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"Der alte Mann und das Meer": Im selben Boot mit Hemingway

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"Der alte Mann und das Meer" Im selben Boot mit Hemingway

Es war sein größtes Vermächtnis: 1952 erschien "Der alte Mann und das Meer" - und machte nicht nur Ernest Hemingway berühmt, sondern auch seinen Bootsmann Gregorio Fuentes. Noch mit 104 erzählte der, wie eine zufällige Begegnung seinen Freund zu dem Jahrhundertwerk inspirierte.

Es ist eine Episode wie aus einem Roman. Zusammen mit ein paar Freunden strandet ein Amerikaner mit seinem Boot vor Dry Tortugas, einer verlassenen Insel im Golf von Mexiko. Vielleicht war es 1928, vielleicht 1932 oder irgendwann dazwischen. Das ist nicht so bedeutend für diese Geschichte. Wichtig ist, dass der Amerikaner sicher gewesen ist, dass jemand auf dem Eiland lebt. Nun ist der Treibstoff ausgegangen, die Vorräte sind so gut wie erschöpft und die Gruppe treibt hilflos vor dem Eiland, rund 200 Kilometer entfernt von den Küsten Floridas und Kubas. Zu allem Übel fegt ein heftiger Sturm über den Golf hinweg.

Es hätte auch das Ende der unbedachten Abenteurer sein können, doch das Schicksal sendet ihnen Hilfe: einen kubanischen Fischer, der den Amerikaner und seine Freunde sicher an Land bringt. "Ich will, dass du mein Skipper wirst", sagt der Amerikaner dem Fischer danach, "mein erster Befehl ist, dass du einen Whiskey mit mir trinkst, und der zweite, dass wir sofort im Golf fischen."

Der Amerikaner war Ernest Hemingway, der Fischer Gregorio Fuentes. Es ist der Beginn einer lebenslangen Freundschaft. Für 250 Dollar im Monat und freiem Gin und Whiskey wird Fuentes der Bootsmann der "Pilar". Auf der zwölf Meter langen Yacht wird Hemingway in den nächsten Jahrzehnten schreiben, trinken, fischen und berühmten Freunde wie Errol Flynn, Ava Gardner, Spencer Tracy und Ingrid Bergman das Meer zeigen. Immer dabei: Fuentes. "Ich war sein Koch, Seemann, Kapitän, Begleiter." Und bald nach dem Freitod Hemingways 1961 wird er auch der wichtigste Evangelist des großen amerikanischen Schriftstellers.

Die Geschichte, die Hemingways Leben änderte

Der Mann, der häufig Tage allein mit dem Schriftsteller auf dem Meer verbrachte, starb 2002 im Alter von 104 Jahren und überlebte seinen Freund damit um mehr als vier Dekaden. In dieser Zeit pilgerten Reporter aus aller Welt zu dem alten Mann, um Fuentes' Geschichten zu lauschen. Die Journalisten erkannten den Bootsmann in Hemingways Geschichten wieder. So wurde Fuentes etwa zum Vorbild für den Fischer Santiago, der Hauptfigur in "Der alte Mann und das Meer", hochstilisiert.

Die Novelle, die 1952 erschien, markiert Hemingways Aufstieg vom bekannten Schriftsteller zu einem der großen amerikanischen Autoren. Am 1. September erschien sie im "Life"-Magazin und sorgte für einen Auflagenrekord: Innerhalb von zwei Tagen wurden 5,2 Millionen Hefte verkauft. Der große schmale Band sollte Hemingways Leben grundlegend verändern.

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"Der alte Mann und das Meer": Im selben Boot mit Hemingway

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1953 erhielt er für die Geschichte des alten Mannes und seinen Kampf mit einem riesenhaften Marlin den Pulitzer-Preis, ein Jahr später folgte der Nobelpreis für Literatur. Journalisten und Professoren machten sich eifrig daran, Hemingways Gesamtwerk neu zu bewerten. Gleichzeitig sollte "Der alte Mann und das Meer" das letzte Buch werden, das Hemingway vor seinem Tod veröffentlichen würde.

Wer war der alte Mann?

Auch wenn Fuentes stets bestritt, dass er der alte Mann aus dem Buch war, hatte er doch einige Anekdoten zur Genese des Buches auf Lager. So berichtete er, dass "Papa" (so nannte er Hemingway) und er einmal einem Jungen und einem alten Mann begegneten, die auf einem kleinen Boot weit draußen vor der Küste fischten. In einer Version von Fuentes Geschichte saßen die beiden einfach im Boot und hofften auf einen Fang, in einer anderen kämpften sie mit einem riesigen Fisch am Haken. In beiden Varianten bot Hemingway seine Hilfe an und der alte Mann schlug sie ärgerlich aus.

Manchmal erzählte Fuentes auch, dass er Hemingways berühmter Novelle den Titel gegeben habe. "Papa" sei so beeindruckt von dem Mann im Boot gewesen, dass er eine Geschichte darüber schreiben wollte. "Dann fragte er mich, was für einen Titel er der Geschichte geben soll, da sagte ich ihm: 'Haben wir nicht einen alten Mann getroffen? Und war der nicht mitten im Meer? Na bitte, da haben wir schon den Namen der Geschichte.'"

Als Hemingway starb, vermachte er seinem Bootsmann die "Pilar". Doch der fuhr nach dem Tod seines Kapitäns nie wieder aufs Meer hinaus. Er würde sich auch so schon oft genug an seinen Freund erinnern, erklärte Fuentes. Stattdessen vermachte er das Boot der kubanischen Regierung - und wurde selbst zum Geschichtenerzähler.

In den letzten Jahren vor seinem Tod sorgten Verwandte dafür, dass Fuentes 50 Dollar für eine halbe Stunde Gespräch verlangte, damit er seine Medikamente bezahlen konnte. Um eine Antwort war der windschiefe Methusalem mit der wettergegerbten Haut und den schmalen Augen auch mit über 100 nie verlegen. Fragte man ihn etwa, warum er "Der alte Mann und das Meer" nie gelesen habe, antwortete er nur, er wisse ja, was drinstehe. Nur Kritik an seinem Kapitän ließ Fuentes nicht zu. Einmal soll ihn ein argentinischer Fernsehmann gefragt haben, ob Hemingway nicht ein manischer Säufer und Frauenheld gewesen sei. Da erzählte Fuentes keine seiner Geschichten, sondern antwortete dem frechen Journalisten mit einem Fausthieb.

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