70 Jahre SPIEGEL "Man kann sich ein Butterbrot ins Handschuhfach legen"

Hans Detlev Becker war Rudolf Augsteins rechte Hand und ein strenger SPIEGEL-Chefredakteur. Hier erklärt er, was es mit der roten Mütze auf sich hat und warum die SPIEGEL-Affäre 1962 einen Durchbruch bedeutete.

Monika Zucht

Ein Interview von Britta Sandberg


Zur Person
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    Hans Detlev Becker (1921-2014) war eine prägende Figur für den SPIEGEL. Er stieß 1947 zur Redaktion und übernahm das "Deutschland"-Ressort. 1950 wurde er Leitender Redakteur, 1959 Chefredakteur und 1961 Direktor des SPIEGEL-Verlags. Becker war ein enger Freund von Rudolf Augstein und fungierte als dessen rechte Hand. Das Interview führte SPIEGEL-Redakteurin Britta Sandberg im Jahr 2006. SPIEGEL ONLINE gibt hier anlässlich des 70. SPIEGEL-Geburtstags eine gekürzte Version wieder.

SPIEGEL: Was war für Sie das Neue am SPIEGEL?

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Heft 1/2017
Wut kann man sich erarbeiten

Becker: Wir hatten ja keine Ahnung, wie eine freie Presse aussah. Als das Dritte Reich begann, wurde die Presse gleichgeschaltet. Da war ich zwölf Jahre alt. Danach erschienen Besatzungszeitungen, zwei oder drei Mal in der Woche mit vier Seiten. Nun entstand eine Wochenzeitung, die ganz anders war, also nicht aus Agenturmeldungen bestand, sondern echtes covering betrieb. In unseren Artikel stand, was los war in der Welt.

SPIEGEL: Was unterschied denn den SPIEGEL-Stil von anderen Publikationen?

Becker: Die neue Art der Darstellung. In den Zeitungen damals gab es kaum Reportagen, dort wurden Fakten aneinandergereiht. Wir arbeiteten nach einer Dramaturgie, was man bis dahin nicht kannte. Die Story entfaltete sich langsam.

SPIEGEL: Ein berühmtes Beispiel: Wenn man mit einer Person beginnt, dann beschreibt man ihre Kleidung und welche Mütze sie trägt.

Becker: Das ist die berühmte rote Mütze. Ich glaube, die habe ich erfunden. Ich habe gesagt, wir müssen einer Hauptperson die rote Mütze aufsetzen, die dann durch die Geschichte führt und immer wieder auftaucht.

SPIEGEL: Ab 1949 erschienen einige Artikel, die den SPIEGEL langsam bekannt machten. In einem ging es um die Auswahl der neuen deutschen Hauptstadt: Bonn oder Frankfurt.

Becker: Dieser Beitrag hat den ersten Untersuchungsausschuss in der ersten Wahlperiode des Deutschen Bundestags nach sich gezogen, den sogenannten SPIEGEL-Ausschuss. Es ging um Unregelmäßigkeiten bei der Wahl der Hauptstadt. Aber sehr bekannt war der SPIEGEL da noch nicht.

SPIEGEL: Was veränderte sich mit dem Umzug von Hannover nach Hamburg?

Becker: Alles. Wir bekamen einen Verleger, einen professionellen Vertrieb, eine professionelle Anzeigenabteilung, Akquisition, Herstellungsabteilung, Papierwirtschaft, ein professionelles Rechnungswesen, ein Justiziariat, eine Personalabteilung. Es entstand ein richtiger Verlag.

SPIEGEL: Es heißt, Sie hätten in der Redaktion Zucht wie in einer Kadettenschule eingeführt.

Becker: Nun ja. Es bestand einfach Ordnung, es war nicht wie in einer Gelehrtenrepublik, in der jeder machen konnte, was er wollte. Es gab Regeln des Arbeitsablaufs, des persönlichen Auftretens, der Kollegialität, des Verhaltens gegenüber der Außenwelt, des persönlichen Verhaltens in der Öffentlichkeit. Bescheidenheit, Pünktlichkeit. All diese Sachen.

SPIEGEL: Und wie war das mit dem Butterbrot im Handschuhfach?

Becker: Ich habe gesagt, man braucht nicht für jede Halbtagsaußentätigkeit einen Spesenbeleg einzureichen, man kann sich auch ein Butterbrot ins Handschuhfach legen. Man kann bescheidene Unterkünfte in Hotels wählen und möglichst in Einzelzimmern auch allein übernachten.

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SPIEGEL: 1962 kam die SPIEGEL-Affäre. Wie haben Sie die Nacht der Durchsuchung am 26. Oktober in Erinnerung?

Becker: Die habe ich sehr gut in Erinnerung, denn es fand etwas statt, was es sonst gar nicht gab: Ich verbrachte den Abend in Rudolf Augsteins Wohnung am Leinpfad, damit ich seine zukünftige Frau Maria Carlsson-Sperr kennenlernte. Und da hinein platzte die Nachricht von Leo Brawand, der anrief und sagte, die Polizei sei im Haus. Wir überlegten, was zu tun sei. Aber uns war klar: Wenn nach Rudolf Augstein gefahndet wird, stellt er sich natürlich. Am Morgen des Folgetages habe ich ihn in meinem Dienstwagen zum Polizeipräsidium gebracht.

SPIEGEL: Können Sie sich an diese diese gemeinsame Fahrt erinnern? Was hat er gesagt?

Becker: Er war nicht besonders aufgeregt. Er hat das nicht so sehr ernst genommen. Wir haben ja nicht gedacht, nun kriegt er 15 Jahre Zuchthaus. Wir wussten ja, dass es Quatsch ist.

SPIEGEL: Wie ging es dann weiter? Konnten Sie oder die Redaktion rechtzeitig Papiere sichern?

Becker: Die Redaktion war weitgehend abgeschnitten von ihren Unterlagen. Auch vom Archiv und Arbeitsmitteln aller Art. Der Verleger Richard Gruner, der damals eigentlich Prozessgegner war, stellte mir ein Zimmer zur Verfügung, da habe ich eine Woche lang ein bisschen herumgewirtschaftet, bis ich selbst verhaftet wurde. Wir haben improvisiert, aber wir waren zu jeder Zeit sicher, dass wir eine SPIEGEL-Ausgabe hinbekommen würden. Das ist ja auch geschehen.

SPIEGEL: Was hat die SPIEGEL-Affäre verändert für das Blatt?

Becker: Danach wusste jeder in ganz Deutschland, dass es den SPIEGEL gibt. Die SPIEGEL-Affäre ist kommerziell ein Durchbruch gewesen: Die Entwicklung der Auflage, die Bekanntheit, Glaubwürdigkeit, Authentizität. Es ist genau das Gegenteil dessen eingetreten, was diejenigen planten, die das angezettelt hatten.

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