20 Jahre Grenzöffnung Hochzeitsgeschenk Mauerfall

Als Birgit und Matthias Frahnow Anfang November 1989 in einem Spreewalddorf heiraten, läuft nichts nach Plan: die Gäste übernächtigt, das Brautpaar Nebensache, doch keine Flitterwochen im FDGB-Ferienheim. Trotzdem wird das Fest für alle der schönste Tag im Leben - in der Nacht ist die Mauer gefallen.


Eigentlich hatten Birgit Obst und Matthias Frahnow am 18. November heiraten wollen. Doch dann musste es schneller gehen, der Pfarrer des kleinen Spreewalddörfchens Drehnow hatte an diesem Tag keine Zeit. Die Trauung wurde kurzerhand um eine Woche vorverlegt - eine Entscheidung mit Folgen, die das junge Paar noch nicht einmal ansatzweise erahnte.

Denn als der Bräutigam am Vorabend des Hochzeitstages die Nachrichten anstellte, traute er seinen eigenen Ohren nicht: Ausreisen für DDR-Bürger jederzeit möglich? Ohne Vorlegen von Voraussetzungen? Es war unfassbar - die Mauer stand offen. Im nahen Berlin spielte sich Weltgeschichte ab. In zwei, drei Stunden könnte er in der geteilten Stadt sein und sich vor Ort überzeugen, ob das Unfassbare tatsächlich Realität war. Geschichte selbst erleben. Sie vielleicht mitschreiben.

Oder er könnte bleiben und heiraten wie geplant.

Und wenn er doch fuhr? Würden die DDR-Grenzer ihn, den überzeugten Christen, der den Dienst mit der Waffe in der Nationalen Volksarmee verweigert und seine Zeit als Bausoldat gerade hinter sich gebracht hatte, auch wieder reinlassen? Oder stimmte es, dass eine Stippvisite im Westen eine Reise ohne Wiederkehr war? Angeblich wurde jeder DDR-Pass an der Grenze ungültig gestempelt. Dann spätestens hätte er ein Problem: Hundert Hochzeitsgäste aus der ganzen DDR und aus Westdeutschland hatten sich für den 10. November in Drehnow angesagt. "Ich hatte die Sorge, die machen die Mauer wieder zu und ich kann nicht zurück", erzählt er. "Und dann wäre ich bei meiner eigenen Hochzeit nicht dabei gewesen."

Der Trabant bleibt in dieser Nacht auf dem elterlichen Hof.

Zwicken bei jedem grünen Trabi

Während in Drehnow Bräutigam Frahnow noch überlegt, ob er in den Westen fahren soll oder nicht, hat sich Ines Obst schon auf den Weg gemacht in die umgekehrte Richtung. Ines ist die Zwillingsschwester von Birgit Obst, der Braut. Ein Jahr zuvor hat sie einen Westdeutschen geheiratet; an Silvester 1988 war sie in die Bundesrepublik ausgereist, im Rahmen der "Familienzusammenführung". Ihre leibliche Familie hatte sie zurücklassen müssen. Nun, in der Nacht, da Hunderttausende Ostdeutsche in den Westen strömen, befindet sich ausgerechnet Ines, die gerade zur Westdeutschen gewordene Ostfrau, mit Mann und Schwiegereltern auf dem Weg aus dem Westfälischen in die DDR.

"Wir hatten das Gefühl, in die falsche Richtung zu fahren", erinnert sich Ines' Schwiegermutter Ursula Kersting. "Ab Bad Hersfeld Gegenverkehr, wie wir ihn nie erlebt hatten." Eine Nacht zuvor hätte man hier die entgegenkommenden Fahrzeuge an den Fingern einer Hand abzählen können, jetzt herrscht auf der Gegenspur Verkehrschaos: Wartburgs und Wolgas, Moskwitschs und Saporoschs, Trabis aller Altersklassen. Die Grenze ist tatsächlich offen. Bei jedem grünen Trabant zwickt Ines ihre Mitreisenden nach alter DDR-Sitte in den Arm. "Keiner musste den Fahrer wach halten", erzählt Ines Obst. "Immer wieder sagte jemand: Das gibt's doch nicht! Das ist der absolute Wahnsinn!"

Am hessisch-thüringischen Grenzübergang Herleshausen rollen die Hochzeitsgäste mitten in ein spontanes Volksfest. "Hellste Aufregung überall! Umarmungen, Tränen, Freudentänze", erinnert sich die heute 68-jährige Ursula Kersting. Die Grenzbeamten sind nicht wiederzuerkennen: keine barschen Befehle, keine mürrischen Gesichter, kein "Gofferraum effnen!" mehr. Und beim obligatorischen Zwangsumtausch herrscht hinter dem Schalter der DDR-Staatsbank aufgeregtes Getuschel und nervöses Kichern. "In zehn Minuten ist Schichtwechsel", freut sich eine der Damen, "dann machen wir alle rüber!" "Keiner von uns konnte fassen, was geschah", sagt Ines Obst und gebraucht noch einmal das meistbenutzte Wort dieser wilden Tage: "Wahnsinn!"

"Für uns hat sich kein Schwein interessiert"

Als sich die Hochzeitgesellschaft am Nachmittag schließlich in der HO-Gaststätte Kastanienhof in Turnow, einem Nachbarort von Drehnow, versammelt, ist alles ganz anders, als es das Hochzeitspaar geplant hat. Die Hälfte der Gäste ist völlig übernächtigt; sie sind noch in der Nacht nach West-Berlin gefahren und jetzt nicht nur todmüde, sondern völlig überwältigt von ihren Erlebnissen im KaDeWe und auf dem Ku'damm. Die andere Hälfte lauscht begierig den Berichten von der anderen Seite des "antifaschistischen Schutzwalls" und wartet sehnlich auf das Ende der Feier, um sich selbst auf den Weg nach Westen zu machen. "Für uns hat sich kein Schwein interessiert", lacht Matthias Frahnow; "wir waren Nebensache", erinnert sich auch seine Frau Birgit schmunzelnd. Statt um das Brautpaar sammeln sich die Gäste um die Radios und ein Fernsehgerät.

Und nicht einmal die Hochzeitsreise kam so wie geplant. "Wenn die Grenzen offen sind, könnt Ihr doch Eure Flitterwochen im Westen verbringen", schlug ein Gast vor. Und so fuhren die Frischvermählten in die 20 Kilometer entfernte Bezirksstadt Cottbus, wo sie mehrere Stunden ihres Hochzeitstages mit Anstehen verbrachten, um einen offiziellen Ausreisestempel zu bekommen. Das gebuchte Zimmer in einem FDGB-Ferienheim im Erzgebirge sagten sie ab; "dort wollten wir eigentlich sowieso nicht hin", sagt Birgit Frahnow schmunzelnd.

Im geschmückten Brautwagen ging es am Sonntag über die innerdeutsche Grenze durch die Mauer - unter dem Beifall der DDR-Grenzer, die nur Tage zuvor noch auf Flüchtende geschossen hätten. "Flitterwochen im Westen? Zwei Tage vor der Hochzeit hätte sich das niemand vorstellen können", staunt Birgit Frahnow noch immer. "Für mich war das krass, unheimlich, sehr bewegend", sagt Matthias Frahnow rückblickend. Auch zwanzig Jahre später muss er noch einmal tief durchatmen bei dem Gedanken an jenen Tag, der so ganz, ganz anders war als geplant - aber trotzdem der schönste Tag im Leben.



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peter konowski, 06.11.2009
1.
Passt ja wunderbar zum Thema: http://www.youtube.com/watch?v=Tmfi2epotgM
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