60 Jahre Grundgesetz Happy Birthday, Bundesrepublik!

Ihre Lebensgeschichten spiegeln 60 deutsche Jahre: Jürgen Völkert-Marten und Monika Röhm wurden beide am Tag der Gründung der Bundesrepublik geboren. Doch ob RAF-Anschläge, Atomkraftdebatte oder Mauerfall - die Wendepunkte der deutschen Geschichte sahen sie völlig unterschiedlich.

Monika Röhm

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Sechzehn Jahre ahnte Monika Röhm nichts von ihrem berühmten Wegbegleiter. Bis sie auf ihrem Gymnasium in Koblenz in der Oberstufe ein dünnes Büchlein in die Hand gedrückt bekam: Es war das Grundgesetz der Bundesrepublik. Darin stand ein Datum, das ihr sehr bekannt vorkam: der 23. Mai 1949. Ihr Geburtstag. Und gleichzeitig der Geburtstag der Bundesrepublik. Denn an diesem Tag trat das Grundgesetz in Kraft.

"In den ersten Jahren wurde der 23. Mai noch nicht groß gefeiert", lacht Monika Röhm genau 60 Jahre später über ihre Unwissenheit. Politisch nicht souverän, moralisch diskreditiert und innerlich zerrissen hatte das junge Nachkriegsdeutschland dringendere Probleme, als sich selbst zu feiern. Nach der NS-Zeit war jedes Nationalbewusstsein verpönt. Die Westdeutschen definierten sich als eifrige Europäer, waren stolz auf die starke Mark, das Wirtschaftswunder und den guten Fußball, aber am wenigsten auf ihren Staat. "Ich wusste, dass ich an einem besonderen Datum Geburtstag hatte", erinnert sich Jürgen Völkert-Marten, ebenfalls am 23. Mai 1949 geboren. "Aber mir war es überhaupt nicht wichtig."

Wenn an diesem 23. Mai das inzwischen wiedervereinte Deutschland seinen sechzigsten Gründungstag mit weit mehr Selbstbewusstsein feiert, werden Monika Röhm und Jürgen Völkert-Marten abseits der Fernsehkameras ebenfalls auf ihren runden Geburtstag anstoßen. Ihre Lebensgeschichten sind gleichzeitig ein Spiegel der Bundesrepublik, ein kleiner Ausschnitt aus sechs Jahrzehnten deutscher Mentalitätsgeschichte: Hier die Apothekeninhaberin aus dem Rheinland, dort der Lyriker und IT-Leiter aus dem Ruhrgebiet. Die beiden Geburtstagskinder wuchsen zwar in demselben Staat auf, doch prägten sie unterschiedliche Ereignisse, sie hatten verschiedene Träume, Vorbilder, Vorstellungen.

Hitzige Debatten um die NS-Vergangenheit

Als Jürgen Völkert-Marten in Gelsenkirchen aufwuchs, ächzte das Ruhrgebiet zwar noch unter den Kriegsfolgen und der Demontage von Industrieanlagen, doch die ersten Früchte des Wirtschaftswunders wurden bereits sichtbar. Völkert-Marten kommt aus einer klassischen Arbeiterfamilie, der Stiefvater Schlosser, die Mutter Verkäuferin. Doch es mangelte nicht an Arbeit, bald konnte sich die Familie den ersten Farbfernseher leisten, "ich habe nichts vermisst, aber die Ansprüche waren niedrig." Die Eltern debattierten hitzig um die Wiederbewaffnung, ihm blieb "das martialische Auftreten der Polizei" aus der Adenauer-Ära in Erinnerung.

Als Jugendlicher stritt Völkert-Marten heftig mit seiner Mutter um die NS-Vergangenheit, deren Aufarbeitung Adenauer vermied und die er mit dem Wirtschaftswunder kaschierte. Mit Sätzen wie "Früher war man auf der Straße sicherer" und angedeutetem Lob auf Hitlers Autobahnen brachte seine Mutter ihn auf die Palme. "Wie konntet ihr die Verbrechen nicht gesehen haben?", schleuderte er ihr dann wütend entgegen. Der Stiefvater, der 1940 zur Wehrmacht eingezogen wurde und seelisch labil aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, hielt sich aus den Streits stets raus. Er schwieg - wie viele aus der Generation der Kriegsveteranen.

Schon als 13-Jähriger hat Jürgen Völkert-Marten angefangen, Gedichte zu verfassen und sollte sich schnell einen Ruf im Ruhrgebiet erschreiben. Seine Lyrik reflektiert auch Wegmarken deutscher Geschichte. "Ich habe fast durchgehend ironisch auf politische Ereignisse reagiert", sagt er heute. "Vieles machte ich mir erträglich, indem ich es als 'absurdes Theater' à la Ionesco betrachtete". So auch sein Gedicht auf den ersten deutschen Übervater der Nachkriegszeit:

Meistens war Adenauer mehr Konrad

und väterlich.

Manchmal gab er sich auch mainzelmännisch

als Conny, der Schelm, und das, obwohl er auch ab und zu

ein echter Fritz Teufel sein konnte.

Und doch fehlt uns sein verknittertes Gesicht,

das Kokoschka verwischte.

Jetzt ist er da, wo wir auch

Walt Disney vermuten.

Massaker in München

Monika Röhm, das andere Geburtstagskind, erlebte eine andere Adenauerzeit - erst in Schleswig-Holstein, dann im Rheinland, damals Herz der Republik. Sie wuchs in einem konservativen Elterhaus mit klaren Regeln auf: "Die Eltern sprachen, die Kinder gehorchten." Doch sie fand ein Schlupfloch, sich dem Muff der Zeit und der elterlichen Strenge zu entziehen: den Sport. Monika Röhm war eine erfolgreiche Fechterin, sieben Jahre kämpfte sie in der Nationalmannschaft, wurde mehrfach Deutsche Meisterin mit der Mannschaft, nahm bei Weltmeisterschaften und Olympia teil.

Dabei erlebte sie etwas, was nur einem deutschen Sportler passieren konnte: "Die WM 1966 in Moskau habe ich noch schlecht in Erinnerung", erzählt sie. "Die DDR-Sportler redeten kein Wort mit uns, sie durften es nicht. Mit allen anderen Ostblock-Sportlern hatten wir Kontakt - nur nicht mit denen aus der DDR. Das hatte ihnen der Staat so eingeimpft." Die ideologische Teilung Deutschlands fand ihre Fortsetzung im Sport.

Schlimmer hat sie noch die Olympischen Spiele von 1972 in München in Erinnerung. "Diese Spiele hatten so bunt-fröhlich angefangen", berichtet sie. Doch dann nahm das palästinensische Terrorkommando "Schwarzer September" elf israelische Geiseln, Röhm erlebte das Drama live im olympischen Dorf, hörte das Knattern der Hubschrauber, knipste ein Foto von einem Geiselnehmer, der sich kurz auf dem Balkon im Olympiadorf zeigte. Kurz danach waren alle Geiseln erschossen, die Spiele gingen weiter - "doch ihr Geist war tot."

Nach jeder Aufbruchstimmung kam der Schock

Als Ende der sechziger Jahre Studenten gegen die Verstocktheit ihrer Eltern und den Konservatismus der Gesellschaft aufbegehrten, beteiligte sich die Koblenzerin nicht daran. "Ich war Leistungssportlerin, da musste ich sehr diszipliniert sein." Ihr einziger Protest: 1968 brannte sie an ihrem 19. Geburtstag mit der ersten großen Liebe für ein paar Tage nach Italien durch. "Da habe ich das erste Mal gegen meine Eltern aufgemuckt."

Ein paar Hundert Kilometer entfernt erlebte Jürgen Völkert-Marten in Gelsenkirchen eine unruhigere Jugend. Er hörte die Kinks und die Stones, ließ sich die Haare wuchern, sehr zum Leidwesen seines damaligen Arbeitgebers, der AOK: "Am Schalter wollten die mich damals nicht sehen." Es war eine Zeit, in der nichts kompliziert schien, wie er einmal schrieb. Mit 18 zog er von zu Hause aus, mit 19 heiratete er, mit 20 wurde er Vater - und blieb rebellisch. Er beteiligte sich an Sitzblockaden ("doof rumsitzen konnten wir damals gut!") gegen Fahrpreiserhöhungen und organisierte Künstlerevents, auf denen Geld für Amnesty International gesammelt wurde. Später warb er für Willy Brandt, beteiligte sich an einer "Stoppt-Strauß!"-Kampagne und sympathisierte mit den Grünen - bis auch die ihm nicht mehr spontan genug waren.

Trotz der Leichtigkeit der Zeit empfand er die Sechziger und Siebziger auch als tragische Periode, angefangen vom Mord an Kennedy bis zu den Schüssen auf Benno Ohnesorg und Rudi Dutschke. "Immer, wenn es eine Aufbruchstimmung gab und man dachte, dass sich etwas zu mehr Offenheit ändern würde, kam der große Schock." Die Reaktion des Staates auf die Studentenproteste und später auf den aufkeimenden Terrorismus findet er nach wie vor völlig unangemessen. "Ich fühlte mich schon damals von dem Versuch, alles abzuwürgen und einzelne Freiheiten zu beschränken, mehr bedroht als von der RAF selbst."

Umstrittene Einheit

Träfen sich die beiden Geburtstagskinder, würde Monika Röhm ihm wohl heftig widersprechen. "Das war genau richtig, dass der Staat hart durchgegriffen hat", sagt sie heute und kann auch die Internierung der Terroristen in der Justizanstalt Stammheim nachvollziehen. Als der Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer 1977 in Köln entführt wurde, lebte sie inzwischen als Apothekerin in der Stadt. "Das war schrecklich, diese Methoden rechtfertigen gar nichts, überhaupt nichts."

Auch einen anderen zentralen Punkt deutscher Geschichte beurteilen sie unterschiedlich: Während der Lyriker aus dem Ruhrpott gegen die Kernkraft auf die Straße ging, sah die Naturwissenschaftlerin aus Köln in dieser Energieform immer eine Chance. Selten einig sind sich Röhm und Völkert-Marten dagegen in der Beurteilung von Kanzler Willy Brandt, der mit seiner Ostpolitik eine radikale außenpolitische Kehrtwende vollzog und das starre Dogma vom "Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik" aufbrach. "Den Kniefall von Warschau fand ich einfach toll, berührend", schwärmt Röhm noch heute. "Brandt hat den Eindruck vermittelt, dass Gerechtigkeit eine Chance hat. Er wirkte sehr menschlich", sagt Völkert-Marten.

Umso erstaunlicher, dass die Meinungen gerade bei der letzten großen Zäsur in der deutschen Geschichte auseinanderdriften - dem Mauerfall. "Für mich war das ein unglaublich emotionsgeladener Moment", erinnert sich Röhm an die Bilder von Trabbis in Westberlin und dem Volksfest auf der Mauer. "Ich kannte Bundesrepublik und DDR nur getrennt. Ich habe nie geglaubt, dass die Mauer fallen würde, solange ich lebe." Jürgen Völkert-Marten blieb dagegen skeptisch. "Die ersten Demonstranten wollten die DDR verändern", sagt er. "Als ich aber die Flüchtlinge in den Botschaften sah, habe ich gedacht: Das sind keine Dissidenten, das sind Leute, die auch Golf fahren und aus dem Otto-Katalog bestellen möchten." Er glaubte damals, dass manch einer aus dem ehemaligen Spitzelstaat "seine Gesinnung nicht abgegeben hat, als er über die Mauer sprang."

Auch das gehört zu sechzig Jahren Bundesrepublik: Als Monika Röhm am 9. November 1989 vor Freude gerührt fast in Tränen ausbrach, kam in Gelsenkirchen "keine Partystimmung auf."



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Seite 1
Jochen Kapelle, 24.05.2009
1.
Der Artikel ist ja einigermaßen interessant. Bedauerlich finde ich jedoch, dass der Bundesrepublik Deutschland zum 60-jährigen Bestehen in Englisch und nicht in Deutsch gratuliert wird. Warum nur wird der Formulierung "Happy Birthday" der Vorzug gegenüber "Herzlichen Glückwunsch" gegeben? Warum können wir uns nicht zu unserem Jubiläum zur deutschen Sprache bekennen? Schade!
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