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50 Jahre Élysée-Vertrag: Adenauers Alleingang

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Élysée-Vertrag Adenauers Alleingang

Wangenkuss der alten Männer: 1963 wurde der deutsch-französische Freundschaftsvertrag unterzeichnet, Charles de Gaulle und Konrad Adenauer fielen sich in die Arme. Seitdem wird das Abkommen mit großer Geste gefeiert - dabei war es bis zur letzten Minute höchst umstritten.

Warum sollten sie sich die beiden alten Männer jetzt nicht einfach umarmen und küssen? Herzlich auf die Wangen. Küsschen rechts, Küsschen links. Wie man es Frankreich unter Freunden macht.

Denn: Was hatten Konrad Adenauer und Charles de Gaulle nicht schon alles zusammen durchgemacht! Sie hatten sich in den letzten vier Jahren 15 Mal getroffen, etwa 100 Stunden miteinander geredet und sich 40 Briefe geschrieben. Auf den einstigen Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs hatten sie im Juli 1962 eine gemeinsame Militärparade abgehalten und danach in der Kathedrale Notre-Dame von Reims gemeinsam gebetet - feierlich und sichtlich bewegt.

Was für eine Symbolik: Reims, Krönungsstadt von 33 französischen Königen, im Ersten Weltkrieg derart heftig umkämpft, dass der Ort von den Franzosen "Märtyrerstadt" getauft wurde. Die Kathedrale, Symbol einer erbitterten Feindschaft, im Krieg von 300 deutschen Granaten getroffen. Und genau hier feierten 1962 die höchsten Vertreter der einstigen "Erbfeinde" einen gemeinsamen Gottesdienst; genau hier wollte de Gaulle "die Versöhnung von Deutschland und Frankreich besiegeln". Berühmte Worte, kurz danach in einer Gedenktafel verewigt.

Klischeehafte Rollenverteilung

Damit war der Höhepunkt nicht einmal erreicht. De Gaulle eroberte zwei Monate später die Herzen der deutschen Jugendlichen, als er ihnen in Ludwigsburg auf Deutsch zurief, sie seien "Kinder eines großes Volkes".

Dann kam dieser 22. Januar 1963, die Krönung dieser spektakulären Entwicklung: Unter den mächtigen Kristallkronleuchtern des Murat-Saals im Elysée-Palast unterschrieben Adenauer und de Gaulle den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag, der eine dauerhaft enge Kooperation in der Außen-, Kultur- und Jugendpolitik vorsah.

Fast klischeehaft die Rollenverteilung nach der Unterschrift. Hier der leidenschaftliche Franzose, der sagte: "Übervoll ist mein Herz und dankbar mein Gemüt, nachdem ich soeben mit dem Kanzler den Vertrag (…) unterschrieben habe. Niemand auf der Welt kann die überragende Bedeutung dieses Aktes verkennen. Nicht nur wendet sich damit das Blatt nach einer langen und blutigen Geschichte der Kämpfe und Kriege, sondern zugleich öffnet sich das Tor zu einer neuen Zukunft für Deutschland, für Frankreich, für Europa und damit für die Welt."

Und dort der nüchterne Deutsche, der nur einen Satz herausbrachte: "Herr General, Sie haben es so gut gesagt, dass ich dem nichts hinzufügen könnte."

Trotzdem: Es war ein Ja-Wort zu einer politischen Ehe. Warum sollten sie sich also nicht küssen? Eine kleine Pause. Dann zog der hünenhafte, 72-jährige de Gaulle den dürren, 87-jährigen Adenauer mit etwas Nachdruck in seine Arme und gab ihm den Bruderkuss. Adenauer habe sich beim ersten Kuss "noch ein wenig ungeschickt" gezeigt, beobachtete die "Süddeutsche Zeitung" damals, dann aber dem Franzosen "mit einer talentierten Bewegung des Kopfes" die rechte Wange präsentiert und scheu die Lippen gespitzt.

Ein halbes Jahrhundert ist es nun her, dass diese Bilder die Welt bewegten. Der Élysée-Vertrag war trotz einiger Konstruktionsfehler zweifellos ein großer Erfolg, weil er die Freundschaft unabhängig von der Tagespolitik institutionalisiert hat. Heute gibt es eine deutsch-französische Brigade und unzählige Städtepartnerschaften. Hunderttausende haben über das Deutsch-Französische Jugendwerk ihren Nachbarn kennen- und oft auch lieben gelernt. Paris und Berlin waren häufig der Motor der europäischen Politik, und auch wenn der zeitweise stockte, war die enge Zusammenarbeit nie grundsätzlich in Gefahr.

Kaum verwunderlich, dass beide Länder mit viel Pathos an den Vertrag erinnern. Zum 40. Geburtstag reiste der ganze Bundestag zu einer gemeinsamen Sitzung mit dem französischen Parlament ins Versailler Schloss - trotz einer Kampagne der "Bild" gegen diese vermeintlich verschwenderische "Sause". Wieder war es ein starkes Symbol, Versailles, Ort der gegenseitigen Demütigungen: im Spiegelsaal des Schlosses hatten die Deutschen 1871 nach ihrem Sieg über Napoleon III das Kaiserreich ausgerufen; im selben Saal mussten sie 1919 die harten Bedingungen des Versailler Vertrags akzeptieren.

Fundamentale Gegensätze

Je entspannter die Beziehungen der Nachbarn wurden, desto bemühter und inszenierter wirkten diese Gesten manchmal. Vor allen Dingen aber haben die rituellen Lobreden auf den Freundschaftsvertrag fast völlig vergessen lassen, wie umstritten dieses Abkommen einst war. Selbst in seiner eigenen Partei war Adenauer wegen des heute so umjubelten Vertrags zeitweise ziemlich isoliert - und sogar unmittelbar vor seiner Unterschrift warnten ihn enge Mitarbeiter vor dem Abkommen.

Der Grund: Trotz des ehrlichen Willens zur Aussöhnung liefen die außenpolitischen Vorstellungen Frankreichs und der Bundesrepublik mitunter diametral auseinander.

So war de Gaulle strikt gegen eine Aufnahme der Briten in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), Adenauer war dafür. De Gaulle wollte "ein Europa der Nationalstaaten" und war misstrauisch gegenüber überstaatlichen Behörden wie dem Europäischen Parlament. Adenauer hingegen wusste, dass die außenpolitisch nur eingeschränkt souveräne Bundesrepublik am meisten erreichen konnte, wenn viele nationale Kompetenzen nach Brüssel gingen.

Beginn einer unerwarteten Freundschaft

Am weitesten klafften die Vorstellungen aber im Verhältnis zu den USA auseinander: De Gaulle träumte von einem starken, unabhängigen Europa - einer Art dritten Macht zwischen den Blöcken, die sich auch in der Nato von der Dominanz der USA emanzipiert. Frankreich wollte in diesem Europa mit seinen Atomwaffen die führende Rolle spielen, die Bundesrepublik sollte Paris als wirtschaftlich starker Juniorpartner unterstützen. Die USA-freundlichen Briten konnten da nur stören.

Und Adenauer? Er wusste, dass gerade das geteilte Deutschland auf den militärischen Schutz der USA und Nato angewiesen war. Er musste also unbedingt vermeiden, dass eine enge Anbindung an den selbstbewussten General den lebenswichtigen Partner in Washington verärgerte.

Deshalb erwartete der Kanzler nach de Gaulles Machtantritt 1958 wenig Gutes. Er glaubte gar, der Franzose und er seien "so grundverschieden, dass eine Verständigung zwischen uns beiden außerordentlich schwierig" würde. Doch schon das erste persönliche Treffen brachte eine erstaunliche Wende. Der General schlug eine enge außenpolitische Zusammenarbeit vor und der Kanzler war "glücklich, einen ganz anderen Menschen vorgefunden zu haben, als ich befürchtet hatte".

"Die Bande zu Frankreich noch enger knüpfen

Adenauers Vertrauen wuchs, als de Gaulle dem Deutschen in schwierigen Zeiten (Berlin-Ultimatum, Mauerbau) fest beistand. Gleichzeitig war der Kanzler von der seiner Meinung nach zu nachgiebigen Politik der USA und Großbritanniens gegenüber der UdSSR enttäuscht. Im Mai 1960 notierte er nach einem Treffen mit US-Präsident Eisenhower und dem britischen Premier Macmillan: "Der Gesamteindruck, den ich hatte, war deprimierend und befestigte mich in dem Entschluss, die Bande mit Frankreich (…) noch enger zu knüpfen."

Zwei Jahre später änderten die USA ihre Militärstrategie grundlegend: ein sowjetischer Angriff würde nun nicht mehr zwangsläufig mit atomaren Waffen beantwortet: Adenauer sah die bisherige Politik der Stärke des Westens gegenüber Moskau unterhöhlt. Fortan setzte er ganz auf die französische Karte - vor allem zum Entsetzen des USA-freundlichen Auswärtigem Amt.

So warnte der deutsche Botschafter in Paris Adenauer kurz vor dessen Frankreichreise 1962 davor, "sich von de Gaulle für eine Achse Bonn-Paris einfangen zu lassen". Für den Diplomaten war es eine echte "Gefahr", dass de Gaulle der Bundesrepublik einen "Freundschaftspakt" anbieten könne. Der Kanzler ignorierte die Einwände. Seinem Berater Horst Osterheld verriet er sogar, er sei bereit, "mit den Amerikanern einige Jahre in Spannung zu leben". Man müsse dann eben mehr auf das "deutsch-französische und europäische Pferd" setzen.

"Sie dürfen nicht unterschreiben!"

Damit entfachte der Kanzler in der CDU eine Zerreißprobe zwischen Atlantikern und Gaullisten. Die Debatten wurden heftiger, als Adenauer im Januar 1963 ankündigte, er werde einen Vertrag mit Frankreich abschließen. Ein völkerrechtliches Abkommen, hieß es aus dem Auswärtigen Amt, könne wegen de Gaulles antiamerikanischer Politik die USA verärgern und müsse zudem im Parlament ratifiziert werden. Führende Mitarbeiter des Amtes rieten daher, der Kanzler solle lieber nur eine unverbindliche Erklärung oder ein Protokoll unterzeichnen.

Ausgerechnet jetzt drängte de Gaulle seinen Freund Adenauer unfreiwillig noch weiter ins Abseits. Am 14. Januar 1963 - acht Tage vor der Vertragsunterzeichnung - lehnte de Gaulle auf einer Pressekonferenz ziemlich undiplomatisch den Beitritt Großbritanniens in die EWG ab.

Nun waren die Kritiker des Kanzlers vollends alarmiert. CDU-Politiker Hallstein, erster Kommissionspräsident der EWG, warnte Adenauer noch am 20. Januar vor den Folgen des Vertragabschlusses. Einen Tag später sagte Staatssekretär Karl Carstens, der spätere Bundespräsident: "Herr Bundeskanzler, Sie müssen unbedingt de Gaulle ins Gewissen reden, dass er seine Englandposition revidiert; andernfalls dürfen Sie den Vertrag nicht unterschreiben!"

Kurzer Jubel

Doch Adenauer blieb unbeirrt. De Gaulles Freude darüber sollte sich aber nur wenige Monate halten. Der Bundestag billigte zwar im Mai 1963 den Vertrag, stellte ihm aber eine Präambel vorweg, die den Willen der Deutschen zur EWG-Aufnahme Großbritanniens und die engen Beziehungen zu den USA betonte.

Melancholisch sagte de Gaulle daraufhin: "Verträge sind wie junge Mädchen und Rosen, sie halten, solange sie halten". In seinen Augen war das Abkommen mit der Präambel nutzlos geworden. Er täuschte sich, zum Glück.

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