70 Jahre SPIEGEL "Wir waren arm und hungrig, aber fleißig"

Katja Kloos war die erste Sekretärin des SPIEGEL-Herausgebers Rudolf Augstein. Hier erzählt sie, wie ein britischer Offizier hungrige Redakteure mit Sandwiches versorgte und warum sie einmal kündigte, aber blieb.

DER SPIEGEL

Ein Interview von Britta Sandberg


Katja Kloos kam im Oktober 1946 über die britische Militärregierung zum SPIEGEL und war bis 1952 Rudolf Augsteins Sekretärin. Das Interview führte SPIEGEL-Redakteurin Britta Sandberg im Jahr 2006. SPIEGEL ONLINE gibt hier anlässlich des 70. SPIEGEL-Geburtstags eine gekürzte Version wieder.

SPIEGEL: Frau Kloos, zunächst arbeiteten Sie 1946 für die britische Militärregierung. Welchen Eindruck hatten Sie von den Offizieren, die die Idee zu einem wöchentlichen deutschen Magazin hatten?

Kloos: Herrn Chaloner kannte ich nicht so gut, der saß ja in Osnabrück und kam nur ab und zu nach Hannover, wo der SPIEGEL-Vorläufer "Diese Woche" produziert wurde. Aber mit Mr. Ormond und Mr. Bohrer stand ich in engem Kontakt. Vor allem Mr. Bohrer hat sich sehr eingesetzt. Der war wie ein Vater, wenn die Redakteure müde waren beim Umbruch. Das war immer am Ende der Woche. Vor allem waren alle immer hungrig. Oft fragten die Redakteure mich, ob ich bei den Briten nicht etwas zu essen besorgen könne.

Chefsekretärin Katja Kloos, Herausgeber Rudolf Augstein
Reinhold Lessmann

Chefsekretärin Katja Kloos, Herausgeber Rudolf Augstein

Ich ging dann die zwei Etagen hinunter und sagte: "Mr. Bohrer, die Redakteure können gar nicht mehr denken vor Hunger. Können Sie nicht etwas zu essen besorgen?" Er fuhr dann meistens ins Kasino, wo er ohnehin Besprechungen hatte, und kam mit einer Kiste Sandwiches zurück. Da war zwar mehr Luft drin, als dass es sättigte, aber dazwischen steckten Köstlichkeiten wie Schinken und Mortadella. Außerdem gab es Tee mit Sahne und Kandis. Die Folge davon war, dass wir nächtelang nicht schlafen konnten, wir waren daran ja nicht gewöhnt.

SPIEGEL: Wie war der Umgang innerhalb der Redaktion? Sehr förmlich?

Kloos: Nein, überhaupt nicht. Wir haben uns alle geduzt. Niemand fragte, wann Schluss ist, alle arbeiteten auch länger. Wenn der Umbruch war, kamen wir oft erst um vier oder fünf Uhr morgens nach Hause. Wir waren alle abgerissen, wir waren arm und hungrig, aber fleißig. Rudolf Augstein war noch ein ganz dünnes Bürschchen damals. Er kam jeden Morgen mit dem Fahrrad und trug knielange Hosen mit Hosenträgern. Auch in der Redaktion.

SPIEGEL: War Augsteins Stellung trotzdem von Anfang an unangefochten?

Kloos: Ja. Er war sehr dominant. Er hatte das Sagen von Anfang an. Er korrigierte auch oft die Texte. Wenn Umbruch war und die Korrekturfahnen kamen, wollte er alles sehen. Erst gingen die Fahnen zu den jeweils zuständigen Redakteuren, dann in die Chefredaktion. Wenn er da etwas geändert haben wollte, musste ich zu den Redakteuren gehen und überbringen, dass sie ihren Text mit ihm noch einmal durchsprechen mussten.

SPIEGEL: Wie war denn die Zusammenarbeit zwischen Ihnen beiden? Sie haben ja sehr eng zusammengesessen. War er ein strenger Chef?

Kloos: Nein, überhaupt nicht. Er sagte immer, wenn etwas nicht in Ordnung war, das schon. Aber die Atmosphäre war freundlich.

SPIEGEL: Aber Sie haben ja auch irgendwann einmal eine Auseinandersetzung mit Augstein gehabt, weil er Ihnen kündigen wollte.

Kloos: Nicht er mir.

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SPIEGEL: Sie wollten kündigen?

Kloos: Ich hatte schon gekündigt. Das kam so: Ich hatte meinen Mann kennengelernt, und Augstein war in seiner Sturm- und Drangzeit. Da ging er oft nachmittags weg und kam dann gegen sechs Uhr wieder. In der Zwischenzeit saß ich da und hatte nichts zu tun. Und dann kam er wieder und wollte anfangen zu arbeiten. Das wiederholte sich oft. Irgendwann sagte ich ihm: "Eigentlich habe ich für heute ein Rendezvous, ich habe mich verabredet mit meinem Freund." "Ach, steht der schon wieder unten?" An einem Rondell vor dem Haus wartete mein späterer Mann immer auf mich. Aber Augstein wollte mich trotzdem nicht gehen lassen. Da wurde ich natürlich böse und legte ihm meine schriftliche Kündigung auf den Tisch. Am nächsten Morgen stand er bei mir zu Hause vor der Tür und meinte: "Ich möchte dich bitten wiederzukommen." Und so haben wir uns vertragen.

SPIEGEL: Können Sie sich noch daran erinnern, wie das war, als dann Hans Detlev Becker zu Augsteins rechter Hand wurde?

Kloos: Sein Auftreten war zunächst ganz bescheiden, aber es war schon so, dass er preußische Tugenden eingezogen hat. Augstein hat sich nicht so darum gekümmert, ob die Redakteure pünktlich waren und zuverlässig arbeiteten. Dafür war dann Becker zuständig. Er war sehr streng und nahm sich den einen oder anderen zur Brust.

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SPIEGEL: Wie ging es dann weiter mit dem SPIEGEL?

Kloos: Rudolf Augstein und Hans Detlev Becker fanden, dass Hannover nicht das richtige Pflaster sei für die weitere Entwicklung des Blattes. Ich weiß nicht mehr, wer die Verhandlungen zuerst aufgenommen hat, der Verleger John Jahr oder Augstein. Ich habe die Gespräche noch teilweise mitstenografiert. Bald war klar, dass der SPIEGEL nach Hamburg umziehen würde. Inzwischen war mein Sohn geboren, und ich machte den Umzug nicht mehr mit.

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B M, 28.01.2017
1. Alles Augstein
Nun wissen wir allmaehlich fast rundherum um Augstein's Rolle bei der Spiegel-Gruendung. Auch die Rolle seiner Sekretaerin wurde beleuchtet. Wie waer's nun mal mit etwas mehr Hintergrund ueber die weiteren Geburtshelfer wie Mr. Bohrer und Mr. Ormond? Letzterer z.B. war Jurist und hat in Deutschland eine ansehnliche Karriere in Hessen gemacht. In den ganzen Berichten ueber die Anfaenge des Spiegel klafft ein immer groesser und deutlicher werdendes Loch, dass durch die Ausklammerung der Vitae von Ormond und Bohrer nur allzu erkennbar wird. Warum ist das so?
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