60 Jahre SPIEGEL-Affäre Ein Abgrund von Machtmissbrauch

1962 besetzte die Polizei den SPIEGEL. Die Staatsmacht nahm Journalisten fest, denen auch Bundeskanzler Adenauer »Landesverrat« vorwarf. Lesen Sie hier alle Hintergründe zur bis dahin wohl größten Staatsaffäre der Bundesrepublik.
Rudolf Augstein 1963 vor dem Bundesgerichtshof: 103 Tage in U-Haft

Rudolf Augstein 1963 vor dem Bundesgerichtshof: 103 Tage in U-Haft

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A0009 dpa / dpa

Sie klebten sich symbolisch die Münder mit Heftpflaster zu, andere skandierten: »SPIEGEL tot – Freiheit tot!« Ende Oktober 1962 gingen in der noch jungen Bundesrepublik plötzlich Tausende ganz unterschiedliche Demonstranten auf die Straße: Akademiker und Arbeiter, Linke und Konservative, Junge und Alte sorgten sich gemeinsam um die Pressefreiheit und forderten die Freilassung von SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein.

Die SPIEGEL-Affäre vor 60 Jahren war mehr als eine Medienaffäre. Sie wuchs zur Staatsaffäre heran und erschütterte die Regierung Adenauer, CSU-Verteidigungsminister Franz Josef Strauß musste als einer der mächtigsten Männer im Kabinett zurücktreten. Der Staat hatte Gesetze überdehnt, verfassungswidrig gehandelt und war überhart gegen Journalisten vorgegangen.

Das ganze Ausmaß war noch nicht abzusehen, als die Affäre am Abend des 26. Oktobers 1962 auf die Zentrale des Hamburger Nachrichtenmagazins zurollte. Hamburger Polizisten und Beamte des Bundeskriminalamts marschierten ins Gebäude, der leitende Kriminaloberkommissar blaffte einen SPIEGEL-Juristen an: »Wenn Sie nicht freiwillig rausgehen, zwingen wir Sie dazu!« Es war der Beginn einer wochenlangen Durchsuchung und Besetzung des SPIEGEL, der nur dank der Solidarität der Konkurrenz weiter erscheinen konnte: »Stern« und »Zeit« halfen mit Büroräumen aus.

»Wie SS-Banditen«

Wenige Tage zuvor hatte der Militärische Abschirmdienst seine geheime Spähoperation »Sabotage« gestartet. Gefahndet wurde besonders intensiv nach »Libelle«, wie Rudolf Augstein als Zielperson genannt wurde. Nach einer peinlichen Verwechslung stellte sich der SPIEGEL-Herausgeber freiwillig. Für ihn begann eine zermürbende, monatelange U-Haft. Augstein erhielt Berge an Solidaritätspost: Manche verglichen die Staatsmacht mit »SS-Banditen«, andere fragten irritiert, wie die Lage derart eskalieren konnte.

Auslöser des Skandals war die SPIEGEL-Titelgeschichte »Bedingt abwehrbereit«, ausgeliefert am 8. Oktober 1962. Die 17-seitige Analyse über den Zustand der Bundeswehr mündete in dem Fazit, das sich auf die Einschätzung des Nato-Oberkommandos stützte: Der Bundeswehr mangele es an Waffen, Personal und der richtigen Strategie; die westdeutschen Linien würden bei einem Angriff des kommunistischen Ostens rasch zusammenbrechen.

Verteidigungsminister Strauß, Kanzler Adenauer (am 9. November 1962 bei einer SPIEGEL-Debatte im Bundestag): Bedingt kritikfähig

Verteidigungsminister Strauß, Kanzler Adenauer (am 9. November 1962 bei einer SPIEGEL-Debatte im Bundestag): Bedingt kritikfähig

Foto: A0213 Kurt Rohwedder/ dpa

Verteidigungsminister Strauß, der in Augstein seit Jahren seinen Intimfeind sah, fühlte sich blamiert. Die Bundesanwaltschaft ermittelte wegen des Verdachts auf Landesverrat. Ein Gutachter, der pikanterweise aus Strauß’ Verteidigungsministerium kam, identifizierte 41 Passagen, die vermeintlich Staatsgeheimnisse verraten würden – dabei war juristisch nur vage definiert, was als Staatsgeheimnis galt. Noch vor Abschluss der Untersuchungen fällte auch CDU-Bundeskanzler Adenauer sein Urteil: Im Bundestag geißelte er den vermeintlichen »Abgrund von Landesverrat«.

Es war eher ein Abgrund von Machtmissbrauch. Und in diesen Abgrund stürzte Adenauer fast selbst, als die Vorwürfe sich als haltlos erwiesen. Die FDP, deren Bundesjustizminister in der Affäre von Strauß übergangen worden war, erzwang den Rücktritt des CSU-Mannes. Strauß musste zugeben, persönlich auf die nächtliche Verhaftung von Conrad Ahlers, Hauptautor des umstrittenen SPIEGEL-Textes, gedrängt zu haben. Adenauer ließ Strauß fallen. Der bereits 86-jährige Bundeskanzler hatte grundsätzlich zugesagt, im Laufe der Legislaturperiode zurückzutreten – nun musste er einen verbindlichen Termin dafür nennen.

Der ungleiche Machtkampf kannte am Ende nur einen Gewinner: den SPIEGEL. Im Februar 1963 kehrte Augstein nach 103 Tagen aus der Untersuchungshaft zurück: abgemagert um 15 Pfund, aber triumphierend.

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