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17. Mai 2011, 12:08 Uhr

MTV-Geschichte

Clip, Clip, hurra!

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Robbie Williams häutete sich, a-ha wurden zu Comic-Figuren und Madonna empörte die Kirche: Seit MTV 1981 auf Sendung ging, haben Musikvideos die Popkultur bereichert, einige wurden zu Ikonen. einestages zeigt die besten Clips - und erzählt ihre faszinierenden Geschichten.

Die Pulte im Kontrollraum von Cape Canaveral blinken hektisch. Nur noch wenige Sekunden bis zum Start. Schnitt zum Space Shuttle auf der Rampe. "T minus 20 Sekunden", krächzt eine Funkstimme. Rauch stößt aus den Antriebsdüsen der Rakete. "6… 5… 4…" Die Triebwerke spucken Feuer. Donner rollt über das Startfeld, die Rakete überwindet die Erdanziehung und hebt ab.

"Ladies and Gentlemen, Rock'n'Roll", sagt ein Sprecher. Und die Gesetze der Popmusik haben sich für immer verändert.

Am 1. August 1981, eine Minute nach Mitternacht, ging MTV auf Sendung. Und schon in den ersten Minuten flogen den Zuschauern die ganz großen Bilder um die Ohren. Vor dem eigenen Launch zeigte der Sender Bilder vom Start des Space Shuttle Columbia, schnitt dann übergangslos auf Videoaufzeichnungen der ersten Mondlandung. Schon hier regierten die Gesetze des Pop, der schnellen Montage, der lässigen Geste. Denn Aldrin und Armstrong pflanzten diesmal keine US-Flagge in Lunas karge Landschaft, sondern ein grellbunt flimmerndes MTV-Logo.

Bei so viel Großspurigkeit war es fast egal, dass MTV am Anfang nur ein kleiner Lokalsender war. Lediglich ein paar tausend Haushalte im Norden von New Jersey hatten überhaupt die Möglichkeit, diese historischen Minuten über ihre Bildschirme flimmern zu sehen.

"Im Musikvideo ist alles erlaubt"

Einer, der die MTV-Ära trotzdem von der Stunde ihrer Geburt an miterlebt hat, ist Rudi Dolezal. Der österreichische Regisseur und Produzent drehte damals auf der Launch-Party des Senders eine Reportage fürs deutsche Fernsehen und sollte wenig später einer der einflussreichsten Musikvideoregisseure Europas werden. "Die Stimmung vor Ort war euphorisch", erinnert sich Dolezal, "aber damit, dass MTV in der nächsten Dekade das absolute Schlüsselmedium im Popmusikgeschäft werden würde, hätte damals noch niemand gerechnet."

Zwar verkündete der erste Clip, "Video Killed the Radio Star" von The Buggles, schon den Wandel. Die kühne Kampfansage an das Radio kam allerdings reichlich hölzern daher: In dem Clip funzelt ein Scheinwerfermond über einem Plastikplanenmeer. Und ein merkwürdiges Sci-Fi-Glitzergirl fliegt an Seilen durch ein Bühnenbild, das aussieht wie von einer "Flash Gordon"-Schulaufführung geborgt - eher Trash-TV als Zukunftsmedium. Die beiden Videos, die MTV in den nächsten Minuten seiner Geburt zeigte, waren sogar noch schlimmer: Pat Benatar und Rod Stewart rockten einfach nur auf fahrig zusammengeschusterten Filmsets mit ihrer Band ab.

Das sollte sich in den nächsten Jahren ändern. Denn die Regisseure erkannten bald, welche Freiheiten die Bilder zum Song boten. "Im Musikvideo ist alles erlaubt", meint Dolezal. "Ich muss nicht, wie beim Spielfilm, unbedingt eine Geschichte erzählen. Ich kann einerseits den Künstler in einer Performance-Ebene zeigen oder mit Animationen arbeiten oder aber auch einfach assoziativ Bilder zum Rhythmus des Songs 'komponieren'." Wim Wenders, der in den Neunzigern selbst Videos für Die Toten Hosen, Eels und U2 drehte, meinte sogar, der Clip sei ein "Experimentierfeld geworden, das das klassische Feld, den Kurzfilm, mehr oder weniger abgelöst habe".

"Express Yourself" für fünf Millionen

Und so schufen die Regisseure in den nächsten drei Dekaden einen gigantischen Bilderpool. Allein Rudi Dolezal drehte in seiner Karriere als Clip-Regisseur mehr als 2000 Videos. Seinen internationalen Durchbruch feierte der Österreicher mit seiner Produktionsfirma DoRo 1985. Da drehten er und sein Kompagnon Hannes Rossacher den Clip zu Falcos "Rock Me Amadeus". Später arbeitete Dolezal mit Stars wie den Rolling Stones, David Bowie und Blur zusammen, drehte allein für die britische Rockband Queen 35 Musikvideos.

Er erinnert sich noch gut an die Zeit, als selbst die Bürokraten in den Plattenfirmen noch einen uneingeschränkten Glauben an den Kurzfilm zum Popsong hatten: Bei den Queen-Videos etwa habe man öfter drei unterschiedliche Konzepte geschrieben und diese Freddie Mercury in seinem Zuhause vorgeführt. "Und wenn ihm was gefallen hat, wurde das gemacht. Keiner hat sich über Budgets Gedanken gemacht. Am Ende des Drehs hat der Manager die Kosten zusammengerechnet", so Dolezal. "Das waren die Achtziger."

In dieser Dekade des Experiments probierten die Filmemacher die unterschiedlichsten Erzähl- und Tricktechniken aus. Der Musikvideoregisseur Steve Barron etwa schrieb Geschichte mit a-has Comic-Video "Take on Me" und dem computeranimierten Clip zu "Money for Nothing" von den Dire Straits. Michael Jackson beauftragte gleich zwei große Hollywood-Regisseure, um ganze Musikfilme zu drehen. 1983 schuf "American Werewolf"-Macher John Landis das legendäre "Thriller"-Video, 1987 beauftragte Jackson Martin Scorsese mit einem Clip zu seinem Song "Bad". Und Madonna schockte die Nation mit dem Skandal-Video "Like a Prayer" und brach alle Rekorde mit dem "Express Yourself"-Clip. Für fünf Millionen Dollar inszenierte David Fincher den Song als feministisches Mega-Manifest vor von Fritz Langs "Metropolis" inspirierter Kulisse.

Meisterwerke im Minutentakt

"Die Musikindustrie glaubte damals wirklich: 'Mit einem tollen Video machen wir Hits'", erinnert sich Dolezal. Dieser Trend setzte sich in den neunziger Jahren fort. "Das goldene Zeitalter des Musikvideos ist 1995 bis 2001", meint Michael P. Aust, "da gab es extrem viel Geld, extrem viele superkreative Macher, die alle Möglichkeiten hatten, um ihre Ideen zu realisieren." Aust ist einer der Kuratoren der Ausstellung "The Art of Pop Video", die derzeit im Kölner Museum für angewandte Kunst läuft. Dort werden zum 30. Geburtstag von MTV in einer Flachbildschirmgalerie mehr als hundert Musikvideos gezeigt wie Kunstwerke.

Den Sprung zum eigenständigen Kunstwerk vollendeten die Clips in den neunziger Jahren. In diesem Jahrzehnt entstanden nicht nur etliche Musikvideos mit Millionenbudgets, es trat auch eine neue Generation von Regisseuren an, die mit grandiosen Ideen statt großen Geldsummen die MTV-Generation fesselten. Michel Gondry drehte verschrobene kleine Meisterwerke für Daft Punk, Massive Attack oder Björk. Chris Cunningham bezauberte mit zwei sich liebenden Robotern in Björks "All Is Full of Love" und schockte mit seinen düsteren Videos für den Elektromusiker Aphex Twin. Spike Jonze drehte für Fatboy Slims Song "Praise You" ein Musikvideo im Guerilla-Stil. Mit einer fiktiven Tanzgruppe trat er vor völlig perplexen Passanten auf und filmte die Reaktionen. Oder er nahm "Sabotage" von den Beastie Boys und tat so, als sei der Song der Titel einer Siebziger-Jahre-TV-Serie mit der Band in den Hauptrollen.

Und auch nach 2000 riss die Flut von spannenden Videos trotz Krise der Musikindustrie nicht ab. Sie verlagerte sich nur ins Internet, wie der Erfolg von OK Go beweist. Die US-Band erreicht mit ihren Videos über YouTube und Co. ein Millionenpublikum. Scheint also so, als hätte das neue Medium Internet am Ende zumindest in Deutschland zwar den Sender MTV gekillt, der hierzulande Anfang des Jahres in die Bedeutungslosigkeit des Pay-TV abgetaucht ist - aber nicht den Musikclip-Star.

Zum Abschied vom Musikfernsehen hat einestages die schönsten und größten, die wichtigsten und wegweisendsten Clips der MTV-Ära versammelt.

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