massenmörder werden." Seinen vier Kollegen gibt er den Befehl: "Gesicht nach Österreich, Pässe kontrollieren, falls von dort einer kommt; was hinter uns passiert, das sehen wir nicht."

Auf österreichischer Seite, zwischen weinenden, wortlosen DDR-Bürgern, steht Johann Göltl. Er ist Chef der Zollinspektion Klingenbach und Arpád Bellas Widerpart an der Grenze seit zwei Jahrzehnten. Man kennt sich, duzt sich, nimmt die Jause in der gleichen Kantine. Jetzt ist Göltl außer sich: "Hast du einen Vogel", brüllt er den Ungarn an, "alles war doch besprochen, und dann schickst du mir 600 Leute aus dem Kukuruzfeld." Oberstleutnant Bella schwört, er habe nichts geahnt.

Bis zum Abend des 19. August überqueren mehr als 600 Ostdeutsche die Grenze nach Österreich - eine einzigartige Massenflucht im Europa des Kalten Kriegs nach dem Mauerbau. Dass dabei kein Schuss fiel, kein Mensch starb, ist nach Einschätzung von Oberstleutnant Bella zuallerletzt Ungarns Regierung zu verdanken: "Ministerpräsident Németh sagt heute, es habe damals einen Befehl gegeben. Nur, wo ist der geblieben?"

Ein Stein sei da wohl "in die Befehlskette" geraten, sagt Miklós Németh, bei der streng vertraulich zu behandelnden Kommandoaktion. Und dann erzählt der Ex-Premier, wie die Sache mit dem Picknick in Wirklichkeit gedacht war.

Ein General aus dem Innenministerium sei ausersehen gewesen, dem Oberkommando der Grenztruppen diskret, aber im Namen der ungarischen Regierung Folgendes zu bestellen: "Wenn es im Verlauf des Picknicks ein paar hundert Deutsche über die Grenze schaffen sollten, hätten wir nichts dagegen." In der Sprache der Politiker sollte das den Offizieren bedeuten: Augen zu und durchlassen.

Das ehemalige Politbüro-Mitglied Pozsgay beschreibt den im kleinen Kreis beschlossenen Kurs so: Der Durchbruch von DDR-Bürgern beim Picknick sollte den ungarischen Staat nach Möglichkeit nicht "als Mitwirkenden, sondern als Leidtragenden" dastehen lassen. Mit den Maltesern und Kirchenvertretern habe man sich in einer Art Verschwörung geeinigt, diese Botschaft in Umlauf zu bringen.

Im ungarischen Innenministerium allerdings kommt, was als Befehl gemeint ist, als unverbindliches Geschwurbel an. Und wird ignoriert. Die daran Schuldigen vermutet Ex-Premier Németh, ohne Namen zu nennen, in Kreisen, denen Sicherheit im Staat über alles geht. Und die ihn bis heute als "Verräter an der internationalen proletarischen Freundschaft" handeln.

Zum Glück habe Oberstleutnant Bella erkannt, "was die Geschichte von ihm forderte", wie Németh das nennt. "Der Bella hatte so viel Ahnung wie das Kaninchen vom Ziel des Laborversuchs", sagt Imre Pozsgay. Das "Pilotprojekt", mit dem erprobt werden sollte, ob die Sowjetunion eine Bresche an der Westflanke des Warschauer Pakts hinnimmt, ist auf dem Rücken von fünf Grenzschutzbeamten und etwa 30 ahnungslosen Picknick-Organisatoren ausgetragen worden.

Am 25. August fliegt Németh samt Außenminister Horn zum Geheimtreffen mit Kohl und Genscher. Auf Schloss Gymnich soll geklärt werden, wie die Ausreise der in Ungarn verbliebenen DDR-Bürger in die Bundesrepublik zu bewerkstelligen sei. Das Gesprächsklima ist freundlich, die Stimmung angespannt. "In Gymnich muss alles verwanzt gewesen sein", sagt Németh, "obwohl nur eine ungarische Dolmetscherin dabei war, habe ich später alle meine Aussagen wörtlich in Kanzler Kohls Biografie wiedergefunden." Man einigt sich am Ende auf eine Evakuierung der Ausreisewilligen. Der Termin bleibt offen.

Erst zweieinhalb Wochen später setzen sich die Busse mit den ostdeutschen Flüchtlingen in Bewegung. Am 11. September, kurz nach Mitternacht, passieren sie die Grenze zu Österreich.

Es ist ein Nine-Eleven der anderen Art - ein Tag der Freude, auch und vor allem für Helmut Kohl. Ausgerechnet am Vorabend des CDU-Parteitags in Bremen, wo eine Gruppe um Heiner Geißler und Rita Süssmuth gegen ihn putschen will, kann er einen historischen Triumph vermelden. Kohl bleibt an der CDU-Spitze und Kanzler für weitere neun Jahre.

Ungarns Helden des Wendesommers 1989 ernten wenig Lohn in der Heimat. Ministerpräsident Miklós Németh bleibt das Amt des Staatsoberhaupts versagt. Er flüchtet daraufhin für neun Jahre nach London und wird Vizepräsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. Heute blickt er ohne Illusion aufs neue Ungarn.

Auf einen Staat, der - schon wieder - so gut wie bankrott ist. Auf eine tief zerklüftete politische Landschaft, in der sich die einst am runden Tisch vereinten Oppositionellen erbarmungslos ans Leder gehen. Und auf eine begüterte Clique an der Regierung, über die einer der Picknick-Organisatoren von 1989 sagt: "An der Macht sind nun genau jene Ex-Führer des kommunistischen Jugendverbands, die dort auch ohne die Wende gelandet wären."

Der Reformer Imre Pozsgay hat sich mit alten Weggefährten über die Frage zerstritten, wem das Verdienst an den Umwälzungen von 1989 gebührt. Politisch ist er auf Umwegen inzwischen im Dunstkreis des Rechtspopulisten Viktor Orbán gelandet. Umzingelt von Bücherwänden in seinem Haus am Budapester Sternenberg, sitzt der Vordenker von einst und beschreibt, wie die Ungarn 1989, quasi unabsichtlich, Europas Nachkriegsordnung zum Einsturz brachten: "Es war eine starke Absicht, die sich verselbständigt hat."

Pfarrer Kozma kümmert sich vom Budapester Vorort Zugliget aus weiter um Arme und Sieche. Den Gram darüber, dass die Deutschen noch nicht einmal, wie versprochen, für das Massenfluchtdenkmal in seinem Garten bezahlt haben, lässt er sich nicht anmerken. Bei der ungarischen Ordensverleihung zum zehnten Jahrestag der Wende ist Kozma leer ausgegangen.

Und Arpád Bella? Der pflegt seine Rebstöcke und kümmert sich um seine kranke Mutter, mehr als um das Geschwätz alter Kameraden, die ihn bis heute einen Verräter nennen. Bisweilen fährt er auch über die Grenze, wo nun nichts mehr an den Eisernen Vorhang erinnert, und steuert in Apetlon, nah am Ufer des Neusiedler Sees, das Haus von Johann Göltl an.

Dann trinken sie "Spritzer" zusammen, Weißweinschorle, die beiden Frontmänner an der Grenze im Kalten Krieg, und reden über die neue wie die alte Zeit. Sie mögen sich, nur traut der Johann dem Arpád bis heute nicht wirklich. Weil er überzeugt ist, dass die Sache mit den DDR-Flüchtlingen damals am Holztor in der Sopronpuszta, ein "von den Kommunisten drüben" straff durchgeplantes Störmanöver war.

"Zehn Hektoliter G'spritzte haben wir bestimmt schon miteinander getrunken", stöhnt Oberstleutnant a. D. Arpád Bella, "und noch immer glaubt er's mir nicht: Ich hatte keine Ahnung."



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