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Jom-Kippur-Krieg: Angriff am Feiertag

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Jom-Kippur-Krieg Kugelhagel am Versöhnungstag

Sie riefen "Gott ist groß!" und griffen an: Völlig unerwartet überfielen arabische Truppen 1973 Israel - an Jom Kippur, dem heiligsten jüdischen Feiertag. Hektisch holten die Überrumpelten zum Gegenschlag aus, doch erst mit Hilfe der USA konnten sie das Blatt wenden.

Der Angriff traf Israel wie ein Erdbeben - völlig unerwartet. 240 ägyptische Flugzeuge überquerten am 6. Oktober 1973 um 14 Uhr den Suezkanal und bombardierten die von Israel 1967 im Sechstagekrieg besetzte Sinai-Halbinsel. Parallel eröffneten 2000 ägyptische Geschütze vom Westufer des Kanals das Feuer. 53 Minuten lang hagelte der Kugelregen auf die israelischen Stellungen nieder und verwandelte die Bar-Lew-Linie, die lange als uneinnehmbarer Schutzwall galt, in ein Inferno.

Kurz darauf setzten Zehntausende ägyptische Soldaten mit Booten und eilig aufgeschlagenen Pontonbrücken über den Kanal und schlugen mit Wasserwerfern tiefe Schneisen in den meterhohen Sandwall der Bar-Lew-Linie, um Panzer und Leute nachzuziehen. Der Ruf "Allahu akbar!" ("Gott ist groß!") hallte lautstark durch die Wüste.

Ähnliche Szenen spielten sich auf den Golan-Höhen ab, die die Israelis 1967 ebenfalls besetzt hatten. Punkt 14 Uhr startete die syrische Armee dort zeitgleich ihren Angriff. "An zwei Fronten", schrieb der SPIEGEL, "entfesselten die Syrer und Ägypter eine wohl koordinierte gigantische Panzerschlacht." Das Ziel war klar: Beide wollten sich zurückholen, was die Israelis ihnen genommen hatten.

Der arabische Angriff erwischte Israel eiskalt, denn er erfolgte am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, dem Versöhnungstag. Die israelischen Stellungen an der Bar-Lew-Linie waren daher hoffnungslos unterbesetzt und sahen sich der ägyptischen Übermacht hilflos ausgeliefert. Auf den Golanhöhen mussten es gerade einmal 177 israelische mit 930 syrischen Panzern aufnehmen. Die ungleiche Schlacht erinnerte an den Kampf Davids gegen Goliath - und sollte die Israelis noch Jahre traumatisieren.

"Nicht Soldaten, sondern fliehende Mäuse"

Die Israelis hatten die arabischen Truppen unterschätzt. Noch drei Monate vor Ausbruch des Kriegs hatte der gerade pensionierte General Ariel Scharon getönt: "Im nächsten Krieg wird die Rückzugslinie Ägyptens Kairo sein. Er wird eine furchtbare Zerstörung Ägyptens mit sich bringen. Eine totale Zerstörung." Was er nicht würdigte: Seit dem Sechstagekrieg hatte sich die ägyptische Armee verändert. Russische Militärberater hatten aus dem undisziplinierten Haufen, der 1967 sang- und klanglos untergegangen war, eine neue Truppe geschmiedet.

Umso größer war nun an Jom Kippur das Entsetzen. Selbst General Mosche Dajan, Kriegsheld aus dem Sechstagekrieg, drohte den Kopf zu verlieren. Am 7. Oktober sagte er auf dem Rückweg vom Sinai nach Tel Aviv zu General Rehaw'am Ze'ewi : "Zwischen Tel Aviv und Abu Ageila ist kein einziger Panzer." Dies, so Dajan, bedeute die Zerstörung Israels. Später erinnerte er sich: "Ich hatte noch nie solche Angst."

"Der Mythos von der militärischen Überlegenheit Israels ist schwer erschüttert", frohlockte Ägyptens Generalstabschef Saadeddin Schasli. Binnen weniger Tage legten die Araber die Selbstzweifel ab, die sie seit dem verlorenen Sechstagekrieg hegten. Ein verletzter ägyptischer Soldat höhnte: "Was wir gesehen haben, waren nicht Soldaten, sondern fliehende Mäuse." Und der ägyptische Präsident Sadat triumphierte später, Dajan sei vor Pressekorrespondenten zusammengebrochen und hätte weinend erklärt, die Israelis hätten keine Chance mehr. Es schien nun wahr zu werden, was die Araber immer wieder angedroht hatten: Sie würden "Israel ins Meer werfen".

Kein Präventivschlag

Die Zukunft Israels schien nie so düster: Die angeblich uneinnehmbare Bar-Lew-Linie am Ost-Ufer des Suezkanal war sofort in sich zusammen gefallen, die wenigen Soldaten in die Flucht geschlagen. Und für einen Gegenschlag mussten erst einmal die Reservisten mobilisiert werden. Hinzu kam, dass die israelischen Geheimdienste auf ganzer Linie versagt hatten und von den Arabern ausgespielt worden waren. Zwar hatten beide Dienste mitbekommen, dass Syrer und Ägypter etwas im Schilde führten - doch einen Angriff stuften sie als "unwahrscheinlich" ein.

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Seit Jahren hatten Sadat und der syrische Dikator Hafiz al-Assad mit den Säbeln gerasselt und den großen Krieg angekündigt. Doch Taten waren nie gefolgt. Bisher. "Wir haben einfach nicht geglaubt, dass die Araber das konnten", gab später Mossad-Chef Zvi Zamir zu.

Und so fällte die israelische Regierung eine folgenschwere Entscheidung: Am 5. Oktober, einen Tag vor Ausbruch des Kriegs, warnte der Mossad, die Ägypter würden am nächsten Tag um 18 Uhr angreifen. Generalstabschef David Elazar forderte daraufhin, sofort alle Reservisten mobil zu machen. Doch Dajan und Ministerpräsidentin Golda Meir wiegelten ab. Israel dürfe seinen ohnehin angeschlagenen Ruf durch einen Präventivschlag nicht noch weiter ruinieren. "Wir müssen ein kalkuliertes militärisches Risiko akzeptieren, um politische Pluspunkte zu verbuchen", so Dajan.

Dajan hatte sich gefährlich verkalkuliert: Die Araber überrannten eine israelische Stellung nach der anderen. In den ersten drei Tagen fielen nach US-Schätzungen 1500 bis 2000 israelische Soldaten. "Wir werden den Feind angreifen, bis wir ihm die Knochen gebrochen haben", tönte Elazar. Es war kaum mehr als eine verzweifelte Drohgebärde - denn die Mobilisierung der Reservisten brauchte Zeit. Erschwerend kam hinzu: Israel feierte Jom Kippur. "Ohne Rundfunk, ohne Fernsehen, ohne Straßenverkehr. Ein nichtsahnendes Land", wie es der SPIEGEL Tage später formulierte. Nichtsahnend, bis die Sirenen anfingen zu heulen und der Rundfunk wieder sendete.

"Wir werden gewinnen"

Mit Codewörtern wie "Seewolf", "Fleischtopf" oder "Charmante Dame" rief der Rundfunk die Reservisten zu den Sammelplätzen. Von allen Seiten strömten die Männer zusammen. Am nächsten Tag schienen die Straßen der größeren Städte wie leergefegt. Die "New York Times" verglich die Atmosphäre in Jerusalem mit jener im "Auge eines Hurricans". Nur ein paar Geschäfte hatten geöffnet. Die wenigen Menschen auf der Straße verhielten sich gespenstisch ruhig.

Ministerpräsidentin Meir wandte sich mit Durchhalteparolen an das Volk: "Es gibt keinen Zweifel am Ausgang des Kriegs - wir werden gewinnen." Doch der militärische Durchbruch wollte selbst nach knapp einer Woche nicht kommen. Vor allem, weil Waffen fehlten: Die Israelis hatten zuhauf Panzer und Flugzeuge verloren und brauchten dringend Nachschub. Erst als US-Präsident Nixon beschloss, die Israelis zu unterstützen, wendete sich das Blatt. Am 12. Oktober setzte das Pentagon eine Luftbrücke in Gang, die die Israelis täglich mit Tonnen von Kriegsmaterial versorgte.

Mit den neuen Waffen und der Gewissheit, einen starken Partner im Rücken zu haben, starteten die Israelis die Gegenoffensive. Binnen Tagen drängten sie die Syrer im Norden zurück und kamen schließlich 30 Kilometer vor Damaskus zum Stehen. An der Suezfront wurde zäher gerungen: 1000 ägyptische Panzer standen schließlich 750 israelischen gegenüber und lieferten sich die größte Panzerschlacht seit dem Zweiten Weltkrieg. Am Ende konnten die Israelis den Kampf für sich entscheiden. Die israelischen Einheiten brachen über den Suezkanal ans Westufer durch, und rückten bis 70 Kilometer vor Kairo vor.

Wendung in letzter Sekunde

Was als lokaler Konflikt begonnen hatte, hatte zu diesem Zeitpunkt längste eine globale Dimension. Die arabischen Länder verhängten ein Ölembargo, das die USA und Europa empfindlich zu spüren bekamen. Gleichzeitig drohten die USA und die UdSSR, über die Oktoberkriegsfrage erneut aneinander zu geraten. Denn nicht nur die USA versorgten die Israelis mit Waffen, die Russen taten das gleiche mit Syrien und Ägypten. Beide Seiten verdächtigten sich, an der Seite des jeweils Verbündeten in den Krieg eingreifen zu wollen. Und um ihrem Verdacht Nachdruck zu verleihen, rasselten sie "in erschreckender Weise mit den Atomwaffen", wie es der SPIEGEL ein Jahr später rückblickend formulierte.

Kremlchef Leonid Breschnew sah sich derart in der Bredouille, dass er sogar den sonst so vernachlässigten "Heißen Draht" benutzte, um vorschnelle Aktionen zu verhindern. Für US-Präsident Nixon war der Konflikt der "schwierigste seit der Kuba-Krise", wie er in einer Pressekonferenz im Weißen Haus wenig später erklärte.

Am 25. Oktober 1973 konnte die Krisensituation endlich mit einem Waffenstillstand beendet werden. Er verpflichtete die kämpfenden Parteien, sich auf den Frontverlauf vom 22. Oktober zurückzuziehen. Israel hatte Sadat den Waffenstillstand abringen können - und so den Krieg zu seinen Gunsten gewendet.

An dem israelischen Trauma konnte das nichts ändern. 2700 israelische Soldaten verloren ihr Leben, das lange gehegte Sicherheitsgefühl war dahin. Sowohl Ministerpräsidentin Meir als auch Verteidigungsminister Dajan mussten den Hut nehmen. Für den ägyptischen Präsidenten Sadat hingegen war der Waffenstillstand der Auftakt für politisch überaus erfolgreiche Jahre. Auch wenn er den Sinai militärisch nicht zurückerobert hatte - über den Verhandlungsweg sollte es ihm knapp sechs Jahre später gelingen. Am 29. März 1979 unterschrieben Israel und Ägypten in Washington den in Camp David ausgehandelten Friedensvertrag, der ausdrücklich die Rückgabe der Sinai-Halbinsel vorsah.

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