50 Jahre »Tatort« Und dann Schimanski! Scheiße, ist das gut

Alle »Tatort«-Fälle ab Folge 1 angucken – wer macht denn so was? Ich. Es ist eine Zeitreise in die Geschichte der Bundesrepublik, oft unterhaltsam, manchmal auch ermüdend. Und zehnmal überragend.
Von "Tatort"-Allesseher Peter Ahrens
»Tatort«-Denkmäler Schimanski (Götz George) und Thanner (Eberhard Feik) 1987: No Future

»Tatort«-Denkmäler Schimanski (Götz George) und Thanner (Eberhard Feik) 1987: No Future

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Horst Ossinger/ dpa

Jetzt bin ich bei Nummer 729. »Häuserkampf«, Erstausstrahlung 13. April 2009, mit dem lässigen Cenk Batu, der in einer Wohnschachtel in der Hamburger Mundsburg haust und im Dienste der Gerechtigkeit seine Identitäten wechselt. Einer der Guten, ich kann das beurteilen.

Schließlich habe ich schon in 728 »Tatort«-Fällen beim Ermitteln zugeschaut, Folge für Folge, ab Fall 1. Der alte Kommissar Trimmel war meine erste Bekanntschaft, dieser barsche Patriarch mit seinem ewigen Zigarrenstummel, den er nur aus dem Mund nimmt, um sich einen Whiskey zu gönnen. Die Flasche steht im Büroschrank. 1970 wurde im Dienst noch ordentlich gesoffen.

Den »Tatort« gibt es seit einem halben Jahrhundert, seit Trimmels »Taxi nach Leipzig«, am Sonntagabend feiert die Serie ihren 50. Geburtstag mit der 1146. Folge. Ich habe also noch einiges zu gucken.

Berlin, der Seuchenvogel

Die Jubiläumsfolge hat allerdings ohne mich stattzufinden, vielleicht dann 2024, wenn sie an der Reihe ist. Stattdessen gucke ich Folge 730 »Oben und unten« mit den Berliner Kommissaren Ritter und Stark. Da muss ich durch, Berlin war über viele Jahre so etwas wie die Seuchenstadt des »Tatort«, wenn man das in diesen Zeiten noch so formulieren darf. Vieles funktioniert hier in Berlin ja nicht so gut, der »Tatort« gehörte lange dazu.

Heinz Drache als freundlichen Gute-Nacht-Onkel Bülow habe ich überstanden, sogar das Ermittler-Duo aus der Hölle, Roiter und Zorowski, das wohl schlechteste Kommissarpärchen in der langen Geschichte mit Wackelbildern und hanebüchenen Storys. So schlecht, dass es fast schon wieder Spaß macht. Fast.

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50 Jahre »Tatort«: Vom deutschen James Bond bis zu den Berliner Dilettanten

Foto: United Archives / Schweigmann / imago images

Ich gucke seit gut vier Jahren systematisch, wie so ein guter deutscher Polizeibeamter. Nach Folge 1 kommt Folge 2, nach 178 »Einer sah den Mörder« kommt 179 »Leiche im Keller«. Internet und Mediatheken halten heute nahezu jede Folge bereit, manchmal muss man ein bisschen suchen, oder Freunde schieben mir per Digitalpost »Tatort«-Folgen zu, die sie mal auf ihren Festplatten abgespeichert haben.

Ich nehme und gucke alles, selbst die Fälle des drögen Kommissars Bienzle, auch Max Palu, sogar die albernen Münster-»Tatorte«, die der ARD regelmäßig Quotenrekorde einfahren. Warum das so ist, hat sich mir auch durch Intensivrecherche nicht erschlossen. Es ist eher noch rätselhafter geworden.

Mal knistert's, mal döst man

Anfangs wollte ich dem Phänomen auf die Spur kommen. Der »Tatort«, letzte bundesdeutsche Fernsehinstitution aus der Zeit, als die Familie noch vor »3 x 9« mit Wim Thoelke vor dem Bildschirm saß, vor Vivi Bach und Dietmar Schönherr, Rainer Holbe und Ilja Richter. Ist der »Tatort« tatsächlich ein Spiegel der Geschichte der Bundesrepublik, wie er bei jedem Jubiläumsanlass verkauft wird? Welche Gesellschaft soll das abbilden? Wer das rausfinden will, muss es gucken.

So begann es. Bald wurde der Dauer- zum Selbstläufer, nun sind der grantelnde Wirtz aus Wien, der langweilige Brinkmann aus Frankfurt und der Frikadellen-Gourmet Haferkamp aus Essen Stammgäste im Wohnzimmer. Jeder hat seine Macken.

Der »Tatort« ist das letzte Lagerfeuer, kein Text über die Serie darf ohne diesen Satz auskommen. Also: Der »Tatort« ist das letzte Lagerfeuer. Und wie das beim Lagerfeuer so ist, mal knistert es, mal döst man in wohliger Wärme vor sich hin. Ehrlich gesagt: Man döst ziemlich oft. Da war viel Meterware dabei. »Todeszeitpunkt?« – »Acht Stunden. Näheres kann ich Ihnen erst nach der Obduktion sagen.«

An manche Folgen erinnere ich mich schon nach Wochen nicht mehr. Folge 242 »Kameraden«, Kommissar Carlucci aus der Schweiz, habe ich das wirklich gesehen? Offenbar, in meinem »Tatort«-Lexikon ist ein Haken dahinter.

Willkommen in den entschleunigten 70ern

Eine Zeitreise ist es allemal. Die Siebzigerjahre, die Schutzpolizei im VW Käfer, auf dem Beifahrersitz der unvergleichliche Klaus Schwarzkopf als leiser Kommissar Finke aus Kiel, der mit einer nachdenklichen Kopfbewegung und einen Blick über seine Pfeife hinweg alles sagen kann. Und wie viele Verbrechen wären nie passiert, wäre nur eine Telefonzelle in der Nähe gewesen. Oder hätten die Opfer schon ein Mobiltelefon besessen.

Das Tempo war langsamer, Münchens Kommissar Melchior Veigl hatte alle Zeit der Welt, um seinen Dackel auszuführen. Regisseur Peter Schulze-Rohr wagte noch einen Zwei-Stunden-»Tatort«, 119 Minuten Psychogramm mit Erika Pluhar und Helmut Käutner; in der Rolle des Staranwalts: Staranwalt Rolf Bossi. In den zehn Jahren bis 1980 entstanden 118 Tatorte, dafür braucht die ARD heute gerade mal drei Jahre.

Geändert haben sich auch die Stadtansichten, die Autos, Klamotten und Frisuren, alles bis auf die Doldinger-Titelmusik und der Vorspann. Nach dem überkorrekten Heinz Haferkamp im Trenchcoat kam Horst Schimanski, da trauten sich die ersten, den »Tatort« Kult zu nennen. Die Eingangsszene von »Duisburg Ruhrort«, wenn Götz George aus dem Fenster schaut und sich am Rücken kratzt, im Hintergrund die Hochöfen, grauer Himmel, die Wohnung ein einziger Sauhaufen – man möchte sie sich einrahmen. No Future.

So war das damals. Haferkamp war Helmut Schmidt, Schimanski war Joschka Fischer. Der damalige Joschka Fischer, wohlgemerkt. Als er noch nicht Helmut Schmidt war.

Eine Polizeipsychologin zum Verlieben

Wenn man ihnen allen beim Ermitteln zuschaut, hat man bald seine Lieblinge und jene, die geguckt werden müssen, weil es die preußische Pflicht und die Statistik so verlangen. Finke, Haferkamp, Schimanski, Batic und Leitmayr natürlich, alle herrlich. Ebenso später Borowski, wieder Kiel, an seiner Seite die unwiderstehliche Frau Jung, in die sich jeder verlieben muss, der seine fünf Sinne noch beisammen hat. Und vor allem Fritz Dellwo und Charlotte Sänger aus Frankfurt, Fälle so düster wie ein nie endender Lockdown. Seitdem meide ich nach Möglichkeit Filme mit Andrea Sawatzki, weil ich sie mir in keiner anderen Rolle mehr vorstellen kann.

Heute gibt es vom »Tatort« Frühstücksbrettchen, Kaffeetassen, Kuscheldecken. Der »Tatort« wird hoffnungslos überhöht. TV-Kulturgut ist er sicher, ein Spiegel der Gesellschaft sicher nicht. Allein schon dass die Kommissare samt und sonders ein mehr oder weniger sozialdemokratisch puckerndes Herz in der Brust tragen, dürfte einem Abgleich mit der Polizeirealität nicht zwingend standhalten. Wahrscheinlich war Trimmel der letzte Konservative, und selbst ihm traut man die SPD zu. Wenn auch Seeheimer Kreis.

Der »Tatort« ist und bleibt Fiktion, keine Doku von Radio Bremen. Er ist nicht mehr und nicht weniger als manchmal gute, manchmal sehr gute Unterhaltung, und wenn man fasziniert ist von Handlung und Bilderwelt, dann kommt der »Tatort« zumeist aus München. Die Fälle von Ivo Batic und Franz Leitmayr sind oft Perlen der Serie gewesen, sie haben das Niveau sogar noch gehalten, als der geliebte Carlo nicht mehr dabei war.

So abgekämpft, so müde, so grau

Aber ich habe Angst davor, mit meiner Guckerei bei den Folgen von 2020 anzukommen. Die beiden sind jetzt schon, also anno 2009, so abgekämpft, so müde und grau. Wie soll das erst ein Jahrzehnt später werden? Bitte verraten Sie es mir nicht. Auch nicht, ob Max Ballauf und Freddy Schenk ihre dritten Zähne in die Currywurst versenken müssen.

Wer an »Tatort«-Preziosen denkt, redet von »Reifezeugnis« mit Nastassja Kinski oder »Frau Bu lacht« von Regisseur Dominik Graf , von »Im Schmerz geboren« mit Ulrich Tukur. Alle gut, zweifellos, Hochfeste fürs Feuilleton, aber für mich hat es Bessere gegeben. Noch Bessere. Und wenn es schon irgendeinen Sinn haben soll, sich jahrelang »Tatort«-Folgen um die Ohren zu schlagen, ohne wenigstens ein Buch darüber zu schreiben, dann doch wenigstens den, ein bisschen Service zu leisten.

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Kommissar-Karussell: Alle »Tatort«-Teams im Überblick

Foto: SWR/Daniel Dornhöfer

So soll denn die Dienstleistung nach vier Jahren und 729 »Tatort«-Folgen diese sein: Hier sind die zehn besten Tatorte, rausgesiebt aus all den Odenthals, Eisners, Ehrlichers, Stedefreunds, Perlmanns, Bienzles und Konrads. Dann brauchen Sie die anderen 719 nur zu schauen, wenn Sie wirklich möchten. Gern geschehen.

Platz 10: »Der unsichtbare Gegner« (Erstausstrahlung 7. März 1982), Folge 134 mit Kommissar Horst Schimanski, Duisburg

Schimanski wird von einem Unbekannten verfolgt, attackiert, bedroht. Wie der Kommissar das langsam begreift, wie er nach und nach von Schimmi zu Schimanski wird und den Ernst der Lage erkennt, das ist von atemloser Spannung bis zur letzten Minute.

Platz 9: »Auf der Sonnenseite« (26. Oktober 2008), Folge 709 mit Cenk Batu, Hamburg

Der NDR hat echten Mut bewiesen, indem er Batu mit diesem Fall auf die Zuschauer losließ. Ein wortkarger Typ mit einer Geschichte, die sich erst in mehreren Folgen entfaltet. Einen cooleren Typen gab es in 50 Jahren kaum. Diese erste Batu-Folge ist die beste, die letzte die zweitbeste, die dazwischen haben nur einen großen Makel: Es waren zu wenige.

Platz 8: »Kressin stoppt den Nordexpress« (2. Mai 1971), Folge 7 mit Zollfahnder Kressin, überall, wo was los ist

Ha, Kressin, diese deutsche Karikatur von James Bond, im linken Arm eine Frau, im rechten Arm eine Frau, und Platz für einen Drink ist auch noch. Vollkommen drüber, der Typ, aber zuweilen sind die »Tatorte« die stärksten, die einem nicht krampfhaft vorspiegeln wollen, sie bildeten die Realität ab.

Platz 7: »Wie einst Lilly« (28. November 2010), Folge 781 mit Felix Murot, Wiesbaden

Für Ulrich Tukur habe ich gern eine Ausnahme gemacht und seine Fälle schon geschaut, obwohl sie noch nicht an der Reihe sind. Pardon dafür. »Im Schmerz geboren« ist der Hype, aber dieser erste Murot-Fall, in dem Tukur mit seinem Hirntumor plaudert, ist noch umwerfender. Und es gibt weniger Leichen.

Platz 6: »Leerstand« (9. Oktober 2005), Folge 609 mit Fritz Dellwo und Charlotte Sänger, Frankfurt am Main

Dellwo und Sänger, vielleicht das beste Ermittlerpaar. Wie sie hier in einen Albtraum im verlassenen Polizeipräsidium geraten, hätte Franz Kafka glücklich gemacht. In seinem Fall also unglücklich. Jeder Blick von Andrea Sawatzki sitzt.

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Platz 5: »Alptraum« (4. Mai 1997), Folge 359 mit Lea Sommer, Hamburg

Hannelore Elsner hat nur zweimal den »Tatort« als Lea Sommer gedreht, dieser empfiehlt sich, wenn milder Sonnenschein ins Fenster leuchtet. Die Bedrohung durch den Frauenmörder ist so beklemmend, dass einem das Blut in den Adern gefriert. Der einzige »Tatort«, den ich in dunkler Nacht unterbrechen musste, weil ich nicht weitersehen konnte. Am nächsten Tag ging es dann.

Platz 4: »Die Zärtlichkeit des Monsters« (31. Oktober 1993), Folge 282 mit Lena Odenthal, Ludwigshafen

Noch ein Albtraum, der unheimliche Bösewicht Carsdorff – Manfred Zapatka spielt einen Dämon, der es auf die Ermittlerin abgesehen hat. Man kann heute gar nicht recht glauben, wie gut die ersten Odenthal-»Tatorte« waren. Spannend und anspruchsvoll, manchmal machten sie sogar richtig Ärger wie der legendäre Pfalz-Krimi »Tod im Häcksler«.

Platz 3: »Moltke« (28. Dezember 1988), Folge 214 mit Horst Schimanski, Duisburg

Schimanski pöbelt, säuft, tröstet, schimpft, er liebt und feiert Weihnachten. Der Kommissar auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Und wieder muss Thanner auf ihn aufpassen. Dazu das Milieu der polnischstämmigen Community, Hänschen mit Feiertagsbereitschaft, man mag sich einfach nicht sattsehen. Perfekt für Weihnachten 2020. Darauf ein Gläschen Danziger Goldwasser!

Platz 2: »Der oide Depp« (7. April 2008), Folge 696 mit Ivo Batic und Franz Leitmayr, München

Die Münchner haben so viele großartige Fälle abgeliefert: »Wir sind die Guten«, in dem Batic ohne Gedächtnis durch die Welt läuft, oder »Das unheimliche Märchen« mit dem noch viel unheimlicheren Hilmar Thate. Aber hier gibt es den Opa Sirsch, und der schlägt alles. Die verwickelte Handlung, die intelligenten Zeitsprünge, der geniale Widerling Jörg Hube, Nemec und Wachtveitl in Bestform: brillant. Aber der Eigenbrötler Sirsch, verkörpert von Fred Stillkrauth, ist »Tatort«-Geschichte.

Platz 1: »Duisburg-Ruhrort« (28. Juni 1981), Folge 126 mit Horst Schimanski, Duisburg

Wenn man eine »Tatort«-Folge in einer Raumkapsel ins All schießen würde, dann sollte es diese sein. Ob Aliens dann noch Lust hätten, die Erde zu besuchen? Schimanski läuft durch ein rottes Ruhrgebiet und erfindet den deutschen Fernsehkrimi völlig neu. Scheiße, ist dieser Film gut.

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