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Die Anfänge der Rolling Stones: Die Band stand mehrmals kurz vor der Auflösung

Erste Stones-Single "Das Publikum fing sofort Feuer"

Zu Besuch bei den Rock-Opas: 1963 erschien die erste Rolling-Stones-Single und leitete eine Rock-Zeitenwende ein. 19 Jahre später erlebte Michael Kloft bei einem Konzert in Frankfurt, wie die damals schon dezent ergraute Truppe alle Routine ablegte - und sich in Biester auf der Bühne verwandelte.

Plötzlich verwandelte sich die Festhalle in eine Kathedrale, als die Hymne aus der Frühzeit erklang. Die Intensität des Gesangs, der phänomenale Sound rissen mich mit, einen eigentlich skeptischen 21-Jährigen. Wie oft hatte der Song aus dem Zimmer meines älteren Bruders geschallt. Wie oft hatte ihn die Band schon live gespielt.

Es war, als hörte ich das Lied zum ersten Mal. So, als habe die Band es gerade erst geschrieben. "Time is on My Side". Eigentlich ein Song von 1964, die vierte Single der Rolling Stones. Doch auch 18 Jahre später, an diesem 29. Juni 1982, fing das Publikum bei diesen Riffs, bei diesen Zeilen sofort Feuer.

Die Stones gastierten an diesem Abend in Frankfurt. Es war die wohl letzte Gelegenheit, sie so hautnah zu erleben. Schon im Jahr zuvor hatten sie mühelos Football-Stadien in den USA gefüllt, doch der direkte Kontakt zum Publikum war dabei verlorengegangen. Doch hier in Frankfurt gab es einen Laufsteg, der von der Bühne weit in den Innenraum reichte. Er war wie ein Versprechen: das unmittelbare Erleben der puren Energie von Musik. Und ich war dabei.

Habt ihr noch was zu sagen?

Eigentlich hielt ich die Rolling Stones damals für Dinosaurier, die gerade das belanglose Album "Tattoo You" veröffentlicht und der Welt nichts mehr zu sagen hatten. Mick Jagger, damals fast vierzig, turnte im körperbetonten Strampler-Outfit auf die Bühne, der gleichaltrige Keith Richards gab den alternden Rockpiraten mit obligatorischer Zigarette im Mundwinkel, den Johnny Depp später so trefflich karikierte. Bei dem etwas älteren Charlie Watts lichteten sich bereits die Haare, Bill Wyman war einfach Bill Wyman.

Wer die Sprengkraft der frühen Stones nicht selbst erlebt hat und wissen will, warum sie Mitte der sechziger Jahre auf dem Höhepunkt der Beatlemania wie eine Bombe einschlugen, der möge sich die restaurierte Fassung des Films "Charlie is My Darling" ansehen, der 1965 während einer Konzertreise nach Irland gedreht und erst kürzlich wieder veröffentlicht wurde.

Das Line-up der Band: ein unschuldig dreinschauender Keith Richards mit noch blendend weißen Zähnen, der seine Gitarre malträtierte. Der stoische Bassist Bill Wyman, der irgendwie nicht dazuzugehören schien, als jugendliche Fans die Bühne stürmten und die anderen Bandmitglieder in die Flucht schlugen; Schlagzeuger Charlie Watts als treibende Kraft im Rollkragenpullover; Brian Jones, der Liebling der weiblichen Fans; und der 22 Jahre alte Mick Jagger, der die Songs über "Jungs-Mädchen-Beziehungen", wie er im Interview sagt, als wilder, egozentrischer Entertainer zelebrierte.

Nur Geld im Sinn

Bei Veröffentlichung ihrer ersten Single habe man der Band ein Jahr oder anderthalb gegeben, erzählte er später. "Come On" hieß der Song, der am 7. Juni 1963 erschien. Ein Chuck-Berry-Cover im modischen Beat-Gewand. Die Entscheidung für "Come on", schrieb Richards in seiner 2010 erschienenen Autobiografie "Life", sei rein kommerziell gewesen: "Ich glaubte nicht, es sei das Beste, was wir machen konnten. Doch ich wusste, dass wir damit Eindruck hinterlassen würden."

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Die Anfänge der Rolling Stones: Die Band stand mehrmals kurz vor der Auflösung

Beim Konzert in Frankfurt hinterließen die Stones anfangs keinen besonderen Eindruck, im Gegenteil: Mit "Let's Spend the Night Together" bestätigten sie das Vorurteil, nur noch ein Abziehbild ehemaliger Größe zu sein. Auch die folgenden Songs, teilweise aus dem damals aktuellen Album, zündeten nicht. Die Band versuchte sich an allerlei Covern, unter anderem "Twenty Flight Rock" von Eddie Cochran.

Mich erinnerte das an die Anfänge der Stones, die vom Chicago Blues und amerikanischen Rock 'n Roll geprägt waren. Im ersten Jahr, so schrieb Richards in "Life", hingen die Rolling Stones herum, stahlen Essen und übten. Mit Jugendfreund Jagger und Brian Jones lebte er im Londoner Stadtteil Fulham. "Wirklich ekelerregend" habe es in der Wohnung ausgesehen, wichtigstes Möbelstück war eine Musiktruhe aus den Fünfzigern mit integriertem Radio und einem Plattenspieler. Drei Jahre später fuhren sie schon mit Limousinen zu ihren Auftritten.

Leiche im Pool

"Time is on My Side". Die Hymne über einen Jungen, der auf die Rückkehr eines Mädchens wartet, das frei sein will, elektrisierte die Frankfurter Festhalle. Auf der Bühne stand plötzlich nicht mehr eine Truppe alter Knacker, die sich selbst und andere nur kopiert, sondern eine Rocktruppe, die mit "Beast of Burden" zeigte, wo es langging. Allen voran Mick Jagger, der zur Freude des Publikums den Laufsteg ausgiebig nutzte, um seinen Fans nahe zu sein.

"You Can't Always Get What You Want" und "Let it Bleed" führten zurück ins Jahr 1969, als die Rolling Stones den Gipfel des Ruhms erreicht hatten, die Band aber einen schweren Schicksalsschlag hinnehmen musste. Jahrelang hatte sich Brian Jones als Bandleader inszeniert, doch Jagger und Richards stahlen ihm längst die Show. Sie schrieben die Hits und standen mit ihren Freundinnen Marianne Faithfull und Anita Pallenberg im Rampenlicht.

Jones hatte zunehmend Probleme und versank immer öfter im Rausch. Schließlich wurde er von seinen beiden Freunden persönlich mit den Worten gefeuert: "Hey, Brian... It's all over, pal". Ein paar Wochen später trieb seine Leiche in einem Swimmingpool. Der Nachfolger stand schon bereit, auf dem Konzert im Londoner Hyde Park spielte Mick Taylor wie selbstverständlich Gitarre. Brian Jones, dem man eigentlich Tribut zollen wollte, schien zwei Tage nach seinem Tod musikalisch bereits vergessen.

Nur mittelmäßige Musiker

Von Anfang an fand der Neue die großspurige Attitüde der Rolling Stones "aufgeblasen". Er hielt sie für mittelmäßige Musiker, die tolle Ideen hatten. Die Band schuf sich eine eigene Welt mit Sex, Drogen und Rock'n'Roll, in die Taylor nach und nach abglitt. Vor allem Keith Richards hatte inzwischen ein ernstes Heroinproblem. Die Band habe mehrmals kurz vor der Auflösung gestanden, sagte Taylor später.

1972 waren die Stones auf große Tournee durch die USA gegangen. Mit dabei der Dokumentarfilmer Robert Frank. Nach dem Willen der Protagonisten blieb das Ergebnis des schonungslosen Blicks hinter die Kulissen im Giftschrank; laut Gerichtsbeschluss darf es aber vier Mal im Jahr in Anwesenheit des Regisseurs in einem "Archivumfeld" gezeigt werden. Nicht, weil "Cocksucker Blues" (so heißt das Werk) drastische Drogen- und Sexexzesse zeigt, sondern weil der Film die depressive Stimmung und die Einsamkeit der Stars dokumentiert.

In der Festhalle war davon nichts mehr zu spüren, als die Kronjuwelen der Stones an die Reihe kamen, allen voran "Brown Sugar" aus dem Jahr 1971. Gitarrenriff und Text stammten von Mick Jagger, der bis heute ein Geheimnis um die Bedeutung der Worte macht. Routinemäßig spulten die Stones den Klassiker ab. Jagger trieb seine Verrenkungsakrobatik auf die Spitze. Richards schrammelte den Beat. Ron Wood war immer noch kein vollwertiges Mitglied der Band, obwohl er schon seit Jahren Mick Taylor ersetzte. Der hatte nämlich vom exzessiven Leben mit der Band irgendwann genug. Seit neuestem verweigern ihm die Ex-Kollegen die Tantiemen. Beim Unternehmen Rolling Stones geht es schließlich um viel Geld.

Weiter, immer weiter

In Frankfurt warfen die Stones der hungrigen Meute die letzten "Barnburner" vor: "Start Me Up" und natürlich "Jumping Jack Flash", die LSD-Phantasie aus den späten Sechzigern, die seither bei keinem Konzert fehlen darf. Jagger gab noch einmal alles - als wäre es das letzte Mal.

In den folgenden dreißig Jahren nach diesem Konzert sah die Karriere der Stones dann in etwa so aus: Gelegentlich erschien ein neues Werk der Band, das zumeist rasch wieder vergessen war. Der ein oder andere Egotrip (Film, Buch, Soloalbum) reizte die Kollegen. 1992 hatte Bill Wyman plötzlich keine Lust mehr, Bill Wyman zu spielen. Der Rest ging unverdrossen auf Mega- oder Giga-Tour und begeisterte weltweit die Massen.

In Europa bieten sich die nächsten Gelegenheiten am 26. Juni 2013 in Glastonbury, sowie im Juli im Londoner Hyde Park, fast pünktlich zum 70. Geburtstag Mick Jaggers - und mit Mick Taylor an der Gitarre. Wer die Rolling Stones bislang noch nicht live erlebt hat, sollte unbedingt hingehen.