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12. Mai 2010, 13:50 Uhr

Der erste McDonald's

Da haben wir das Braten!

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Am Anfang war die Imbissbude: 1940 eröffneten die Brüder McDonald eine unscheinbare Burgerbar in San Bernadino und erfanden dort die Fließbandfrikadelle. Doch erst ein Vertreter für Milchmixgeräte machte aus dem Drive-In einen Megakonzern - auf Kosten der Erfinder.

Die kulinarische Weltrevolution startete höchst unspektakulär. 1940 eröffneten die Brüder Dick und Mac McDonald eine kleine Burgerbar in San Bernardino, einem Kaff am Rande der Wüste, unweit von Los Angeles. "McDonald Brothers Burger Bar Drive-in" hieß der achteckige Laden an der Ecke 14. und E-Street. Dass er einmal als Keimzelle der weltgrößten Fast-Food-Kette in die Geschichte eingehen sollte - das ahnten sie nicht.

Wie hätten sie auch. Die Brüder McDonald waren weder die ersten Burgerbräter noch diejenigen mit dem größten oder sonst wie herausragendsten Restaurant. Außerdem waren sie nicht gerade ehrgeizig, dazu lausige Geschäftsmänner. Nach Kalifornien waren die Söhne eines arbeitslosen Schuhfabrikarbeiters im Jahr 1930 gezogen, um in Hollywood als Filmstars zu Ruhm und Dollars zu gelangen. Stattdessen rackerten sie sich als Kulissenschieber bei Slapstick-Komödien ab. 1937 eröffneten sie in Pasadena einen winzigen Hot-Dog-Drive-in: keine besonders originelle Idee. Gab es zu diesem Zeitpunkt doch bereits Dutzende von Drive-ins in Kalifornien, einem wahren Kfz-Mekka, allein in Los Angeles fuhren 1940 mehr Autos umher, als in allen 48 Bundesstaaten zusammen.

Bergauf ging es mit den McDonald-Brüdern erst, als Dick und Mac auf Burger umstiegen, jene Bulettenbrötchen, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts noch als ekliges Arme-Leute-Essen geschmäht wurden und auf der Beliebtheitsskala weit hinter Kuhzungen und Spinat rangierten. Der McDonald's in San Bernardino, auf dessen Parkplatz 20 adrette Kellnerinnen zwischen Autos und Küche hin- und herwuselten, avancierte allen Vorzeichen zum Trotz zum beliebtesten Teenie-Treffpunkt der Stadt und bescherte seinen Inhabern den lang ersehnten Wohlstand.

Pappbecher statt Gläser, menschliche Roboter statt Köche

Die Gebrüder McDonald bezogen eine Villa mit 25 Zimmern, rauschten im Cadillac zu ihren geliebten Boxkämpfen und waren glücklich - mehr wollten sie nicht. "Die Sache fing an, uns zu langweilen. Das Geld kam auch ohne unser Zutun herein", erinnerte sich Dick McDonald später. Erst als der Konkurrenzdruck der anderen Burgerläden übermächtig zu werden drohte, erwachten sie aus ihrer satten Lethargie.

Sie stellten fest: Amerika hatte sich extrem verändert, vor allem war es schneller geworden. Anstatt der alten Tante-Emma-Läden regierte in Supermärkten und Warenhäusern das Prinzip der Selbstbedienung, eilig hasteten die Menschen von Ort zu Ort. Nachdem Henry Ford bereits 1913 auf Fließbandproduktion umgestellt hatte, übertrugen die Brüder McDonald diesen Arbeitsprozess auf die Gastronomie. Im Herbst 1948 schlossen sie ihre Burgerbar, feuerten die Kellnerinnen und rüsteten die Küche auf den neuen "Blitzservice" um.

Schneller, billiger, mehr: Nach dieser Devise entstand innerhalb von drei Monaten der erste echte Fast-Food-Betrieb der USA. Gläser, Besteck und Teller wichen Pappbechern und Papiertüten, zu essen gab es ab sofort nur noch Pommes, Hamburger und Cheeseburger. In der Küche hantierten keine Köche mehr, sondern ungelernte Billigarbeiter, die wie Roboter ständig die immergleichen Handgriffe ausführten.

“Wir kopierten einfach das, was wir gesehen hatten“

"Speedie Service System" tauften die Brüder McDonald ihre revolutionäre Erfindung und forderten die Menschen auf: "Buy'em by the bag" ("Kauft sie tütenweise"). Was zunächst jedoch niemand verstand. Hupend und schimpfend blieben die Menschen anfangs in ihren Autos sitzen, weil niemand kam, um sie zu bedienen. Wer jedoch einmal ausgestiegen war, kam immer wieder, um sich in Windeseile die phänomenal günstigen Burger abzuholen.

Statt randalierender Teenies fuhren nun immer mehr Familien vor, um bei McDonald's zu essen. Binnen kürzester Zeit vervielfachte sich der Umsatz, und die Brüder beschlossen, zur Burger-Kette zu expandieren. Dabei stellten sie sich jedoch so dusslig an, dass sie innerhalb von zwei Jahren gerade einmal 15 Lizenzen vergaben. Beide Brüder waren kinderlos und daher ohne Erben, litten unter Flugangst und hatten einfach keine Lust, sich über Gebühr abzurackern.

Noch dazu waren sie so naiv, jedem neugierigen Besucher bereitwillig die Imbisshalle zu zeigen. "Wir ließen uns von den Jungens durch den Betrieb führen; dann kopierten wir einfach das, was wir gesehen hatten", gestand Gastro-Mogul James A. Collins, später einer der größten Franchise-Nehmer der Fast-Food-Kette Kentucky Fried Chicken. Immer mehr McDonald's-Plagiate eröffneten quer durch die USA, Dick und Mac gerieten durch die wachsende Konkurrenz zunehmend unter Druck - da trat Raymond Albert Kroc auf den Plan.

45,36 Gramm Hack pro Burger

Der Vertreter für fünfarmige Multimixer wollte wissen, was das für seltsame Kunden waren, die ständig neue Milchshake-Geräte bei ihm orderten und brauste nach San Bernardino. Als er 1954 an einem heißen Julitag auf den McDonald's-Parkplatz fuhr und die meterlangen Schlangen vor den Service-Fenstern des Lokals erspähte, war ihm klar: Hier muss er mitmischen. Kroc schwatzte Dick und Mac die Franchise-Rechte sowie den Namen McDonald's ab und eröffnete 1955 seinen ersten McDonald’s in Des Plaines, Illinois, einem Vorort von Chicago.

Nach einem Jahr hatte er bereits zwölf Filialen eröffnet, bis 1960 sollten es 200 werden. Der Schlüssel zum Erfolg: Kroc stellte den Franchise-Nehmern Immobilie und Baugrund zur Verfügung und kassierte dafür monatlich Miete und Umsatzprovision. Anstatt seine Partner einmalig zu belangen, band er sie dauerhaft ans Unternehmen. Und legte den Grundstein dafür, dass McDonald’s zu einem der größten Immobilienbesitzer der Welt avancierte.

Zudem verpflichtete er alle Partner auf exakt die gleichen Standards, die in der "Bibel" nachzulesen waren, jenem von Fred Turner, von 1973 bis 1987 Geschäftsführer bei McDonald's, verfassten Betriebshandbuch: Jeder Burger besteht aus 45,36 Gramm Hackfleisch, das Brötchen muss 17 Sekunden rösten, die Pommes sind 0,71 Zentimeter dick. Krocs größtes und gleichzeitig perfidestes Erfolgsgeheimnis aber war, dass er von Anfang an messerscharf auf die Zielgruppe der Zukunft setzte: die Kinder. Per Cessna flog der einstige Barpianist durchs Land, um nach Schulen zu suchen, vor denen er ein McDonald's-Restaurant bauen konnte.

Müllberge, Monokulturen, Massentierhaltung

"Ein Kind, dem unsere Fernsehreklame gefällt und das seine Großeltern zu McDonald's schleppt, bringt uns zwei neue Kunden", erklärte Kroc sein Credo. Um den Nachwuchs zu ködern, ließ Kroc vor den Burger-Filialen Spielplätze bauen und grelle Plastiktierchen verteilen, mit dem rotgelockten Werbeclown Ronald McDonald schuf er eine Figur, die weltweit den größten Bekanntheitsgrad nach dem Weihnachtsmann erreichen sollte.

Bald aßen sich die Kinder rund um den Globus bei McDonald’s glücklich und fett. Denn Kroc wagte, was außer den Ölmultis kein US-Einzelhandelskonzern vor ihm gewagt hatte: Ab 1970 eroberte die McDonald's Corporation die Auslandsmärkte. Auf die Karibik und Kanada folgten 1971 Japan, die Niederlande, Deutschland. Ab 1988 hüpfte der Burger gar über den Eisernen Vorhang. Belgrad, Budapest, Moskau, Plauen - Kulinarisch walzte der Kapitalismus den Osten im Sturm platt.

Doch es gibt auch die andere, die dunkle Seite der Erfolgsgeschichte. Krocs Erfolg wuchs auf gigantischen Müllbergen, Monokulturen und Massentierhaltung. Außerdem schuf er für seine standardisierten Produktionsabläufe ganz gezielt ein Lohnprekariat sondergleichen. Bis heute ist der Konzern dafür bekannt, dass er gewerkschaftliche Organisation, sich anbahnende Gründung eines Betriebsrates, bekämpft.

Rotze auf dem Grill

All das führte bald zu massiven Protesten: In den USA riefen Hackfleischhasser zu "Kotz-ins" vor den McDonald's-Filialen auf, andernorts detonierten Sprengsätze in den Burgerbars. McDonald's geriet zum Synonym für hemdsärmeligen US-Kapitalismus. "Brauchen wir ein Plastikmenü in einem Plastikmilieu?", fragte ein schwedischer Journalist in den siebziger Jahren, als dortige McDonald's-Filialen mit Rauchbomben attackiert wurden.

Den Siegeszug der Frikadellen im Pappbrötchen konnte das nicht aufhalten. Selbst Beispiele wie Günther Wallraffs Enthüllungen über "Rotze auf dem Grill" in seinem Bestseller "Ganz unten" minderten den Umsatz kaum. Heute stopfen sich jeden Tag rund 60 Millionen Menschen in knapp 120 Ländern mit Burgern voll, 2009 fuhr McDonald's 4,5 Milliarden Dollar Gewinn ein. Die Brüder Dick und Mac indes haben von all dem Geld nur einen Bruchteil gesehen.

1961 kaufte Ray Kroc sie mit 2,7 Millionen Dollar aus dem Unternehmen. Einzig die Geburtsstätte der Fast-Food-Branche in San Bernardino durften sie damals behalten, mussten ihren Laden jedoch in "Big M" umbenennen. Sobald er die Brüder ausgezahlt hatte, eröffnete Kroc einen Block weiter einen brandneuen McDonald's, der Ur-Mc ging pleite. Die Burger-Revolution hatte ihre Väter gefressen - um fortan die Kinder in aller Welt zu mästen.

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