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29. August 2019, 20:51 Uhr

40 Jahre "Cap Anamur"

"Nie mehr feige sein, nie mehr nur zuschauen"

Aus ihrem Reihenhaus steuerten Rupert und Christel Neudeck eine globale humanitäre Feuerwehr. Seit 1979 retten die Helfer ertrinkende und verhungernde Flüchtlinge, bauen Schulen und Kliniken - "Rebellen der Nächstenliebe" nennt sie Journalist Franz Alt.

Rupert Neudeck, 1939 in Danzig geboren und 1945 als Flüchtling nach Westdeutschland gekommen, schwor sich als Jugendlicher, dass es für ihn nur eine wirkliche Form der Aufarbeitung der Hitlerei und des Holocaust geben kann: "Nie mehr feige sein, nie mehr nur zuschauen". Das war seine Antwort, wenn ich ihn fragte, was ihn antreibt zur Rettung von Bootsflüchtlingen und zur Betreuung von Hunderttausenden Flüchtlingen in afrikanischen Lagern.

Wer über Rupert Neudeck schreibt, schreibt immer auch über seine Frau Christel und über die drei Neudeck-Kinder Yvonne, Marcel und Milena. Ich durfte ihren humanitären Familienbetrieb in Troisdorf bei Bonn beinahe 40 Jahre publizistisch begleiten. In diesem Reihenhaus schrieb der humanitäre Quälgeist auf seiner alten Olivetti-Schreibmaschine Tausende Bettelbriefe an Politiker, Bischöfe und Journalisten. Die Neudecks waren eine glückliche Familie. Nur die Atmosphäre und die Einbettung in diese Familie erlaubten Rupert Neudeck sein radikal humanistisches Leben mit Haut und Haaren, mit Herz und Verstand.

Die Freude am Helfen war ihr Lebensmotto. "Wer unter die Räuber fällt wie der Fremde in der Geschichte des barmherzigen Samariters, dem müssen wir helfen", sagte Neudeck oft. Die Frommen waren in dieser Geschichte nicht die Helfer, denn sie gingen am zusammengeschlagenen und ausgeraubten Opfer vorüber. Sie waren alle sehr beschäftigt. Es war ein Heide aus Samaria, der schließlich half, erzählt Jesus: "Er hatte Erbarmen mit dem Ausgeraubten." Für Jesus war Barmherzigkeit der neue Name für Gott.

In jedem seiner Bücher erinnert Rupert Neudeck an diese Geschichte, die bis heute Tausende idealistische Helfer weltweit antreibt. Davon inspiriert waren und sind nicht nur Christen und Muslime, auch Atheisten und Agnostiker, die ich in Neudecks Projekten kennenlernen durfte. Rupert war ein radikaler Jesuaner, den Linken oft zu fromm, den Frommen oft zu links.

"Was heißt eigentlich radikal leben?", habe ich Christel und Rupert Neudeck einmal gefragt. "Wir wollten etwas radikal Anstrengendes tun, aber nicht sauertöpfisch, sondern mit Freude", war die Antwort. Und was taten sie?

Es begann mit dem gecharterten Schiff "Cap Anamur", mit dem sie 11.300 Boatpeople im Südchinesischen Meer das Leben retteten. Seit 2014 sind im Mittelmeer etwa 18.000 Flüchtlinge ertrunken. Erst wer diese beiden Zahlen vergleicht, begreift die schier unglaubliche humanitäre Tat der Neudecks. Aber das war erst der spektakuläre Anfang.

Schon 1980 begann das Komitee Cap Anamur seine erste Afrika-Mission in Flüchtlingslagern in Nord-Somalia und half Flüchtlingen an der kambodschanischen Grenze. Es folgten 1983 Hungerhilfe in den Dürregebieten Äthiopiens, gefährliches Minenräumen nach Kriegen in Ländern der sogenannten Dritten Welt, weitere Rettungsaktionen der Cap Anamur in der zweiten Hälfte der Achtziger, ebenso Flüchtlingshilfe in Darfur im Westsudan und Hilfsprojekte in Nicaragua und Kolumbien, in Kambodschaund Südafrika.

"Er war für uns Boatpeople wie ein Vater"

Schon während des Krieges mit der Sowjetunion begann die Aufbauhilfe in Afghanistan; nach dem Nato-Einsatz dort haben Neudecks "Grünhelme", die sie 2003 gründeten, mehr als 40 Schulen und mehrere Krankenhäuser gebaut. Rupert Neudeck fasste seine Erfahrung so zusammen: "Mit dem vielen Geld, das Deutschland für seine Soldaten in Afghanistan ausgibt, könnten wir mit humanitärer Hilfe viel mehr erreichen."

Auch im Irak des Saddam Hussein bauten die Grünhelme Krankenhäuser und halfen den vertriebenen Kurden. Mit dem Programm "Ein Dach über dem Kopf" bauten Neudecks wunderbare Helfer mehrere tausend Häuser im kriegszerstörten Ex-Jugoslawien wieder auf. In Tschetschenien errichtete Neudeck ein dringend benötigtes Kinderkrankenhaus.

Als einzige Hilfsorganisation arbeiteten "Grünhelme"- Helfer mit der traumatisierten Bevölkerung in den Nuba-Bergen im Sudan Ende der Neunzigerjahre und versorgten sie mit Medikamenten und Nahrungsmitteln. Zusammen mit Norbert Blüm und Heiner Geißler schlug sich Neudeck zu Fuß wochenlang unter Lebensgefahr durch die Nuba-Berge. Aus Sicherheitsgründen schickte er seine Helfer über all die Jahrzehnte nur in Gebiete, die er vorher selbst besucht hatte.

Diese Aufzählung ist längst nicht vollständig. Wolfgang Thierse, Freund und als Bundestagspräsident oft politischer Helfer von Rupert Neudeck, schrieb dazu nach Neudecks Tod im Jahr 2016: "Welch Panorama humanitären Engagements! Das ist und bleibt beinahe unglaublich." Die Neudecks haben von Troisdorf aus eine globale humanitäre Feuerwehr organisiert.

Neudecks muslimischer Freund und Helfer aus Somalia, Abdul Karim Guleid, konnte nach Neudecks Tod am 31. Mai 2016 nur stammeln: "Er war für mich wie ein Muhammad Ali." Der heute in einem Kölner Krankenhaus arbeitende Herzspezialist Dr. Quang Nguyen, den Neudecks Leute als Dreijährigen aus dem Südchinesischen Meer gefischt hatten, schrieb damals im "Stern": "Rupert Neudeck war für uns Boatpeople wie ein Vater." Neudeck war ein Menschenfischer im wahrsten Sinn des Wortes. Bundestagspräsident Norbert Lammert sagte: "Sein Vorbild bleibt", und Angela Merkel zu Neudecks Tod: "Ein wahres Vorbild an gelebter Menschlichkeit." Dieses Vorbild hat die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin 2015 mit inspiriert.

Neudeck starb an den Folgen einer Herzoperation. "Ruperts Herz war so groß, dass man es einfach nicht operieren konnte", schrieb sein Freund, der frühere Staatssekretär Ulrich Kasparick, "da hat die ganze Welt hineingepasst."

"Vielleicht verpfände ich unser Häuschen"

Die Anfänge dieser gelebten Menschlichkeit durfte ich als Journalist miterleben. Seit den Siebzigerjahren kannte ich Neudeck als unter Kollegen gefürchteten Fernsehkritiker der "Funkkorrespondenz". Im Juni 1979 besuchte er uns in meiner Redaktion "Report Baden-Baden" und fragte: "Habt ihr die Bilder von den absaufenden Boatpeople im Südchinesischen Meer gesehen? Wir müssen etwas tun für deren Rettung. Ich habe mit Heinrich Böll gesprochen, er unterstützt die Idee eines Rettungsschiffs." Ich fragte ihn, wie er ein Schiff finanzieren wolle. Seine Antwort: "Keine Ahnung, vielleicht verpfände ich unser Häuschen."

Dass er sein Häuschen dann doch nicht verpfänden musste, kam so: Wir gaben ihm im Politmagazin "Report", das damals noch um die zehn Millionen Zuschauer hatte, drei Minuten live, um seine Rettungsidee mit dem Schiff zu erklären. Kontonummern einzublenden war in den Siebzigerjahren in der ARD verboten. Also vereinbarte ich mit Neudeck, dass er ein ganz einfach zu merkendes Konto einrichten müsse und die Nummer in der Sendung live zweimal ganz langsam sagen soll.

Er tat es, und drei Tage später standen in der Stadtsparkasse Köln drei große, fette Säcke mit Spendenbelegen. Mit 1,3 Millionen Mark konnte er die "Cap Anamur" chartern. Am Morgen nach dieser Sendung war Neudecks Idee in Deutschland das Gesprächsthema.

Wir zeigten danach in zwei Jahren dreimal die Rettungseinsätze der "Cap Anamur", die Zuschauer spendeten rund 15 Millionen Mark, und Neudeck rettete mit seiner Crew 11.300 Boatpeople - "im Auftrag meiner Mitbürger und Spender", wie er immer wieder betonte. Kabarettist Dieter Hildebrandt schickte einen Umschlag mit 1000 Mark und schrieb: "Ihr seid zwar Verrückte, aber ich mag Verrückte."

Die damaligen Salvinis hießen Stoiber und Börner

Wie heute gegenüber der Kapitänin Carola Rackete gab es auch damals gegenüber den Rettern und den Geretteten Widerstände - weniger von Bürgern als von Politikern. Erst nach Gesprächen, die Neudeck und ich mit vier Ministerpräsidenten (Albrecht, Rau, Vogel und Späth) führten, konnten die Geretteten hier aufgenommen werden. Die damaligen Salvinis hießen Edmund Stoiber (CSU) und Holger Börner (SPD). Ihr Argument: Die "Cap Anamur" locke doch die Flüchtlinge erst an. Neudecks Antwort: "Man kann dem Elend nur konkret begegnen."

Etwa 250.000 Menschen sind vor 40 Jahren im Südchinesischen Meer ertrunken. In dieser Situation hatte sich die Bunderegierung auf einer Internationalen Flüchtlingskonferenz mit dieser Erklärung vorgewagt: "Jeder Kapitän eines Schiffes mit deutscher Flagge ist unter Strafe verpflichtet, Flüchtlinge in Seenot im Südchinesischen Meer aufzunehmen. Und die Bundesregierung ist bereit, diese Menschen in Deutschland aufzunehmen." Konkret zuständig für die Aufnahme waren dann die Bundesländer. Wo aber ist diese Verpflichtung heute?

Als 2018 in Troisdorf die Geretteten für Rupert Neudeck ein Denkmal einweihten, kamen 800 Boatpeople mit ihren Kindern und Enkeln und sangen "Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland". Viele Deutsche hatten Tränen in den Augen. Auch ich. Aus Flüchtlingen sind Mitbürger geworden. Neudecks letztes Buch erschien posthum. Der Titel: "In uns allen steckt ein Flüchtling - Ein Vermächtnis". Der letzte Satz in diesem Buch: "Wir alle waren glücklich".

In 40 Jahren haben die Cap Anamur-Helferinnen und -Helfer in 60 Ländern 25 Millionen Patienten behandelt, zwei Millionen Kinder geimpft und unzähligen Menschen das Leben gerettet. Neudecks Motivation? "Die Geschichte der Flüchtlinge geht uns alle an. Wir können uns nicht davon dispensieren."

Die Bergpredigt des wunderbaren jungen Mannes aus Nazareth war für die Neudecks immer Real-Utopie. Sie waren und sind Rebellen der Nächstenliebe. Ihre Tochter Yvonne leitet heute von ihrem Wohnzimmer aus die aktuellen humanitären Einsätze.

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