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20 Jahre "Mini-Playback-Show": Was aus den Kult-Knirpsen wurde

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Quotenrenner "Mini-Playback-Show" Was aus den Kult-Knirpsen wurde

In der "Mini Playback Show" durften Kinder in den Neunzigerjahren ihre Popidole vor einem Millionenpublikum imitieren. Für manche wurde es ein TV-Auftritt, der ihr Leben veränderte - einestages zeigt, was aus den Mini-Stars von damals geworden ist.
Von Anna Sabina Werkmeister und Hans Michael Kloth

Bevor Reza Wireko im Kölner Studio des Privatsenders RTL in eine mysteriöse Zauberkugel stieg, winkte er ein letztes Mal als ganz normales Kind. Als er wenige Minuten später heraustrat, war er ein anderer Mensch geworden - ein Star: Michael Jackson im Kleinformat schritt die Stufen zur Bühne herab, vor der 500 Zuschauer gespannt seinen Auftritt erwarteten. Rezas schwarze Locken waren zu einem Zopf zusammengebunden, wie bei dem echten King of Pop lugten nur zwei Strähnen unter einem kecken Hütchen hervor. Aus dunkel geschminkten Augen schaute Reza lässig in die Kamera - viel zu cool für einen Knirps von gerade elf Jahren.

"Ich war mir meiner Wirkung beim Publikum durchaus bewusst", sagt Reza 20 Jahre später. Heute weiß er, dass sein selbstbewusster Auftritt sogar Fernsehgeschichte schrieb: Er war eines der fünf Kinder, die am 31. Dezember 1990 in der allerersten Ausstrahlung der "Mini Playback Show" auftraten. Das Format, bei dem Kinder ihren Lieblingsstar imitierten, wurde sofort zum Quotenrenner und erreichte bereits nach wenigen Sendungen vier Millionen Zuschauer. Insgesamt acht Jahre lang, von 1990 bis 1998, ging die "Mini Playback Show" wöchentlich über den Sender.

Wie Reza träumten in den Neunzigerjahren Kinder zwischen Flensburg und Füssen, Düren und Dresden davon, sich einmal in der Zauberkugel in einen Superstar zu verwandeln lassen, anstatt einfach nur zu Hause mit einer Haarbürste als Mikrofonersatz vor dem Spiegel herumzuturnen. Die "Mini Playback Show" war alles andere als eine knallharte Casting-Nummer mit Heidi-Klum-Glamour und Dieter-Bohlen-Zynismus, sondern harmlose Familienunterhaltung. Moderatorin Marijke Amado strahlte mit ihrem sanften holländischen Akzent mütterlicher Wärme aus, die Jury verteilte nichts als Lob. Am Ende waren immer alle irgendwie Gewinner.

Hitzige Attacken

Dennoch war die Sendung von Anbeginn heftigsten Attacken ausgesetzt, wurde als "Päderastenshow" geschmäht. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Ulla Schmidt, später Bundesgesundheitsministerin, forderte ein Verbot, weil die in "Netzstrümpfen, aufgeschlitztem Minikleid und in Stöckelschuhen" auftretenden Kinder die Zuschauer dazu animierten, "in Kindern Sexualobjekte zu sehen". Schlagersänger und Jurymitglied Roberto Blanco wurde von einer Zeitschrift gar selbst der Pädophilie verdächtigt und schmiss gleich nach der ersten Sendung entnervt hin.

Auch im Leben ihrer jungen Protagonisten hinterließ die "Mini-Playback-Show Spuren". "Die Show hat meine Jugend geprägt", resümiert Reza Wireko rückblickend. Noch zwei Jahrzehnte nach der ersten Sendung, bald zwölf Jahre nach der Einstellung des Formats Ende 1998, lebt sie im Internet virtuell weiter - viele der 1600 ehemaligen Playback-Show-Teilnehmer treffen sich in einschlägigen Web-Communities und Foren. Auch Fans, die damals nur vor dem Fernseher saßen, aber nichts lieber gemacht hätten, als in der Show aufzutreten, tummeln sich hier.

Wiebke Stoffregen war damals wirklich dabei und durfte in die geheimnisvolle Zauberkugel, nachdem sie ein paar gutmütige Fragen von Moderatorin Amado beantwortet und sich aus dem Bestand des "Mini-Lädchens" ihr Kostüm ausgesucht hatte. "Ich dachte, dass in der Zauberkugel unzählige Roboterzangen an mir zerren würden", erzählt sie. Doch es waren nur Maskenbildner, die sie in die kindliche Doppelgängerin der schwarzen MPeople-Sängerin Heather Small verwandelten, nachdem sich die Zauberkugel hinter ihr geschlossen hatte. "Sie haben mir braune Farbe bis in die Ohren gepinselt", lacht Wiebke.

Luftklavier auf dem Plexiglas-Flügel

Auch die damals achtjährige Marlene Danne hatte abenteuerliche Vorstellungen davon, was sie in der Zauberkugel erwarten würde: "Als sich die Glitzertür langsam hinter mir schloss, war mir ganz schön mulmig zumute", erzählt sie heute. "Es war enttäuschend, dass ich ganz unspektakulär aus der Kugel herausgeholt wurde. "Sie hatte tatsächlich geglaubt, dass in der Kugel eine irgendwie geartete magische Verwandlung stattfinden werde - in ihrem Fall in eine der Andrew Sisters. Über die Enttäuschung, dass die Zauberkugel in Wahrheit nur ein Fake war, half Marlene auch der Smiley, den ihr Schauspieler und Jurymitglied Ralf Bauer ("Gegen den Wind") ins Poesiealbum malte, nicht wirklich hinweg.

Der Ansturm der Jungen und Jüngsten auf die Produzenten der "Mini-Playback-Show" war gewaltig. Da konkurrierten schon mal 1500 kleine Kandidaten, um in die Vorauswahl zu kommen - eine Shortlist mit gerade einmal 75 potentiellen Mini-Playbackern, die dann noch einmal auf 45 verkleinert wurde. David Böse erinnert sich noch gut, wie er das Castingteam überzeugte. "Euphorisch habe ich so getan, als wenn ich auf die Tasten eines Klaviers hauen würde", erzählt er schmunzelnd. Im Februar 1995 trat er als Udo Jürgens in der "Mini-Playback-Show" auf - und durfte nun auf einem richtigen Flügel Luftklavier spielen - die Produzenten hatten dafür vom großen Vorbild eigens dessen originalen durchsichtigen Konzertflügel aus Plexiglas organisiert.

Bei den Proben war David ziemlich aufgeregt, wie er sich erinnert - umso cooler fühlte er sich dann beim Auftritt selbst. "Ich habe richtig mit der Kamera geflirtet", schwärmt er. "Heute würde ich sagen, dass ich gut war." Den Pokal, den er für seinen furiosen Auftritt gewann, hütet er bis heute. Ebenso ein Notenheft von Udo Jürgens. Das überreichte ihm sein Idol persönlich, als ihn dessen Managerin auf einem Konzert erkannte und die beiden zusammenführte. "Das war ein irres Erlebnis", findet David Böse noch heute.

"Vielleicht wäre ich jetzt ein Star"

Auch dem kleinen Michael Jackson Reza Wireko öffnete der TV-Klamauk, der den natürlichen Spieltrieb und Verkleidungsdrang von Kindern zum Medienereignis erklärte, ungeahnte Türen. Zwei Jahre nach seinem Double-Auftritt durfte er dem Megastar bei einem Konzert in Müngersdorfer Stadion in Köln ganz nahe kommen. Und seine Darbietung bei Marijke Amado in der "Mini-Playback-Show" war der Anfang einer Blitzkarriere als jüngstes Michael-Jackson-Double. Mehr als hundertmal trat er in der Rolle seines Lebens auf. "Wenn ich damals nicht aufgehört hätte", sagt Rezo, der heute als Angestellter im Logistikbereich arbeitet und nebenbei semiprofessionell HipHop macht, "wäre ich jetzt vielleicht ein Star".

Wiebke, die schwarze MPeople-Sängerin von damals, war eine Zeit lang auf dem besten Weg, ihren kindlichen Traum Wirklichkeit werden zu lassen - sie begann ein Musikstudium. Doch dann stellte sie fest, dass sie eins hasste: auf der Bühne zu stehen, im Mittelpunkt, alle Augen auf sich gerichtet. Sie brach ihr Studium ab. War die "Mini-Playback-Show" daran mit schuld? Brach sich der Druck, der auf dem kleinen Mädchen damals lastete, erst spät seine Bahn? War sie gefangen zwischen einer Sehnsucht, im Mittelpunkt zu stehen und der Angst, nicht zu gefallen? Wiebke weiß es nicht. Sie studiert jetzt Literaturwissenschaft.

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